Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1906 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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SB U tt, 5: 3*ttl. Sie Programmrede des neuen PrMdenten: Für Frieden und BSllerbund. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 4. Juni. In der heutigen Kammersitzung wurde 'Mbgeordneter P a inleve mit 296 Stimmen zum P rä-!stdente n gewählt. Ans Maginot entfielen 209 Stint»! mfen. Die .Komrmnvisten gaben. ihre Stimmen für Marth ab. Sodann wurden die Sozialistisch-Radikalen Justin Gokart und D u m e S n i l mit 308, bezihungsweise 298 Stimmen, das Mitglied der radikalen Lilien Raynaldh mit 301 und der Sozialist Sozialist Varenne mit 299 Stimmen zn Vizepräsidenten gewählt. Unter ungeheurer Spannung und von stürmischem Beifall der Mitglieder des Kartells der Linken begrüßt, von leidenschaftlichen Ausbrüchen der äußersten Rechten und der Kommunisten wiederholt unterbrochen, begann der neugewählte Präsident dev Kammer, Painl eve, um halb 7 Uhr abends seine Rede. Gleich seine ersten Sätze begegnen dem Widerspruch auf der Rechten. Sie spielen aus die Prasidentschastskrise Ln. Painleve erklärt: „ß>er im allgemeinen Stimmrecht' ausgedvückte Wille ist unser aller Wille, dem sich j^ber unterschiedslos fügen muß." Die gesamte Hnke unteristveicht diese Feststellung mit lautem Beifall. Painleve fährt dann fort: „Der Wille, der sich habe, - lassesich rttdenwenigenWörten^ämchen^ " Dieses Programm fsi keineswegs steril, sondern voll: ungeheurer Hoffnungen, voll HoffnHn.ge.n . aus.de n Frieden. Frankreich dürfe n i ch t. m e h r für ein militärisch e S Land gelten. Mitten im Krieg sei das Wort gefallen, «was Frankreich verlange sei sein unabänderliches, unabhängig, vom Ausgang des Krieges bestehendes Recht. Der Sieg könne Frankreichs.'Recht nur bestätigen, Andauernd günstiges Befinden Sr. Seivch. Ueber: das Befinden des Bundeskanzlers Jbt> Seipel wird um 8 Uhr Nbends.folgendes Bulletin aüsgegeben: Temperatur 37,3, Puls 98, Respiration 26, Wundverhältnisse andauernd günshig, Lnngenbefnnd und Allgemeinbefinden befriedigend, Nahrungsbediirfnis g,esteigert. Gez.r R. Bauer, Eiselsberg, Schnitzler, Singer, Steiger, M. Sternberg. kchöburlg der österMWen Zankrate. Der Geuferalrat der Nationalbank hat gestern eine Erhöhung des D i s k o n t s a tz e s von 9 auf 12 Prozent beschlossen. Diese Maßnahme wird mit der a l l z n st a r k e n I nan s p ru chn ah m e der Bank in der letzten Zeit begründet. Mac Donald will mit Llodd George debattieren. Ueber den Friedensvertrag von Lausanne. c (Giigen'dienst der „Wiener Morgenzeitung".) ' London, 4. Inni. Mae Donald ibeabsichtigt, heute abends nach Löss iemo uth abzureisen und dort die Pfingistwoche zu verbringen. Da aber Lloyd G e o r g e am Freitag eine Debatte über den Friedensvertrag von Lausanne herausfordern will, änderte Mae D o n a l d senre Pläne Eu-nd will Lloyd G,e o.rg e p e rs ö n l i ch an t w o r t e n. Dadurch wird sich. Mac D.onalds. Pfingsturlanbauf das gewöhnliche Wee^nd!verkürzen.^ Seine Abreise von London ist erst Freitag abends zu - erwarten. . aber nicht vergrößern. Dieses Wort müsse auch heute gelten. Frankreich sei für einen gerechten Frieden, gerecht für Frankreich, aber auch gerecht fü« die anderen Völker." Besonderen Beifall findet die Erklärung des Präsidenten, daß Frankreich sich voll Zuversicht dem Völkerbund Wwende. Painleve führt dann aus, man solle diesen guten Willen Frankreichs aber nicht als Schwäche betrachten. Die Nationalisten jenseits der Grenze würden dies bald bemerken. Den demokratischen Strömungen aber müsse man Helsen, -damit sie sich kräftigen und -den Sieg behalten. Painleve -bezeichnet dann, der inneren Politik sich zuwendend, jene als Schädlinge, welche den Kredit Frankreichs verdächtigen, als ob er durch die neue Mehrheit kompromittiert wäre. Die F'manzvevwaltung werde eine Verwaltung der Ordnung und. der Stabilität stin. ' Im weiteren Verlaufe, als der neue 'Kammerpräsident eine ' - > allgemeine Amnestie verlangt, schließen sich di< KvmntnnisM'Hfepr Beifall der Mkem nich'kmnTÄüch^MM^als- MüMe den NaHn Jaure§ nennt. Painleve zitiert dann das Wort J a irres: ,L)hne Republik ist das Volk ohnmächtig, ö-hue''Volk 'bleibt die Republik leerer Schall."'Als Päinleve seine Rede beendet hatte, klatschten alle Mitglieder -des Kartells -der Linken minutenlangen Beifall. Man verlangt, daß die R e d e P a i n l e des a n g e s ch l a g e n werde. ' Die nächste Sitzung findet Donnerstag' nachmittags statt. Die Sitzung des Mikerbnndrates. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Genf, 4. Juni. Der Völkerbundrat wird am nächsten Mittwoch in Gen f unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. B en es ch zusammentreten. Die Tatsache, daß eine große Anzahl von Fragen erster Ordnung ans der Tagesordnung sicht, verleiht der'Session besondere Bedeutung. Der Rat wird sich in -der Hauptsache mit der finanziellen Wiederherstellung Oesterrei ch s, dem finanziellen Wiederaufbau Ungarns, der Mitteilung der englischen Regierung bezüglich des I ra k (Mesopotamien) und einer anderen Mitteilung derselben Regierung über die Kontrolle der Entwaffnung in Oesterreich, Ungarn und Bulgarien durch die Organe des Völkerbundes und schließlich mit der Rechnung des Völkerbundes für das Jahr 1923, dem Budget für. das Jahr 1925 und mit der Verantwortlichkeit der Mitglieder der Regierungskommisiivn des Saorgebietes beschäftigen. Keine Unruhen in RuMnien. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Belgrad, 4. Juni. Die Presseabteilung des jugoslawischen Außenministeriums veröffentlicht eine Erklärung, in der gesagt wird, sie sei von gut informierter Seite, dahin verständigt worden, daß alle Gerüchte über Unrichen in Rumänien jÄ>er Grundlage entbehren und tendenziöse Erfindungen sind' Eine Erklärung der Wiener rumänischen Gesandtschaft. Wie wir. spät abends von der hiesigen rumänischen. Gesandtschaft erfahren,, ist dort bisher keinerlei Meldung über irgend welche- Ruhestörungen in' Rumänien eingetroffen. Die ausländischen Meldungen über einen Umsturzversuch in Bukarest wevden unS: als te n d en z i ö S bezeichnet. In der Kanzlei des Wiedener Krankenhauses, ' in welchem der Bundeskanzler Dr. Seipel üntergebracht ist, erschienen gestern Vertreter der Frontkämspfer- ■ Vereinigung und der nationalsozialiftischen Partei. Die - beiden Deputationen überreichten Adressen, in denen das Attentat Iawureks verurteilt wird. Die Nationalsozialisten nahmen die Gelegenheit wahr, die Schuld auf die „vvlksfremden Elemente" zu schieben, die „seit Jahren systematisch alles Gute in unserem Volk untergraiben und zum Mord und Totschlag gegen Andersge-, sinnte aufgereizt haben". Man muß es nochmals sagen: Es war dies eine Mordnung der naüonälisozialWschen Partei, deren Mordplakate gegen die Juden an allen Straßenecken zu lesen sind und in letzter Zeit noch-durch eine Assiche vermehrt wurden, die zum Kampf gegen ,Me Seipelsche Saniererei" auffordert und dies in dem Ton, der nun einmal dieser liMichen Partei eigen ist. Es ist nicht unangebracht bei dieser Gslegenheit da'ran zu erinnern, daß die Untersuchung, die jetzt vor einein Jahr nach dem Nowosad-Mord gegen seine in' der Schlagetter-Brigade organisierten Gesinnungsgenossen unter-anderen auch das Detail zutage förderte, daß diese Jugend Provokationsattentate gegen hochsteherche Persönlichkeiten des politischen Lebens geplant hatte, wobei auch der Name des Bundeskanzlers Seipel; genannt wuvde. Es ist nicht anzu-nehmen, daß sich unter der Einwirkung Jawureks eine Sinnesänderung bei.den.'Hakenkreuzlern vollzogen hätte. Wenn sie, jetzt ihren WschÄi. airssprechen, so geschicht dies -nur zu politischer? 'StiMmungsmacherei. ' ' Ob der Kanzler von diesen Besuchen ersiHt, isiME ' bekannt. Hoffentlich -verschont man ihn -mit derlei Dingey^' die in einem so -loyalen Mann/ wie-er, fes/ist^ Mr Widerwillen Hervorrufen müssen. Aber seine Umgebung muß sich doch gewisse Gedanken darüber machen, daß- Zivilmettschen in Feldunif-orm in der Kanzlei erscheinen. Was soll diese Uniform besagen? Undwie ist es um' einen Staat bestellt, in welchem große Teile der Bevölkerung ihren Stolz darein setzen, eine Uniform zu 1va>gen und dadurch eine gewisse politische. Richtung zu dokumentieren, die in allem und jedem der politischen Einstellung des Bundeskanzlers zuwiderl.änft? Herr Dr. - Seipel wirkt für den Frieden,, für .die. Eingliederung Oesterreichs in den Jdeenkreis des Völkerbundes; seine Besucher von gestern wollen überall genau das' Gegenteil: Sie sind für den Krieg, wobei es ihnen gleichgültig ist, ob er nach innen oder, nach außen geführt werden soll. Vorläufig führen sie ihn im Innern. Der Völkerbund ist für sie eine jüdische Erfindung, deren Unterstützung man zwar gerne akzeptiert,. die man aber im-übrigen aus Leibeskraft bespuckt uWs begeifert.. Herr Dr. Seipel hat in richtiger Erkenntnis der wahren Verhältnisse in Europa sich die Mithilfe der jüdischen OrganisationsfähiKeit und Welt-Verbindungen gesicherte Er urü» das Land sind dabei nicht schlecht gefahren und die bisher erreichten Resultate der Sanierung, konnten nur auf diese Weise verankert werden. Die Sabotage des Wiederaufbaues, die in Oesterreich.geschieht, geht aber. von jener Seite aus, die dem Bundeskanzler jetzt mit ihren Adressen belästigt. Es sind jetzt gar viele, die den politischen Mord verabscheuen und sich damit beeilen, dies aller Welt kund zu tun — gar viele, die von Versammlungen reden, in denen gegen den Bundeskanzler geschürt - und gehetzt wurde. Es ist sicherlich wahr, daß der Kanchf - gegen Seipel in einer Weise geführt wurde, mit der sich niemand einverstanden erklären darf. Polittsche. Führer mögen nachher, wenn das Unglück geschehen ist, die Veranüvortung ablehnen; vor dem Richterspruch des Gewissens der Oeffentlichkeit können sie nicht bestehen. Aber das Geschmeiß, , das da mit einem Male die politische Loyalität entdeckt und die Hetze verurteilt, die Gürde der Nowosad und Genossen, hat ftOst nichts arideres getan und hat die Movdpropvganda so betrieben, daß sie in' Oesterreich immerhin recht beträchtliche Erfolge auszuweisen hat. Und es ist festzuhg-lien, daß die Feldparolen' für diesen Krieg gerade aus jenen englische Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen, Teppiche, Vorhänge etc. f&T billigst im I Schiffmann II. Taborstraße 48 Telonho» 47-1*70 En gros Eh idhkhll