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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-04 · Heft 1905 (4.6.1924) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1905 (4.6.1924)
Date
1924-06-04
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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Gerte 5 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung. 4. Juni 1924 Nr. 1S0S größeren Umfang angenommen haben, so war dies dem Umstande zuzuschreiken, daß das Stützmrgskomitee wieder in Aktion getreten ist. Eine Stütze boten auch dem Markt die beruhigenden Bulletins vom Krankenlager des Bundeskanzlers. Größere Abgaben fanden zwar nicht statt doch zeigte der Marti nur geringe Aufnahmsfähigkeit, so daß schon -geringe' Verkäufe ein Nachgeben des Kürsniveaus zur Folge hatten. Nach Feststellung der ersten Kurse schrumpfte das Geschäft auf ein Minimum zusammen, die Spekulation zeigte sich ganz untätig, was einen neuerlichen leichten Kursrückgang auslöste. Erst gegen Schluß kam eine etwas gebesserte Tendenz zum Durchbruche, hervorgerufen durch Deckungskäufe der Kontermine, so daß die Kursverluste eine Reduktion erfuhren. Das Geschäft in Aktien der Lombard- und Eskomptebank wurde seitens der Börsenkammer sistiert. Im inoffiziellen Verkehr bewegte sich der Kurs zwischen 7000 bis 9000 K. ' ' Gegenüber dem letztgemeldeten Stand verloren schließlich Bankverein 3500 K., Anglobank 7000 K., Staatsbahn 5000 K., Alpine 4000 K., Felten 10.000 K., Krupp 4000 K., Skoda 9000 K., ungarische Hofherr 8000 K. und Semperit 16.000 K. Im Schranken find zumeist geringfügige Kursverände» rungen vor sich gegangen. Pilsener Brau fielen um 650.000 K., Reininghaus um 95.000 K., Koliner Spiritus verloren 85.000 Kronen, Milchindustrie 55.000 K., Tarbouches 30.000 K., Jute 20.000 K., Schodnica 22.000 St., Naphcha 18.000 K., Galina 80.000 K., Wiener Lokomotiv ermäßigten sich um. 50.000 K., Krainische Eisen um 20.000 K., Prager Eisen um 10.000 K., Hutter u. Schrantz sowie Brunner Brauerei verloren je 10.000 K., Dampfschiff und Pester Kommerz-ialbank je 15.000 Kronen, Graz-Köflacher 4000 K., Brauereiaktien 7000 K., Flesch-Mtien 9000 K., Jute 20.000 K., Dynamitaktien büßten 80.000 K., Jungbunzlauer .100.000 K., Schoeller-Zucker 50.000 Kronen ein. Eine Kursbcsserung erzielten die Aktien der NationaDank um 20.000 K., Ung. Zucker gewannen 170.000 K., Ringhoffer 55.000 K., Heinrichsthaler Papier 90.000 K., . Aussig-Chemische 5000 K., Berg- und Hütten 10.000 K., Westböhmische Kohlen 17.000 K. Auf dem Anlagemarkt besserte sich die österreichische Goldrente. Bon den Exoten notierten: Apollo-Film 10.000 K., Anzeigen-Ges. 80.000 K., Mraznica 55.000 bis 60.000 K., Tepege 31.000 bis 39.000 K., Universale 23.000 bis 24.000 K. Me Warenmärkte. (Eigenbericht der „Wiener Movgenzeitung") Chemikalien (Ausland). Der Hamburger Markt für Paraffin und Wachs hat eine erneute BelebMg erfahren, die zu einer wesentlichen Mcrrktiefestigung führte. Trotz der allgemeinen Geldknappheit wurden von seiten des Inlandes größere Aufträge erteilt, weil, die mangelnden Zufuhren von der See die Befürchtung cmfkommen lassen, daß sofort greift are Ware in nächster Zeit ausverkaust fein dürste. Tatsächlich, wurde daS-Lokoangebot spärlicher, namentlich soweit es sich um einige Wachssorten handelt. Auch das Ausland tritt auf dem Hamburger Lokomarkt in größerem Umfange wieder als Käufer auf. DaS Geschäft mit den überseeischen Produktionsmärkten ist nach wie vor äußerst still. Die meisten Abschlüsse in Abladungsware scheitern an der Unmöglichkeit einer ausreichenden Devisenbeschaffung. Japanwachs ist besonders fest, da die Vorräte fast geräumt sind. Die Forderungen der Abgeber bewegten sich zwischen 103 bis 105 Schilling pro Cwt. AbladungSware wurde mit 94 bis 95 Schilling cif Hamburg angeboten. Auch Karnaubawachs könnte sich im Preise-befestigen, dergestalt, daß settgraue Ware nicht mehr unter 107 bis 112 Schilling und' kurantgraue nicht unter 110 bis 114 Schilling erhältlich sind. Die brasilianischen Märkte sind ebenfalls auf einen festen Ton gestimmt. Ausländisches Bienenwachs verzeichnete eine geringe Nachftage, ohne daß dadurch ein Einfluß auf die Preisgestaltung erfolgen konnte, die Grundstimmung blieb fest. Westafrikanisches und portugiesisches Wachs kostete bis 130 Schilling, ostafrikanisches Wachs 130 bis 132 Schilling, alles cif Hamburg. Wiener Warenbärse. ' (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Im Auslande gibtdie katastrophale' Geldknappheit dem Geschäftsverkehr wie in fast sämtlichen, Branchen auch im Chemiekalienhcmdel das Gepräge. Käufe werden nur sehr zögernd und nur in verhältnismäßig, geringem Umfange getätigt. Trotz der beschränkten Nachftage sind nennenswerte Preisrückgänge nicht eingetreten, denn die Fabriken lassen keine Neigung erkennen, ihre Preise zu ermäßigen. In Mannheim notieren: Antichlor sein-oder grobkristallisiert 15 Goldmark einschließlich Fässer, Chlorzink weiß pulverisiert 50 Goldmark einschließlich Fässer, Eisenvitriol technisch kristallisiert 4 Goldmatt, Glaubersalz feinkrtstallisiert 5 Goldmark lose verladen, Kalisalpeter technisch rein 56 Goldmark, Küpfer- - Vitriol 48 Goldmark, Naphthalin weiß in Schuppen 38 Goldmark, in Kugeln 36 Goldmark einschließlich Säcke, Oxalsäure technisch kristallisiert 70 Gotdmark einschließlich Fässer, Schwefelnatrium kristallisiert 30/32°/, 16 -Goldmark einschließlich Fässer. An der gestrigen Warenbörse gab e8 gut belebten Verkehr, die Tendenz blieb preishaltend. Deckungskäufe kamen vor in Bittersalz- (deutsche Syndikatsware) 15 Tonnen zu 1.35 Dollar prolOOjKilogramm ab Passau sowie in 10 englischen Tonnen Aetznatron 126/130 zu 4810 K. trcmsit Wien. Interesse war noch vorhanden für Paraffin und Salmiaksalz. AuSgeboten wurden Essigsäure 80°/, für Gewürzzwecke zu 24.500 K., Glyzerin 28° Bä technisch zu 118.000 K.. Kali gelbblausaures per 1000 Kilogramm .zu 74 englischen Pfund transit Passau, Lithopon Grünsiegel 30°/, zu 8200 K. Oele und Fett.e hatten schwächere Tendenz, ausgeboten wurden: Kokosöl Ceylon zu 15.800 K., holländisches Leinöl Ia zu 14.900 K., Rüböl zu 15.200 K., Elain sap. 97/98 zu 16.900 K., Sesamöl l. Pressung zu 21.000 K., Speisetafelöl zu 16.900 K.. nordcnnerikanisches Schweinefett (puro larä) Tierces zu 28.25 Dollar pro 100 Kilogramm cif Hamburg und in Kisten zu 22.000 5k. ab Wien. Exekutiv wurden verkauft: 200 Kisten Corned beef zu 41.000 K. pro Dose verzollt ab Wien. K o l o n i a l. w a r e n. Einige Umsätze erfolgten in Kaffee, Tee und in Zucker. Kaffee ist ab cif Triest etwas fester und notiert Santos primeS pro 50 Kilogramm 93 bis 102 Schilling 6 Pence, SantoZ fuperior 88 bis 89 Schilling 6 Pence. Kakaobutter ist um 1000 K. rückgängig und notiett 45.000 K. Schwächer tendierten Kümmel um 1000 K. auf 41.000 K. und Piment um 500 K. auf 29.500 K. ab Wien. Kristallzucker ist um 21/, .Punkte schwächer und notiert 3.45 tschech. K. ab Grenze, Würfel ist um 2'/, Punkte höher und notiert 3.70 tschech. K. ab Grenze. .Äb Lager Wien ist Kristall um 50 K. höher und notiett 10.600 K. Bosnische Pflaumen 110/120 in Kisten 1923 ermäßigten den Preisstand um 100 K. auf 9000 K., la Bärimandeln um 500 K. auf 42.000 K.. Kerasunda Haselnußkerne um 500 K. auf 33.600 K., Caroburna Sultaninen mittel in Kisten um 250 K. auf 25.250 K. Zum ö f f e n t l i ch e n Vettaufe gelangten laut Art. 311 -der H.-G.-B. 7 Kisten (500 Stück) Holzserviertaffen zu 7,100.000 Kronen und 164.8 Meter schaswollene Herrenstoffe zu 6.20 Schw. Franken Men exklusive Zoll. Zum öffentlichen Verkaufe gelangen beute den 4. d., '/«II Uhr, zirka 25.000 Kilogramm Böhler- und Schmidt-Stahl. Mehmd'rtte in St. Marx. sEiaenbevicht der „Wiener Morgenzeitnng".) Borstenviehmarkt. Angemeldet wmden ft den gestrigen Markt 9875 Schweine, allein zu Beginn desselben 9525 - Stück, darunter 6873 Fleisch- und 2652 Fettschweine aufgetrieben. Der Provenienz nach waren 319 inländische, 1234 ungarische, 975 jugoslawische, 5969 polnische, 260 dänische, 155 schwedische und 614 niederländische. Unter dem Einflüsse der anhaltenden Stagnation auf dem Fettmarkte wickelt sich der Verkehr in Fettschweinen äußerst schwerfällig ab. Gegenüber der Vorwoche sind die Preise um 2500 K. und stellenweise bis zu 3000 St. pro , Kilogramm neuerlich gefallen. Fleischschweine begegneten zwar reger Nachftage, allein angesichts der nabmhaften Mehrzufubr — zirka 2000 Stück — erlitten die Preise eine Rückgang um 500 K. pro Kilogramm. Es notierten r Sämtliche guten Qualitäten Fettschweine 18.000 bis 19.000 K., extrem 19.600 K., alte 17.000 Li» 18.000 K., und Fleischschweine 20.000 bis 24.000 K. pro Kilogramm Lebendgewicht. Pferdemarkt. Zum gefttigen Markte wurden insgesamt 186 Schlächter- und .280 GeLrauchSpferde gebracht. Bei lebhaftem Verkehr notietten: Zugpferde leichte 4,000.000 bis 12,000.000 K., schwere 6,000.000 bis 14,000.000 K., Kutschpferde 4,000.000 bis 12,000.000 St., Pferde für Schlachtzwecke 4000 W 11.003 K. pro Kilogramm Lebendgewicht. Baumwallmartt. Dew-VorK, 8. Juni. Baumwollzufuhren in den atlant und Golfhäsen 22.000, im Innern 2000, Ausfuhr nach Großbritannien 6000. nach dem Kontinent 9000. Lokalmarkt middling r 32.75 (letzt. Kurs 82.65). Tendenz: Willig. - Termine r Avttl Mai Juni —, Juli 29.76, August 28.10, September 27.35. Oktober 26.72, November —Dezember 25.97, Jänner 25.80, Februar —März 25.63. Berliner Börse. Berlin, 3. Juni. Ae Börse eröfsnete in gedrückter Stim» murt-g; Das unbehagliche Gefühl das durch die Verzögerung der Romerungsbrldung hinsichtlich der -innerpolitifchen Sicherheit geschaffen wurde und ferner unbestimmte Gerüchte von neuen Zahlungsschwierigieiten hier und auswärts veranlaßten weitestgehende Zurückhaltung der Käufer. Da8 Keine Angebot übte daher allenthalben einen Druck aus. Die schweren Papiere büßten bis.2. Billionen Prozent ein, Klöckner-Wette und Berlin-Karlsruhe Industrie verloren sogar 2,5 Billionen Prozent. Von Banken stellten sich Berliner Handelsgesellschaft um 2 Billionen Prozent niedriger. Bald nach Feststellung der ersten Kurse ettöfes sich die Börse widerstandsfähiger, ging aber anihrer abwartenden Haftung nicht heraus. Das Geschäft schrumpfte infolgedessen werter zusammen. Von einer auswärtigen Firma, die als schwach bezeichnet wurde, verlautete, da-tz deren Schwierigkeiten behoben seien. Auf dem Devisenmarkt blieb die.günstige Lage bestehen. (Alles in Billionen von Mark.) Schlußkurse: -Türkische Lose 19.—, Oesterr, StaatSbahn 30.25, Nordd. Lloyd 4.62, Ver. Elbeschiftahtt 2.26, Berliner Handelsgesellschaft 23.—, Kommerz. Privatbank 4.—, Darmstädter Bank 6.62, Deutsche Bank 7.37, DiSkonto- Kommandit 8.12, Dresdner Bank 4.62, Nationalbank für Deutschland —, Oesterr. Stredtt 0.4. Oesterr. Länderbank Reichsbank 22.06, Wiener Bankverein 0.3, Wr. Unionbank 0.3, ■ Allg. ElektttzitätS-Gefellschast 7.5, Bochnmer Gnßstahl 46.5, Daimler Motoren 2.—, Deutsch-LuxrmbWger 44.12, Deutsche ' Maschinen 4.75, Dynamit Nobel 5.6. Felten n. Guilleaume 19.—, Gelsenkirchener Berg. 47.37, Th. Goldschmidt 9.2, Harpener Bergbau 84.60, Hirsch Kupfer 17.75, Höchster FarLen S.S, Hohenlohe-Wette 20.4, Laurahütte 5.8, ManneSmannröhren 26.25, Phönix Bergbau.24.1, Schuckett u. Co. 30.25. Siemens u. HalSke 89.5, Telephon Berliner 2.62, Goldanleihe 4.2, Dollarschatzanweisunge« 74.40. ttdcfonfe 702*4» STOFFE L'i'¥4 Copyright Nachdruck verbatm. Jtdlscher Berlag, Berlin. 8. Fortsetznng. Hawdoloh und Zapfenstreich. Bon Sammy Gronemann. Dieser Mangel an Gestnnungstüchtigkeit schien ein Verbot des Buches zu rechtfertigen. Aber — man würdige die freiheitliche und sinnvolle Entscheidung — es wurde dennoch das Buch freigegeben, nachdem der Gegenzerrsor, Leutnant O. darauf hinwies, daß der Verfasser auf Seite 86 höchst patriotisch bemerkt hätte, daß der Hering sich nirgends so gut vermehrt als in deutschen Gewässern. Damals also rettete diese deutschfreundliche Handlrmgs- »weise des Herings jeners Buch. Hätte aber irgend ein Datum alten Stils sich gefunden, wäre angesichts solcher Verworfenheit nichts zu machen gewesen. So mußten denn alle Auswanderer vor der endgültigen Erlaubnis ihre Bücher auf die alleinseligmachende Datenangabe prüfet lassen. Noch bedeutsamer aber war die Sache mit dem Kaisergebet. Bekanntlich wird auch in -deutschen Synagogen an jedem Sabbat und Festtag ein Gebet für die Regierung , gesprochen. Selbst in konservativen Gemeinden, in denen der ganze Gottesdienst in Hebräisch abgehalten wird, pflegt dieses Gebet in deutscher Sprache vorgetragen zu werden. Ob der Wunsch mitfpricht, zufällig anwesenden Nichtjuden einen Beweis der Loyalität zu geben, möchte ich nicht nachprüfen. Es ist damit wohl wie mit dielen anderen Dingen; man tut sie um ihrer selbst willen — natürlich! — aber es ist doch hübsch, wenn es auch nach außen eine gute Wirkung ausübt. Ein wohlhabender und wohltätiger Herr in Westdeutschland sagte mir einmal, als er gerade eine größere Spende für einen guten Zweck mir übergeben und den Wunsch ausgedrückt hatte, daß er nicht als Spender genannt sein wolle: „Wissen Sie, lieber Freund — es g'bt doch nichts Schöneres, als wenn man eine wirklich gute' Tat tut — und kein Mennsch weiß davon . . . und daun kommts raus!" Ich glaube — beiläufig — daß dieser Satz den psychologischen Schlüssel zu sehr diel Erscheinungen des Lebens enthält. Nun, also auch im Osten wurde früher das Kaisergebet gesprochen — jüdisch - hebräisch —, der Zar, die Zaritza, der Großfürst Thronfolger, und die alte Kaiserinmutter wurden mit Namen genannt, so war es Wohl auch ausdrücklich Vorschrift, und als ich in einem Tempel m Kowno auf einer großen Tafel die kaiserlichen Namen las, erinnerte ich mich mit Vergnügen einer Episode, die ich als kleiner Junge., im Jahre 1883 in dem kleinen Städtchen Juvburg erlebte, wo ich zu Besuch weilte. Damals wurden Alexander der Dritte und Maria Feodorowna in Warschau gekrönt. Das wurde überall mit vorgeschriebener und behördlich genau geregelter patriotischer Begeisterung gefeiert — war doch polizeilich die Zahl der Lichter eines jeden Fensters für die abendliche Illumination festgesetzt und am Sabbat fand im Beisein der Behörden eine gottesdienstliche Feier in der Synagoge statt. Der alte Kantor schlug seine schönsten Triller, als er die Gefetzesrolle im Arm zwischen dem Stadtkommandanten und dem PolizeichH stehend das Gebet für das Kaiserpaar sprach. Aber die Triller wollten gar kein Ende nehmen, als er am Namen -der Kaiserin angölangt war. — minutenlang ging sein immer jammervoller werdendes Tremolieren, sein Ai—ai—ai—ai—<tt, feine Augen rollten ängstlich hin und her und mit den Armen schlug er wie hilftflehend um sich; man wurde ängstlich, als er gar nicht zum Schluß kam, aber es. 'dauerte recht lange, bis man bemerkte, daß er den Namen der Kaiserin vergessen hatte und ihm ihn soufflierte. Mit unendlicher Verzückung und diesmal sicher echter Freude schmetterte er dann sein „Maria Feodorowna" heraus. Gegen die großen Tafeln in den Synagogen, deren vergoldete Namensinschriften solche Vorkomnisse.für gewöhnlich unmöglich machen, hatte nun merkwürdiger Weise die Zensur nichts. Aber mit äußerster Schärfe tilgte sie in allen Gebetbüchern -das Zavengebet aus. Nun befinden sich in jedem jüdischen Hause eine Unmenge solcher Gebetbücher —- jedes Fest hat ja feine eigene Liturgie —, die Lager der Buchhändler und Verleger sind voll von ihnen. Alle mußten der Zensur vorgelegt wevden und aus allen wurde das ominöse Blatt entfernt, wenn nicht der Text geschwärzt werden konnte. Ständig aber fanden Re» Visionen statt, um geheimen Beständen von unverstümmelten Gebetbüchern auf die Spur zu kommen. Offenbar hielt man von der Zarentreue der Juden sehr viel und fürchtete doch irgend eine Wiükung in höheren Regionen, wenn die Juden etwa heimlich die Zarenftirbitte sprechen sollten. Da war es. denn ganz folgerichtig, daß vor der Abreise nach Amerika sorglich die mitgenommenen Gebetbücher kontrolliert und überall aus ihnen die gefährlichen Texte entfernt wurden. Wer weiß, ob nicht Chaim Schleume aus Bialyftok oder Sore Riw>ka aus Marianpöl drüben in New-Dott eines Tages dieses Gebet aufschlagen und verrichten würden. Die FolgM waren gar nicht abznfehen. Ich war Zeuge, wie eines^ Tages der kleine Doktor Baneth m Wilna ungeheure Stöße von solchen Mchern von dem gefährlichen Text reinigte, während vor der Tür seines Amtszimmers sich die Besitzer drängten und angstvoll auf die Erteilung des „Entzavungsscheines" warteten, der ebenso wichtig war,- wie der berühmte Entlausungsschein. ■ Uebrigens war diese Zareivgcheissache später der Gegenstand äußerst scharfsinniger Kontroversen. Als nämlich die Revolution aus-brach und der Zar abgesetzt war, wagten die Verleger und Buchhändler eine Eingabe, doch fetzt von der Verschandelung ihrer Bücher abzufchen; denn nun sei doch wohl jede aktuelle GeMr beseitigt. Die Meinungen der maßgebenden Persönlichkeiten waren geteilt. Die FwM wurde in allen Instanzen mit sehr großem Aufwand von Dialektik geprüft, aber schließlich kam der Bescheid, daß es bei dem Verbot fein Bewenden hoben müsse. Denn, so lautete die Begründung, gerade jetzt nach der Absetzung des Zaren, könnte die Aufhebung des Verbotes als ein politischer Akt angesehen werden und dadurch die deutsche Regievung in den Verdacht kommen, daß sie die Wiederaufrichtung des zaristischen Thrones betreibe. Man fürchtete wohl so eine Art Gesunldbeten. Ob nun der Sturz von Nikolaus ganz oder zum Teil aus die Unterbindung jenes Gebetes zurückzuführen ist/ bleibe dahingestellt. Man sieht jedenfalls, mit welch ernsten Problemen die Okkupationsbehörde zu. tun hatte. ' (Fortsetzung folgt.)

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