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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-04 · Heft 1905 (4.6.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1905 (4.6.1924)
Date
1924-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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UeVep das Befinden des Bundeskanzlers Dr. Seipel wird uw 9 Uhr abends folgendes Bulletin ausgegebenr Temperatur 37,9, Puls 106, Respira. tion unverändert, Wundverhältnisfe andauernd günstig. Allgemeinbefinden befriedigende Nahrungsaufnahme hinreichend, Darmtätigkeit stellt sich ein. Gez.r R. Bauer, Eiseisberg,Schnitzler, Singer, Steiger, M. Sternberg. Las Attentat. >-y. W i e «, 4. Juni. Der Anschlag gegen österreichischen Bundeskanzler hat wert über die Grenzen dieses Staates hinaus die erregte Aufmerksamkeit der pMtischen Kreise gesunden. Es ist einerseits die Persönlichkeit des Getroffenen, eines Mannes von internationalem Rang, die ihm die teilnahmsvolle Sympathie * der Kultuvwelt sichert. Andererseits aber sind es die besonderen Umstände, unter denen dieses Attentat erfolgt ist. Der Hintergrund des ' Mordplanes ist Mch nicht aufgehellt. Zwar ist bereits, eine, geschäftige . Wichtigtuerei . am Werke, die nach.allen möglichen-und.unmöglichenMnlässen Ausschau' hält und die korrekte ' AuMrungsarbeit der kompetenten Behörden durch Anrufung der frechsten Instinkte kompromittieren will.. Das stand ja zu erwarten.' Bei den vielen Mordakten der letzten Jahre waren es meist links orientierte. Persönlichkeiten, gegen die politische Exaltados die Waffe richteten. Diesmal ist es ein Mann von .konservativer.Richtung, und das ist für die gesamte Reaktion der willkommene Anlaß, andere hinter dem. Strauch zu suchen, hinter dem man selbst so gerne saß. Von der Tat ist nur der Hering festgestellt. Schon die. Person des Täters ist: in ein gewisses.Dunkel gehüllt. Man.kennt, seine'Herkunft, seine Generalien und seine politische'. Richtung. .Was ihn zu seinem Entschluß bewogen, hat, was er in den letzten Stunden vor dem Schuß'.getrieben hat,, darüber' sirch einstweilen nur Vermutungen möglich und . so kann man im AügeMick nur sagen, haß die'Szene,'.die sich am'. Sonntäg.abends' auf '..deM WÄbcchnhof aWielte, ein furchtbares / Verbrechen. gegen' den guten' Geist der Demokratie wat/, das. einen Mcinnrchlichen Willens und festen GläWris' an eine. .Webe Zeiitvaf. ' blutige Kette gleicharWr OreiMMän, Me ist, wie.alle. We! 'fü verwerfen. ^MotdDsiHtfürrd .VZaffengHräüch sind/kein.'Mittel,, irgend eine Wage.' zü.lösen. Wr Ideen' und Idee «kämpfe ist, Blut, kein Kitt. Aber auch das Verbrechen des Iawurek erklärt.sich aus der Vergiftung, die seit dem Kriege in.Europa planmäßig de-, trieben wird. Es ist. eine AttnoWäre geschaffen worden, die das politische Leben und die' Beschäftigung . mit Fragen des Gemeinwohls schlechterdings zum Ekel macht. .Der.Haß, der im Kriege.künstlich gezüchtet-und als Bekenntnis zu Vaterland und Voll geweiht wurde, hat sich in die Zeit dieses angeWchen Friedens hineingezogen und in fast der gesamten europäischen Welt die primitivsten Grundsätze der Organisation der Gesellschaft verwischt. Ganze Schichten der Bevölkerung sind in Acht und Bann getan, mit Feme belegt worden und in Mitteleuropa ist ein Zustand /erzeugt worden, der sich vom Kriege nur dadurch unterscheidet, daß dieser durch das Völkerrecht als Mittel der Politik anerkannt ist. Wir haben in der nächsten .Nachbarschaft einen Staat, in welchem der Mord, der. nackte, unpolitische Mord, einen wesentlichen Bestandteil des Systems biwet. Wir sehen in Deutschland eine weitverbreitete, wöhlörganisierte Geheimgesellschaft, die ihre Mordziele vor niemandem verleugnet und derenpolitisches. Ziel die Achterklärung' über einen Teil der Bürgerschaft ist. Die Ausstrahlungen solcher Stimmungen verbreiten .sich mit der unheimlichen Gewalt der unsichtbaren Wellen über die Grenzen. Sie haben diese Beweglichkeit leider^mit seriösen politischen und sozialen Ideen gemeinsam. Aber während diese von der Demokratie ausgefangen und mit den bestehenden Verhältnissen in Akkord gebracht werden, kann dies bei Gewalt-, tend.enzen nicht geschehen. Hier hilft nur das Gesetz, das die, freie Entwicklung zu. sichern und vor Entartung zu schützen berufen ist. In dieser Beziehung ist in Oesterreich leider sehr viel verabsäumt worden. Hier bestehen unter verschiedentlichen. Titeln' - bewaffnete Organisationen, deren Sinn, und Zweck mit keinem Gesetz zu Vereinbaren ist. Sie sind ein stets sichtbarer Appell an die Gewalt und es ist leider zu wiederholten Malen zu merken gewesen, daß sie sich in dieser Richtung auswirkten. So oft dies geschah und so oft die nicht bewaffnete , Öffentlichkeit ihre Entrüstung zeigte, wurde beruhigend' abgowinkt. Eine Tat/ bkdieserstets aktionsbereiten Diktatur des Revolvers energisch und mit der' vollen Kraft des Gesetzes entgegentvat, erfolgte nicht. In. solcher Pestluft reifen Pläne.von der Sorte, wie sie. Iawurek zeigte, und so wurde das vorbereitet, das den Kanzler und Pazifisten Seipel in 'ernstester Stunde auf das Krankenbett warb ' ' ' ' Im österreichischen. Nationalrat und im Wiener Stadtsenat sowie in einer Menge autonomer, industrieller und gewerblicher Körperschaften kam gestern das Attentat auf den Bundeskanzler Dr. S e i p e l. zur Drache und gab Anlaß zu würdigen Kundgebungen. Die Manifestation des Nationalrates, die. vor dicht besetzten Galerien vor sich ging, trug einen feierlichen Charakter. In der Diplomatenloge erschien unter anderen der deutsche Gesandte.Dr. Pfeiffer. Die Abgeordneten waren in großer Zahl erschienen, und es fehlten nur jene, die trotz der telegraphischen Einberufung nicht mehr rechtzeitig hatten eintveffen können. Von den Pulten und Tischen des Präsidiums, der Ministerbänke und der Abgeordnetenplätze, waren alle Vorlagen und Schriftstücke entfernt worden, so daß das HauS auch äußerlich dem besonderen 'Anlaß. Rechnung trug.' Die Erklärungen wurden, in größter Ruhe hon dem Hause stehend angehö rt, und es wurde aus.djefe'Weise der verfolgte Zwecks erreicht, eine w ü r d i g e u n d e r'n h eit-, ltche Kundgebu ng der.ganzen Volksvertretung .zu : Veranstalter. Der Text der- D^ratipnen.'WvM $$8. Pra-! sidenten als auch des VizekanKrs' waren vor der Sitzung E iy M huß.d-e r Op p os i t ion. fastgestellt worden, so daß sie demnach tüffächsich als Kund- ^ung der gesamten Volksvertretung zw wßtftn sintl/ Präsident Miklas sagte unter' anderem: Seit dem Bestände unseres neuen Staates hat. dgs österreichische Volk sich niemals, auch nicht in den Zeiten der schwersten Mot, der größten stattlichen Umwälzung und der höchsten Erregung durch politischen Mord oder Mordversuch an einem Beauftragten des Volkes bestecht. Zum erstenmal hät jetzt e i n Unseliger zur Mordwaffe wider den politischen Gegner gegriffen. Angesichts dieser beklagenswerten Tat ist es höchste Pflicht aller Berufenen, vor allem unsere Pflicht, die Pflicht der Erwählten des Volkes, dafür Sorge zu tragen, daß auch in Zukunft die unvermeidliche Auseinandersetzung innerhalb unseres Gemerndewcsen's nur mit den eines Kulturvolkes 'würdigen geistigen Waffen geführt'werde, nicht aber im Zeichen des Hasses u n d d e r G e w a l t. Diesen Appell richte ich aber zugleich , auch im Namen aller Gesitteten a n u n s e r e P r e s s e, die . auch im politischen Kampfe eine schwere Mitverantwortung tragt, und gebe der zuversichtlichen Erwartung Ausdruck, daß alle gesunden Elemente des Volkes sich in dem nachdrücklichen Bestreben vereinigen, eine wahre Demokratie in diesem Staate zu sichern! Das kostbare Blut unseres Bundeskanzlers soll nicht umsonst geflossen sein!" Vizekanzler Dr. F r.a n k gab sodann an der Hand der amtlichen Protokolle eine Schilderung des Attentates und ging sodann auf die politischen Fragen ein, die sich durch die Ausschaltung des an das Krankenlager gefesselten Bundeskanzlers ergeben. Er führte aus: „Der Zolltarif harrt der ■ parlamentarischen De- Handlung und die Natur des Gegenstandes erfordert eine möglichst rasche Gefetzwerdung. Die VerhaMungen. über, das Abg abenteilungs >ge >setz sind zwar bereits in einem sehr vorgeschrittenen Stadium, aber noch nicht beendet. Es ist : zu hoffen, daß sie bald zu einem 'befriedigenden Abschluß gelungen und damit alle Hindernisse für eine rasche parlamentarische Verabschichung weggefallen sind. Auch die Beso!« dungsregelang der Bu-noeAangüstellten ist zu einem den finanMlen Möglichkeiten unseres Staates enHvechenden und die Beamlenjschaft zufriedenstellenden Ende zu führen. Am allechchlwersten vemiissen aber unseren bewahrten Führer bei den Verhandlungen, die Anfang der -nächsten Woche vor dem Völkerbundrate in Genf begrünen werden. Die Regierung hat dem Hauptaus- . schuß des.NationalMtes' über die Vorbereitungen zur Genfer Tagung eingehend Bericht erstattet, und die Parteien des Hauses haben im HäuMnsschuß alle mit disser Augeiligenheil zusammenhängenden Fragen ausführlich erörtert. Die Wirtschaftskrise und oje hiedurch mit Unrecht bervorgerufene iTinw'ße am Vertrauen des Auslandes, der Eindruck des vorgestrigen Attentats im Auslande, vor allem aber die Un» Möglichkeit der persönlichen Teilnahme des Bundeskanzlers an!>en Genfer Verhandlungen haben unsere Lage nicht u n wesentlich erschwert. Ohne der Entscheidung, drs HauptauZschusses vorgreifen M wollen, möge mir daher her Wunsch gestallet sein, daß der Haupdauslschutz zu einer einh e a t l i ch e n Stellungnahme gelangt, und sein Beschluß, geeignet ist, die Position unserer Vertreter in Genf zu starken. Ein solcher Beschluß würde vor allem, mich eiin dmtllches Bekenntnis des Parlaments zur energischen und zielbÄoußten Fortführung der Politik der Ersparungen mid Reformen bedeuten, der PMtiL die so verheißu-ngsvM für^ . unseren Staat unter 'der Führung des BundeDarvKers ci-n« gÄ«uet und si^vgeifichrt wurde. *; ' Die Regierung, die in einer wichtigen Eivppe dieser PöM-k ihren Führer entbehren muß, ist sich der Größe der B'Mvniworiunig und der SchwievigkÄt der. Äiusgaihe. voll br« wüßt. Wenn rch über die GvunlWge der Politik der Re» . aierung sprechm soll, ,so habe ich nichts Neues zu sägen, kchne neuen Rrchlltnien oder Programme aufMstellen. Die ReMvung war sich auch Nicht einen MMMich im. Aveisel'' darüber, daß das bekbagenÄverte Ereignis , des letzten.SottN" tags ,* ' . ' . . nicht die geringste BerSrtderung für chre Politik bringen 'kann. ^-Dü' BuMsregievung betvachtet eS. nach wie . Vor alv ihre Pflicht, die b ir 8 h e'-r-ige Sa.nr.e x ü-n g si volitik fortzufe ven, die PMiL die Aüm Ziele hat,: --surch gesundes - Wütschaften die GMnWage.Mr sinphgarern- . des G^oechen unserer Staats- und VollkÄvirtschalft zu^ schaDn.,, Pon dem' bisher emgeschlagenen Weige darf ni ch L "e i n e U' Schritt bre.it abgewichen werden.'' x . •:' i i .. . Ich erjüue eine 'elbstverstäM-iche Pflicht, wenn .ich in . dieser schwierigen Zeit das Parlament, und zwar ' alle Parteien des Parlaments zur Mitarbeit ausruse. Die Regkrmrg^ zwü-füt -Ocht.voran, daß sich der Natiönalrär bei. dar parlMlelUdrischen ErlödMng der m. Behandlung stehcnLen Angckle>genbeiten. insbesondere der von mir früher erwähnien, vom Bewußtsein se'ner Vemntwortlichksit wird leiten lassen. Es sind gewiß nicht beichte Aufgaben, es sind auch Ausgaben, zu deren Lösung eine gelwisie politische Selbstverleugnung, ein Verzicht ans billige Popularität gehört. In . Zeiten aber, in dtnen es sich um Wohl und Wche des .ganzen Staates handeilt, muß der Blick ans das Ganze gerichtet sein. Rasche' und zl-clbciwirßre Arbeit 'aller verantwortlichen Faktoren unseres Staates -»st jetzt zur Pflicht geworden.. ' Nach dieser Rede wurde die Sitzung geschloffen. Die nächste Sitzung findet morgen um 11 Uhr vormittagstatt. v : Nach der Sitzung des Nationalrat-es begäben sich Präsi deni Miklas und in Vertretung des Vizekanzlers'Dr. Frank, Minister Schmitz zum Bundeskanzler Dp Seipel. Präsident Miklas berichtete den Bundeskanzler in kurzen Worten über die Sitzung des Nationalrates und überbvachte die Wünsche des Parlaments für die baldige Geneifung des Bundeskanzlers. Dr. Seipel nahm die Mitteilungen mit sichtlicher Freude entgegen. Im Laufe des Nachmittags erschienen Bundespräsident Dr. H a i n i s ch und die Minister B u ch i n g e r, Dr. Schneider und V a u g o i n im Krankenhause, um dem Bundeskanzler einen kurzen Besuch ahzustatten. - Der Attentäter Fnwurek. Im Nationalrat machte gestern der Vizekanzler Dr. Frank eine Reihe von Mitteilungen über Kacl Iawurek, die zum größten Teil bereits bekannt sind, aber doch einen evsten U-ebeoMck Wer die Angoben des Täters ermöglichen. / ln Eine regelrechte Einvernahme des- Attentäters sagtt >der PiMlNtzler, konnte mit Rücksicht , auf seine, schloeren . Ver'letzuitgen, oie ihm das Sprechen erschweren, noch nicht . dnrchgejichrt werden. Bei «Len bis nun angestellten Verhören war -c Id:; r c l der Tat o c st ä n d i g, erklärte, schön lange die Abstchi gehabt zu ho'oen, gegen den BundeDawzler einen Anschlag zu verüben, stellte aber in Abrede, von anderen , Per-pnen zur Tal ana-stiflet worden zu sein, mit' Komplicen . die Tat ansgesührl. zü haben oder auch nur .. ..i- - - Mitwisser der Tat zu, hoben. T>e Polizeidrrektion hat sofort nach der Tat um» ra ifc n de Erhe bngen all ch außerhalb Wie n s «in» . ae-' l-..:;

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