Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1903 (2.6.1924)
- Date
- 1924-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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dozelnnniiner K1200 Wien: Zum Abholen in der ,, Expedition, II., T aborstr.l*3ll'V oder in einer VerschlassfatÜrf* (Trafik). monatl. K 35.000’" Strassenverkauf in Wien därch die Kolporteure dar . Firma GoIdschmiedt,I.Be&, WoIIzeile 11. Mit Postveraand für Wien tu.«! Oostorr. monatl. K 85.000; Tscheeh o-S lowakei: Mon. K18. Jugoslawien: Mon. DinaröO. Polen: Mon. 3Vt Zloty, Deutschland: Mon.Goldmark4, Frankr., Belgien: Mon. Frcs. 12 MT Naehzahludjr*B 'Mff bei Prei»«rhöhunjen Toirbebauee ^.'■C!ES|4rn>d3rj4 äb6Uhr a^ll'-IOLMH IX. Uaiyerjii<tät8sto>.^|l (Druckerei Stelnmfura OesherV^ehjsÄÄs Ptz, kassen-Konto Nr. 1: KJgSv! WB Wien. Montag, 2. guni 1924 Bet BundeskaMer schlver. aber nicht lebensgefährlich verletzt — Der Attentäter, ein Epinnereiarbeiter, verwundet sich durch vier Schöffe schwer. Bundeskanzler Lr. Seipel wnvde gestern abends gegen 7 Uhr, als er von einer Versammlung aus Neudörfl im Burgenlande mit dem Balatonexpreß zurückgekehrt war, auf dem Ankun ft sperr on de s Süd vahnhofesdas OP fer eines Red older att ent ats. Der Bundeskanzler war kaum zwei Schritte vom Waggon weggegangen, als ein etwa 3v;ähriger, anscheinend dem Arbeiterstand angehöriger Mann auf ihn zutrat und aus einem in der hoch erhobenen Hand gehaltenen Revolver rasch einenSchuß auf ihn abfeuerte. Der Bundeskanzler lehnte fich, fchw er getroffen, an den LSaggon an, Kriminalbeamte stürzten auf den Attentäter, dem es in der allgemeinen Verwirrung gelang, noch einen zweiten Schuft auf den Bundeskanzler abzugeben und die Waffe gegen sich selbst zu richten. Bon vier Schüssen getroffen sank der Attentäter zusammen. Dr. Seipel wurde sofort in einem Amtsraum des Bahnhofes verbunden und mittels Auto in das Wied ne r Krankenhaus gebracht. Sein Zustand ist ernst, aber nicht lebensgefährlich. Der s ch w er verwundete Attentäter wurde auf die 1. Unfallstation des Allgemeinen K r a n k e nhaus es gebr acht. Sein Zustand ist e r n st, jedoch nicht tödlich. '; ' ■ _ i: . Sofort nach dem Bekanntwerden des Attentats haben sämtliche M i n i st e r, nahezu alle in Wien weilenden ausländischen Diplomaten, Generalkoprmissär Doktor Zimmer m a n Md Mlreiche öffentliche Funktionäre im Wiedner Krankenhaus persönlich Vorgesprächen und sich nach dem Befinden des Bundeskanzlers erkundigt. Um halb 8 IM früh wird mitgeteiltr Nach gut verbrachter Rächt Ällgemeinbefinden zufriedenstellend. Puls 96, Respiration 25, Temperatur 36,7, Btutanfammlung über dem rechten Unterlappen nicht gestiegen. Aus dem Einschuß sickert mäßig Blut, sehr geringe Menge blutigen Aüswurfs. Der Kranke muß absolute Ruhe halten. Zu einem operativen Eingriff besteht keine Veranlassung. Eiselsberg, Schnitzler, Singer, Sternberg, Steiger. Ser HersüKg der Attentats. Dr. Seipel hatte sich gestern vormittags nach N e ut> 5 r f l iatt Burgenland begeben, um dort einer Fahnenweihe beizuwohnen. Zu seiner Rückkehr nach Wien benützte er den B a l a t o n e x p r e ß z u g, der kurz na ch 7 Uhr in die Halle des SüMchrchofes einfichr. Einige Minuten vovher war auch, ein Lokalzug mit Au sslüg l e r n angekommen, so daß ein beängstigendes Gedränge in der Halle des Bcchnhoses herrschte. Der Bundeskanzler, der in einer größeren' Gesellschaft die Reise gemacht hatte, stieg als letzter aus dem Waggon urch wollte inmitten seiner Reiseteilnchmer dem Ausgang zuschreiten, als' plötzlich aus dem dem Salonwagen angehängten Waggon 3.'Klasse ein Mann mit hocherhobenem Revolver auf den Bundeskanzler rasch zuschritt und, ehe es noch stmand hindern konnte, er neu Schuß auf de n B u nd e s ka n zler äbgab. Ein neben dem Bundeskanzler.gehender Kriminalbeamter stürzte sich aus den Attentäter, konnte es.jedoch nicht mehr verhindern, daß dieser noch e i n e n z w e i t e n Schuß auf Dr. Seipel abgab. In dem darauf entstehenden Wirrwarr konnte der Attentäter, a u f sich selbst vier Schüsse abfeuern, und sank darauf zusammen. ' Der Bundeskanzler wußte im ersten Moment gar nicht, daß er verletzt war, doch ein im selben Moment hervvrtretender BI u tst u r z machte den Kanzler in d re Knie sinken. Dr. Seipel wurde sofort in einen Amtsraum gebracht, ‘ wo ihn ein z n sä l.l i g a n w e send e r Münch n e r A rz t' behandelte. Polizeipräsident Doktor Schober erschien in wenigen Minuten am Bahnhof und auch die Rettungsgesellschaft war mit einem Ambulanzauto in wenigen Minuten an der Unfallstelle und brachte Dr. Seipel ins Wiedner Krankenhaus. Lle Person des AttentAers. Der Attentäter verweigerte zunächst jegliche Auskunft. Allein bei einer sofort an ihm vorgenommenen Leibesvisitation fand man einen Taufschein sowie eine Mitgliedskarte der Pottensteiner sozialdemokratischen Ortsgruppe, auf den Namen Karl Javorik, Spinnereihilfsarbeiter tu Pottenstein. Die weitere Untersuchung förderte einen scharf geschliffenen, zehn Zentimeter längen Dolch zu Tage, ferner mehrere Photographien, die Javorik in österreichischer Marineuniform darstellen, und Bargeld, Ä ■ einen Hunderttausend-Krorienfchein und drei Einhundert- Kronenscheine. Javorik, der zwei Schüsse gegen seine Brust abgefeuert hatte, war anscheinend auch schwer verletzt und war nur schwer zu irgend einer Aeußerung zu bewegen. Er gestand schließlich, daß er tatsächlich der Hilfsarbeiter Karl Javorik aus Pottenstein sei. Es habe ihn niemand begleitet, aber er habe von einem Südbahnarbeiter den Auftrag erhalten, den Bundeskanzler aus dem Wege zu raumen. Als man ihn fragte, wer sein Auftraggeber sei, lehnte er es ab, diesen zu nennen und wiederholte nur immer wieder: „Ich bin beauftragt gewesen." Er h<cke in Versammlungen gehört, daß Dr. Seipel ein Schädling des Landes sei und deshalb beseitigt werden müsse. Er habe früher niemals eine Waffe bei sich getragen und sich eigens wegen des Attentats mit einem T r o m m e l r e v o l v er von 6,25 Kaliber und für den äußersten Fall mit dem Dolch ausgerüstet. Als man dann noch, weitere Fragen an ihn richtete, lehnte er deren Beantwortung auf das entschiedenste ab. Er gab nur noch an, daß er verheiratet und Bater mehrerer Kinder sei, und daß er sich gestern eigens von Pottenstein nach Wiener-Neustadt begeben habe, um die Reise nach Wien gemeinschaftlich mit Dr. Seipel im Balatonzug nach Wien zurückzulegen. Wenn man mehr von ihm wissen wolle, dann solle man seine Mutter aus Axenbnrg bei St. Pölten nach Wien kommen lassen. „WenndieMutter k o m m t, w e r d e ich alles sagen." Inzwischen hatten die Aerzte der Rettungsgesellschaft ihr Hilfswerk bei Dr. Seipel beendet und ein Arzt begab sich, zu dem Attentäter, der gleichfalls verbunden und mittels Rettungsanto auf die Erste Unfallstation gebracht wurde, wo er zunächst als Polizeihäftling verbleibt. Jas Motiv des Attentats. Die Tat eines Verzweifelten. Schon im ersten Verhöre sprach der Attentäter von einem Brief, den er hinterlassen hatte unh der Auskunft über die Ursache des, Attentats geben weÄde. Rach ' Mitternacht wurde der Brief eruiert. Er -st an die Gattin des Atteirtäters gerichtet und. enthält ein Geständnis, über eine Veruntreuung des Attentäters in der Fabrik, wo er bedien stet war. Infolgedessen habe er den Entschluß gefaßt, aus dem , Leben z« scheiden. Wenn er aber aus dem Leben gehe,- so nehme er auch noch einen zweiten, der an dem Elend der Arbeiter schuld, sei, '-den Dr. Seipel mit. Wes Nähere, heißt es in dem Brief, werde in den Morgen b l ä 11 e rn zu lesen sein. . Die Polizei also argumentiert, daß man es mit der Tat eines Verzweifelten zu tun 'hatte, der aus dem Leben zu scheiden entschlossen war und bet dieser Gelegenheit noch eine, wie er glaubt, heroische Leistung vollbringen wollte. Jas amtliche kammaniaae. Men, 1. Juni' A m t l i ch wich gemeldet: Bundes kanzler Dr. Seipel ist Sonntag abends auf dem Südbahnhof durch ein Attentat schwer verletzt worden. Der Täter unternahm einen Selbstmordversuch. Der Bundeskanzler wurde vom Bahnhof in das Wiedener Krankenhaus überführt. Im Krankenhaus erschienen Bundespräsident Dr. Hainisch, die in Wien anwesenden Minister, Generalkommissär Dr. Zimmerman, Bürgermeister von Wien Seitz, Landeshauptmann von Niederösterreichi Dr. B u r e s ch, Polizeipräsident S ch o b e r und eine Reihe anderer^ Persönlichkeiten. Die in Wien akkreditierten diplomatischen Vertreter sprachen namens ihrer Regierungen die Teilnahme auö. Im Laufe des späten MendS traten die in Wien anwesenden Mitglieder der Bundesregierung zu einer Besprechung zusammen. Vizekanzler Dr. Frank, der bekanntlich auf einige Tage zur Erholung Wien verlassen hat, wurde sogleich von dem Vorgefallenen verständigt und trifft morgen, nachmittags in Wien ein. . ' , . j - - Bundeskanzler Dr. S e i p e I befindetstH iit SÖe*-- handlung her Professoren Dr. Eiselsberg und Doktor Schnitzler. Sein Hausarzt Prof. Dr. Sin g e r traf un mitte-bar nach dem Attentat im.'Opital ein.'Der Buü«! i.' -'er ist bei klarem Bewußtssin. . . | An Mknifterrat. j ILaufe des späten Abends traten die in W en Mitglieder der Bundesregierung zu einer Besprechung zusammen. Vizekanzler Le. Frank zurüikbernse«. Vizekanzler Dr. F r a n k, der vor einigen Tagen infolge einer Indisposition genötigt war, für eine Woche Wien zu verlassen, ist von Reichen a u, woselbst ev Milte, gestern telephonisch nach Wien zurückberufev^ worden, und ist noch gestern abends hier eingetroffen. gWIlV Ml VVI frlHlVIiHHiMV» Das Attentat auf den Bundeskanzler Dr. Seipel hat zirka 150 Hakenkreuzlern gestern abends, Veranlassung gegeben, , ir» der Praterstratze große antisemitische Exzesse zu veranstalten. Sie zogen in geschlossenen Reihen durch die Praterstraße und schrien unaufhörlich: „Nieder mit den Juden, die Juden sollen für Seipel büßen." Dann drangen sie in die Kaffeehäuser Dogenhos und Dänemark ein und verprügelten dort mit Knüppeln die Gäste. Ein Schwerinvalider wurde durch einen Hieb mit einem Knüppel am Kops schwer verletzt. Die Rowdys zogen dann johlend und schreiend weiter, und wo sie auf einen wirklichen oder vermeintlichen Juden trafen, mißhandelten sie ihn aufs gröblichste. AuS der Praterstratze zogen sie dann gegen 12 Uhr nachts in die Innere Stadt. Auf dem ganzen Wege durch die Praterstraße und bei den Exzessen in den Kaffeehäusern zeigte sich keill Wachmann^ der den ten entgegengetreten wäre. Demission Poimares. Paris,X Juni. (Havas). Heute uck 10 Uhr 30 Minuten hat Ministerpräsident Poineare dem Präsidenten der.RestuSLik Millerand die Demission des Gesckmtkabinetts überreicht. Erste Sitzung der neuen Kammer. Paris, 1. Juni. (Havas.) Die Kammer hielt hm'-, einerein formale Sitzung ab, die eine Stunde ixriiulc. Alterspräsident P in a r-d hielt eine Anspmck)e. u\ bei e i i erklärte: Wir werden Reparaironen a. :r untcr