Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1899 (29.5.1924)
- Date
- 1924-05-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Neuerliche Lärmszenen im Reichstag. — Wahl des Zeutschnationalen Waürass zum Reichstagspräfidenten. (Eigendienst -er „Wiener Morgenzeitung".) _ Berlin, 28. Mick. (12 Uhr mittags.) Soeben wurde D.Mar x mit der KabiuettsWduug vom Reichspräsidenten beauftragt,'nachdem vorher dev Whrer der Deutschnatioualen vom Reichspräsidenten Ebert empfangen worden -war. Dr. Marx hat den Auftrag angenommen und verhandelt deshalb mit den Parteien auf -er Basis, ein Mrittett zu Wden, welches sänrtli che bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der Dentsch- Vvlkischen umfaßt. Aus der Tatfache, daß die Betrauung Marx, unmittelbar nach dem Besuche H e r g t s beim Rerchspväsidouten erfolgt ist, glaubt man schließen zu können, daß die Deutschnationalen auch ihrerseits ein größeres Entgegenkommen beweisen als bisher. Schwierigkeiten bestehen allerdings in der Frage der Besetzung des auswärtigen Amtes. Man glaubt zu wissen, daß die Deuts chnationalen das auswärtige Amt für sich in Anspruch nehmen, nachdem siie parlamentarisch nicht rn der Lage find, den ReiWkanzler zu stellen. Ebenfalls soll feststehen, daß sie .sich nicht mit der Führung des auswärtigen Amtes - durch S t r e f e m a n u einverstanden erklären. Die Frage ist nun, wie sich zu dieser voraussichtlichen Forderung der Deuischnationalen die and>eM Parteien, stellen werden. Das Zentrum dürfte dieser Forderung vielleicht Nachsehen. Hingegen erwartet man, daß die deutsche Volks Partei .sich geschlossen hinter ihre Whrer /bellen -wird,. wodurch neue Komplikationen entstehen wmde.' Eine weitere Frage ijft auch das Verhalten der Demokraten.in dieser Situation, die'bereits früher die Erklärung abgegeben hatten, daß sie sich nicht an einem Kabinett, indem die Dmtschnationalen vertreten find, beteiligen würden. . Indessen hofft man, daß sie von dieser Haltung mit der Rücksicht daraus Abstand nehmen werde, daß der ihnen äußerst genehme Reichskanzler Dr. Marx das -Kabinett bilden Will. Die zweite Rerchstagssihrmg. Berlin, 28. Mai. Es scheint, als ob der Reichstag in jeder Sitzung der Schauplatz wüster Radauszenen sein soll, in deren Mittelpunkt -General Ludendorfs steht. -Auch im Lause der heutigen Sitzung kam es bei der Präsidentenwahl zu turbulenten Szenen, als der Name Ludendorff aufgernfear wurde. Bevor es zu diesen Szenen kam, verlangten die Kommunisten in der heutigen Sitzung, die um 2 Uhr begann, noch vor Beginn der -Präsidentenwahl, daß ihr Antrag auf sofortige Freilassung der verhafteten Abgeordeten besprochen und beschlossen werden solle. Diesr Antrag wurde abgelehnl und zur Präsidentenwahl geschritten.-Sie wurde in der Weise vorg-enommen, daß' die. Abgeordneten alphabetisch aufgerufen wurden rrnd ihre Stimmzettel Lei einem Schriftführer int die Uwe zu werfen hatten. Bei Ausruf des Namens Ludendorff kames zu dem Tumult. Als Ludendorff seinen Zettel in' die Urne geworfen hatte, erscholl Gelächter und höhnise Zwischenrufe von der Kommmristenseite her. Die DeutfchvMifchen antworteten Mit 'Heilrufen und Rusen: „Ruhe, »ihr Galizier!". Die Kommunisten pfiffest und tobten. Einige von ihnen stürzten von den. Bänken nach vorne gegen den Tisch des Hauses zu. Von der anderen SM kamen die Deutschvölkischen hocheigeeilt.' Schon schien es, daß es zu einem Handgemenge kommen dürste, als sich im letzten Augenblick einige Abgeordnete der Mittelparteien dazwischen warfen und die erregten Gemüter beruhigten. Das Toben, Schreien und Brüllen dauerte jedoch noch einige Minuten, bevor Ruhe emtvat und bk Namensaufrufe fortgesetzt werden konnten. Dos - ' Ergebnis -es ersten Wahlganges wier nicht entscheidend. Es erhielt' der Dcutschuationale Wallraff 202, der Sozial-mnokrat Loebe 107, ein Kommunist 47 und 'der Zentrumsabgeordnete F e h r e nba ch 63 Stimmen. Es mußte daher eine Stichwahl zwischen Wallrasf und Loebe stattfinden. Bei dieser wurde Wallraff mit den Stimmen der bürgerlichen Parteien, mit Au snahm.eher Demokraten, zum Reichsiagspräsidenten gewählt. Erster Vizepräsident wurde Dittmann von der Sozialdemokratie, zweiter Vizepräsident der Zentrumsabgeordnete Bell und der dritte Vizepräsident der deutsche Vollsparteiler R i e f f 11. Nach Beendigung der Wahlen wurde die Beratung über die Anträge der Kommunisten aus' Freilassung der verhafteten Abgeordneten fortgesetzt. Die Anträge der Kommunisten wurde von den bürgerlichen Parteien ab ge lehnt. Sie wurden dem Geschästsordnungsausschuß zur weiteren Behandlung zugewiesen. v . Dee erste reaktionäre Vorstoß. Berlin, 28. Mai. Die deutsche. Volksparter W im Reichstag den Antrag, ei-ngebtacht, ArtK 3 der Reichsver-. fassung sei zu ersetzen durch: R e i chs färben, f chwar'z.-wei ß MWafter.voN 20 auf 23' Jahreerhöht, werden» tzugland und die Kabinettskrise. Eine Warnung an die MMschm. (Eigendienst der ,Mener Morgenzeitung") . London, 28. Mai. Das Auswärtige Amt informierte die Mitarbeiter der -Londoner Mütter über seine Stellungnahme zu der Berliner Kabinettskrise. Es wird betont, daß Großbritannien den Expertenbericht angenommen habe, obwohl wcher »Mae Donald noch auch irgendein anderes Mitglied der Regierung' mit jedem - Punkt dieses Gutachtens : einverstanden war. Italien und.Belgien sind in derselben Lage, und die britische Regierung erwartet deshalb, daß sich Deutschland ebenso ver'halte, wenn sie auch sehr Wohl begreift, daß die dmchche Regierung gegen Einzelheiten Einwendungen erheben kann. Aber nachdem sich die Alliierten und Amerika auf dev' Basis des Hapertenberichtes geeinigt haben, besteht für Deutschlanld nur die einzige' Möglichkeit, den Bericht anzuuehmen, Äa sonlst C h a o s . und B a -n k r o t t für Deutschland unvermeidlich Wären, sMst wenn^ sich die' Nationalisten im Augenblick im Scheine eines Erfolges sonnen würden. Ikpan gegen Amerika. Protest gegen das Emwauderungsvervot. Tokio, 26. Mai. (Ten der „Wiener Morgenzeitung.") Das Kabinett hatin einer außerordentlichen Sitz u ng' zu demneuen. amerikanischen.Einwanderungsgesetz Stellung genommen und beschlossen, in Washington gegen dieses Gesetz Protest zu erheben, da es als eine Verletzung des amerrkanW-laPanischen Vertrages zu 'betrachten sei. Neberdies lwurde.beschlossen, den Botschafter Kam Hara zur Rückkehr zu evnrächtigen. Derössentlichung des Briefwechsels Mm Donald-Psmcare. Paris, 28. Mai.. (Del. der ,Mr. Mvgonzeitulng".) Pvincare,-der Mann' von' gestern, ,spielt seine 'letzte Karte,atzs:' Die Agenee Havas veröiff-enMcht heute seinen ' tot Monat Mai,-mit Mae Doualld.lg-eWvte» - BvivfwechsÄ/' ' der in keinem Punkt besonders interessant ist Md von. der Oöffe-nMchkeit auch.nicht mchr beachtet, wird. .; - fine neue Sffenfive gegen den Frieden. ' ' - —y. Wie N, 29. Mai. . Wir haben vor kurzem gemeldet, daß die völkischen Parteien in Deutschland über Anregung des kürzüch in den Reichstag gewählten /Herausgebers des „Hammer", Thecä)or Fritsch, eine Neuauflage der ^Protokolle der Weisen von Zion" veranstalten. Diese Fälschung hat im Verlauf der Wahlkampagne'in Deutschland , eine -große Rolle gespielt und tatet zu den Erfolgen, der Ludendorffer ieigetragen. Die Herausgabe einer. Nmauflage dieses Buches scheint ein Äril' einer neuen antisemitischerl Offensive zu sein. Nach einer uns aus Belgrad zugehenden Meldung Plänen auch die dort lebenden.russischen Monarchisten ein ähnliches. Werk. Es wird ein. neues Büch über die Nilus-Fälschung'vorbereitet, welches, wie . es in den Werbebriefen heißt, neue Details bringen und. die von jüdischer Seite geführten Fälschungsbelveise „ividerlegen" soll. Dieses . Buch wird in vier Sprachen erscheinen, und zwar zur gleichen Zeit russisch in Belgrad, deutsch in München, enMch .in ,New-Z)ork und spanisch in Buenos Aires für Südamerika. Ein, solcher > ' Plan setzt außer einer umfassenden Organisation auch , noch große. Geldmittel voraus. Es sind Anzeichen dafür vorhanden, daß hier wieder Henry Ford die Hand im Spiele hat, der vor kurzem, älß er sich noch mn dir. Prä- - sidentschaft zu bewerben aüschickte, in. einem Brief an. einen Berner Rabbiner die Autorschaft seines Buches >,Der internationale Jude" abgeleugnet hat. Die neue arftffmrWche-Welle/^^^^^^ sich vjetzt auf solche.Weise anküüdigt,' hat seMtverstärMich neben ihrem Pogrominhalt -auch Men ' politffchen Zweck.- DieinternatiönÄe VevfchworÜÜg^^^ Men . den- Frieden, deren Vollstrecker WMch Kriegshetze^ und' Pogromprediger sind, fürchtet die paziftstische-Entwicklung, die mit dem Wahlsieg der englischen Arbeiterpartei in ein aussichtsreiches Stadium getreten ist. Die Regierung Mac Donalds hat auf allen Punkten die Initiative ergriffen, um ihr Progrämnr zum Sieg zu führen, dessen erstes Ziel die Vorbereitung einer neuen WölUonferenz über die Probleme sein soll, die nach dem'Krieg nicht liquidiert werden konnten. Ihr Streben geht vor allen: dahin, zwischen Frankreich und Deuffchland, . erträgliche _. Zustände zu schassen und durch die Heranziehung Deutschlands an den Völkerbund -dem bisher allmächtigen # Einfluß Frankreichs ein Gegengewicht zu bieten. Die englische Regierung hat die Forderungen Frankreichs, soweit sie diese für-berechtigt ansieht/ zur gemeinsamen Forderung der Entente gemacht und .will auf diese Weise! verhüten, daß in'Zukunst üvieder.der französische Imperialismus allein. ■ und ungehemmt gegen Deutschland Vorgehen kann. Daß diese Absicht den Wünschen der übergroßen Mehrheit des französischen Bdlles entspricht, beweisen, die letzten Wahlen in Frankreich. . Die deutschen Nationalisten sahen diese Wendung kommen und sie. setzten rechtzeitig wüt einer Gegenaktion, ein. Eine französisch-deutsche' Verständigung niinnrt ihnen den^ wertvollsten Propagandastoff; sie würde nchst anderen Lügen auch die widerlegen, daß das : „Weltjudentum" für Frankreich und gegen Deutschland arbeitet. Dem Ehauvinismus' in aller Welt wäre der ' Bvden entzogen in dem Augenblick, in ivelchem unter Aegyde der englischen Arbeiter die beiden großen Staater: ' sich.zu frieMcher Aussprache an den Konferenzüsch setzen. ' Dies wäre ein Schlag für das Ha'kenkveuztmn und alle mit ihm veMndeten. Elemente, in allen Teilen der Welt, für alle, die.van dem . Haß der Massen, der Böl- : ker und der Rassen gegeneinander leben. Eine solche Gefahr mutz gebannt werden und .darum ging das Bestreben aller dieser Elemente dahin, neue. Schwierigkeiten - zu erzeugen. In Deutschland trieben die Nationalisten ' dazu, den Reichstag vorzeitig aufzulösen und die Wahlen - noch vor dem Termin. der französischen Kammerwahlen durchzuführen. Sie erhofften sich davon einen großen Erfolg ihrer Gegenspieler' auf der anderen Seite des Rhäns.' Diese Hoffnung ist zunichte geworden, aber der - Züstand,> der ln-'Deutschland einge'treten ist,. Lerechtrgt ' dieses Gesindel zu neuem Optimismus. Es ist unzwerfel- . hast, daß in diesem Treiben, das sich außer in- Deutschland auch noch an vielen anderen.Punkten der Welt von englische Stoffe, Herren*- und Damen- wasche. Leinen i Teppiche, Vorhänge etc. billigst im II. Taborstraße 48 Telenhton 47-1-7Ö En gros En 'delr:*