Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-05-21 · Heft 1891 (21.5.1924) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1891 (21.5.1924)
Date
1924-05-21
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980974--19025-3006139
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

LITERATÜRBEILAGE DER „WIENER MORGENZEITUNG N ummer 10 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 'ADMINISTRATION. „WIENER MORGENZEITUNG'', WIEN, II, TABORSTRASSE 1-3 21. Mai 1924 i - 9 UNSER BUCH DER WOCHE Henkermemoiren Die FamÜfe Sanson hat in den Jahren 1685 bis 1847 das Scd-aMohtspamt in Paris ausgeütot. Diese Jahre umspannen den Zeitraum, in welchem Frankreich den Usbergang vom absolutesten Absolutismus bis zur demokratischen Repulblilk vollzog, eine Zeit voll der iwÄdesten Erschütterungen, die sich mit der Wuoht eines Erdbebens auch den anderen europäischen Staaten mitteilte. Die gewaltige Eruption des politischen und sozialen Radikalismus, die am Ausgang des 18. Jahrhunderts dem Volk die Freiheit erkämpfte, hatte auch den Bodensatz der Bevölkerung in die Höhe gerissen und Zustände gezeitigt, die sich ln nichts von denen unterscheiden, die wir Heute nach dem Ende des Weltkrieges an so vielen Punkten Europas sehen. Der eine Terror erzeugt den anderen. Dem hochmütigen Gesindel, das den Thron des Sonnenkönig* umstand und auf Kosten der Bauern, Handelsleute und Arbeiter ein vergnügliches, durch keinerlei Arbeit gestörtes Dasein führte, entsprachen auf der anderen Seite die Nutznießer der Revolution, die ihre persönlichen Bestrebungen und ihren Profit als das Interesse des Volke* auszugeben verstanden, Diese Zustände brachten der Familie Sanson volle Beschäftigung, und aus den Memoiren (»Tagebücher des Henkers von Pari«“ von Henry Sanson. Deutsche Ausgabe in zwei Bänden von Eduard Trautner, Verlag Gustav K i e p e oben e r, Potsdam), die der letzte männliche Sproß dieser Dynastie veröffentlicht, ediält man zugleich eine Uebersieht über die Entwicklung, welche die ■ Ausführung . der Todesstrafe genommen hat. Es ist alles da, was man sich nur wünschen mag. Man’wandelt durch ein kriminelles Museum und mau erkennt, daß die Menschheit immerhin seit den Tagen der Inquisition wenigstens auf diesem Gebiete große technische Fortschritte gemacht hat, ja, daß sogar hervorragende geistige Persönlichkeiten daran mitarbeiteten, der strafenden Gerechtigkeit einen möglichst vollkommenen Apparat zu erzeugen. Galgen und Rad, Feuerbrand, glühende Zangen, sinnreich konstruierte Stfeckmasohinen, spanische Stiefel und was es sonst auf diesem Gebiete gibt, sind die Symbole der Gerichtsbarkeit unter dem absoluten •Königstum. Von Geschlecht zu Geschlecht erbt-sich in der Familie Sanson die Kenntnis dieser Dinge fort. Der Ahne war Offizier -und hatte wegen unglücklicher Liebe Frankreich verlassen, um jenseits des Ozeans ln Kanada, das . damals noch französisch war, sich ein neue Existenz zu schaffen. Uebessehnsucht trieb ihn wieder zurück, doch .er konnte das Glück nicht finden. Das Mädchen seiner Liebe hatte inzwischen seinen Bruder geheiratet.. Dieser starb und die Witwe wagte es nicht, ihm nach dem Tode die Treue zu brechen. In einer stürmischen Gewittern acht versuchte ihr Geliebter, sie auf seinem Roß zu entführen. Das Roß stürzt, die Frau zerschellt an einem Felsenabhang und der unglücklich Liebende beibt bewußtlos liegen. Im Hause des Freimann« kommt er wieder zu sich, wird gesund gepflegt, verliebt sich in dessen Tochter, die er später entehrt und datrn zur Frau nimmt, Es ist die Tochter des Henkers; wer mit dieser Familie in Berührung kommt, wird ehrlos wie sie, Dem jungen Offizier bleibt nichts übrig als Henker zu werden. Er vererbt diesen Beruf auf vier Generationen und erst nach 162 Jahren erlischt der Stamm. Die Revolution bringt auch dem Scharfrichter die bürgerliche Freiheit, Aber sein Dank ist sonderbar. Jeder Sanson, der als Henker zur Verfügung der Staatsautorität steht, ist überzeugter Monarchist; die Treue und Liebe zum König und seiner Umgebung, mag es selbst die verrottete Bande sein, die die Hals» bandgeschlehte anzettelte, kann durch nichts beeinträchtigt worden, Und das mit Recht, denn zu dieser Sorte Königtum gehörte Galgen und Rad; es war der Beruf des ScbarirldTters, diesem System zu dienen, wenn auch die Aufzeichnungen, die der Ahne, der Sohn und die Enkel hinterlleßen, sehr oft den Schauder verraten, den sie bei der Ausübung ihres Geschäftes empfanden. Dies lobt sich freilich nur Jn den Aufzeichnungen aus, Im Beruf sind sie alle nur Scharfrichter, nur Maschine, willenlose Instrumente. Wenn der Vater krank ist, so vertritt ihn der Sohn, Als 1757 Francois D a m i e n s den König Ludwig XV. durch einen Stich ln den Hals verwundet hatte und vom Parlament — so nannte sich die Gesellschaft von Prinzen, Herzögen, Palrs, von Staats- Würdenträger und hohen Funktionären,, die alle mit ihrer Existenz an das Königtum gebunden war eh, an ihm verdienten und von ihm lebten — zum Tode verurteilt wurde, vollzog der siebzehnjährige Charles Henri Sanson in Vertretung des gelähmten Vaters das Amt, und zwar genau so, wie dies das Urteil detailliert angeordnet hatte: „Der Gerichtshof verurteilt Damlens, Buße zu tun vor der Hauptpforte der Kirche von Paris, wohin er geführt werden soll, in einem Karren, nackt bis auf das Hemd, eine brennende Wachskerze von zwei Pfund Schwere in der Hand; wenn dies geschehen, soll er in besagtem Karren auf den Greveplatz geführt und auf einem Schafott an Brust, Armen, Schenkeln und Waden mit glühenden Zangen gerissen werden; seine rechte Hand soll an Schwefelfeuer . verbrannt werden und in die Stellen, an denen er mit Zangen gerissen, soll geschmolzenes Blei, siedendes OeJ und brennendes Pechharz, Wachs und geschmolzener Schwefel zusammengegossen und darauf sein Körper von vier Pferden auseinamdergerissen, Glieder und Rumpf dem Feuer übergeiben, zu Asche verbrannt und letztere in alle Winde geworfen werden . . . Wir befehlen, daß vor besagter Hinrichtung besagter Damiens auf die. gewöhnliche und außergewöhnliche Folter gebracht werde, damit er seine Mitschuldigen bekenne“. Dieses Urteil wurde .ausgeführt an einem Mann, dem die gewöhnliche und außergewöhnlich« Folter jeden Knochen im Leibe zerbrochen hatte, so daß er am Schafott wiederholt ohnmächtig wurde und die anderen Qualen kaum mehr fühlte. Aus dieser Zeit führen uns die Memoiren des Scharfrichters immer tiefer in «die entsetzliche geistige Verwirrung, deren schließliches Ende die Revolution war. Die Familie Sanson ist ihr nicht hold, aber sie gesteht selbst, daß die Mittel der Gerichtsbarkeit durch die Guillotine abgelöst wurden, ein Instrument, das von dem Arzt und Deputierten Guillotine ausgedacht, von dem deutschen Mechaniker Schmid verfertigt und von König Louis XVI, verbessert wurde. Dieser König war eines der ersten Opfer seiner Maschine,. . . n verlangen 81« von HELLER (BURUM1 J, Bauernmarkt ko»tftnlQSl Der letzte der Sanson hat Im Oktober 1844 zum letzten Male sein Amt ausgeübt. Er brachte einen Grundbesitzer, der seine Frau und seine Geliebte ermordet hatte, vom Leben zum Tode. Er schließt seine Memoiren mit der Erzählung: „Es fand sich eine ungeheure Volksmenge bei der Hinrichtung ein, welche sich wenig menschlich zeigte und den Delinquenten bis an den Fuß des Schafotts mit Schimpfreden verfolgte.“ Drei Jahre später wird Henry Sanson aus dem Staatsdienste entlassen. Seine Memoiren sollen, wie er sagt, den Kampf gegen die Todesstrafe beschwingen. Er selbst, der die Tagebücher seiner Familie der Oeffentllehkdt übengibt, hat hundertelf Menschenköpfe auf den Altar der Justiz gelegt, und er fragt: Was ist das Ergebnis dieser Bilanz? Null. Die Todesstrafe ist ursprünglich kein Mittel der Justiz gewesen, sondern ein Mittel des. Monarchismus, der seine Gegner nicht anders zu beseitigen wußte, Sie hat dann ihr Verbreitungsgebiet in der Politik gefunden und ist durch den Krieg geweiht worden. Sie hat im Rechtsichen Ihre Wirkung versagt und kein Mörder hat sich durch die Furcht vor dem gewaltsamen Ende in seinem. Werk stören lassen. Unsere Zeit beginnt die* zu erkennen und so wie der Krieg verschwenden wird, so wird auch die Todesstrafe verschwinden, eines der Ueberbleibsel einer «barbarischen Recht&auffassung, von deren Niederträchtigkeit Henry Sansons „Tagebücher der Henker von Paris“ ein trauriges Zeugnis abiegen. i. j. DAS MODEBUCH Die ewige Oar^onne Die Existenz der Oaroonne (zumindest in Ihrer Roman» form) ist viel umstritten — wobei in Parenthese zu bemerken ist, daß es mit dem Urbild der Rotmngestalt dicht anders geht. Nach den Prozessen des französischen Autors gegen1 die Verleger der sogenannte» «deutschen Übersetzungen, welche zu nichts anderem als zu einer Vergrößerung der Auflage führten, und — wahrscheinlich im Interesse des Absatzes — wie da« bekannte Hornbergerschießen endeten, gibt es nun «in «Paris einer» richtiggehender» Plagiatprozeß wegen des Werkes von Marguenltte. Ein Fräulein Marie 'Latparcerie klagt Victor Marguerifcte «an. daß er das Sujet der „Gareonne" Ihrem (nämlich des «Fräuleins Marie «Laparoerie) vor drei Jahren im Verlag Flammarlon veröffentlichten zweibändigen1 Roman ,,Les Amants de Rosine, lew me h o, n n e i e‘* entnommen habe, dessen Inhalt sie bei einem Diner — wovon reden: sahrlEftstollertide Tischnachbarn beim Essen? — Victor Margueritte erzählt «hatte. Die klagende Schriftstellerin (oder das •$chri«ft'stellernd«e «Klageweib), welche für die Benützung, der ,$arconne”•iQrundh'gen sage und schreibe 50.000 Frauken fordert, will beweisen, daß ln beiden Romanen die handelnden' Personen demselben Milieu entstammen «und dieselben Abenteuer erleben, «Mergueritte «bestreitet dies, Indem er erklärt, die Geschichte einer jungem Dame, die ■nach verschiedenen Abenteuern ein «übles Ende nimmt, sei doch im Grunde genommen ein AMerweht«Stoff. Das mit dem Allerweltsstaff stimmt — sonst hätte der •Roman bestimmt nicht so elngeschlaigen«; nur ös>t es noch zweifelhaft, ob die Aller Weltlichkeit des Stoffes die Banalität seiner Behandlung rechtfertigt. Wie aber dem auch sei, sicher Ist, daß das Fcuerohen, eines «Piaglatprozesses ■genügt, um auch für die nächste Saison den Absatz zu sichern. Denn es gehört'zum guten Ton, ein Buch 'gelesen zu haben, das nicht «bloß angeblich verrucht, sondern auch hoch plaigiiert Ist. Und >überdles ist es parodiert. Wien hat gleich zwei Parodien henausgebraoht. Die eine von Hans Re!mann (hn Imternltorialen Verlas ,/Renaissance"), hat. ein gutes Titelbild von Boris und macht sich mit Erfolg über die Liebstoeckeflel (lies Uebersetaunig) lustig. Die andere (bei dem „autorisierten“ Verlag der „Garcorine", dem Karl Sohusdek-Verlag, erschienene) hat einen Autor mit drei Sternen und dazu reichlich Karikaturen von Godel; diesesind der Sache besseres Tetfl. Das Transponieren des Sujets in« Wienerische mit der Verulkung der •lokalgesetzliofoeij Schranken, die dem Ausleben einer Wiener Garcoune-Blüte gezogen sind, ist eine recht gute Idee; die Ausführung erinnert an gewässerten SMbowitz. Ach ja, es «heißt doch, daß Egon «F rledell der Autor sein soll; aber Ich glaub's trotz der Slibow!tZ’Asis*oizlation nicht. Die Parodien«, mögen Sie auch schlecht sein, haben doch ein Gutes: sie sind ein Zeichen von Volkstümlichkeit, Und Volkstümlichkeit führt sicher dazu, daß die „Allerweltlichfceit“ der „Oarconne“ au« dem Bereich des Sensation?» rummel« in die stillen Regionen der Küchenlektüre verschwindet, aus denen sie nie hätte herauskommen können, •wäre der Modegeschmaek nicht eben mit dem Küchen» gesobmack Mentisch. S l eig f r ied Schm! t •*. ' LEBEN IM BUCH Claude Farrfcre: „Die neuen Menschen." Roman. Tnlerterritorlaler Verlag „Renaissance“. Wien-Berliu-Leipzig. Parröre, der ausgeizeiohnete Erzähler, führt in diesem Roman nach dem neuen «Marokko, dem Marokko, welches die französische Kolonisation geschaffen hat. Der Typus des durch sie geschaffenen neuen Menschen soll aufgezeigt werden. Man merkt die Absicht und man wird verstimmt, denn es Ist FarrLre diesmal nicht gelungen, zu überzeugen. Selbst wenn wir die Voraussetzung gelten lassen, daß FarrLre, der ja Franzose ist. d«as französische Kolonisationswerk in Marokko mit ganz anderen Augen sicht, als es jeder tun muß, der von den Ergebnissen «dies frantzösischen Kolonfsatjonstalentes und der französischen Kolonisationsmethoden auch nur einiges kennt, so bleibt dann noch dör schwere künstlerische Einwand, der nicht so leicht aus der Welt zu schaffen «Ist: Der Atem «dieser neuen Zeit und ihren neuen Menschen, wie sie FarrLre verschreiben, ist. lq dem Werke nicht recht zu spüren. Ein gut Teil der Sc«hmSi#8ig vielleicht die Ueberseteuug tragen — das Original war leider in Wien nicht aufzutreiben —, in der von der ersten bis zur letzten Seite eine Menge Aergcrmisse' zu finden sind, welche die Lektüre dies Buches ziemlich stark verleiden. (Ein „Kamin“ auf einem Schiff und ein M'astmslstsr". „es wimmelt vor Neugierigen^, «Häufung von Konjunkturen usiw. ist bloß die Blütelese der. ersten Seite.) Und noch ein «Einwand: Afrika selbst, seine Natur und. sein Wesen, tritt «uns merkwürdig blaß entgegen. Es gibt weit bessere Romane des fruchtbaren! Schriftstellers. —fe, Wilhelm Braumüller & Sohn Abteilung; Antiquariat =55s=t Wien. I. Bfti.i Bauernmarkt Nr« Sn.------- U«d«s H-chi-e ftiiro bat Rihda-föäebep BRAUCHST DU SUCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN,!. RQTBNTURMSTRASSE 88 -llJm JJIOIJJ- — - 26

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.