Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1884 (14.5.1924)
- Date
- 1924-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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* HTERATURMILAGE DER „WIENER MORGENZEOTJNG“ Nummer S ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 14. Mai 1924 Administration• „-wiener morgenzeitung“, wien, 11.. taborstrasse 1-3 UNSER BÜCH DER WOCHE Utopie und Freiheit Ernst Bloch, dessen „Geist der Utopie“ eines 'der wenigen philosophischen Bücher der letzten Zeit ist, das sich aus der professoralen Alltäglichkeit erhebt, hat jetzt bei Paul Cassirer, Berlin, einen jBatid kritischer Essays erscheinen lassen* die er .„Durch die Wüste“ betitelt. „Durch die Wüste (ziehen wir nun wie lange schon. So soll dieser Titel idem ganzen Buch voranstehen, und auch heitere Erihmerung steigt dabei auf, mitten in Ernst, an ein fCnaberibuch, heiß gelesen, an Spuren im Sand und jGeröll, an rasende Ritte hinterher, den Schut vernichtend, Seiiiza befreiend.“ Und wirklich, neben dem ,Dunklen, den kanaanrüscken Weg“, in welchem es „allein noch vom Tempo, von der rechten Richtung [der Reise abhängt, ob wir die Palmen und Kuppeln jder Stadt endlich erreichen“, neben dem Wegeweisen ■Blocks mit der Deutung optimistischer Skeptizismus, (darin der Wille zur menschlichen Erfüllung kräftig pulst, bringen diese Essays einige freundliche Heiterkeiten über Tun und Treiben des deutdien Geistes. Politische Aufsätze vom Kriegsbeginn an, bis zum ■Jahre 1920 BHcke auf Deutschland werfend und Ausblicke enthüllend, sagen in konzentrierter Form manch Wesentliches über die deutsche Zeit, besser 'gesagt die preußisch-deutsche Zeit, die noch immer nicht enden will; so etwa: „Der italienische Bauer und Verdi, der französische Jüngling und Bergson, der kussiscbe Mensch und Dostojewski — das sind insgesamt bruchlose Zusammenhänge, die man in diesen neuen Preußen-Deutschland vergebens suchen möge, wie sie bösartig beziehungslos oder bestenfalls mit WurzeOoseä Snobismus an seiner Intelligenz Vorbeigehen. Das ebenso furchtbare wie schändliche Baroidoxon der deutschen Revolution, sich gerade einer entarteten Jugend gegenüber nur mit Mühe zu bewahren, wird aufgezeigt, Bayerns jüngste Rolle als „Ordnungszelle" wird durch historische Analogie aus der Zeit vor 100 Jahren erhellt. Hoffender Ausblick auf die Kraft des sozialistischen Oedankens weht durch (diese Aufsätze; leider tot Preußen-Deutschland den »Sozialismus, den der Untertan begreift, und keinen menschlichen. Kulturkritische Aufsätze, „Destructio destructioflls“ betitelt, sind Kritik der Kritikers der Schöngeister, der Philosophen, der Nobelpreispreiser, der Okkultisten und anderen Tag- und Naohtgelichters. 0er „unsägliche* Otto Flake -wird definiert, die „Edschmidoide“ der Kritik, die für Philosophie wie ffür Bäderreklame gleichennassen bereit sind, werden iebi wenig analysiert. Das Läberatenparfum -Bubers, i'dte ViertelbUdung des Theosophen Steiner finden Zurückführung auf ihre „Orundformeln", und schließlich .wird die philosophische Kathederweisheit der deutschen Gegenwart ein wenig näher beleuchtet. Insbesondere findet der Oswald Spengler, welcher der bürgerlichen Impotenz ihre Ideologie gab, in seinem strafenden Oberlehrer-Pessimismus als „Optimist mit Trauerflor“ deutliche Belichtung. Die hohle Eitelkeit Keyserlings (wie steht mir die Welt als Hintergrund?) wird kurz enthüllt, Bergsons Unzulänglichkeiten ■werden bei aller Achtung vor dem Erlebten wenigstens im erlebten Schöpferischen aufgezeigt. Einige philosophische Anekdoten und Studien beschließen dieses Buch, das von der ersten bis zur (fetzten Seite in Atem hält, weil es Bewegung, Zeit, Leben, atmet und 'bejaht; eine für die Gesellschaft Heidelberg-Mannheimer Kinofreunde geschriebene kurze Erörterung über die Melodie im Kino, weist der ‘Musik des Kinos eine utopistisch aber genial gesehene schöpferische Kraft für neue Formeln der Opernmusik «zu. Die Fülle von Gedanken schöpferischer Eingebung, die aus jeder Seite dieses Buches spricht, stellt Bloch ln die Reihe jener, die nicht für den Tag «schreiben, sondern für die Zeit. Es liegt nicht nur Kraft des Wortes, sondern auä des Ethos darin, wenn es am Schluß dieses Buches heißt: „Durch die ganze Natur gilt es, das Horn des Aufruhrs zu blasen ..» Schweigen auch die Steine, als wären sie voll Tiefe, so sind sie es doch nicht, sondern schon eine Blume Itiefer. Oede und völHgleer klingt das Wogengeräusch, es starrt in die Wüste und das Hochgebirge in falscher Erhabenheit, aber es > starrt,' nirgends wohin, «sondern hält nur einen großen' Platz besetzt, auf den inicht der Berg gehört, sondern das Reich unserer Freiheit.“- * E. G. Fried. LEBEN IM BÜCH Franz Masereel der erlebende, mitleidende, vielleicht sogar entsetzte, die Kreatur Gottes. Darin liegt der tiefe, soziale Sinn verborgen, den seine Monographien Holitscher und Zweig, auch als den Sinn seines Künstlertums begründen. Oskar Rosenfeld. [Dis verlangen Sie von HELLER (BU&UAtt I. Bauernmarkt kostenlos! Den Künstler aus seinem Werk herauslösen und däe bildnerischen Faktoren menschlich darstellen, heißt, ihn seinem Schicksal, seiner eigenen Geschichte überliefern. Er lebt dann sein eigenes Leben neben der Zeit, durch die er geworden und die seiner Existenz die schöpferischen Elemente geliefert hat. Eine dankbare, aber verantwortungsvolle Aufgabe, die nur ganz starke, selbst schöpferische, Menschen auf sich nehmen dürfen. Der fünfunddreißigjährige Flame Franz M a s eree!,*) der männlich-kühne, „gute Europäer“, hat in Stephan Zweig und Artur Holitscher zwei solche schöpferische Menschen gefunden, die ihm als Mann und Bildner, als den typischen Holzschnittmeister seiner Zeit, her ausgestellt haben. Masereel ist bisher mit selbständigen Werken und Illustrationen zu Werken in deutscher und französischer Sprache hervorgetreten. Die Bilder der Passion eines Menschen, das Stundienlbuch, die Sonne, die Erinnerungen der Heimat,, ferner die politischen Zeichnungen, der ewige Jude, die Holzschnitte zu „Calamus“ .seines Wesensverwandten Walt W h i tm a n und zu Romain Rollands „Liluli“, bezeugen das, was Holitscher die „zentrale Idee, Leidenschaft, Heiligkeit, das ungeheure Geschehen der sozialen Umwandlung, das Kommen der Gerechtigkeit, dessen Zeugen wir sind“, nennt. " "• '• " ' Es scheint, daß Masereel von Haus aus sich von den wirren Wegen der heutigen Kunst ferngehalten und den Entwicklungskampf, den jeder junge Künstler geht, in sich ausgekämpft hat, bevor er zum Messer gegriffen. Und es scheint auch, daß sein Werk, mag es manchem noch fragmentarisch dünken, etwas End« gültiges, das zentrale Wesen seiner Zeit Fixierendes dokumentiert. Denn in allen seinen Manifestationen läßt sich eine tiefe Verbundenheit mit dem Leid, der Gegenwart eikennen; aber seine Energie zerschellt nicht an ihr, er kann Distanz wahren und durch sein heroisches Künstlertum das Leid überwinden. Im Mittelpunkt seiner Holzschnitte steht der Mensch, der Mensch.mit. allen seinen Trieben.und Leidenschaften der Zeit, nicht der pathetisch-romantische; Ankläger oder vielleicht der Verherriicher des Zeitalters, nein: *) Franz Masere ei. Von Artur Holitscher und Stephan Z-wei«. Axel Junker- Verlag, Berlin; 1934; mit dessen Erlaubnis der obenssteheuSde Holzschnitt reproduziert ist. Der Hochstapler Seit mehr als 15 Jahren arbeitet Thomas Mann an dem Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krul 1“, dessen erster Teil als „Buch der Kindheit“ jetzt in der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschienen ist. Es ist, als ob der Ziseleur der deutschen Prosa auf die Gestaltung des Hochstaplers ,die Mühe, die Fein- und Kleinarbeit eines ganzen Lebens verwenden wollte. Im Wesen „Hochstapler“ liegt ja wirklich, jenseits von der kriminellen Beschränkung des Begriffes, eine ungeheure Weite der menschlichen Wandlungsfähigkeit, liegt vielleicht auch etwas von dem, was man „Schlüssel des Erfolges“ nennt, liegt Grenzgebiet zwischen Schein und Wirklichkeit, das in der menschlichen Seele, ebenso wie in den menschlichen Erfahrungen, Irrtümern und Leidenschaften hundertfältigen Ausdruck, vom Komödienspiel bis zum §piel mit der Macht erhalten hat. So kann die romanhaft epische Gestaltung des Hochstaplers zum Erfassen des Menschen in seinen geheimnisvollen dunkelsten Tiefen werden. Sie mag auch Thomas Mann vorschweben, während , er Jahr um Jahr an seinem Felix Krall arbeitet und bisher erst das Buch von Krulls Kindheit dein Leser zu überantworten wagt. Ob das Fragment, das bisher vorliegt, je vollendetes Werk werden wird? Zweifel drängt sich auf, Zweifel daran, ob das Mosaik, zu dem Thomas Mann mit vorsichtig wägender Hand Sternchen an Sternchen setzt, je in seiner Gesamtheit das Bild ergeben kann, das dem Künstler' des Mosaiks vorschwebt. Aber die „Kindheit“ Krulls, die jetzt abgeschlossen vorliegt, ist ein herrliches Gebilde kühler Meisterschaft. Da wird mit einer oft grausamen Kälte das Innerste der Regungen bloßgelegt, die in ihrem Grunde das Wesen des Hochstaplertums bestimmen, schon im Kinde vorbestimmen. . Es gibt da eine Szene, wo der achtjährige Krull als Geigenwunderkind Auftritt, ohne Geige zu spielen. Er ahmt sozusagen die Seelenbewegungen des Geigenspieles nach, ohne einen Ton hervorzubringen, und — «man sah ein Wunderkind. Meine Hingebung, die Blässe meiner arbeitenden Miene, eine Welle Haares, die mir über das eine Auge fiel,, meine kindlichen Hände, deren Gelenke von den blauen, an den Oberarmen bauschigen und nach unten eng zulaufenden Aermeln kleidsam umspannt waren — kurz, meine ganze rührende und wunderbare Erscheinung entzückte die Herzen.“ Hier wird das Aeußere, die Geste des öffentlichen Auftretens in einer Weise dargestellt, die mit eindringlichster, aber vielleicht auchhohn voller und verzweifelnder' Empfindung den Schein und die Sucht nach ihm zu einem Grundgesetz menschlicher Wirkung erhebt. Das •ist die manchmal furchtbare Kälte, die dieses bezaubernde . Buch, ein unvollendetes,. weil wohl unvollendbares, ausströmt. E. G. F. Jakob Wassermann über das Buch. In der - „Neuev Züricher . Zeitung“ . schreibt Jakob Wasserm ann: „Datvon bin ich durchdrungen,. daß das wirkliche Buch, das Buch als Wesen, genau wie die lebendige Kreatur einen unfehlbaren und: bfutimäßigen Magnetismus 'besitzt, der je sicherer, beideutender .-und w ergreifender ist, je höher , eben das Buch in, der Rangordnung der Geschöpfe .steht. Es ist eine erotische Funktion -in ihm, ja, es ist geradezu, sein Eros, um den es sich'dabei Handelt, seine Werbemacht, seine Liefeesgewalt Ich habe im Laufe - meines Lebens die Erfahrung gemacht, daß jedes besedte Weserv genau in dem Mäße Liebe empfängt,. wiie es Hiebe aus* strömt und gibt. Man braucht also das Buch gar •nicht änzuprersen; es zwingt sich auf, weil es eben da'is't, weil, esim wahrsten Sinn existiert; schneller oid-ör' langsamer, mit' einem Schlag oder im Laufe der Jahre erzwingt es sich seinen Plate in den Herzen und Gehirnen der Menschen.“ DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Braumüller & Sohn Wien, I. G r.a b e n 21 l Usdcs $ab n Uei'iy bat Ki1{o1a»J§äcbeT BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT _WIEN, f. ROTENTURMSTRASSE 22 11 r lg»