Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1883 (13.5.1924)
- Date
- 1924-05-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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HM'Z " " ' Wien, Dienstag """ ' "Affäre Schreier. Herr Max Schreier, der Herausgeber des „Morgen", 'Les,^Lag" und des „Götz von Berlichingen", hat vor einer Woche im Fragekasten des „Morgen" gegen den Mitherausgeber und Redakteur der „Wiener Morgenzeitung", Oberbaurat Robert Stricker, erklärt, daß man diesem künftighin aus verschiedenen Gründen das Recht aberkennen müsse, in Fragen der Sittlichkeit auch nur ein Sterbenswörtchen mitzureden. Diese Gründe hat Herr Schreier nicht genannt. Herr Stricker bat daraufhin in einem Artikel der „Wiener Morgenzeitung" Herrn Schreier aufgefordert, diese Günde zu nennen, hat ihn als einen feigen, niederträchtigen Verleumder bezeichnet und ihn aufgefordert, ihn vor Gericht deshalb zur Verantwortung zu ziehen. Herr Schreier veröffentlicht in der gestrigen Nummer des „Morgen" die Erklärung, daß er nicht klagen werde. Er weigert sich fernerhin, öffentlich die Gründe anzugeven, die Herrn Stricker das Recht nehmen, in Fragen der Sittlichkeit ein Sterbenswörtchen mitzureden. Es wird also ein im öffentlichen LebeU stehender Mann verdächtigt, ohne daß der Angreifer auch nur die geringste Angabe über den Inhalt der Beschuldigungen macht. Wir stehen nicht an, zu erklären, datz wir in dem Vorgehen des Herrn Schreier eine feige Verleumdung erblicken. Karl Franz B o » d y, geschäftsführender Verwaltungsrat der „Wiener Morgenzeitung". Julius L ö w Y, Cheftedakteur der „Wiener Morgenzeitung". tieren muß, ist eine Instanz geschaffen, die auch für Deutschland maßgebend ist und die sich durch ein. geistiges Band mit England gekräsiigt sicht. Die englische Regierung hat zu verstehen gegeben, daß sie eine Fortsetzung des Rechtskurses in Deutschland mit einer Verschärfung dsr Kontrolle beantworten würde und es war sogar schon von der Wiederaufnahme der Blockade die Rede. Die Entscheidung liegt nunmehr bei Deutschland. * _ Gandhi über die indische Unabhiingleitsbewegung. .Manchester Guardian Weekly" Mt in seiner letzten Nummer einen Brief wieder, den der erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassene Führer der No-cooperatwes-Bewegung, ' Ghandi, an einen Freund gerichtet hat. Ghcmdi erörtert darin die Politischen Grundsätze der von Hm gchührten - MMangiMitsbÄveguuy -JMen-r^ sie scheinen, von ihm selbst formiulrert — er Mb auch die Erlaubnis zur- Veröffentlichung —, zum ersten Male in der enMchen Presse. Ghändi schreibt: > - . „Hier ist eine kurze Erklärung über me irre Politik: 1. Beseitigung des Fluches,-der auf den kastenlosen Hindus liegt. 2. Die Verbreitung der Haudspin-nerei und -Han-Weberei und Propaganda für den Gebrauch handgesponuenen und handgewelbten Tuches bis zur völligen Ausschließung aller ausländischen Tuche und sogar solcher, die in indischest 'Fabriken gearbeitet sinh. 3. Propaganda für eine einfache Lebensführung und folglich für die Enthaltsamkeit von geistigen Ge- ' tranken und schädlichen Drogen. 4. Die Errichtung nationaler Schulen ohne Regieruugshilfe, sowohl um die Studenten den Reg-ierumgsschulen zu Mtziehen, was einen Teil des Unabhängigkeitskampfe'S bildet, als auch um ihnen eine Erziehung, auch auf industriellem Gebiete, im Zusammelchcmg mit den nationalen Problemen zu geben. 5. Förderung der Einigkeit unter Hindus,.Mohammedanern, Christen, Parsen, Juden ufw. Ich führe Vieses Programm mÄ Hilfe zweier Institutionen durch. Die erste ist eine Schule'bei Ahmedabad, die im Jahre M6 errichtet wurde, zu deren Besuch alle, die für diese Ideale arbeiten wollen, eingeladen werden. Ihre Kosten werden aus privaten Beitragen bestritten, die von wohlhabenden, an dieser Bewegung interessierten. Freunden geleistet werden. Sie hat augenblicklich fast 100 Zöglinge, männliche wie weibliche, und es befinden sich .Angehörige van kastenlosen Familien darunter. Die Schule lehrt Wolllämmsn, Spinnen und Weben, eine regelmäßige literarische Abteilung ist an sie angegliedert. Man beschäftigt sich auch mit einfachen ländlichen. Arbeiten und es wird der Versuch gemacht, unsere eigene Baumwolle zu ziehen." Indische gegen westlich Kultur. . y „Die zweite Jnsütution ist der Nationale Kongreß, eine große politische Jnsütution. mit einer sehr einfachen, aber meiner Ansicht nach vollkommenen Verfassung. Diese hat das vorher erwähnte Programm zur praktischen Durchführung angenommen. Sie verzweigt sich über ganz Indien und.hat Tausende von Mitgliedern, die jährlich Vertreter wählen. Jeder mänliche und weibliche Erwachsene, der vier Annas (4 Pence) zahlt und das Programm cmnimmt, kann die Mitgliedschaft erwerben und äu der Wahl von Vertretern teilnehmen. Das Programm des Kongresses reicht natürlich weiter als die obigen Punkte, und da seine Vertreter erwählt werden, hat er kein festes Progmnrm, sondern kann eß von Jahr zu Jahr ändern. Sein Ziel ist die Erreichung von Swarajha, das heißt Selbstvegierung, 'durch friedliche Md gesetzmäßige Mittel. In den letzten vier Jahren hat er Dieses Ziel zu erreichen versucht, indem er jedes Zusammenarbeiten mit der Regierung ohne gewaltfame Mittel ablehnte. .. Wiener Morgenzeitung. Ich selbst setze, weine ganze Tatkraft daran, den Versuch zu unternehmen, die indische (das heißt alte) Kultur vor der drohenden Zerstörung durch die moderne (das heißt westliche) Kultur zu retten. Das Wesen unserer alten Kultur liegt in der Ablehnung aller irgendwie gewaltsamen Mittel. Ihr Grundsatz ist da's Wohl aller mit Einschluß jedes lebenden Wesens, wogegen die westliche Kultur offen auf Gewalt gegründet ist. Sie hat deshalb keine Ächtung vor jedem Leben und hat in ihrer Entwicklung sogar nicht gezögert, selbst zur völligen Zerstörung des Menschenlebens zu greifen. Ich würde gern von dem westlichen Geist die Suche nach der Wahrheit übernehmen an Stelle des selbstgeniigsamen Beharrens in der Tradition. Aber Indien kann ohne Schaden nichts übernehmen, bevor es zu sich selbst gekommen ist und sich klar gemacht hat, daß seine Krrltur einen sehr bedeutenden Platz in der Welt einnimmt und er um jeden Preis verteidigt werden - muß. Die Einführung der westlichen Kultur durch die Engläuder in Indien hat Millionen unseres Volkes an den Rand des Hungertodes gebracht." Das wirtschaftliche Ziel. „Das vorstehende Programm: ist ein Versuch, dem drohenden Untergang zuvorzukommen, nicht durch westliche, sondern durch indische Methoden — nämlich durch innere Reform und Selbstreinigung von Grund aus. Den Fluch von den Kostenlosen nehmen heißt Buße tun für die von den Hindus durch Rechtlosmachuny eines Fünftels ihrer Glaubensgenossen begangene Sünde. Die Enthaltsamkeit von geistigen Getränken und giftigen Drogen reinigt nicht ~ 13. Mar 1924 . nur die Nation, sondern beraubt auch ein uumavalischet Regierungssystem einer unmoralischen EiEomMen^guÄle im Betrage von fast 250 Millionen Rupien. Die Mederbelebung der Handspinnerei und Hand- Weberei bringt Millionen indischer Heime den Nebenverdienst aus ihrer alten Hausindustrie zurück, erweckt die alte indische Kunst zu neuer Blüte, entfernt die drückende Armut und bildet ein« selbsttätige Versicherung gegen Hungersnot. Gleichzeitig nimmt sie England den stärksten Ansporn für die Ausbeutung Indiens. Denn wenn Indien sich selbst mit Tuch vers>ehen kann, ohne ausländisches Tuch und ausländische Maschinen einzuführen, so werden die Beziehungen zwischen England und Indien natürlich und fast ideal. In der Ausführung dieses Programms sind zweifellos Jrrtümer und falsche Berechnungen vorgekommen. Auch bedauerliche Zjlvischensälle halben sich ereignet. Mer ich behaupte kühn, daß keine Bewegung, an der Millionen Menschen Anteil haben, bis jetzt mit so wenig Blutvergießen oder Störung der gewöhnlichen Lebensweise deS Volkes vor sich gegangen ist." Dies ist, glaube ich, die erste bestimmte Erklärung - Gandhis selbst über seine Ziele, die in der englischen Presse erschienen ist. Die meisten werden von ihr überrascht sein» eher wegen ihres wirtschaftlichen als ihres politischen Charakters. Die Tatsache ist England noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß da's Ziel Mr. Gandhis eine weit radikalere Umwälzung ist als irgend eine Verweigerung der Mitarbeit in den reformierten Pvovinzräten. Lransjordanien und krez Israel. Ae Jebatte im englischen Sberhanr. Mr haben am letzten Freitag Mer die Jn- .terpellatton ■ des Lord Raglan im englischen Oberhaus betreffs der zionistischen Tyrannei" in Erez Israel und die Antwort des Rcgierutrgs- ' Vertreters kurz' berichtet. Es liegt uns nunmchr der folgende ausführliche Bericht vor: In der Sitzung des Oberhauses vom 6. Mai richtete Lord Raglan an die Regierung die Anfrage, ob ihr. 'bekannt sei, daß die Verwaltung Transjordaniens durch Emir Abdullah eine tyrannische, unbesonnene, unfähige und vor allem unpopuläre sei und daß der Oberkommissär von Palästina sich konsequent weigert, von dem ihm Hustehenden Rechte, eine Besserung der Dinge herbeizuführen, Gebrauch zu machen. Er fragte weiter, ob eS die Absicht der Regierung sei, die palästinensische Bevölkerung mit der zionistischen Tyrannei in Palästina durch die "Errichtung einer noch schlimmer e n T y <a n n e i i n 'T r a n s j ö r d a n i e n auszusöhn'en. Lord Raglan will seine Anfrage nicht als einen persönlichen Angriff auf Sir Herbert Samuel aufgefaßt wißen, aber er meint, -aß/für ihn geMg Gelegen-, heit gegeben sei, Verbesserungsmaßnahmendurchzusühren. Der UnterstaatSsekretar für die Kolonien Lord . Arnold führte in seiner Erwiderung aus: Ich glaube-, einige Ursache zu haben,, mich über die Form, in welcher die Angelegenheit hier behandelt wird, zu b e k l a g e n, Im letzten Teil seiner Darlegungen deutet Lostd Raglan etwas an, M'ser die,^io nrstische Thranne ii n Palästina" nennt. Ich möchte durchaus klar feststellen, daß diese Andeutung voMmmen unbegvmcket ist. Es gibt weder eine zionistische Tyrannei noch sonst eine Tyrannei irgendwelcher Art in Palästina. Es gibt dort eine britische Verwaltung, die von einem britischen Staatsmann von bestem Ruf, der einem britischen Staatsminister verantwortlich ist, geleitet wird. Alles das ist von Tyrannei sehr weit entfernt. Die in Palästina geübte Politik würde durch drei auseinandersvlgeude britische Regierungen befestigt. Es ist unm öglich, jetzt von ihr albtzugchen. Es sind über, die praktische Durchführung dieser Politik des öfteren Schriftstücke veröffentlicht worden. Eines dieser im November vorigen Jahves veröffentlichten Schriftstücke enthalt eine Mitteilung des früheren Staatsministers an den Oberkommissär, mit dem Datum des 4. Oktober 1923, in welchem der folgende Satz vorkommt: ,M war das ständige Bestreben der Regierung, ebenso wie das Ihre als ObeÄommissär, die Verwaltung Palästinas so zu handhaben, daß den Interessen bei.der in Betracht kommenden Parteien Gerechtigkeit zuteil werde." In der gleichen Botschaft spricht der Graf van Devonshire von „dem Wunsch und der Absicht der Regierung, die verschiedenen Gemeinschaften Palästinas durchaus unparteiisch zu behandeln und die von den Vorgängern der ' Regierung öffentlich übernommenen Verpflichtungen, , - sowohl den Arabern als den Juden gegenüber nach dem Buchstaben zu erfüllen". Das kennzeichnet den . Geist, mit dem die frühere Regierung dieübernommene Aufgabe erfüllte. Es ist dies eine Aufgabe, der sich die jetzige Regierung vorbehaltlos anschließt. Eine in; diesem Geiste geführte Verwaltung als Tyrannei zü bezeichnen, widerspricht ganz und gar den Tatsachen.- - ° Dann ging der Unterstaatssekretär zur Besprechung des rechtlichen Verhältnisses Englands zu Transjordanien über, Zum. Schluß erinnerte er daran, daß di« Errichtung. einer Verwaltung unter dem Erpir Abdullah zwei bebeutende. Vorteile gebracht hätte. Früher bfftmch^ eine dauernde Gefahr des Eindringens, von Beduinen-, banden, deren Fernhaltung beträchtliche_ polizeiliche und / militärische Anstrengungen erforderte. Seit dem Tage jedoch, an dem die arabische Regierung i n T r a n s j o r d a n i e n errichtet worden ist, bleibt Palä- / stina frei von Uebersällen seitens der östlichen Grenzen. Jnfolgodesien haben sich auch die Kosten für die Er-- Haltung des Militärs im Lande für England verringert. Der zweite Vorteil ist die Sicherstellung : des von Amman, der Hauptstadt TranSjotdaniens, ausgehenden Luftdien st es. Die vierzehntägig gehende Luftpost vollzieht sich seit zweieinhalb Jahren ohne jegliche Störung. Ich betrachte die Lage nicht sorglos,- sage auch nicht, daß Verbesserungen nicht mehr nötig feien, aber ich sehe ' nicht s, was eine Sprache, wie sie von dem edlen Lord gebraucht wurde, re ch tf'e'rtigen würde. Transjordanien befindet sich in bezug auf die Verwaltung noch in einem experimentellen Zustande. Es muß seine eigenen Erfahrungen machen. Wir hoffen, -aß wir binnen kurzem'Mit dem Emir in freundschaftliche Besprechungen über diese Angelegenheit eintreten werden. Das: Haus kann versichert sein, >daß wir fest zu den Pflichte« - stehen, die uns . t -; < aus dem Mandat;; gegenüber den betreffenden Territorien erwachsen, und daß wir unser Aeußerstes tun werden, die Lage so zufriedenstellend zu gestalten, als es nurirgend möglich ist. Kämpfe i« Syrien. London, 12. Mäi. (Tel. d. „Wr. Morgentzertuntz".)' Rach einer Meldung des „Daily Expreß" aus Mevsina soll es zu heftigen Kämpfen zwischen französischen und türkischen Truppen gekommen sein, bei denen 120 FraWÜsen getötet oder verwundet wurden. eilte offizielle Wahlanficht. Die Agence Havas über die Niederlage PomcareS. Paris, 12. Mai. Die Agence Havas meldet: Die Kammerwahlen haben eine ausgesprochen demokratische Orientierung gezeigt. Der Sieg der SoziälistisckMadikalen und der Sozialisten ist eine Folge des Wahlmodus,-welcher die Koalition der Parteien der Linken begünstigte. Aber es ist fraglich, ob diese mit ihren in wesentlichen Punkten abweichenden Programmen einig bleiben werden, sobald es sich darum handeln wird, die Verantwortung zü ühernchrnen. Es scheint, daß auch die durch die Teuerung und die neuen Steuern heworgerufene Unzufriedenheit die Wahlen stark beeinflußt hat. Doch ist hervorzuheben, i>atz die ' Wähler, insbesondere von Erwä- ÜRS der mmn MW Mitet, keiWSwM die Mwärtige Politik Poincares im Auge hatten. Es muß betont werden, daß sämtliche Minister des Kabinetts Pomcave' wiedergewählt Morden sind. Es wäre daher ein Vermessen, zu glauben, baß die auswärtige Politik Frankreichs, durch die neue Kammer von einem Tag aus den anderen gean.de r t werden, würde. Die Regierung hat bereits - den Plan der Sachverständigen ohne Vorbehalt gemlhnügt, der auch in Zukunft die Gvimdlage' der französischen Reparationspolitik bleibt. Wie die Uebernähme der Regievnny durch Mae Donald die Richtung der auswärtigen Politik Englands nicht merklich geändert hat, so würde, angenomnien, daß' Poincare auf die Leitung der öffeMlichen Angelegenheiten Frankreichs verzichtet, daraus keineswegs folgen, daß sein Nachfolger die Politik Poincares gänzlich aufge'ben müßte.