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Wiener Morgenzeitung · 1924-05-07 · Heft 1877 (7.5.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1877 (7.5.1924)
Date
1924-05-07
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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vwwvw^wsm^'**^ ^w^*> ** m w« &»D ■ i> «v "*•;/.<, K der Zeit LITERATUR BEI LAGE DER „WIENER MORGENZEITUNG N ummer 8 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 7. Mai ISA ADMINISTRATION: „WIENER MORGENZEITUNG*, WIEN, II., TABORSTRASSE 1-3 UNSER BÜCH DER WOCHE Expositioris-Dichtungen Romain Rollands Der ob der Lauterkeit seiner Gesinnung hochzu- : schätzende Romain Rolland hat in seiner Musikantengeschichte von Jean Christophe, wie er selbst sagt, den Gedanken abzuwandeln versucht: „Wenn wir am Ziele stehen, werdet ihr erkennen, wieviel oder wie wenig unser Streben wert war". So liebevoll nun der Dichter — Romain Rolland hat an manchen Stellen seines Werkes etwas von dem deutschen Begriff des Dichters — sich in Jean Christophe« Brdenwallen versenkt hat» so hat doch das in seiner Art so sympathische Buch triefet afl das gegeben, was Rolland nach seinem eigenen Ausspruch ihm als Grundsinn unterlegen wollte. So paradox es klingen mag. —- die zehn Bücher der Lebensgeschiohte des Jean Christophe muten in ihrer liebevoll breiten Ausdehnung dodb manchmal wie Exposition an. Exposition einer seeKschen Gestaltung, die zu Ende zu führen es vielleicht einer robusteren Hand bedurft hätte, als es die feine, sweicbe dieses Dichters ist. Und mm schickt sich Rolland m einer neuen Reise an, in der er Schicksale der „Verzauberten Seele" schidem will. Das erste Buch dieser neuen Dichtung ,»A n n e 11 eund S yl v i a" (Deutsch von Paul Amann Lm Verlag Kurt Wo!ff, München) bildet (die. Exposition dieser neuen „Seelengesdnchte eines unverstellten langen Lebens**. Es ist dichterisch weit mehr verinnerlicht als der große Musikerroman und 'Zeigt dabei in der Gestaltung und Entfaltung der Seelenjugend zweier Schwestern noch viel schärfer die dichterischen Höhen und Niederungen des Rollandscfeen Schaffens. Im ersten Teile des Buches von „Annette und Sylvia" lagert neben den wundervollsten Kristallisierungen seelischer Schicksale da und dort der merkwürdig amorphe Bruch einer Schilderungsart, die —' es mag vielleicht hart klingen, aber ies muß gesagt werden — an manchen Stellen gerade-!zu wie eine Kreuzung aus einem Oberlehrer mit der Courths-Mahler anmutet. Die Stellen der gedämpften Schwüle hi der ScMdemng von Mädchenleben und Mädchenliebe bilden auch im Jean Christophe jedesmal eine Gefahr für den dichterischen Wert des Rollandschen Schaffens. per zweite Teil des Schwestembudies erklimmt einen Höhepunkt in der knappen, aber trefflich getonten Zeichnung —- man könnte vielleicht sagen Strichätzung —> des -bürgerlichen Frankreich in deh fahren nach der „Affäre", nach den Erschütterungen und Aufwtihlungen des Dreyfuß-Prozesses. Darm konzentriert sieh das ganze Interesse des Dichters ai|f 'Annette, die Hauptheldin des Schwesternbuches; merkwürdigerweise wird das Interesse des Lesers für idiesen fetzten Abschnitt, trotz dichterischer Gipfelpunkte doch nicht genug angespannt. In diesem Schluß des Buches von „Annette und Sylvia* ist das Wesep ‘der exponierenden Dichtung Rollands am deutlichsten zu bemerken. Noch ist der Zauber der „Verzauberten Seele“ nicht enthüllt; zu hoffen und zu wünschen, daß. er sich in den folgenden Büchern dem Dichter ganz enthülle und er die Kraft der Vermittlung finde. Exposition ist auch das im fahre 1901 entstand®»? und erst jetzt in deutscher Ausgabe (München bH Georg Müller) erschienene Revolutionsdramä Rollands „Der 14. Juli". Diesem Drama folgte „D a n t o n", sodann kam die schon von der Bühne her bekannte mit eigenartigem Klang erfüllte dramatische Dichtung „Die Wölf e" und schließlich die Dichtung „Triumph der Vernunft" — alle vier Werke eigentlich das Fragment einer Heldendichtung der französischen Revolution, die nach des Dichters ursprünglichem Plane ungefähr zehn Werke umfassen sollte. Nach seiner eigenen Erklärung hatte er 4e» Wunsch, „diesen Zyklus als das Schauspiel einer Naturpniwälzung eines sozialen Unwetters zu geben, voy dem Augenblicke an, wo die ersten Wogen aus dem Slchosse des Ozeans auf steigen, bis zu dem, wo sie scheinbar wieder dorthin zurückkehren und die Ruh® sich langsam über das Meer senkt“. Das Drama „Der 14. Juli**, die Exposition dieses Zyklus, hat Stimmungen, stellenweise sogar ganz prächtige Stimmungen französischer Komödie, aber weder hier nodi in den dr** folgenden Werken ist das Wehen der Naturttnt« wälzHOg stark genug; vteüeädhf ist es zu sehr im Trichter der reflektorischen Stimmung eingefangen. Eime hinreißende Szene ist in dieser Dichtung der Festzug -der Revolution. Diese Szene atmet Pariser Komödie, Komödie des Volkes von Paris, dem das Buch gewidmet ist. Leider ist gerade sie nur skizzenhaft. Exposition, der Schicksalspunkt im Rollandschen Schaffen. Siegfried Schmitz, LEBEN Bl BUCH Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte Lojo Brentanos gesammelte Aufsätze. Bel Felix Meiner, Leipzig. fei einem fast 500 Seiten starken Bande legt Brentano, der Sn diesem Jahre sein 80. Lebensjahr vollendet, eine Sammlung von Reden und Aufsätzen vor, die 'an vielen Steifen -zerstreut erschienen sind und daher wohl den wenigsten zur Gänze bekannt sein dürften. Schon ein bloßer Ueberblicfc über die einzelnen Aufsätze gibt .eine Ahnung von der erstaunlichen Vielseitigkeit Brentanos. Die Lektüre aber offenbart das profunde Wissen, die Geistesschärfe und den jugendfrischen Ton dieses Gelehrten. hi dem Essay „Die klassische Nationalökonomie“, welcher die von Brentano im Jahre 1888 an der Wiener Universität gehaltene Antrittsrede bildet, lehnt er eine Würdigung seines Vorgängers an der Kanzel Lorenz v. Stein mit tsolgenden Worten ab: „Wer möchte es wagen, von seinem (Steins) Lebenswerk zai sprechen, so lange er in jedem Jahre durch neue Taten seines Geistes in der beredtesten Weise von sich selbst zeugt?“ Die gleichen Gründe machen es unmöglich, eine abschließende Würdigung des Werkes Brentanos zu geben, zumal, er ein -neues Buch „Die Nationalökonomie als Wissenschaft" ankündigt und an der Fertigstellung einer Wirtschaftsgeschichte arbeitet. Das Charakteristische an allen Arbeiten Brentanos ist, daß er schon frühzeitig sich der Erforschung der; psychologischen Voraussetzungen unserer heutigen Wirtschaftsordnung zugewendet hat, was in der Nationalökonomie erst seit dem Erscheinen von Sombafts „Der moderne Kapitalismus" und iMax Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” Gemeingut geworden tet. Für Brentano war Ausgangspunkt jeder Wirtschaft stets der Mensch und das «u befriedigende menschliche Bedürfnis, wobei er über das rein Wirtschaftliche hinaus zeitlebens Menschenrechte und Menschenwürde in jedem, auch Sni einfachsten Arbeitsmanne, verfochten hat. Obwohl er der historischen Schule amgehörte, wehrt er. sich dagegen, ihr zugezählt m werden, well sie meist'nur Materialsammlung produziert, während ihm das Material nur zur Illustrierung seiner wirtschaftlich-historischen. Darstellungen dient. Auch die in dem vorliegenden Buche vereinigten Reden und Aufsätze werden durch „das Streben •einer mit den Tatsachen des Lebens übereinstimmenden Lehre vom Wirtschaftsleben" verbunden. In den Aufsätzen über „Ethik und Volkswirtschaft“ und über die „Wirtschaftliche Lehre des christlichen Altertums“ zeigt Brentano, durch zahlreiche Quellen belegt, daß die einen bei ihrer Vorstellung über das Ideal ejner, wirtschaftlichen Ordnung von den Wünschen geleitet werden, daß die von ihnen verklärte Vergangenheit wieder komme, die anderen von dem Glauben an unbegrenzte Ehtwiddungstnögliohkeiten. (Beide vergessen aber, daß „nur das möglich ist, was ‘wirtschaftlich möglich ist, und . das wirtschaftlich nur möglich ist, was mit der? Natur des wirtschaftenden Menschen übereinstimmt.“ In der.. Durchsetzung der gesamten Wirtschaft mit diesem.Geiste ist nach Brentano die Ursache für die Entwicklung de« modernen Kapitalismus zu erblicken. Die Wirtschaftseinheiten seien von jeher In ihren Beziehungen zueinander von dem Bestreben Mach dem größtmöglichen Vorteil beherrscht gewesen. Das bat aber mit P u r i t a n i s uiu $ und J u de nt um nicht das geringste zu tun, vielmehr sei dies den Menschen aller religiösen Anschauungen und allen europäischen Nationen gemein. Der Widerlegung der entgegengesetzten Ansicht Webers und Sombar-ts dienen die beiden interessantesten Kapitel des vorliegenden Buches über .Jfeurftanäsnnis und Kapitalismus" und „Judentum und Kapitalismus". Wenn auch so manche Ansicht Brentanos zum Wider- Spruch reizt, so wird dennoch jeder mit Nutzen und Vergnügen das vorliegende Werk lesen und mit Interesse den ähgekündagten neuen Arbeiten entgegenseben. Dr) L. G. Vom deutschen Bürger Leonhard Frank, durch eine gut gemeinte Schrit („Der Mensch ist gut") und zwei mehr oder weniger gul gemachte Bücher („Die Räuberbande” und „Die Ursache“) zu einer Marke geworden, hat in seinem jüngsten Buch« „Der Bürger” («Der Maliik-Verlaig, Berlin), welches ei 'der bürgerlichen Jugend widmet, den Weg zu zeichnen versucht, der vom Menschen zum Bänger fährt. Vorgang: Die Väter töten die Seelen der Söhne, damit diese „geachtete Männer“ worden. Daß man — tim Franks eigene Worte zu gebrauchen— „ganz und gar verloren ist, wenn man ein geachteter ■ Mann geworden Ist" und daß alles, was sich dennoch gegendie Bürgerlichkeit empört, in die Tragik von halb lächerlichen, halb wahnsinnigen Gedankenspielercien münden muß, darin liegt das Leitmotivder weitgesponnenen Analyse, die Frank in diesem Buche vornimmt. So weit, so gut: Das Pendant von Heinrich Manns „Untertan”, der deutsche Bürger, der vom Druck der Untertanenschaft befreit wurde und den seine Freiheit ebensowenig zuan Menschen machen kann wie es seine Untertänigkeit zu tun vermochte, das. Gegenbild alles Menschentums, das in die Nachkommen das. Gift seines Bürgertums einpflanzt, ihnen die Seele .raubt, um sie für die gottgewollte Ordnung reit zu machen, sollte geschildert werden. - - r Aber — ich kann mir nicht helfen — da gibt es zuviel Aeußerliches, Geradezu Symbol 'für. den Entwicklungsgang, wie , ihn Frank empfindet, daß der , Empörer, Jürgen Kolbenreiher .durch — einen Straßenbahnunfall zum Bürger wird. 'Manu hat den Untertan bis in sein Innerstes, in die durch Generationen «hochgezüchtete, Untertandisposition erfaßt;, hier, klafft zwischen Empörung und bürgerlichem Untergang eine Lücke;, so eine verdächtig . agitatorisch-journalistische - Lücke. Es wird nämlich keiner Bürger, der nicht'die Anlage dazu hat und das mit dem väterlichen Seelenmord — na ja,, das bringt eben auch'der Tag, von- Hasenclever abwärts; Es wäre vielleicht zu erwägen gewesen, vor der Ausführung'der Romänrdee bei Heinrich Mann anzufragen, ob. er dafür Interesse hätte; Diesen Einwänden zum Trotz aber ist zu .'sägen- ' Dieses Buch von Frank ist ein Wurf; es hat etwas Packendes, liat -eihe Zeitgefaßt und mit ehriieher Gebärde w.iederzug-eben gesucht. Manche kleine Lichter, verbreiten mehr Helle, als es die längsten Abhandlungen und.breitesten Reflexionen vermögen (So Tante beim: Tischgebet: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes... Bringen Sie diesmal auch eine Flasche Weip,:, Phinchen."). Daß die hier wiedergespiegelte Zeit nicht, so den Atem raubt wie die wirkliche — es ist eben: doch' zu wenig, eine Zeit mit ehrlichem Empfinden mitzufühlen; Gestaltung -ist. alles, Wesentliches kommt nur aus der echten Gestaltungskraft . w - E. G. F. verlangen Sie von ■ HEULER (BUKUM) I.Baucrnpiarkt kostenlos! VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Rosa Luxemburg: „Briefe an Kar! und Luise Kautsky* (1896—1918). herausgegeben von Luise Kautsky. E. Laubsebe Verlagsbuchhandlung, Berlin .C 54; ..Diese Briefe, die steh thematisch den früher erschienenen „Briefen aus dem Gefängnis“ an Sophie Liebknecht, diesem wahren Juwel der Briefliteratur, anschließen, werfen neues und immer wieder überraschendes Licht auf das Bild, dieser außerordentlichen Frau. Liest man diese Briefe, deren -Mehrzahl, und es sind die charakteristischesten, gleichfalls im Gefängnis geschrieben sind, so muß man sich immer wieder daran erinnern, daß die völkische Ganaillengesinnung Rosa Luxemburg zur „Megäre“ gestempelt -hat. Diese Briefe enthüllen die beiden Seiten in Rosa Luxemburgs Wesen: die radikale Revolutionärin, der die ihr zuteil gewordene Behandlung durch die deutschen Behörden stets neuer Antrieb nach der Seite des Radikalismus wird, steht neben dem übersensibeln, zartempfmdenden, schönheitsdurstigen Menschen. Und es ist nur scheinbar ' widersprechend in dieser Natur, daß sie tiefste'Einfühlung' in die Natur, wärmstes Mitempfinden mit der stummen Kreatur bis zum frosterstarten Schmetterling, mit rebellierendem Drang nach dem Umsturz verbindet,; der eine bessere Welt heraufführen soll. Kaum irgendwo in diesen Briefen klingt ein Wort an Rosas jüdische Herkunft ah, aber in dem Rhythmus - ihres ganzen Wesens, in der organischen Spannung seiner polaren Gegensätzlichkeiten, die keine Wilhelm Braumüller & Sohn L’. Abteilung: Antiquariat 'ssjs Wien, 1« Bl»., Bauernmarkt Nr. 21 l ifrabre fteiro bat ftibo1a»föQcbw [BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN, l. ROTENfURMSTRASSE 22 . 8.

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