Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1874 (4.5.1924)
- Date
- 1924-05-04
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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5 eSHg-B -' ' - W-n, smAch " Las Äem zur soziale« Fürsorge. Das ist die Antwort, die man inuner wieder bekommt, wenn man Franen der besitzende!: Kreise veranlassen will, die Not und den Jammer ihrer Nebenmenschen doch wenigstens in der Wirklichkeit kennen zn lernen, ftott immer nur int Zeitungsblatt davon zu lesen: ich habe kein Talent zur sozialen Arbeit. Die Printitiveren sagen es noch ehrlicher: ich Lin nicht für „so was", wobei der Doppelsinn vielleicht nicht nur Ungeschicklichkeit der Allsdrucksweise ist- Nicht etwa, daß im allgemeinen in der eigentlichen Fürsorge die Dilettantenarbeit sonderlich erstrebenswert erschiene — ganz im Gegenteil! Aber bei der Hilfsarbeit fehlt es mitunter an Kräften, fehlt an Franen, die im verwahrlosten Haushalt der Kranken nach dem Rechten sehen wollen, die hilflosen Einsamen die endlosen Tage kürzen,. die Blinden ein paar Stunden widmen wollen. Für diese Kleiltarbeit, für die langweilige, ereignis- und rühmlose und doch so unendlich wichtige Kleinarbeit Helferinnen zu finden, ist nahezu immer unmöglich. Namentlich Jüdinnen, so leicht und so gerne sie Geld geben, sind nur allzu schnell mit der Aittwort bereit: Dazu habe ich gar kein Talent. Das wird aus Verlangen — nnd es gibt immer indiskrete Menschen, die sich nicht ohueweiters abweisen lassen — noch näher begründet. Da sind vor allem die Weich mutigen. Sie fömtcit das Elend einfach nicht sehen, das Elend, das die andern ertragen müssen- Diese Zartbesaiteten halten es nicht aus, daran zu denken, wie endlos langsam die Zeit detn kranken Greisdahinschleicht, bis jemand die Tür öffnet, um ihm einen Gruß «von den Menschen zu bringen, sie versetzen sich so lebhaft in die Lage der lungenleidenden Mutter, die mit ihren skrofulösen Würmchen in der feuchten, luft nnd lichtlosen Wohnung dahinsiecht, daß sie dem unerträglichen Drück, der dieses Bild mit sich bringt, entgehen wollen. Sie entgehen ihm auf die einfachste Weise- Wie der flüchtige Leser im Roman langweilige Stellen oder Stellen, die unangenehm berühren, Überschlags so überblättern sie im wirklichen Leben peinliche Mahnungen. Sie tun es ans reiner Gutmütigkeit trnd Mitgefühl,, und es ist nicht ihre Schuld, daß boshaftett Ztthorern immer wieder die Anekdote von dem reichen Martu einfällt, der ans die Bitten eines Bedürftigen antwortet: „Werft ihn Hinaus, er bricht mir das Herz." Die anderen Untalentierter: machen ästhetische Einwendungen. Die Armeleutewohnnng, der Schmutz, das Ungeziefer, der Gestank, die muffige Luft, .die ungepflegten Menschen — das alles ist unerträglich. Gegen diese Behauptung ist nicht viel einzuwenden- Das Elend ist nun einmal nur in der Oper gefällig und malerisch ausgestattet. Und den Frauen,' die erklären, matt „könne" doch eine Wohnung nicht aufsuchen, in der man — entsetzlich es auszudenken! — keine Gewähr habe, das; das P. T. Ungeziefer sich unbedingt nur an die Bewohner halte, kann man auch schwer antworten- Da es jedoch nicht wohl durchführbar ist, die soziale Fürsorge nur garantiert Ivanzenfreiem Elend ztt teil werden zu lassen, wird sich schwer ein Ausweg bieten. Es sei denn der durch soziale Erziehung der Hilfsbedürftigen, durch Erziehung zu Ordnungssinn und Reinlichkeit, die allerdings erst auf dem Boden geordneter wirtschaftlicher Verhältnisse möglich ist. Freilich — der Weg ist weit- Für die Aestheten meistens viel zn weit. Tenn die „können" nun einmal mit ungewaschenen Menschen nicht umgehen- Sie haben kein Talent dazu- Eine sehr häufige Gattung der Unbegabte!: sind die Hoffnungslosen -Es ist ja doch alles zwecklos, was man unternimmt, das Elend zu lindern, lautet ihr ewiges Leitmotiv. Mar: soll zu beit Kranken gehen und ihnen erzählen, daß sie genesen werden, obwohl man weiß, daß ihr Siechtum hoffnungslos ist, man soll der Witwe einreden, daß ihre Kinder, bis sie erwachsen sind, für sie sorget: werden, obwohl man sich klar darüber ist, daß der Junge nur auf den Augenblick lauert, in die weite Welt zu flattern und das Mädchen den Stempel des Todes nur allzu deutlich auf der Stirne trägt, man soll die Alten auf bessere Zeiteir vertrösten, obwohl man die Hoffnungslosigkeit ihres Daseins unerbittlich vor Augen hat, man soll Rosen verheißen, wo nichts als Steine zn sehen sink». Das ist nicht jedem gegeben, dazu gehört ein!„eigenes^ Talettt. Ein Talent, das vielleicht — Liebe heißt. Gar nranche stellt sich die soziale Fürsorge auch als Kampf zwischen Fürsorger und Hilfesuchendem vor, bei dem einer den anderen zn überlisten trachtet. Sie glauben, Deteltivaufgaben übernehnten zu müssen, und erklären feierlich, dazu nicht geeignet zu sein, weil sie „viel zu gut" sind und den Leuten sicherlich >,hineinfallen". Daß der Fürsorger nicht Untersuchungsrichter,, sondern in erster Linie .Helfer sein muß, daß es sich, nicht vor allem darum handelt, „Fälle zu erheben", sondern Menschen zu stützen.und ihnen weiter zu helfen, das sehen diese Talentlosen nicht ein. Sie können es nicht einsehen- Wehren sie und alle die anderen, die sich: auf den Mangel einer besonderen Begabung berufen, sich doch mit allen chren Ausiveden nur verzweifelt gegen eine unangenehme, lästige, peinliche Pflicht. Und, weil das so ist, darf man ruhig sagen, daß keine Frau das Talent zur Fürsorge enträt. Denn dieses Talent heißt, soweit es sich um Hilssarbeit handelt, mit einem anderen Wort: Der gute, redliche Wille. ' .. i K. Ml. Wiener Morg'enzeltuntz/ t. Mai IM Nr. IM Ein Geschenk 1 . Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung“ hat sich entschlossen, ihren Abonnenten die Möglichkeit zur kostenlosen Erwerbung des bedeutsamsten jüdischen Oeschichtswerkes „ersetz* Geschichte der Juden“ zu bieten. Diejenigen unserer Abonnenten, welche die BezuescebOhr für ein Jahr im Vorhinein, entrichten, erhalten als in 3 eleganten aeichenkbgnden ■P R A M I E: Graetz, Geschichte der Juden gra 18 s! Mit Rücksicht auf die geringe Anzahl der uns zur Verfügung stehenden Geschenkwerke können wir diese Aktion nur bis 15. Mai 1. J. führen. Es werden daher nur solche Bestellungen berücksichtigt, welche bis spätestens 13. Mai I. J. in unsere Hände gelangen. Zugleich mit der Bestellung muss die Ueberweisung der für ein Jahr entfallenden Abonnementgebühr erfolgen. Diese beträgt: Für Oesterielch K 420.000. (Bei Postversendung des „Graetz“ sind überdies als Ersatz der Porto- und Verpackungsspesen K 15.000 zu zahlen.) Für alle Auslandsstaaten das zwölffache dar monatlichen bezugsgebilhr zuzüglich K 23.000 für Porto und Verpkckung in der Währung des betreffenden Landes« Unser Gcschenkweric „0 rae tz, G es chich te der Juden“ bildet nach Ausstattung und Inhalt die Zierde jeder Bibliothek. Diese bisher unübertroffene Darstellung des jüd. GeschichtsVerlaufes gashört in die Hand eines jeden Juden! Verschleisser haben keinen Anspruch auf die Prämie. Die Verwehung der „Wiener Morgenzeitung ss WEeri, SI.Tahorstrassal—3, Telephon44-0-38, 43-3-19 Sie gute Aktie. Sie stammt aus der guten alten Zeit und Hat sich in die Heutige Periode Herübergerettet. Sie hat nichts. zu tun mit der sogenannte!: Liebe, welche eine Verirrung darstellt, nicht von Bestand ist und, lvenn sie schon in eine Ehe ansartet, das Zusammenleben vergiftet. Die gute Partie trotzt den Stürmer: der Zeit, verbreitet Glitck und Sonnenschein und verankert das Lebensschifflein fest im Hasen der Ehe. Ans einer guten Partie blüht oft innige Liebe, aus Liebe wird fast nie eine gute Partie. Sie baut das Menschengeschlecht auf, bildet das Fundament der Staaten, liefert den Feldherren das Material für die strategischen Umgruppierungen, aber auch Kriegsoerdiener- Die gute Partie beginnt, auf verschiedene Art. Auf dem „nicht mehr ungewöhnlichem Wege" der Zeitungsinserate kommt zwar manchesmal auch ettvas zustande, aber es ist nicht das Nächtige. Dort wüilfcht einer ehrbare Amräherung an unabhängige Daine (Photographie erwünscht, wird ehrenwörtlich retourniert, Diskretion verbürgt), oder ein anderer, der den Dalles hat, sncht Einheirat, Alter Nebensache, oder: Welche edeldenkende Dame verhilft mir zu einer Existenz, spätere Heirat nicht ausgeschlossen, oder: Biete Herz und Hand demjenigen, der mir . . . Und gar der elegante Akademiker oder die zwei xfeschen, blonden Wienermädel, die mit entsprechienden Partnern gerne gemeinsame Ausflüge machen nwchten: Sehen Sie, das ist nichts. Man macht zusammen Partier:, aber eine gute Partie rvird nickst daraus. Nein, die hat ganz andere Vor- 'anssetzungen. Erstens keimen sich bei der guten Partie die beiden, die dam: glücklich', werden, ineistens überhaupt nicht. Es ist auch besser, ivem: sie sich vorher gar nicht kenne::. Dafür nehmen ja die beiderseitige!: Eltern schon genügend Einsicht m die Verhältnisse und Bilanzen- Es gibt da weise Frauen, die jeden Stammbann: der Gegendei: vom böhmisch-mährischen Gesenke auflvärts und abwärts, nach Oster: nnd Westen, gründlich kennen. Dort wachsei: die. guten Partien, dort gedeihen holdes Glück und Zufriedenheit von Geschlecht zu Geschlecht. Die iveise Frau weiß zum Beispiel, daß da irgendwo iit Groß-Kukutschin eine Maid lebt, mit schöner Ausstattung und Wimmerln. Ter Vater hat ein Strohgeschäft. In der Nachbarschaft treibt ein ehrenwerter Bürger einen Handel mit .Heu. Er hat ciucit ausgewachsenen Sohn. Der Junge stottert zwar ein bißchen, ist aber sonst ein gelungenes Kind. Die weise Frau sagt: Die zivei sind fiir einander wie geschaffen. Die Mein kommen zusammen, rechnen hin und her, haben den Kopf voller Heu und Stroh und sindei: schließlich, daß die Kinder, die einander noch nie gesehen haben, großartig züsammenpassen. Und eins, zwei, drei ist alles in Orduiutg. Heu und Stroh haben sich gefunden auf gesm:der Basis. Und wenn man einander anfangs noch eii: wenig fremd ist, entwickelt sich, später Sympathie, ja Liebe, es 'kommen Kinder zur Welt, gesur:d und echt wie Heu und Stroh. Ist das nicht eine gute Partie? Oder man weiß von einem Mädchen: sie ist etwas weit über zwarrzig, hat, sagen wir, ein Gurkengeschäft und irgendwo lebt ein Witwer, der Essig erzeugt. Er will sein ganzes Leben nicht allein versauern und man kommt zusammen. Er ist ein unverdorbener.Mensch und sie war auch, noch in keii:er Revue und, wenn sie sich ein bißchen anfputzt, ist sie noch immer ganz „bekamt". Die Fusion Essig und Gurker: ivird perfekt und man versüßt sich das Leben. Ein glückliches Paar> eine gute Partie! , Ober da ist ein junger Doktor. Wie soll er weiterfommestV Ueberall Hakenkreuzler, AiUisemiten. Und das Mädchen ist jung, vor: guten Eltern, sie schielt zwar ein bißchei: nnb hat Sommersprossen (gar feilten Fehler soll sie haben?); die Alten besprechen die Sache, dann wird eingeladeu, die gegenseitigen Vorzüge werden anfgezähltj den Kaffee hat sie selber gekocht und der Kuchen (aus der Konditorei) ist auch ihr Werk, die Stickereien verfertigt sie allein; und er ist nur sür's Studieren, eine Bekanntschaft hat er noch nie gehabt, sagt er, 'und ein reicher Onkel wohnt in Amerika (erst voriges Jahr hat er zwei Kilo Mehl und eine Schachtel $ct!fao; geschickt). Kurzum der erste Kuß, und zwei Herzen schlag eni Ist das nicht rührend, steckt da nicht höherer Sinn und Poesie darin? In: .Herbst wird geheiratet und im nächsten Äugnst haben schon beide Sommersprossen. Sehen Sie, das ist die' gäbe Partie! Es gibt natürlich auch höhere Regionen! Man schwärÄt für einen Boxer, für einen Kinoschauspieler, öder em berühmter Tennisspieler hat es einem reichen Mädchen angetan. Auf den internationalen Heerstraßen der Hautevolee!vird geflirtet und, wo die Valuta an: höchsten, dort ist die Liebe an: größten! Das ist schon nicht mehr die solide gute Partie! Man wird photographiert, kommt in die Zeitungen, meistens geht die Sache in Brüche nnd übrig Kleiber: Memoirei: des Tennisspielers usw. Da ist schon die Bankpartie besser. Das Präsidentenmädel kriegt einen feschen Jüngeling. Gearbeitet hat er nie, deshalb kam: er ganz gut .Bankdirektor werden. Ob -dort 86 oder 86 Direktoren sind, bleibt schon gleich; die Pleite kann er auch nicht n:ehr aufhaltep. ' 1 Mai: wird mir Vorhalten: Du. machst dich lustig. Für wahre Liebe hast du gar nichts übrig. Wo sind die 'jungen Leute, die einander lieben? Was ist's, wem: sich sozusagen das Herz, zum Herzen findet? Hören Sie auf damit. Glauben Sie, ich. hätte dafür keinen Sinn? Aber es führt zu nichts. Schauen Sie die Liebespaare an! Gur, man hat sich, im Stadtpark kem:ei: gelernt oder im Konzertkaffee. Sie ist ins Bureau gegangen und er war Fähnrich, dam: Leutnant. Eins, zwei, drei haben sie geheiratet. Und als wir uns zu Ende gesiegt hatten, hat Hm keiner mehr was fürs Signum laudis gegeben. Er ist Bankbeamter geworden, und sie ist weiter ins Bureau gegange!:. Und wenn schon seine Bank inchl emgegairgm und ihre Firma nickst insolvent geworden ist, so haben sie keine Wohnung, und wenn sie schon eine Wohnung haben, so ist es mit der Schwiegermutter zusammen. Und wenn er mit der schon ausgekommen ist (waS 'ich aber .'nicht .glaube), so such andere Dinge dazwischen gekommen. Die moderne „AnfNärung", die neueste!: „FamllienMtter", die Nackstvor stell ungen und so iveiter, habe!: die Auffassungen von der Liebe geändert. Die Folge waren Szenen, 3kievolver, Gerichtssral! Die Liebe war futsch und eine gute Partie war es auch nicht. Nun, glauben Sie mir. Nur die gute Partie ist etwas ivert! Sie trotzt den Stürmen der Zeit, verbreitet Glück und verankert das Lebensschifflein fest in: Hasen der Ehe. Sie wächst dort, wo die tocife Frau usw- Aus ihr blüht oft die Liebe und es kommen die Kinder. Und wenn sie groß sind, rnft man.bann wieder die weise Frau wegen einer guten Partie, von Gesckstecht zn Geschlecht! ( ' ' * ” Ali. . Satin de Me-Seide r« allen Farben wteiM,Aoi.eft«AS0ii!&b > ■