Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1871 (1.5.1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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nt 1871 Wien, DormerMg Wiener Morgenzrrtung- DirL eine Beobachtung unter den vi^n Hunderten Üd«L die mangelnde Hi-lfsbereitschAft. Unid nun eine Probe aufs Exempel: Ich Lenne einen Blinden, der seit seinM Zehnten Lebensjahr des Augenlichtes beraubt ist. Dies hinderte ihn jedoch nicht, von der fünften BoUsischuWlasse an m der öffenÄlchein Mttelschule zu studiern, das Gymnasium zu absolvieren und an einer deutschen Universität mit dem Signum mm laude zum Doktor der Philosophie (Spezialgebiet Geschichte und NationalÄkonomie) zu promovier ^r, überdies Spezialstudien in Psychologie, Pädagogik und Philologie zu betreiben. Außerdem war er Leit-"- einer Blau-Weiß-Gruppe, lernte Hebräisch, ^beschäftigte s«..,- -sehr viel mit dem Blirnderrwesen, besonders dem Blindenstttdieniwesen und ist jetzt als Lehrer für Späterblindete tätig. Bon unermüdlichem Wissendrang beseelt, studiert der Mann, von dem ich spreche, jetzt Staatswiffeiffchaften, vervollkoinmcrrt seine Kenntnisse des Hebräischen und befaßt sich überdies mit der Geschichte des Zionismus. Für-sbine Studien ab'r braucht er Hilfe. Es gibt nicht genug wissenschaftliche Werke in Blindenschrift; so bedarf er für die LvÄ-üre der einschlägigen Werke eines Vorlesers,-ftrr Arbeiten jemarvden, dom er diktieren. kann. Was dieser Mann also -braudrt. ist «wiEbe Hilfe, die Mühe verursacht, die nicht als Spielerei aufgefaßt werden kann. Gibt es die? Ich mache die Probe: Ich bitte alle hilfsbereiten Menschen, die einen Teil ihrer Zeit rb solches Werk der Hilfe herge'ben -können und wollen, es mir mit-)!:teilen. Ich stehe ihnen mit allen AuÄürrften zur Vs '- fügung. Me viele werden sich melden? Me viel« werden es ernst meinen? Wie viele ^werden ihrer Bereitschaft tätige, wahre Hilfe folgen lassen? Eine Probe. Ich warte. And-m't mir ein Manu, der Hilfe braucht. . *. Set Staatefeiertag. Der heutige Staatsferertag ist ein vollkommener Ruhe- Zag, an dem vormittags die Arbe>lterschaft auf der Ringstraße eine Kundgebung veranstalten wird. Der Schauplatz dieser Feier wird der Rathausplatz, der Platz vor dem Dirrgcheater, vor dem Parlament und vor der Universität sein. Vom Rektorat der Wiener Universität wird erNärt, daß ent V e r b o t der Maifeier der Studenten auf der Universitätsrampe nicht erfolgt ist. Da vollständiger Ruhetag ist, werden auch sämtliche Geschäfte geschlossen halten. Lebensmittelgeschäfte dürfen in der Zeit von 8 bis 10 Uhr vormittags ohne Verwendung von Personal offen halten. Auch die Bäckerbetriöbe arbeiten nicht. Der Straßenbahnbetrieb wwd erst nachmittags ausgenommen werden, und zwar so, daß die erste» Wagen um zwei Uhr vom Ring albfahren. Die Züge auf den BnndeSbahnstrecke» v«e» kehren bereits nach dem am 1. Mai in Kraft tretenden SommerfahrpLan auf einzelnen Strecken sag« mit verstärktem Feiertagsverkehr. Auch die Züge der elektrischen Lokalbahn Wien-Baden verkehren de» ganzen Tag über, Selifateffe» bei de» vetschiÄe»«« »Klee«. Cs hat für einen Kulturmenschen viel Reiz, die Ge» schmacksäußevungen von Völkern ältester Kultur zu betrachten. Die Chinesen verzehren Festtags gern eine ,Fatze^mit Reis" oder deren gute Freunde, die Ratte» und Mause. Wie die Europäer Aale lieben, so geht des Chinesen Liebe auch auf Gewürm und Schlangen über» und toemt einige Europäer Fros chkeulen rühmen, so greift der Chinese zum — Froschlaich. Auch ein Affe ist ihm willkommen und desgleichen Haifischflossen. Heuschrecke« verzehrt er mit alltäglicher Selbstverständlichkett, und von da aus ist der Weg nicht weit zu dem Ungeziefer, daS di« Erde sonst noch in reicher Fülle beherbergt. Namentlich groß sind auf diesem Gebiete auch die Cochinchinesen, die außerdem bei Fisch und Eiern Wert auf möglichst hohes, durch Geruch fttnfc* bares Alter legen. Selbstverständlich verschmähen sie aus rMgiösen Rücksichten alles^was vom Rinde kommt, ausgenommen den — Mist, auf de» sie in frischem Zustande den Ziegeltee legen, um ihn zu erweichen, während er getrocknet als Brennmaterial dient. Milch zn trinken würde ihnen nie einfallen, ja schon der Gedanke daran ist ihnen widerwärtig. Aehnliche Gewohnheiten finden wir auch bei den In-, dianern, die neben dem Biberschwanz (also Riesematteuschwanz) troch Eidechsen, Raupen, A m e i s e n, W ä rmer, Mäuse, Ratten und gleichfalls Affen bevorzugen. Ebenfalls lieben sie es, Käfer sammlungen nicht in Glaskästen zu bringen, wovon bekanntlich niemand satt wird, sondern sie int Magen anzulegen. Wenn wir im Zoologischen Garten interessiert zuschsn, wie die Affen gegenseitig Jagden auf die Erträgnisse ihres vtzigenen Körpers veranstalten, so dämpft sich unser Entsetzen, wenn wir hören, daß es Völkerstämme gibt, die die Nächstenliebe noch tveiter treibert und die Jagdbeute in ihrem gehaltvollen Kopfhaar freundschaftlich mit ihren Gästen teilen. So zn finden in Paraguay, aus den Marschall- 'uitb Sandwichinseln und noch mancherorts. Der Kongoneger verdaut schlechtweg alles, selbst das beefsteakähnliche Leder; es bekommt ihm auch alles, denn er Hochrotes Leder Kr Kleidetaufputz «* GEWITSGH. Westbahnstrasse Nr. 18 Vergiftet sich nicht an selbst in Pest übergehenden Fischen. Auch der Australneger gleicht ihm darin. Dessen Spezialität ist, neben allem, was auf Erden kriecht, Gewürm jeglicher Art, vor allem fettleibige Nachtfalter, die für ihn, zu einem steifen Brei verarbeitet, lecker wie junges Gemüse sind. Uebrigens für den, der es einmal probieren will, ei» Mittel, um Fett anzusetzen. Wenn diese Erdenbewohner däbei gesund bleiben, so muß uns das sagen, daß unsere zahllosen Krankheiten viel wertiger die Ursache in dem haben, „was zum Munde stngeht", als in derk übrigen „kultivierten" Lebensgewohnheiten, also dem Geschmack auf weit anderem Gebiete als dem des Gaumens. Mag schließlich noch hmtzugefügt werden, daß Verschiedene unserer Nahrungsmittel bei den hier genannten Völkern ern nicht geringeres Gruseln verursachen als wir es vielleicht vor den ihrigen empfunden haben. Z. B. sind geronnene Milch und Käse für einige Völker nichts anderes als verfaulte Produkte, von denen sie sich mit Ekel abwenden. Selbst 'einige der Völker, die sich uns als Liebhaber von Haustieren gezeigt haben, gehren zu dieser Kategorie. Bei fast allen diesen Völkern zeigt sich, daß „Säen und Ernten" nicht ihre Passion ist, der Geschmack also die bequemsten Wege ging und sonach ein Erzieher zum Geschmack wurde. Geschmack und Geschntäck, dazwischen liegt eine Welt, und die Welt ist rnnd wie die Unendlichkeit selber; wo fängt der richtige Geschmack an und wo hört er auf? Ae Aebeahaudertkahrse!er der Universität Neapel. Dt« siebente Jahrhundertfeier der Universität Neapel wird, wie unser römischer Berichterstatter meldetz Freitag den 2. d. mit dem Empfang der offiziellen Vertreter italienischer und auswärttger Universitäten durch den Rektor und den Senat der Neapler Universität beginnen. Am folgenden Tage-werden im Teatw San Carlo die Vertreter der verschiedenen Nationen zu Worte kommen. Am gleichen. Abend ist für die Gäste Galavorstellung in der Oper.: Am Mrmtag findet die Eröffnung des internationale» Philvsophenkongresses statt. Am Abend gibt die Stadt den Gästen einen feierlichen Empfang im Rathaus. Am. Dienstag beschließen Wettkämpfe sportlichen Charakters in Pompeji den offiziÄlen Teil der -Festlichkeiten. Kae Schkeßerel in Krakan. Polizei ts&fe BaMte». svlckm, SL April. (Tel. der „Wiener Morgcnzeitung".) VvceitS seit einigen Tagen findet vor dem Krakauer KreisgerW eine spannende Gerichtsvecharcklung gegen vier Bandite« statt, bene» wegen mehrerer Raubüberfälle TodeSstraft ober lebenslängliche Kertechast drohte. Sonntag früh «mS Uhr «ntemcchmen die Banditen einetr Flu ch tverf« ch und es gÄang ihnen, anS dem Gefängnis zu entspri «g e«. Die Polizei, die sofort von der Flucht verständigt wurden sowie die Gefängniswärter, nahmen sogleich die Befolgung auf. Die Banditeir, welche-aus ganz unaufgülärt« Weise in den Besitz von Revolvern gelangt waren, schössen gegen die sie versolgettden Polizisten, und in den Straßen von Krakan wickelte M ein regelrechtes Feuergefecht <& Mit großer Mühe gelang es der Polizei, zweier Banditen habhaft zu werdm. Der Führer, der Bande, namens Koz^ gleichzeüig auch der'Hauptangeklagte, machte, Äs er sich, von allen Seiten umzingelt sah, mit der letzten Rtwolverkugel, die er sich durch den Kopf jagte, seinem Leben ein Ende. Ein Bandit ist entkommen. zwei Mörder Wüschet Gendarmen »um Tode verurteilt. Jerusalem, 26. April. (I. T. A.) Wd> el Kerim und Jitsof Abd d Nassul, zwei Araber, die überführt wurden, im Februar 1922 zwei Angehörige t«r britischen Genh a r m e r i e in Palästina, die Sergeanten Walker uttb Dünn, meuchlings ermordet zu haben, wurden am 23. April zum Tode verurteilt. Die Sergeanten Walker und Dünn fuhren irr der Nacht des 28. Jänner von Jaffa nach Jerusalem in eiltem Automobil, Äs sie hinter Ramleh von bewaffneten Arabern angehalten und erschossen wurden. Die Mörder erbeuteten das Automobil und flohen damit. Die polizeiliche Untersuchung erstreckte sich über den gaitzen Distrikt. Erst im Februar dieses Jahres gelang es, die Mörder zu verhaften. kitltcticH i.V inii 1. 1924 Seite 5 Regelung des Bettelgewerbes in gerusalem. Eine vie'lbeschriebeue und Vielbeklagte „SpeziÄität^- PÄästinas bildet' seit jeher das Bettelwesen, das den Touristen den Besuch religiöser und historischer Sehenswürtstgkeitert fast verleidete. Die englische Verwaltung hat bisher wenigstens die Straßen der Stadt von den verkrüppelten, lepra- und trachomkrgnken Bettlern gesäubert,: die früher eiltmÄ die Passaltten an den Rockärnteln zupften, in den Gäßchen aber/die zur Grabeskirche und zur Klagemauer der Juden sichren, sitzen die Bettler noch immer in dichten Reihen, schmutzig und verwahrlost, und bestürmen^eden besser gekleideten Passantem Die Zitierung hat nun an das Oberrabbinat eine Zuschrift gerichtet, laut welcher den tatsächlich würdige», auf milde Gaben angewiesenen > Armen^ Legittmattonen ausgefolgt werden mögen. Nur diese armett Leute werden sich in der Umgebung der Klagemauer mtfhalten, jedoch ruhig fitzen müssen, niemanden ansprechen oder ÜMstigen dürfen. Bezüglich der heiligen Orte anderer Bekenntnisse wird dft Regierung selbst solche Erlaubnisscheine ausfolgen. Die Bettelei in den Straßen ist überhaupt verboten. Unter den angestcmrmten Professionsbettlern Jerusalenrs hat dieser „Eingriff in ihre alten, ererbten und heiligeir Rechte", wie sie 'es nennen, große Erbitterung und! Verzweiflmtg hervorgerufen, die zu lauten Jammerausbrüchen vor beit Gemeindevorstehungen führen. Zuständigen Ortes denkt man daran, ditrch Spendensammlungen oder Einführung einer Armensteuer eine ZentrÄkasse zu gründen, aus welcher die „verifizierten^ und legitimiert-en Bettler? gleichsam subventioniert werden sollen. Man bmn die Unglücklichen unmöglich plötzlich und radikÄ von ihren traditionellen Bettekständen fortschaffen, denn es wird auch — nicht mit Unrecht — argumentiert, daß die bunten Bettlergruppen zum Ätgewohnten, typisch-charakteristischen Bild der Klagemauer und dergleichen, gehören, wie die Tcntben zum Markusplatz in Venedig.. . . Somit wird die alte Bettelei in Jerusalem sozusagen modernisiert, gewerbe- und zunftmäßig geregelt.. . Dertellung der Kunstpreise der AM Wien. Der Stadtsettat hat gestern nach den Vorschlägen des Preisrichtcokollegiums die Preise für Dichtkunst und für Musik vergeben. Die Preise für Werke der Musik werden verliehen an Mban Ber>g, Karl Prohaska, Fmnz Schmidt, Max Springer, Dr. Anton Webern, Dr. Karl Weigl; die Preise für Werke der D i ch t $ u n st an RudolLf Billinger, Walter Eidlitz, Max Mell, Rvbert Musil, Ott^ Stveßl, Martina Wied. Große Fölschuugeu do« Aspirin entdeckt. Dem Wiener Sicherheitsbureau kam von privater Seitdie Mitteilung zu, daß die Firma Chemodrog, Gebrüder Kaltakdjan, gefälschtes Aspirin in .den Handel bringe. Die Erhebmrgen, die darüber eingeleitet wurden, ergaben die Richtigkeit der Anzeige, und es wurden Proben von gesälschtent Aspirin der Chemisch-pharmazsutrschen Prüsungsanstalt zur Prüfung ubergeben. Die Prüfimg stellte zwei verschiedene Typen gefälschten Aspirins fest, und zwar Aspirin in Pulverform in einer Packung zu 100 Gramm in Kartons mit der Etikett« des Erzmgers „Bayer". Dieses Aspirin, ist gefälscht und der Inhalt bestcht aus Acidum Aeetilo-Salicilicum, das bedeutend billiger ist, alsdas echte Aspirin. Die' zweite Type besteht in verschiedenen Tabletten in einer Packung zu 20 Tabletten aus Packrollen mit einer UmhülluugsMse aus Pappe. Auch sie ttagen das Sigttttm der Firma Bayer. Eme Tablette wiegt 0,6520 Gramm. Dec weitere Untersuchung ergab, daß auch dies« Tabletten nicht Aspiriit enthalten, sondern aus einer Mischung bestehen, und zwar 45 Prozent RÄsstärke, 40 Prozent Fe-derweiß und 5 Prozetrt doppeltkchlensaures Natron. Diese Zusammensetzung stellt sich als eine schwere Gefährdung der Gesundheit der Bevölkerung dar, indem das Präparat in keiner Weise die WirLing des Aspirins Hervorrufen kann und andererseits Magenbeschwerden herbeizusühren geeignet ist. Die Erhebungen bei der Firma förderten nebst einer großett Menge echter Aspirintabletten und -Pulver, welche aber nicht den amtlichen Kontvollstreffen des Volksgesuncheitsrmtes trngett ttnd auf verbotenen Wegen eingeführt worden sind, eine große Menge ,gefälschter AspirintMetten zutage. Es hat sich bei einer näheren Untersuchung herausgestellt, daß außer dett erwähnten zwei Fälschungstypen noch eme dritte existiert, und zwar handelt es sich um eine Packung von zwölf Tabletten in Papierrollen mit Kartons, die mit enter violetten Schleife versehen find und den Aufdrttck tragen: „Spezialpackung für Deutschland." —'Die Ausfuhr dieser Packung ist verboten, da sie für den Export uMeeignet ist. Der Name Aspirin ist in Deutschland gesetzlich geschützt, und ebenso in den übrigen Jndttstrielätrdern. - Auf allen Präparaten ist die Signatur, „Bayer" eine Fälschung. Die ganze Ausstattung der Falsifikate ist den Originalen nachgeahmt, doch erreicht die Schärfe der Fälschmtg nicht die des echten Druckes. . ' Nach den Erhebungen sind die falschen ^Präparate schon iy >.. gwßen Mengen an Apotheker, D r o g i st e n; und Ach ims ch e n h ä n d l e r abgegeben und auch bereits nach attswärts verkauft worden. ' ' 9te LebeMMelmMe. ' ' Während in den letzten Lagen eine starke Zurückhaltung Publikums Mim Fleifche'tnkattf ztt beobachten war, hat gestern in der Großmarkthalle das Geschäft schon in den-frühen Morgenstunden lebhaft eingesetzt. Die lebhaftere Nachfrage mnd ’ das kühle Wetter hatten e-ine Preishittäuffetzung aller Fleischgatttmgen um durchschnittlich lOM bis 2000 Kronen-pro Mo- 9 5353534853235353232348235323 6892^375^5375472