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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-30 · Heft 1870 (30.4.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1870 (30.4.1924)
Date
1924-04-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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LITERATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITÜNG* M.7 3(1 April 104 'ADMINISTRATION: „WIENER MORGENEEITÜN^, WIEN, II., TABORSTRASSE 1 ~ 3 UNSER BUCH DER WOCHE Krieg und Nachkrieg Politische Memoiren. Alle Feldherren' schreiben Memoiren. Hauptsächlich aber die unglücklichen unter ihnen. Sie haben das Bedürfnis, sich Im Urteil ihrer Zeit und der nachfolgenden Generationen zu reinigen und die Anklage zu widerlegen, sie hätten nicht alles erdenkliche getan, um den politischen Zweck, der an sie appellierte, nach Können und Wollen zu entsprechen. Es kommt aber dabei nichts anderes heraus als eine anachronistische Anerkennung der Schillersohen Maxime, von dem Weltgericht der Weltgeschichte. Im Ruhmesglanz ihrer Stellung,. in der vollen Hebung ihres Amtes hätten diese Feldherren wenig Respekt vor Geschichte und Gericht, es sei denn vor Anklagegeschichten und Feldgerichten. Aber nach vollzogener Tat liegt ihnen alles daran zu beweisen, daß sie den Massenmord gründlich angelegt hatten und daß er nur deshalb fehlgegangen Ist, weil andere nicht ihre volle Pflicht getan hätten. Das ist das Verbindende zwischen den Denkwürdigkeiten, die die geschlagenen Heerführer der unterlegenen Staaten in diesem Weltkrieg aufgezeichnet haben. Jeder hat sein Bestes getan, freilich erst nachher und in seiner Schrift. Mit dieser Bemerkung soll freilich nicht der gute WMe bestritten sein. Alle wollten morden, alle setzten ihre ganze Autorität für das Gelingen der Ultimo ratio ein. Daß sie scheiterten — die Schuld liegt an der Unzulänglichkeit alles Irdischen, die es zum Glück für die Menschheit verhindert, daß aus den Halbgöttern Götter werden. Wenigstens in unserer materialistischen Zeit In der Kriegszeit waren ja derartige Tendenzen in der kriegsbegeisterten Hinterlandsdichterei vQrhanden; in Berlin ragte der eiserne Hindenburg, in Wien suchte man den Platz für das Hötzendorf- Denkmal. Und noch etwas Verbindendes gibt es zwischen 'den Kriegshäuptlingen jeder Couleur: ihr absolutes Nichtwissen um politische und wirtschaftliche Zusammenhänge. Diese Menschen,-angeblich in Schulen mit Hilfe wdssenschaftlioher Unterrichtsführung vorgebildet, keimen außerhalb ihrer Kaserne, ihres Exerzierplatzhorizontes überhaupt nichts. Man weiß , ja, wie Hötzendorf den Krieg begann, ohne über Italiens und Rumäniens Stellung im klaren zu sein. Man weiß, daß der deutsche Generalstab, diese geist- und seelenlose Mechanik, den Krieg mit dem furchtbarsten und folgenschwersten politischen Fehler, dem Bruch der belgischen Neutralität einleitete. Und mm erhält man aus den Erinnerungen W. A. SuchomUno ws (deren deutsche Ausgabe ,im Verlag von Reimar Hobbing in> Berlin, über 500 Seiten stark erschienen ist), den gleichen traurigen Eindruck. Ein schwacher, haltloser Mansch, dessen Augenkreis von Wachposten und Hoflakaien begrenzt wird, der sich nicht dem russischen Volk, sondern*der allerhöchsten Dynastie Verantwortlich -fühlt, der alle Unzulänglichkeiten dieser ach so sehr geliebten Personen so genau erkennt, daß er sie in seine Tagebücher notiert — ein solcher Mann steht'an einer Stelle, die über Krieg und Frieden, über Leben und Wirtschaft eines großen Volkes entscheidet. Die Entscheidung ist so ausgefallen, wie wir sie miterlebt haben und wie sie , der, moralischen Potenz der Führer entsprach. Man staunt bei der Lektüre solcher Bücher über das grandiose Ausmaß an Dummheit und Verbrechen, mit dem regiert wurde. In Rußland ebensogut wie in Deutschland, in Oesterreich und anderswo. Der Betrug war in eiji festes System gebracht. Die Menschenschlächterei war organisiert, alles war durchdacht, so wie das die Schulen gelehrt batten, nur eines fehlte: die Ehrlichkeit und die Bedachtnahme auf die-; jenigen, die ins Spiel gerissen wurden, auf die Völker.; Und als die klarer zu sehen begannen,' stürzten die Throne und mit ihnen schwanden düe Drohnen mit Orden und Degen. j . Sind sie geschwunden? Aus den Memdfren Stt-| chomMnpws klingt es wie müde. Resignation. Aber: inan weiß, daß nicht alle seines Berufes uwd Sbhiök^ sals so weltsoHmenzlerisdi fühlen, daß sie vielmehr eine unheimliche Aktivität entwickeln, um sich wieder. DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Braumfiller&Sohn Wien, I. Graben 21 behaglich an die Krippe schlängeln zu können. Sie j düng der „Aida" schon durch zehn Jahre unfruehthaben die Hoffnung nicht aufgegeben, wieder in der bar und an seiner Kraft, durch Wagner irre geworden Hofluft tanzen zu können, und um diese Träume nicht -- gleichzeitig weilen. Welcher Gegensatz zwischen. ausreifen.zu lassen, sollten alle Menschen diese Memoiren lesen, um zu .erkennen, wie und von wem die Welt ins Unglück getrieben wurde. ■ Zeigt Suchomlinow den Krieg, so führt uns Ala dar v. Boroviczeny C,Der König und sein Reichsverweser“, Verlag für Kulturpolitik, München) in eine Zeit, die dem Krieg unmittelbar folgte und selbst nichts anderes war als seine Fortsetzung. Audi dieses Buch hat einen, sagen wir, politisch-moralischen Zweck und wird ihm in vollstem Umfang gerecht. Freilich nicht nach dem Wunsche des Autors, der ein Kolleg darüber liest, wie die Politik und wie die Moral in jenen Schichten aussah, die ihr . Geschick gerne mit der Weltgeschichte verwechseln; Es wird verständlich, daß; Kaiserin, : Zita öffentlich gegen diese Publikation protestierte. Das Buch soll der Oeffentlichkeit beweisen, ein wie großer. Verlust für die Sanierung des Zusammenbruches die Entthronung des Hauses Habsburg war. Es soll erzählen, wie alles besser geworden wäre, wenn die diversen Handstreiche des verstorbenen Kaisers Karl zur Restauration in Ungarn gelungen wären. Von Budapest aus hätte eine neue Zeit ausgestnahlt, eine Aera der Harmonie und Glückseligkeit. Aber da kehrt sich die Geschichte von Bileams Segen, um. Boroviczeny flucht. Er schildert den Kaiser als einen Mann, der jedem politischen Schwindler hereinfällt. Er schildert dessen Umgebung als-eine Bande von Lügnern und Verrätern und er gibt uns insbesondere; von dem, blutigen Horthy das Bild eines ekelhaften Meineidigen und Strebers. Diese.Sippschaft hätte,die Grundlage für die Völkerversöhmrag und Tür den, Zusammenschluß der abtrünnig gewordenen Sukzessionsstaatenlegen sollen. Wie bereit säe das vor? Mit Wühlereien: (Berchthüld oder Kama hätten von subversiven Tendenzen gesprochen) mit Spitzelten. Die Slowaken werden gegen Prag, die Kroaten gegen Belgrad gesetzt. Freilich weiß man nicht ganz genau, wie es der Autor mit der Wahrheit halt Zwei der von ihm erzählten Episoden sind von Seite Otto Bauers und des Abgeordneten Server , in Wien als erlogen bezeichnet worden. Aber nichtsdestoweniger oder? gerade deshalb gehört auch dieses Buch in «die Kategorie jener. Werke, deren Verbreitung dringend geboten wäre. Je klarer es wird, wie innerlich verlogen und' -Unsittlich die Reaktion ist, desto besser wird es für die Sadhe der Völker, ‘ die nicht immer daraufzahlen I sollen, wenn die Könige streiten. So aufgefaßt, würden auch Sudiomlmow und Boroviczeny unwHlküriich-zu Kündern der Wahrheit —y. . in der Z,eüibaehhandloser Im Harreshof (Heller-Bukum A.-G.), I., Herren*. 10, Eingang Fähhengajwe. LEBEN IM BUCH Ein Verdi-Roman ■ Wie seiten gelangt es doch dem Dichter, welcher gerühmte Künstler .zu Helden. seines Dramas . oder Romäps erwählt, - über deren geschichtliche Seridung den Schleier dichterischer Wahrheit zu breiten, und so aus Lebenswirlddchkeit und Künstlertraum intuitiv die höhere „mythische“ Wahrheit zu erforschen. Verdi ahnt dies, wenn er in einem Briefe schreibt: ,J)!e; Wahrheit nachbilden, mag gut sein, die Wahrheit er-; |nden, ist besser, väe! besser .. .“ Mit der visionären ' Kraft des wahren Dichters gelingt dies Franz; W er k e l in seinem, äm Verlag Paul S z o l na y erschienenen Roman der Oper „V e r d i“, äh dem er | Verdi und Wagner gegenüberstellt: Nicht die zwei größten Tondichter ihrer Zeit, sondern-zwei entgegengesetzte Weltanschauungen, Nord und Süd, dionysisch Hnd apollinisch, höchste Artistik und ursprüngliche Sinpenfreude prallen gegeneinander. Werfel führt uns in das sinnenfrohe Venedig, des Wteters. 1882, M dem Wagner — nach der Schaffung des „Parsifal* auf der Ache seines Ruhmes — und Verdi — seit der Vollen* Wagner, dem großen Redner und geistvollen Menschen, und Verdi, dem greisen, scheuen Kind des Volkes, der am liebsten fern von der. Oeffentlichkeit auf seinem Gute als Bauer seinen Gärten imd Feldern, seinen Ställen und der Pferdezucht lebt. Ihm bangt, angesichts Wagners musikalischen Dramas um die Urmelodie des südlichen Belkanto, und zweimal ist er daran, dem deutschen Muri'kriramatäker Aug’ in Aug’ gegenüber zu treten. Da er sich endgültig dazu entschließt, äst Wagner eben gestorben, Inder gleichen Nacht, da Verdi einen plötzlichen Henzanfall siegreich überwunden hat. Das Drama stirbt und die Oper lebt weiter! Freilich nicht ohne schwere Kämpfe und Krämpfe! Wir ahnen diese Leiden des Wachstums und der Erneuerung, wenn Verdi im Hospital erschüttert den furchtbaren Schreien schier endlosen Atems der sich r in Geburtswehen krümmenden Bianfea lauscht. Er horcht diesen Kriegsrufen des Weibes und horcht gleichzeitig in sein müdes eigenes Ich. Kurz vorher hatte er in Verzweiflung die Skizzen zu seiner Oper „König Lear“, das Werk jahrelanger Arbeit, dem Feuer anvertraut, zur gleichen Zeit, da auf der, Piaizetta König Karneval (ein Wahrzeichen der Oper) zu Faschingsende feierlich verbrannt und durch eckn Unglück die große Theaferzeftelsamnflurig des 105jährigen Marchese Gritti, der durch 80 Jahre allabendlich die italienischen Opernstagtone besucht hatte, ein Raub der Flammen wurde. Die Italienische Oper ist eben in höchster Gefahr und doch muß Verdi an der Kraft der südlichen Urmelodie der Oper glauben: er lernt einen armen Krüppel kennen, den Sohn eines alten: Theaterdieners, ' und einer schwachsinnigen Mutter, der ohne jede musikalische Schulung visionär die schönsten sinnlichen Melodien, ja, selbst dreiteilige Arien erfindet und zu seinem rührenden Gesänge von der irren Mutter auf der Gitarre richtig begleitet ward. „Es geschah eine mystische Wiedervereinigung von Mutter und Kind in der Musik.“ — Wie anders dagegen der deutsche Musiker Fischbock, der nurr die alten deutschen.MeSster Bach und Buxtehude gelten läßt, der reine Gehirnmusiker, - der grauenvolle Akkorde und stolpernde Rhythmen erfindet, em - Futurist, „dem vor dem Liszt-Wagnerschen orchesterersoffenen Deutschland graut“. Fischböck muß ebenso dahinstejrben wie Mar- - diese Grittrs einzigartige Opernsamml'itng, wie die Skizzen zum „König Lear“ und der opemhafte Fasching. Doch die unsterbliche Kunst Verdis erhebt , sich wie der Vogel Phönix neu aus der Asche, und nach vierjähriger Pause zeigen der „Othello“ und der „Falstaff“, das: einzigartige Wunderwerk eines Achtzigjährigen, die italienische Oper unverletzt von den Einflüssen des Nordens in verjüngter .Gestalt! Ist Verdis Schaffen ein Triumph der Sinnenfreude und der naiven unkonstruierten Urmelodie, so bringt Werfels wunderschöner, ahnnngstiefer, symbolschwerer Verdi-Roman, dessen warmer ungekünstelter Sprache man die Fülle von Studium und Quellenforschung kaum anmerkt, einen mächtig tönenden Kampfgesang der Ursprünglich gesunden, naiven Sännenkünst gegen Bildungspvo\zentum und Literatur. Erwin Felde r.; - „Verschwörer“ Dr. E. J. G -u ,m b e l hat seinem „Vier Jahre politischel Mord” , eine. Zusammenstellung von' Briefen, Protokollen, Zehnngsmeldungeii und Berichten über Gerichtsverhandlungen. folgen, lassen, die er unter dom 9ammvn«tmen „Verschwörer” als Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistische« Qelieimb'ünde sen . 1918 'durch den M -a 1 i k - V e r 1 a g, Berlin,: der; Oeftfentlichke.lt übergibt. Dem Titel „Verschwörer”, könnte man leicht in Erinnerung an Bülows schnoddrige Aeußerung gegen die russischen Revolutionäre das Wort „Schnorrer” anfügen. Denn das Geld spielt in den Kreisen, .deren Trei- Iben mit unheimlicher Eindringlichkeit aiufgcdeckt . wird, eine sehr große Rolle. Es wiird von dem Zweck der nationalen Gesinnung und Tat geheiligt. Diese Gesinnung und ütdes ftabre bat Rihols-Vücliri- BRAUCHST DU'BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN, I. ROTENTURMSTRASSE 28 741985

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