Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1859 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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elfte 10 Men, Freitag Wiener MorArnzeikunZ. 18. AM 1924 Skr. 1859 %DAS NEUE PALÄSTINA# zurück zum Rattonalfonds! Einen Fonds zu schaffen, aus dessen Mitteln der Boden Erez Israels privatrechtlich erworben und der jüdischen Gesamtheit zu eigen gegeben werde — das war böe erst«, praktische Aufgabe, die sich 1897 schon der junge politische Zionismus stellte. ES dauerte aber noch eine geraume Zeit, biS die Aufgabe Wirklichkeit wurde, bis Ende 1901 aus dieser Idee heraus der Keren Kajemeth l'Jsrael, der Jüdische Nationalfonds, wirklich erstand ... Gelegentlich des 13. Zionistenkongresses gab die Zentralverwaltung des Keren Kajemeth in einen:- über 200 Seiten umfassenden Bande, dem Heft 6 des Jahrbuches „Erez Israel", einen Bericht heraus über das, was dieser in Erez Israel bisher geleistet hat. Es ist eine überaus erfreuliche Darstellung des mit seinen Mitteln Geschaffenen, bei der man jedoch das eine unbefriedigende Empfinden hat: Was hätte alles geschjafsen sein können, wären die Mittel des Keren Kajemeth größer getvcsen. . . Denn, was bedeutet schließlich ein Gesamtbesitz von 100.000 Dunäm Boden, wenn das Mandatsgebiet an 20 Millionen Dnnam umfaßt? Wahrlich recht wenig. Nur ein Anfang. Und das ist der große Vorwurf, der aus dem Bericht herausklingt. Wohl ist der ganze jüdische Besitz in Erez Israel : siebeneinhalbmal so groß als der des Keren Kajemeth. Aber was ist selbst das? Und man wolle nicht vergessen, daß es von ganz besonderer Wichtigkeit ist, daß gerade der Kerqn Kajemeth den Boden von Erez Israel besitzt. Nicht aus irgendwelchem Parteiinteresse heraus (der Keren Kajemeth ist keine Parteisache), sondern wegen des großen Zieles, das er ut& er allein sich gesteckt hat, und das gerade in seinen Anfängen den großen, ungeteilten Beifall aller jüdischen Kreise gefunden hat: Der Keren Kajemeth soll ben- Boden nicht schlechthin erwerben, sondern er soll ihn zum Volkseigentum machen, er soll ihn m den Gemeinbesitz des ganzen jüdischen Volkes bringen, er soll chn sozialisieren, er soll in Erez Israel die altneue, die altjüdische und doch modernste Idee der Bodenreform zur praktischen Durchführung -.bringen. Gegen diese soziale Aufgabe hat nie jemand etwas einzuweuden gehabt, auch ferner; von denen, die sich dagegen wenden, daß sonst in.Csre.V Israel soziale i Experimente gemacht werden. (Es bleibe hier unerörtert, ob mit Recht oder Unrecht..) Mit diesem großen Ziel war der Keren Kajemech von allem Anfang ° an verbunden, und es ist wohl kein Trugschluß,- wenn man anmmmt, daß gerade dieses chn so allgemein beliebt gemacht hat. Aber diese seine große Ausgabe ist allmählich noch mehr dem Bewußtsein selbst unserer nächsten Kreise entschwunden, als der Keren Kajemeth überhaupt. Man möchte es kaum glauben, aber der uns vorliegende Bericht beweist es einwandfrei, daß die große Beliebtheit, deren sich dvo Keren Kajemeth früher immer erfreute, in den letzten Jahren geschwunden zu sein scheint. Trägt er selbst die Schuld daran? Trifft etwa seine Verwaltung irgendeine Schuld? Wohl nicht: Man hat Boden gekauft, hat ihn mangels anderer Faktoren, die das hätten überinehmen können, saniert, und hat darauf eine große Zahl von Chaluzim zur A?nsiedlung gebracht. Man kann mit der einen oder anderen Einzelheit, die ausgeführt wurde, nicht so ganz einverstanden sein, im ganzen müssen wir sagen: Der Keren Kajemeth hat gehalten, was er verspr ochen h at. Nur seine Freunde, die Anhänger seiner Idee, haben versagt . . . Im Laufe der Entwicklung sind andere Aufgaben für den Aufbau Erez-Israels an uns herangetreten, und darüber ist die allererste und allerwichtigste Aufgabe in den Hintergrund getreten: Der B odynerwerb. Was könnte aber sonst geschehen, wenn nicht der Grund und Boden dazu vorhanden ist, in unserem! Besitz ist? Es ist an. der Zeit, daß nran sich dessen wieder erinnert und den Keren Kajemeth nicht mehr das Aschenbrödel sein läßt, das er in den letzter: Jahren unserer Errt- Wicklung war, das Aschenbrödel, das sich bescheiden im Hintergrund halten muß, und dem man allenfalls in guter Laune einen Bracken hinwirst. Das muß aufhören, sollen wir in istalästina vorwärts kommen. D'e Verwaltung des Keren Kajemeth hat durch ihre letzten Badenkäufe noch große Verpflichtungen zu ern'illen. Ihre Kassen aber sind leer. Andererseits bieten sich ihr immer wieder neue Gelegenheiten zu günstigem Bodenerwerb. Sie ist aber nicht imstande, sie auszuführen, weil sie nicht neue Verpflichtungen auf sich nehmen darf, ohne die Gewißheit, die erforderlichen Mittel, dazu zn erlangen. Hier muß Abhilfe geschaffen werden. Es muß dafür gesorgt werden, daß die Mittel viel reichlicher als je zuvor wieder zufließen. Systematisch muß! - an seiner Stärkung gearbeitet werden. Immer wieder muß seiner gedacht werden, in Freud und in Leid, bei jeden Gelegenheit. Es muß wieder Aufgabe eines jeden werden, für den Kc'-en Kajemeth zu arbeiten. Es muß aufs schmerzlichste berühren, wenn von der Tagung der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation in Erez Israel der Ruf zu uns dringt: Bodenmangel beim Keren Kajemeth verhindert die notwendig« und planmäßige Forts"'' nin^ der Siedlungsarbeit. Dem Keren Kajemeth fehl'?': die neuen Boden zu erwerben... Ein jeder -muß diesen Vorwurf auf sich lasten fühlen und muß bestrebt sein, sich von Hm reinzuwaschen. Es ist ganz falsch, den Keren Kajemeth nur als einen mit kleinen Gelegenheitsspenden sich begnügenden Fonds anzusehen. Große Mittel sind für ihn erforderlich, groß« Mittel für seine' große Aufgabe. Soll er sie erfüllen, so müssen eines jeden Zuwendungen für ihn dem entsprechen. Unser Ruf geht darum an alle Richtungen im Zionismus und darüber hinaus an alle Kreise des Judentums: Gebt und wirkt für den Keren Kajemeth! Sorgt für Geulath haarez! Dr. Hugo Schachtel. Sie erste genossenschaftliche Kleinsiedlung», kolonle. Unter Leitung von Dr. S. S o s k i n wird binnen kurzem die erste genossenschaftliche KleinsiedlungSkolonie in Palästtna in der Nähe von Tel-Awiw angelegt werden. Die Siedlung stellt den ersten Versuch dar, Soskins Plan einer intensiven Wirtschaftsmethode in Palästina zu verwirklichen. (Wie bekannt, propagiert Dr. Soskin seit Jahren die Einführung intensiver Landwirtschaftsmethoden mit kleinen und kleinsten Flächen. Soskin hat sein Kolonisatwnsprogrcmrm auch dem 12. Zionistenkmrgreß in einem ausführlichen Referat entwickelt und sich nachher mit seinen Kritikern auch in der „Wiener Morgenzeitung" auseinandergesetzt. Es ist jedenfalls sehr zn begrüßen, daß Soskin die Gelegenheit erhalten soll, die von ihm behaupteten Vorzüge seines Systcnis prakttsch zu erweisen.) Skr Machlakat Haawodah. (Arbeitsabteilung des Palästina-Amtes.) Von Saul Weinreb, derzeit Vorsitzender der Wiener Machlakat Haawodah.; Bor kurzem ging durch die Presse die Nachricht, daß die Zionistische Exekutive in Erez Israel die Einreiseerlaubnis für 2000 Chaluzim erhalten hat. Diese Nachricht war doppelt.erfreulich nach der Epoche der stärkeren Rückwanderung in der zweiten Hälfte des vorigen Jahres. Es ist natürlich überflüssig, darauf hinzuweisen, daß diese neue Aliah eine Folge der gebesserten wirtschaftlichen Lage ist. Interessant ist aber, daß das wirtschaftliche Moment gar nicht die Hauptursache der Rückwanderungs-bcw-egung tvar. Nach genauer Ueberprüsung des ausgewanderten Menschenmaterials hat es sich gezeigt, daß in erster Reihe der Mangel an „Chaluziuth" schuld an dieser Erscheinung war. Es waren teils Menschen, die nur wegen Ueberfüllung der amerikanischen Einwanderungsquote den Weg nach Erez Israel genommen und dieses nur als Etappenstation betrachtet hatten, teils Menschen, die früher von der Chaluka lebten und jetzt wegen Ausbleibens derselben das Land verlassen mußten, zumallergeringsten Teile aber waren es Chaluzim. Die Zionistische Exekutive hat daher in Konsequenz dieser Erkenntnis richtig gehandelt, indem sie ihren Einwanderungskontrollor beauftragt hat, gelegentlich seiner Besuche bei den Palästrna-Aemtern Zentral- und Osteuropas dieselben auf diesen Umstand aufmerksam zu machen und mit ihnen die Kriterien sestzustellen, nach denen die Auswahl der Chaluzim zu erfolgen habe. Es dürfte daher für die Öffentlichkeit sicher von Interesse fein, zu erfahren, auf welche Weise die Auswahl erfolgt. Im Einklänge mit den Beschlüssen des 12. Zionlstenkongresses besteht bei jedem Palästina-Amte eine Subkommission, ,M a ch l a k a t H a a w o d a h" genannt, deren Aufgabe es ist, die Qualifikation der für die Reise Borge merkten vorzunehmen. Die von ihr geleistete Arbeit ist nicht gering, da sie in der Regel die b ei kleinere Zahl von Visen unter der großen Zahl von Bewerbern auszuteilen hat und daher Vorsicht walten lassen muß. Ein jeder Belverber wird persönlich einvernonrmen, genauestens geprüft und muß schließlich alle seine Angaben durch Belege bestätigen können. Sehr oft werden Referenzen von der Organisation, auf die sich der Bewerber beruft, eingeholt und so werden auch auf diese Weise seine Angaben überprüft. Für die Auswahl sind die folgender. Gesichtspunkte maßgebend: 1. Turchdrungensein vom Gerste der Chaluziuth (dar heißt Bereitwilligkeit, allen Hindernissen zmn Trotz aus dem bezogenen Posten auszuharren). 2. Zugehörigkeit zu einer zionistischen Gruppe oder zum Hechaluz. 3. Fachliche Ausbildung. 4. Kenntnis des Hebräischen. 5. Ob Verwandte im 'Lande (weil sich dadurch die Verantwortlichkeit der Zionistischen Organisation vermindert). 6. Ob vielleicht für eine Anstellung vorgesorgt ist. 7. Ob der Anwärter Geld für Reisespesen, eventuell auch für die erste Zeit des Aufenthaltes im Lande besitzt. Aber auch mit den für die Reise als ungeeignet Befundenen -beschäftigt sich die Machlakat Haawodah. Diese werden nochmals vorgeladen und beraten, was sie zu ihrer Vervollkommnung zu tun haben. Es wird ihnen ferner! geraten, welchen Berus sie ergreifen sollen, wenn sie keinen I bestimmten Berus haben. Die nötigen Arbeitsstätten besorgt ihnen in der Regel die Wiener Chaluz-Organisation Die Machlakat Haawodah hat sich als sehr notwendig td wiesen, denn eftens wäre es technisch schwer durchfirho bar, daß die Auswahl durch die große Palästina-Amts, kommission geschehe, welche nach dem Enrpfange der Vorschläge der Subkommission leichter die Entscheidung treffen kann, und zweitens kann die Machlakat Haawodah infolge ihrer Zusammensetzung leichter den inneren Zusammenhang mit den Chaluzim finden. Die Machlakat Haawodah setzt sich zusammen aus je einem Vertreter der Hitachduth, Poalc Zion, Zeire Zion, der großen Palästina- Amtskommission und zwei Vertretern des Hechaluz. Sir jüdische Haudwerkerorganisation. Aus Grund der am 23. Febrrrar 1923 erfolgten Statuten» bestätiguug durch die Regierung hat die Handwerkerbank (Bank Lamelacha) in Jaffa ihre Tätigkeit begonnen. I« Palästina selbst wurden bisher ungefähr 1000 Aktien abgesetzt — eine Aktie zu 1 ägyptischen Psurrd —, außerdem wurden zu diesem Zwecke in letzter Zeit verschiedene Komitees im Ausland gegründet (London, Berlin, Amerika). Die jüdischen Handwerker haben, obgleich bereits seit 15 Jahren ein Handwerkerverein besteht, bisher wenig Initiative entfaltet und es nicht verstanden, das Interesse weiterer Kreise aus ihre besonderen Bedürfnisse zu lenken. Erst in letzter Zeit beginnt eine Tätigkeit auf diesem Gebiete. Ein jüngst von der Handwerkerorganisaliorr Hrstadruth Merkas Baaler Hamelachah in Tel-Awiw ausgegebenes Zirkular sucht die Aufmerksamkeit der jüdischen Welt auf den palästinensisch-jüdischen Harrdwerkerstand zu lenken. Es wird erklärt, der Handwerker, der an selbständige Arbeit gewöhnt sei, könne sich nicht an Kooperativen anschließen, „wo er ein einfaches Rad einer großen Maschine werden und die Schaffenskraft verlieren müßte". Die Handwerker könnten keine neuen Experimente machen, welche nach ihrer Meinung dem Fachmann nur Schaden bringen, weil in den Kooperativen bloß Taglohn bezahlt wird, wodurch Unternehmungsgeist und Vevairtwortlichkeitsgefühl geschwächt würden. Die Handwerker stoßen bei ihrem Streben, ihre Selbständigkeit zu bewahren, auf große Schwierigkeiten. Diese bestehen im K a P r t a l s m a n g e l bei neuen Einwanderern aus dem Handwerkerstande, deren Geldnot die zionistische Leihkasse nicht befriedigen könne, so daß sich die Handwerker in drückende Schulden stürzen. Kapitalskrästigere müssen größere Summen in Maschinen und Werkzeugen investieren, welche sie nicht ständig brauchen und schwächen dadurch ihre Konkurrenzfähigkeit sowie die Rentabilität ihres Unternehmens. Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, wurden folgende Mittel in Anwendung gebracht: An einem zentralen Platz in Tel Awiw werden 3st Werkstätten errichtet, die teilweise mit Werkzeug versehen werden und an neu einwandernde Handwerker gegen monatliche Abzahlung vermietet werden. Dadrrrch soll der Handwerker eine Uebergangszeit gewinnen, um die Bedingungen des Landes kennen zu lernen und sich einen geeigneten Arbeitsplatz in einer Stadt oder Kolonie ausfindig zu machen. Ein Maschinenraum wird jene Geräte enthalten, deren der Harrdwerker nur zeitweilig bedarf, und zwar zur allgemeinen. Benützung gegen Stundartzmiete. In diesem Gebäude wird ferner eine Werk schule für Kinder errichtet, wo diese drrrch einige Wochenstunden unter der Anleitung von Lehrern im Handwerk unterwiesen werden sollen. Es werden mit Hilfe der Handwerkerbank Verkaufsläden zum Verkauf der Handwerksprodukte im kommerziellen Zentrum, von Tel-Awiw errichtet, wobei der Handwerker öOProzent des Warenivertes als Anzahlung vor dem Verkauf seiner Waren erhält. (Bisher gibt es zwei solcher Läden, Schusterei und Möbeltischlerei.) Dadurch wird ihm die weitere Produktion ermöglicht und die Haltung eines eigenen Verkaufslokales erspart. Ebenso sollen die Rohmaterialien gemeinsam bezogen und dadurch verbilligt werden. Die Handwerkerbank eröffnet Läden für den Verkauf von Werkzeug und Arbeitsmaschrnen aus 'langfristige Ratenzahlung. U-m der Wohnungsnot der Handwerker abzuhelfen, wurden Bauplätze auf jährliche Abzahlung zur Verfügung gestellt, dies bisher in 2 6 0 Fällen. Gin technisches Bureau wurde eröffnet, welches den Häuserbau übernimmt urrd den Handwerkern ohne Vermittlung des Unternehmers direkt Arbeiten überweist. — Geplant ist die Schaffung einer Siedlung kinderreicher Handwerkerfamilien bei Tel-Awiw — Wohnhäuser nebst kleiner Anbaufläche —, um durch Pflege von Milch-, Gemüsewirtschaft und Geflügelzucht die Existenz solcher Handwerker zu erleichtern. Das gesamte hier Angeführte bezieht sich ausschließlich auf Tel-Awiw. Von einer aktronskräftigen und sämtliche jüdischen Handwerker des Landes umfassenden Organisation kann bisher noch nicht gesprochen werden. Ein neues jüdisches Handwerkerviertel in Jerusalem. Di« palästinensische Baugeselffchast Neschek, die Palestrn« Land Development Company, die palastmensrsche Bangsssellschaft Hamanchil und der Berliner Bank,er Sam. Cohen yabM dieser Tage einen Vertrag übgeschloisen, nach welchem sie gemeinsam ein Kapital von 20.000 Pfund Sterling ausb ringen. Dieses Kapital ist für den Bau, erttfi