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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-15 · Heft 1856 (15.4.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1856 (15.4.1924)
Date
1924-04-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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* Sette S Mlenev MoegenKlkuisg. tatgetan wvrde, gelitten und es kostet Mühe und daK Aufgedot aller Schonung und Rücksicht, um das Weh zu lindern, das ihr angetan wurde. In eiuer solchen Krise befindet sich zur Sittiche das ,Aktienwesen. Mark und Ungarkrone, französischer Franken und Tschechenkrone hatten die flatterhafte Spekulation in Hre Netze gelockt, hatten sie darin bald nach oben, bald nach, unten verstrickt und erbarmungslos gewürgt. Die heimische, brave Aktie, die leichtmütig zur Seite geschoben und sitzen gelassen wurde, ist vor Kränkung schier vergangen und vergießt bittere Zähren, welche ihre „schönen bläuen Augen", die vormals so hekk und froh geblickt und in eine Welt des Glückes und Frohsinnes gelacht haben, trSVen und umdüstern. Die Aktie weint um das „verlorene" Paradies und trauert um den guten Ruf, den ihre treu- Beschützer gelästert und verzettelt haben. Der Leu Innerstes so mächtig ergreifen. Alle Etappen, von der Urbarmachung bis zum vollendeten Lehrgebäude, vom Sumpf über Blü-heN zur Reife, gleiten vorbei, ein Werk, das sonst Jahrhunderte zur Vollendung braucht, wird hier in einzigem Geschehen dreier Jahrzehnte zur beispiellosen Tat. Und mit den zuckenden Bildern zittert das Herz, seltsam und freudig über die stille Größe unserer Pioniere und der Wille zu Mitarbeit und Opfer wird fruchtbar geweckt. Die lebenden Bilder werden neues Leben schaffen und die Momentaufnahmen gehören der Ewigkeit an... Der stimmungsvoll intime Raum der Schwarzenberg- Kammerlichtspiele war ein würdiger Rahmen für den neuen Palästina-Film, den der Jüdische Nationalfonds Sonntag zgr UrauMhrung brachte. Nach der einleitenden Ansprache von Dr. Abeles, die wir unten ausführlich folgen lassen, begann der Film. John Bloombe r g, ein reicher Jude aus Amerika, landet aus einer Vergnügungsreise in Jaffa, zusammen mit jüdischen Arbeit'sPioMren. Ein jüdischer Fremdenführer überredet Bloomberg/ das Land zu besichtigen. Es geht nach Tel-Awiw. Vor 13 Jahren noch ein Stück Wüste, ist es heute eine moderne Villenstadt mit 1400 Häusern und über 20.000 Einwohnern. Wir sehen das jüdische Gymnasium, frohe Kinderschaven bürgen für die Zukunft des Landes. Der Amerikaner will Industrien sehen. Die Ziegelfabrik, die E,lek trizitätsze n trale, die Fruchtk onser v e ü- und Schokoladenfabrik R aa n a n werden gezeigt, ferner die weltberühmten Wernkellereien von Rischou le Zion. „Bon Schokolade und Wein kann man nicht leben! Zeigen Sie mir jüdische Bauern!" sagt Bloomberg. Die Kokonie Nächlath Jehuda wird besichtigt. „Hier leben lauter jüdische Bauern!" Tabakbau, Geflügel und Viehzucht werden in Prächtigen Bildern veranschaulicht. Petach Zlikwah liefert eine reiche Orangenernte, die emsig verpackt und exportiert wird. Der Herzl-Wald ersteht vor uns. Chederah, einst eine unheimliche Fiebergegend, heute eine blühende Kolonie. Russische Pogromwaisen leben dort in Glück und Zufriedenheit. Haifa mit der hebräischen Realschule und dem jüdischen Technikum. Die Ehaluzim bei Bau- und Straßenarbeiten bilden das Staunen Bloombergs. Er fragt ein Kind auf englisch: ,Me heißt du?" ,^Jch spreche nur hebräisch", lautet die Antwort. Die Siedlungen des Keren Kajemeth l'Jfrael, des Jüdischen Nationalfonds, ziehen vorüber. Bloomberg schreibt in das Fremdenbuch einer Kolonie ein: fället aus, wir lassen euch nicht im Stich!" Di« Bananenpslanzungen am Tiberiassee entzücken ihn, desgleichen die üppigen Weingärten. 0 muß wieder wie einst ein Land werden, das von Milch und Honig fließt!" Jerusalem. Bloowberg folgt der Einladung zum Baumpfanzungstag, an dem alljährlich die für den Keren Kajemeth gespendeten Bäume gepflanzt werden. Der Aufmarsch der Schuljugend Jerusalems entzückt. Bloomberg drahtet zuletzt seinem Bruder nach Amerika: „Usbersende telegraphisch 100.000 Dollar. Keren Kajemeth, Jerusalem. Beabsichtige, mich hier anzustedeln." Zahlreiche hochinteressante LaMchostsbilder aus Vergangenheit und Gegenwart ergänzen den Film, der auch die Bilder der großen jüdischen Führer bringt. Da's Publikum folgte den Szenen andächtig mit stolzer Genugtuung, Mit Neugier und Bewunderung, die in positiver Begeisterung nachwirken-muß. Der Saal war übervoll. Unter den Anwesenden bemerkte man u. a.: In Vertretung deß Bundeskanzlers Herrn Ministerialrat Doktor Fuchs, fstr die deutsche Gesandtschaft und das Generalkonsulat Generalkonsul Dr. v. Vive not, Mitglieder >der britischen diplomatischen Vertretung. Herrn Generalkonsul Retschek, Leiter des österreichischen Wanderungsamtes, Professor Ar. Leon Kellner, Herrn Hofrat Ludwig, Leiter des österreichischen Paßamtes, Herr» StofasuaßM mund der Aktie ist ein wertvolles Gut: ihr guter Ruf steht auf dein Spiel, ihn zu wahren, ist ein Gebot, das sich die Finanzinstitute und alle anderen Faktore, die es angcht, nicht zweimal sagen lassen durften, um wieder einmal (es ist rchnehiu nicht lauge her), zu einem Notdienste auszurücken. In der Verbilligung der Umsatz- und Provisionsabgabe, in Interventionen und Stützungen, im Clearing und zu guter Letzt in der Wandlung der mehrfach umgegelegten Aktiensteuer zur milderen Körperschafkssteuer hat sich diese Hilfe bereits gehvrsamst gemeldet. Es war die höchste Zeit dazu und cs geht ums Ganze, weil an der Mtie zahllose Interessen hängen. Dann aber darf der Beistand nicht erlahmen; er muß kräftig einsetzen und sich zähe ansetzen, wenn er nicht zur schwächlichen Blendung einschrumpfen und zu einer Art vormärzlicher ..Rekrutierung in Krähwinkel" verpuffen soll. Gedankens, fermer Vertreter ausländischer und fast aller Wiener Blätter. Von Vertretern der bedeutendsten jüdischen Organisationen hatten sich emgefunden: Professor Dr. H. P. Eh a j e s, Oberrabbiner von Men, Präsident des Palästina-Aufbaufonds (Keren Hajessod); General-Oberstabsarzt Univ.-Prof. Dr. Alois Pick, Präsident der Israelitischen Kulttlsgsmeinde Wien; Lldolf Böhm, Präsident des Jüdischen Nationalonds (Keren Kajemeth l'Jfrael), Zentrale für Oesterreich; Hvfrat Univ.-Prof. Dr. S. Ehrmann, Großpräsident der Bereinigten Logen B'nai B'rith für Oesterreich; Rechtsanwalt Dr. Jakob Orüste in, Präsident der österr.-israelitischen Union; Rechtsanwalt Dr. Artur Kuranda. Präsident der Israelitischen Allianz zu Wien; Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Präsident der Zionistischen Organisation für Oesterreich. Die bedeutsame Veranstaltung wird, 'da es vielen Hunderten nicht möglich war, Einlaß zu finden, wiederholt. Der Palästina-Film aber wird seinen Wea machen, zur Ehre der jüdischen Arbeit und zum Putzen Palästinas. Nicht 8, nicht 14, sondern /. Trattnerhof Nr* 2 billige Tage bet Sie Ansprache Sr. Abeles'. Ein Filim rollt ab. Orientalisches Gastengewin, eine neue, weiße Stadt, uralte, heilige Stätten, junge, blanke Dorstr, filmen, und Zypressen, vom Mnd geschauckelt, Meevesbrandung, Dünen, Aecker, Werkstätten flitzen vorüber. Ein Reisesilm mtt Mulsi-kbeylerümg, durch eine naive Fabel gekittet, und er dient — das Wort hat fatalen Beigeschmack — ,/Propagandazwecken".' Und doch! Schon nach der ersten Begegnung mit den Akteuren dieses Films muß auch im Kinosaale da's Gefühl lebendig werden: Diese Momentausnahmen, von surrender Maschine ans die tote Leinwand geworfen, spiegeln ein großes, entscheidendes Geschehen, zeigen das erste Stadium einer beglückenden Entwicklung, welche die Errettung, Gesundung, Erneuerung der jüdischen Gemeinschaft bringt und der ganzen KulturmeNschhoit dient. Darum sei erinnert, wie er zustande kommen konnte, dieser höchst bemerkenswerte Reistfilm. Der erste Regisseur -war die blutige osteuropäische Judennot. Judenhatz, Pogrome, Massenslucht; die schwarzen Hundert und ihre Drahtzieher. Aber es sei festgehalten, hier und vor der Weltgeschichte, daß die physische Judennot bloß Anlaß war, nicht Ursache. Hinter jenem fürchterlichen Hilfsregisseur mit Ansiedlungsrayon und Knute, mit Messer und Brandfackel, reckte sich ein größerer Lenker auf: der jüdische Erdhunger. Die Sehnsucht des Judentums, sich auf seiner Scholle zu erlösen. Die durch grausame Jahrhunderte niedergehaltene, aber durch solche Komprimierung bis zur Weißglut erhitzte Sehnsucht nach Rückkehr zur Urproduktion, endlich wieder Brot zu essen, da's man selbst gebaut hat (und ich meine nicht bloß das Brot, welches den Leib nährt); sich endlich loszubinden aus den Verstrickungen «' des Allerweltsmenschentums, nach Tunlichkeit zu liquidie-? ren das fragwürdige, undankbare Geschäft des Bermittler- ’ tums zwischen allen Kulturen; sich endlich, endlich in die eigene Wesenheit zu erretten; endlich, endlich, wieder einzutragen die reine, ungefälschte und — das darf man wohl sagen — die leuchtende Farbe des Judentums in das Weltbild der Kultuvmeuschheit. Bor vierzig Jahren jagte eine Pogromkatastvophe die ersten Pioniere nach Enz-Israel. Es waren Studenten und sie wollten Bauern werden. Daß sie es mit lächerlich untauglichen Mitteln wurden, daß sic toten, steinigen Poden I is. MM m& Hr. im. förmlich mit bloßen Händen auswühlen konnten, daß ihnen auf diesem einst hebräischen Boden, unter diesem Sterndnhimmel, mit dem die Propheten Zwiesprache hielten, .die iinbrünstige Kraft wuchs, am Werke zu sein, nach dem Worte der Schrift: ,^Jch lasse dich nicht, du segnetest mich denn", das hat nicht Pogromflucht erwirkt, das tat jene Sehnsucht nach Eigenleben, 'welche diese neue, durchaus zu-> trePrch ass jüdische Renaissance bezeichnete Epoche brachte. Klarer alz viele, allzu viele Juden haben die führenden Geister anderer Völker diesen Zusammenhang erkannt. Der Führer der englischen sozialistischen Arbeiterpartei und gegenwärtige englische Ministerpräsident Ramsah Mae Donald schrieb nach seiner Studienreise durch Palästina: „Keine Erklärung dieser Bewegung ist vollständig, welche die geistige Tradition des Judentums außer acht läßt. Der Jude sucht ein national Heim in Palästina, nicht nur, weil man es ihm anderwärts verweigert, sondern weil Palästina ihn immer durch sein Herz ruft — und er muß' gehen." ' Ich laste dich picht, du segnetest mich denn... Da hat sich die graue, verkrustete Erde evschlosten. Fruchtgärten blühen, Mische Arme schwingen die Sense, Talmüdschüler, halbwüchsige Mädchen, Gymnasiasten schlugen Zelte auf am Rande von Sümpfen, und heilten, vom Malariafieder geschüttelt, das verfaulte Land. ,Mn Tage verzehrte wich die Hitze, in der Nacht die Kälte", Hungertage mußten eingeschaltet werden, — aber kahle, steinige Berghänge sind wieder aufgeforstet. Häuser, Straßen, Städte sind gelbaut. Als der Tag -der Balfour-DeNaration kam, als später vom Völkerbund die Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina unter der Uegide Englands als Mandatärmacht beschlossen wurde, waren es nicht bloß historische Rechte, welche uns Juden legitimierten. Wir wiesen auch diesen Titel vor: Jüdische Jugend hat Brachland, das Jahrtausende darniederlag, mit Blut und Schweiß gedüngt und in einem Vtenschenalter neu belebt. Vier Jahre sind verstrichen, seitdem das junge Judentum aus dieser neuen Basis völkerrechtlicher Sicherungen Evez Israel baut. Theodor Herzl rief vor fünfundzwanzig Jahren den jüdischen Zeitgenossen zu: Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen. Jetzt bestätigen die abgebrühtesten Skeptiker, die in den jüdischen Kolonien weilten und in Tel- Awiw, die das Wunder bestaunten, 'daß sich die hebräische Sprache festgesogen hat ans diesem Boden, der sie einst zeugte, und die den jüdischen Kindern Palästinas in die Augen sahen: Es ist kein Märchen, es ist Wirklichkeit von märchenhafter Schönheit. Völker der Erde! Eine kranke Zeit — krank an der Judenfvage — will jetzt abgeschlossen sein, di« Zeit, in der wir zu euch kamen und stets nur um dies ein« ansuchten: Toleranz. Wir kommen jetzt und fordern frei und ernst eure unentbehrliche Mithilfe an diesem Werk der Erlösung und Versöhnung. Es geschieht nicht ohne Gegendienst. Es nimmt euch den Stachel des Judenproblems. Es behütet euch vor Rückfällen aus Zivilisation in Barbarei durch Betätigung des Judenhasses. Und Dicht soll wieder ausgehen von Zion. Juden i» aller Welt! Bringet euch dem neuen Jffchuw m Erez Israel nahe! Wo dein Sohn, Jude, auch weilt und weilen wird — sein seelischer Habitus wird dort drüben bestimmt. Der Weg in die Zukunft aller Juden führt über Palästina. * Eine Wiederholung des Films „Eine Reise durch Evez Israel" findet im Jfa-Palost-K'mo Montag den 21. d. um 11 Uhr vormittags, ferner Dienstag den 22. d. und Mittwoch den 23. d. um 6 Uhr abends statt. Reue Gerüchte Mer eine Demission Sir Samuel». Ein amtliches Dementi. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeiruno" > London, 13. April. Wie >die Reuter-Agentur erfährt, entbehrt das neuerliche Gerücht, daß Sir Herbert Samuel im April von feinem Amte als High Eommistioner von Palästina zurücktreten wolle, jeglicher Grundlage. Sir Herbert Samuel wich aller Wahrscheinlichkeit nach feinen diesjährigen Urlaub wiederum teilweise im Frühsommer in England verbringen. Vermutlich hat dieser Umstand die Entstehung des neuen Gerüchtes von seiner geplanten Demission hervorgerufen Eine Erklärung Samuels. Der in Jerusalem weilende Herausgeber des ,^Jewish Morning Journal", Herr Jakob F i s h m a n. wurde vom Oberkommissär Sir Herbert Samuel empfangen. Während des Gespräches teilte Sir Herbert Samuel Herrn Fifhman mit, daß er im Gegensatz zu den in Umlauf gesetzten Gerüchten nicht die Absicht hätte, von seinem Posten in Pälästina zurückzutreten. Er fügte hinzu, daß zwischen ihm und dem Kolonialamt in London keinerlei Differenzen bestünden. __. Dar neue amerikanische kkuwanderungsgesch Gegen die Japaner. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Washington, 18. April. Das Repräsentantenhaus hat das Einwanderungsgesetz angeiwmmen, darunter auch einen Paragraphen, welcher die Japaner praktisch von der Einwanderung in die Vereinigten Staaten ausschließt. Die betreffende Bestimmung lautet, daß mit tw« schränkten Ausnahmen kein Ausländer in die Vereinigten Staaten zugelassen wird, der das amerikanische Bürgerrecht nicht erwerben kann. Eine Reise durch 8rez Zsrael im Zahle IW. Die Wicmr Lm«Mrnng de» PMiine-Filmr. Palästina. Das Wort ist nicht mehr ferner Wunsch I Be n dl, Leiter der Auswanderungszentrale der Wiener ttvd geheiine Sehnsucht, es ist ein Klang, der heimisch | PolizeidirMon, Herrn Hoftat Dr. Frankfurter, den wird im Herzen des Judentums. Das Unglaubliche wurde Dichter B e e r - H o f m a n n, Dr. R. N. C o u d e n h o v egreifbave Mrklichkeit. Bilder ziehen vorüber, wie wir sie Kal erg i, den bekannten Wortführer des paneuropäi scheu ähnlich aus der tanzenden Leinwand oft und oft geschaut, aber niemals konnte solcher Sinn und Bedeutung unser

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