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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-11 · Heft 1852 (11.4.1924) · p. Seite 13

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1852 (11.4.1924)
Date
1924-04-11
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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HW. IT532 üfftctt. Freitag Md Wo. „Kaddisch." Wir finden in diesem Werke nicht nur einen Film, der für uns der Tendenz halber, die er vertritt, interessant ist, sondern auch sehr vieles, das vom rein künstlerisches Standpunkt aus hoch zu werten ist. Das Buch ist durchaus spannend gehalten und versteht es. trotz der ernsten Tendenz, die es vertritt, auch überdies gesunden und kräftigen Humor zu bieten. In dieses an Möglichkeiten reiche Sujet arbeitet die Regie zielbewußt und sehr geschickt hinein und Wolf Lichos Inszenierung. bietet uns eine geschlossene Reihe prachtvoller und packender Bilder. Dabei findet er auch noch Beit, durch wirkungsvolle Kleinmalerei immer wieder neue Effekte zu finden, die die ohnedies sich in einem lebhaften Tempo abrollende Handlung .immer, wieder neu beleben. Der Regie ebenbürtig ist die Darstellung, die hauptsächlich von Lha Eiben schütz und Jlka Gruning in der dankenswertesten Weise getragen wird. Auch alle übrigen Rollen werden von ausgezeichneten Darstellern in der besten Werse verkörpert. Auch in allen übrigen Belangen muß dieser Film erstklassig genannt werden. Wir werden in'unserer nächsten Filmrubrik Gelegenheit nehmen, dieses hochinteressante Werk in einer ausführlichen Besprechung zu würdigen. _ „Moderne Jugend." Sehr harmlos 'ist dieser Film, der eine Tendenz tragen /oll,.die die amerikanische Firma Päramount scheinbar als ausgezeichnetes Geschäft erkannt hat und jetzt serienweise auf den Markt wirft. Die Handlung bringt etwas kürzer und in einem weniger prachtvollen Milieu dasselbe, was vorige Woche „Der Staatsanwalt" brachte: Bebe Daniels ist dem Alkohol und dem Nachtleben ergeben und wird gerettet, das heißt von einem shmpachifchen, nüchternen, jungen Mann geheiratet. Daß hier Wallace R e i b den' Retter spielt, ist ein umstand, der diesem Film sehr zugute kommt und ihm wirklichen Wert gibt. Dieser nun schon fast ein Iabr verstorbene Schauspieler ist in seinen Rollen die glückliche Mischung von Bonvivant und Naturbursche. And deshalb -- nicht nur wegen seiner wirklichen Schauspielkunst, sondern um dieser glücklichen Kreation eines neuen Genres willen — wird er für alle, die ihn auch nur einmal sahen, unvergeßlich bleiben. Würde man aber meinen,- daß dieser Darsteller — wie es so oft bei prominenten amerikanischen-Filmdarstellern der Fall ist — hier nur feiye eigene Figur in den Film überträgt, so würde man sich sehr täuschen, denn der Mann, der so gosund und schließlich auch nüchtern wirkt, fand in allzu vielen Ausschweifungen seinen Tod. Frauen, Morphium und Alkohol brachten ihm den Wahnsinn, der schon nach wenigen Wochen den Tod zur Folge hatte. Ans. diese Weise verlor die Firma Paramount ihren besten Schauspieler, der so oft im Film Frauen aus dem Bannkreis der Laster und Gifte rettete, denen er selber erlag. Schein und Wirklichkeit!; Ansonst hat dieser Film die Qualitäten, die alle anderen dieses Genres aufzuweisen haben. Die Regie ist meisterhaft, reich an K'leinmalerei und geschmackvollen Effekten, die immer knapp das Kitschige streifen und doch nie in diesem untcrtanchen; die- Darstellung außer von Wallace. Reid noch von Bebe Daniels und Konrad Nagel sehr geschickt getragen. Die Daniels ist als sehr zügellose junge Dame und als sehr kokett büßende Sünderin gleich reizend und bietet durch ihr packendes Temperament oft sehr gute Momente. Technisch vollkommen, wie, alle Werke dieser Produktion, ist auch dieser Film bezüglich der Beleuchtung und Photographie. Miievev flfttumemei tu n§. „Die große Gensation." . ' Film ist den Journalisten gewidmet. Meint man todoch. daß dieses Werk tendenziösen Inhalts wäre, so wird man sehr bald enttäuscht, denn der Journalist figuriert, hier nur, um Vorwände für die üblichen Sensationen in geben, an denen amerikanische Filme älteren Datums so reich sind, und zu. diesen gehört er auch. Die Handlung brinat neben einigen - halsbrecherischen Kunststücken wie -llmsteigen von einen! Fbrgzeug in das andere in der Luft und von diesem dann wieder < aitf einen feinenden Zug und zurück, die übliche Liebesgeschichte! j mit inm n"v?rmeidlich guten Ausgang. .!?Tf'- r die Regie verstellt eS, obwohl crft daS. was hier vor- 'v-nmt, abftlrit nicht neu ist und das Ende schm von allem Anfang an sofort m erraten ist, dennoch wirkliche Spannung anfrechtiuerhalten. Außerdem bringt sie in der dankenswertesten! Wvise guten und trockenen Humor. S<hr gut wie immer bei 1 größeren amerikanischen Filmen, ist die Darstellung, von der iede einzelne F'gnr im wirklichen Leben wnnckt und einen markanten Tvp bietet. Die Ha-ptrolle spielt Agnes A vre s. Sie bwwt t** obsigaten, Durchschnitt, den alle ihre tr™«*. rtt antnmcn Kolleginnen in einem Film bieten, wenn sie keine Gelogenhett haben m ihr Spiel die obligate Modenschau zu verflechten. Da sie hier weder aus Fenstern noch Flugzeugen zu klettern hat, geht ihre Leistung in dem allgemeinen Trubel unter, ^chr Partner ist der Typus des FAmrevorters. Elegant, aber nicht übermäßig, und sonst die für diese Fälle, beliebte Kreuzung von Liebhaber und Akrobaten. Erwähnenswert als Schauspieler Ware nur der Darsteller eines Raubmörders, der ml ■ tottb. Diese Darstellung von wirklichem Zynismus ■ J*n“ Gleichgültigkeit gegen Tod und Leben springt hier aus dem Rahmen und bietet eine in sich geschlossene. Leistung, die, anderswo Placiert, sicherlich von durchschlagendem Erfolg begleitet Ware. Sehr gut ist ein lleiner Redaktionslaufbursche, der sehr netten Humox. liefert, wenn er auch manchmal etwas übertrieben lsy, Die Photographie — vielleicht auch nur die Wiener Ahne — küßt viel zu wünschen übrig. ... BOW) Pfund für ein Filmsujjet. Das.größte. Honorar, welches bisher für ein Filmsujet befahlt . worden ist, 60 00 Pfund, das sind mehr als 1,6 Milliarden österreichische Kronen, erhält der englische Schriftsteller Ri.dde.r.Hagard für.das Recht der Verfilmung seines epochalen. Rornanes „The Mooit of Israel", der in England zu d.en erfolgreichsten Büchern der .Saison gehört und bereits eine große. Anzahl von Auflagen erlebt hat. Das Verfilmungsrecht hat.StollPict n r e 8 Ltd., eine der größten Filmunternehnumgen Englands, gemeinsam mit der Wiener Sascha Filmindustrie A.- G. erworben. Wien aus der Vogelperspektive. Der ehemalige Hauptmann und Feldpilot Hans v. Pebal dreht einen Film vom Flugzeug ans, der Wien ans der Vogelperspektive zeigen und gleichzeitig auch Propaganda für das Flugzeug als allgemeines Verkehrsmittel machen soll. Außerdem soll er auch die Scheu bekämpfen, die viele Leute noch immer vor dem Wegen haben. „Die Stadt ohne Juden." Dieser Film H. K. ' Breslauers und sein vorhergehender, „S t r a n d g u t", wurden von der Ideal-Film G. in. b. H. für Oesterreich angekanft. In beiden spielt Anny Miletp die Hauptrolle. 11. April.1924 Seite 1H Der grosse jirdische Film L (Das Sterbegebet) mit A. Licho,lya Eihenschütz.Ilka Gräning erscheint am 11. April: Central-Kino Kino Handl Maria Theresien-Kino am 15. April: Central-Kino Schottenring-K'no Theater-Kino, XVII. Thalia-Kino Die Filme der Woche. „Unter der Knute des Hasses." — „Rur ein Spielzeug." — „Kaddlsch." — „Der Herr der Steppe." — „Das stille Tal." — „Die Fahrt in den Tod." — „Die suchende Seele." — „Versengte Flügel." — „Der goldene Käfig." mtarta Tueres-en-Kino KvS ,toi“T"Sv Ab heute d?n 11. bis 14. April: Kaddisch mit A Licho. Manfred Laske, Lia Eibensrhßfz, Ilka Grüning, Lucle Höflich Beg nn 3 Uhr Beginn 3 Uhr -BURG-KINO» I. OPERNRING 18-, Ab heut» 14. April Der grosse atrerikom’pche Schlager Wild Wcsl-GcntUtncti Drama in 6 Akten und das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: 4, */,6. 7, l/s9 Uhr II.Taborstrasse Nr.8 rCENTRAL-KlNO Direktion ]. Schulz" Ab heute bis 14. April Kaddlsch und das übrige Schlagerprogramm Beginn: */45, V87, Uhr 40WEN-KINO III. Löwengasse 33' Ab heute bis 14. April Das Mldsl von dar Plcadillystrasse und das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: 8/<5, »/,?, J/4Q Uhr _ Kmo-Orchester unter Leitung des Kapellmeisters Rümetli --ROTENTURM-KINO WIEN,J.,FLE1SCBMABKT 1 Ab heute bis 14. April besuchende Seele Drama mit L u c i e D o r i n e und das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: 4. */*8, ’/»$ und %9 Uhr Bedeitmnsik einer erstklassigen Känstlerkapelle Lasen Sie DIE FILMWELT Illustrierte Kinorevue Fllm-Fachblatt und -Publikums-Wochenschrift REDAKTION UND VERWALTUNG: Wien, VII. Hermanngäftse Nr. S Telephon Kr. 36-5-05 Copyrigtfi toy 19*3 Nachdruck verboten. Vkuisth-OesterreickiilÄer Verlag, Men. 88. Fortsehung. Die Heimatlosen. Bon Wilma Vukelich.. Auf dem niedrigen Podium aber, sprach ein junges DMchen." Sprach mit einer dunklen, biegsamen Stimme, die sich leicht- und zwanglos entfaltete. Und Alfred empfand die Tiefe dieser Mädchenstzimme wie eine Fortsetzung zu den verstummten Liedern. Das Mädchen sprach. Schlicht, anschaulich, - konkret. ARau sah, wie sie sich sest- T/telt in. ihrer Begeisterung, in ihrer Freude am Tempo. Aber ihr Auge leuchtete und ihre Stimme glomm. Und mm vergaß die Zartheit ihrer Person, empfand nur die Stärke ihres Willens und mußte wollen wie sie. Sie' aber wollte Judentum. Es ivar ein Ideal in ihrem Munde und eine große Sehnsucht. Wer auch eine Mrklichkeit war es. Wenn' sie sagte: jüdische Jugend, dann "leuchtete sie. Denn jüdische Jugend war die Hoffnung, auf der sich Zion aufbaut. Jüdische Jugend war stark, klug, entschlossen und sehnsuchtsvoll wie sie selber. Und jüdische Jugend hatte einen Traum: Zion. Und jüdische Jugend hatte eine Wirklichkeit: die Arbeit um Zion. Die vor allem Arbeit an sich selber war. Und eS ist überaus herrlich um einer Idee willen: an sich selber zu arbeiten. Um eines Geliebten willen schöner, stärker, gütiger und bewußter zu werden. Und nH dem eigenen Werte das Geliebte zu erhöhen. 'So sprach das Mädchen, in Worten, die.schlicht wie ihre Geste waren. Denn nur ein leises Nachdeuten des Wortes war ihre stille Gebärde. Alfred sah, wie woiß und schm ul ihre Hände w.ircu. Wie schmal die weiße Stirne war, über die die Finger langsam hintasteten, wie um den Gedanken irachzuhelfen. Und es schien ihm plötzlich wie eine ivundevbare Wirklichkeit, wenn sie' von Palästina sprach. In - dieser schlichten Art, von Schule und Haus, von Hygiene und Volkswirtschaft. Wirklich und - märchenhaft. Und am schönsten war es, wenn ihr Auge, aufleuchtete und die. Stimme stockte. Denn die Freude wurde so übergroß, daß das Wort an ihr versagte. Wenn sie jene begleitete, die alles hinter sich ließen: Familie, Freunde und die Kulturmvglichkeiteu Europas. Und wenn dann die Stimme aufglomm und hinaustönte Mer die Häupter aller: „Aus solchen Samen erneut sich der alte Stamm. Aus dem Samen unserer Besten. Aus dem Blut der Märtyrer und Eroberer. Eine Auslese sind stk, die Besten, die im Volke zu finden sind. Die'Starken. Die Gläubigen. Die Mutigen. Nur solche, die voller Sehnsucht sind und voller Traum. Die ganz der Idee gehören: in ihr leben, in ihr siegen, in ihr' untergehen. Nein! Niemals unt'ergehen! Denn die da untergehen' im Zeichen der Idee, sind ihre stärksten Sieger. Und aus dem alten Stamme blüht das junge Reis. Sieger sind sie, die das neue Geschlecht -begründen. Gute, starke, stolze Menschen werden aufwachsen aus ihrem Samen. Und ihnen wird die Heimat gehören." So sprach.Hannah, . Und Alfred fühlte, .daß da eine Begriffswelt war, die ihm bisher verschlossen gewesen. Und -dennoch: ein Strom von Wärme und die? übe^eugende. Kraft der Wahrheit ging von diesem,.Mädchen aus. Und er sehnte sich zu glauben. Mitznfühlen. Mtzuglühen. Er sah Han na Hs Haar leuchten in einem zarten Kupferglanz. Und ihr Auge 'dunkelte, gesenkt, die Lippe, die blaß war und seltsam göschwuugen, entblößte iöie Weißen Zähne. Das ganze Antlitz schien so fern, so entrückt, und etwas Weiches lag darin, trotz der Geschlossenheit des klaren Profils, das Älfted seltsam vertmut erschien. Und seine Sehnsucht begann zu spielen. I? heißer das Mädchen sprach, um so heißer sehnte sich Alfte-d. Und das Ziel war die Sehnsucht selbst und jene stille und tiefe Begeisterung, die irgendwohin geht, sich irgendwo verankert und das Loben an eine Hymne umdicht-et und das Blut entzi'mdet und alle Wünsche in eine Richtung roißi. Alles Gute und Leuchtende in einen Traum verdichtet und alle Wirklichkeit in ein Phantom auflöst. Und bw Traum mit einem Namen schmückt und den Namen cinbveunt ins eigene -Herz. Ihn flicht wie ein Band um die Gedernken, ihn trägt wie ein leuchtendes Siegel an seiner Stirn. Und einer erkennt den anderen an diesem Siegel, und die Menschen werden /Brüder in seinem Zeichen. Hannah sagte, daß dieses Zeichen Zion heiße. Und es ist die Sehnsucht, die Zion heißt. . . Zion . . . die .Heimat. Dann trat Daniel auf .Hannah zu und nahm ibre kleine schniale Hand in die seine. Und daukie ihr. Da leuchteten -ihre Augen hell auf, und eine Sehnsncht erglomm in ihrem dunklen Grund. Und dann legte Daniel ihre 'Hand in die Hand des Freundes und sprach zu ihm: ,Mir sind alle sehr stolz aus sie. Denn keine aridere gleicht Hannah. Wer kann sie hören, ohne ihr nachzusolgen?"

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