Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1850 (9.4.1924)
- Date
- 1924-04-09
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9fe im Mm, Miltwoch Wiener Morgenzeituttg 9. April 1924 Serie ft Wahlniederlage der Sozialdemokraten in Sberöfierrelch. Littz, 8. Apv'rl. Sonnbag fattbeit in ganz Oebevöstcrteich mit Ausnahme -er autonomer Städte Linz und Steyr die Wahle« in >die Gemeindevertretungen statt. Nach den bisher veröffentlichten Parteiberichten haben die Sozialdemokraten an die Ehristbichsoziialen, die Gvoßdeutfchen und die Nationalsozialisten, beziehungsweise den bürgerlichen Block und die Nationalsozialisten in einer Reihe von Gemeinden, insbesondere tn den Industvieorten, Mandats Verluste erlitten, so in Braunau vier, rn Wels und in Gmunden je drei und in Ried zwei Mandate. In den Landgemeinden zeigt sich eine Zunahme der großdeutschen Stimmen gegenüber den letzten Nationalratswahlen, aber eine Abnahme gegenüber der letzten Gemeindewahl. Die Nationalsozialisten haben überall dort, wo sie eigene Listen ausgestellt hatten, Erfolge errungen. Die Wahlbeteiligung war im Durchschnitt sehr schwach. die österreichisch-deutschen Handelsvertrags- Verhandlungen. Gestern ist die deutsche Delegation für die Unterhandlungen Äber den österreichisch-deutschen Handelsvertrag unter Führung des Ministerialdirektors v. Stockhammer in Wien eingetroffen. Die Verhandlungen mit der österreichischen Delegation wrrrden noch gestern ausgenommen und dürften bis zur Mitte der nächsten Woche dauern, llm dann nach den Osterfeiertagen fortgesetzt gu werden; sie betreffen hauptsächlich die A e n d e r u n g gewisser Zollpofitionrn und die Aufhebung von Ein- und Ausfuhrverboten. Die deutschen Rersebeschränkungen auch fite Oesterreich gültig. Wie das Wolsssche Bureau meldet, trifft die Meldung, wonach di>e Ausreistbeschränkungen für Reisen nach O e st e r r e i ch keine Anwendung finden, nicht zu. Wie aus München gemeldet wird, ist von der Ansreisesperve nach Oesterreich das sogenannte, begünstigte Gebiet, -das heißt Oberbayern, einschließlich München, insoweit ausgenommen, als dort ansässige Reichsdeutsche aus ihm auch weiterhin ohne Erlag von 500 Goldmavk nach Oberösterreich, Salzbmg, Tirol und Vorarlberg reisen dürfen. _ Tagesbericht. Kl« österreichischer Richter. „Mich geht die Judengemeinde nichts an!" Wir haben Freitag die Angelegenheit des Kaufmannes Grauer an leitender Stelle erwähnt. Wir erhalten hierzu die folgernden Mitteilungen, aus denen yervorgeht, daß der von uns genannte Bezirksrichter Dr. Kölln er die Polizei gegen Grauer in Bewegung gesetzt hat, während die weitere Durchführung der Angelegenheit von dem Landesgenchlsrat Schedy besorgt wurde. Der Kaufmann Leon sLeib) Grauer wohnt seit elf fahren in Wien und ist unbescholten. Er ist unter obigem Namen gemeldet. Anläßlich seiner Option wurde die Behörde darauf aufmerksam, daß eigentlich Leib sein Vorname sei. Es wurde in der Angelegenheit eine Untersuchung gegen den Mann wegen Falschmeldung eingeleitet und er erhielt vor einigen Wochen eine Vorladung, zur Verhandlung beim Bezirksgericht Fünfhaus, um sich zu verantworten. Nun kommt das Merkwürdige an der Sache. Grauer wurde um 4 Uhr früh aus dem Schlafe geweckt. Ein Wachmann erklärte ihn für verhaftet. Der Grund sei ihm unbekannt. Im Kommissariat wurde er einer peinlichen Leibesvisitation unterzogen und in eine Einzel zelle gesperrt, ohne daß ihm das Motiv der Verhaftung mitgeteilt worden wäre, llm 10 Uhr wurde er aus der Hast befreit und durch einen Kriminalbeamten znm Bezirksgericht Fj'mfhaus eskortiert. Dort einpfing ihn Landesgerichtsrat Schedh. Auf die Frage, weshalb er denn vorgeführt werde, erhielt Grauer die Antwort: „Sie wären doch nicht gekommen." Bei der Aufnahme der Generalien erklärte der- Angeklagte unbescholten zu sein, was der Vorsitzende niit dem Satze quittierte: „Schade d a s t n t ul i r w i r k l i ch l e i d, i ch h ä t t e S i e s o n st ausgewieseAls Grauer ein Gutachten der Wiener Kultusgemeinde vorwies, die bestätigte, daß Leib identisch - mit Leon und nur eine deutsche Uebersetznng des elfteren Namens sei, sagte der Richter: „Mich geht die Inden ge wein de gar nichts an, ich kenne schon die jüdischen Juristen." Als Grauer nach der Urteilsverkündignng — er wurde zu 50.000 K. Geldstrafe, eventuell sechs Stunden Arrest verurteilt, die Berufung anmcldete, erklärte der Richter: Schon gut. Grauer: Nein, nicht schon gut. Schicken Sie mir ein Urteil, ich werde berufen. , Nichter: Falls S ie bernfen, erheb t anch der Staatsanwalt die Berufung wegen zu geringen Strafausmaßes. Graue r: Nein, wir Sie berufen. Der Staisana nwalt sagt ja nichts. Nur Sie machen die Berufung. Mödchenhöndler. Lar Verschwinden der Josefine Maznr. - Mdchrnhöndler ln Men? Seit Ende Oktober ist Josefine Mazur abgängig, ohne daß bisher eine Spur gefunden wurde. Da es auffallend ist, daß in den letzten Monaten einige Mädchen verschwunden sind, hat die Polizei eingehende Erhebungen gepflogen und das Sittenamt, das sich mit der Ucberwachung des Mädchenhandels befaßt, hat seine Untersuchung auch in dieser Richtung ausgedehnt. Es wird nämlich erzählt, daß Wc Mazur zuletzt mit einem Chinesen oder Neger gesehen wurde, und es besteht nun der Verdacht, daß sie Mädchenhändlern in die Hände gefallen sei. Die Polizei beschäftigt sich noch mit einem zweiten Falle, worüber sie folgendes mitteilt: Ende März sind drei Mädchen mit ihren Verehrern von Wien abgereist und haben sich in Graz trauen lassen. Sie fuhren dann nach Triest, nachdem sich in Graz ein Paar ihnen zngesellt hatte. Als die Männer die Frauen zn einer Fahrt auf einem Dampfer überredeten, wurde eine der Frauen Mißtrauisch und entfernte sich. Sie reiste darin allein nach Wien. Man vermutet, daß Mädchenhandel vorliegt. Odessa als Herd des Mädchenhandels. Aris Odessa wird dem „Prager Tagblatt" geschrieben: In letzter Zeit wurde ganz Mitteleuropa in auffallend großer Zahl von chinesischen und japanischen Straßenverkänfern und Komödianten anfgesucht. Die unansehnlichen, bescheidenen Nippeshändler erweckten keinen Verdacht. Jetzt stellte es sich durch einen Jrifall Heralls, daß zumindest die Hälfte dieser chinesischen Straßenverkänfer Mitglieder einer japanischen Berbrccherorganisation sind, die mit ihren Mitgliedern ganz Mitteleuropa überschwemmt. Die Ohessaer Polizei gab seit Februar zwölf chinesischen und japanischen Straßenverkäufern die Anfeuthaltsbewilligung für das Gebiet von Odessa. Die Vcrköuser suchten mit ihren Waren verschiedene Teile der Stadt auf. Der Polizei war es ausgefallen, daß die Chinesen sich trotz schlechten Geschäftsganges in der Stadt aufhielten, und sie wurden unter polizeiliche Kontrolle gestellt. Die Polizei stellte fest, daß die Händler, die die verschiedenen Gast- und Kaffechänser unter sich aufgeteilt hatten und allem Anschein nach in keinem Zusammenhang miteinander standen, geheime Zusammenkünfte , hatten. Jeden Abend kamen sie in einem kleinen Wirtshaus in einer Vorstadt zusammen, wo ihre Anweselcheit nicht auffiel. Als die Chinesen das Lokal verließen, suchten sie wieder ver» schiedene Punkte der Stadt auf. Nur der eine Chinese, namens Jchiro Amei, blieb immer mit den dort verkehrenden Matrosen bis zur Sperrstunde beisammen und entfernte sich dann in Gesellschaft der mehr oder minder Betrunkenen in der Richtung znm Hasen. Die Polizei beobachtete dann zuerst diesen Jchiro Am ei, der im Mittelpunkte der Stadt eine schön eingerichtete Wohnung besaß. Er hielt sich immer nur bis gegen Mittag in seiner Wohnung aus, wo er seinen kleinen Kramladen und seine zerfetzten Kleider znrückließ, sich europäische elegante Kleider anzog und Gäste empfing. Seine Besuche waren junge Mädchen und verschleierte ältere Damen, die die Wohnung gewöhnlich durch eine Seitentüre verließen. Am Mittwoch der vergangenen Woche besetzten Detektivs das kleine Wirtshaus in der Vorstadt, wo sich die Chinesen zu versammeln pflegten. Sie spielten verkleidet die Rolle betrunkener Matrosen. Ein großer Teil der Gäste hatte sich bereits ans dem Wirtshaus entfernt, als Jchiro Amei znm Tisch der verkleideten Detektivs trat,Pch als Schiffahrtsagent vorstellte, ihnen große Einkünfte versprach und vier Detektivs gleich für drei Monate für den japanischen Dampfer Okisima verpflichtete. Der Dampfer Okisimn stand am nächsten Tag abfahrtbereit im Hafen von Odessa, als die Polizei an Bord erschien. Nachdem das Schissspersonal verhaftet wurde, konnte das Geheimnis der Chinesen rasch enthüllt werden. In dem Speisesaal des Dampfers unterhielten sich in Gesellschaft japanischer Männer vierzig junge Mädchen bei Champagner und Zigeunermusik. Unter den Mädchen befanden sich 2 0 Uw gariirnen, zehn Rumäninnen und vier Russinnen, die erzählten, sie seien von zu Hause dnrchgebrannt, weil sie Japan kennen lernen wollten. Jchiro Amei sah sich verloren, gestand alles und erzählte, die — übrigens auffallend schönen — Mädchen hätten ihr Vaterland verlassen, um „Sklavinnen einer weitverzweigten Mädchen Händlerorganisation zu werde n". Nach seinen: Geständnis sind gegenwärtig in Europa etwa 800 Mitglieder der Organisation tätig, deren Hauptstatiouen Odessa, Bordeaux, Fiume und Neapel sind. In Japan würden Französinnen und Ungarinnen bevorzugt. In Odessa wurden 00 Chinesen verhaftet, von denen 26 Mädchenhändler sind. Die Ver- , haftuug wurde allen Polizeibureans mitgetcilt. ir rt&fc b© "W» erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwärden des Herrn Oberrabbiners S, B, Ehrenfeld, Mattersdorf Der Staatsanwalt hat inzwischen die Berufung augemeldet. Einem unserer Berichterstatter getgenüber stellte Loudcsgerichtsrat Dr. Schedy diese Be-merkungen in Abrede, besonders die am Schlüsse nach der UvtaitSverküudigung. Er erklärte, daß die polizeiliche Vorführung von seinem Vorgänger Tr. Otto KöNner angeordnet worden sei und daß es sich nicht um die erste Vorladung des Herrn Grauer gehandelt habe, sondern daß dieser bereits früher vorgeladen worden war. Grauer sei ursprünglich zu sechs Stunden Arrest verurteilt worden, habe jedoch Einspruch erhoben, worarif es zur Verhandlung kam. Demgegenüber bleibt Herr G r a ue r bei seinen Angaben, die von seinem Sohne, der bei der Verhandlung anwesend tvar, unterstützt werden. Er bestreitet ans das Entschiedenste, daß ursprünglich eine Arreststrafe über ihn verhängt worden sei und erklärt, er sei zu 50.000 K. verurteilt worden, wogegen er Einspruch erhob. Auch erklärte er, ans dem Vorführnngsbefch'l für i> ic Polizei sei der Name „Schedy" unterschrieben. Auch der Polizeimspektor, der den Herrn Grauer vorführte, soll sich ungünstig über das Vorgehen des Richters geäußert haben. Die Polizei hat lediglich nur den Befehl des Richters durchgeführt. Im übrigen ist die Angelegenheit noch nicht abgeschlossen, da Herr Grauer gegen den Landesgerichtsrat Schedy die Beschwerde eHeiden und die Angelegenheit nicht ruhen lassen will. Die Forderungen der öffentlichen Angestellten. Ter Fünfundzwanziger-Ausschuß der Bunde saugestellten hat in seiner gestrigen Sitzung mit Bezug auf die Erklärungen des Bundeskanzlers und des Bundesfinanzministers betreffend die definitive Besoldungsordnung einen Beschluß gefaßt, worin er die von der Regierung angestrebte Vereinfachung des Besoldungsshstems begrüßt, jedoch erklärt, erst Stellung zu nehmen, wenn ein entsprechender Entwurf vorliegen wird. Die Regierung wird daher ersucht, sofort eine verhandlungsreife Vorlage, die auch die Bvsoldungsansätze zu enthalten hat, den Organisationen zn übermitteln. Der Verhandlungsansschnß halt daran fest, daß die neue Besoldungsordnung die Bezüge in einem solchen Ausmaße festsetzen muß, wie sie die Beamtenschaft ans Grund der seitens der Regierung wiederholt gegebenen Zusicherungen zu erwarten berechtigt ist. Die Einführung eines wesentlichen Bestandteiles in die Besoldungsordnung lehnt der Verhandlungsansschuß ab. Der Ausschuß verlangt die unverzügliche Aufnahme der Verhandlungen über den E,-i t w u r f zur Revision der R e i h n n g. Die Organisationen müssen darauf bestehen, daß den Bundesangestellten und Pensionspartcien sofort vorläufig fort lau f c rt b c Zuw e n du nge n zuteil werden, wie die von der Gemeinde Wien i h r e n Angestellte n gemachten, und zlvar m i t Wirksamkeit vom 1. I ä u n e r 1924. Die Erfüllung dieser Forderungen wird noch vor den Parlamentsferien verlangt. Neuerliche krmößigung der Großhandelspreise skr oberschlefische Kohle. Tie Preise für oberschlesische Hausbrandkohle erfahren i> Wien mit Wirksamkeit vom 9. d. eine weitere Ermäßigung. Die nellen Preise betragen für Kohle in offen geladenen Fuhren 78.500 K., für Kohle in plombierte u Säcken 85.300 K. p r o 100 K i l o g r a m m ab Rutsche Nordbahn. Die Preise für Kohle in plombierten Säcken betragen einschließlich Abtragens franko Haus 90.800 K. p r o 100 Kilogramm. Bei der Preiserrechnnng sind die ermäßigten Grubenpreise und die erhöhten polnischem Frachtentarife bereits berücksichtigt. Irr Preis für die Bekämpfung der Krebs« lranlheit. Der von der österreichischen Gesellschaft für Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit für das Jahr 1923 ausge«