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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-09 · Heft 1850 (9.4.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1850 (9.4.1924)
Date
1924-04-09
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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/ Das Buch der Zeit LITERATURBEILAGE DER «WIENER MORGENZEITUNQ Nummer 4 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH ADMINISTRATION: „WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, H, TABORSTRASSE 1-3 S. April 1024 i'o'fr' , Urief Birnbaums Werk. Fragmente eines gläubigen Herzens. Die Arbeiten eines kaum Dreißigjährigen mit dem abscMießenden Begriff „Werk“ bezeichnen? Es bedeutet ein kühnes Unterfangen, schon weil man in Gefahr gerät, zu überschätzen oder zu registrieren. Von beider» heißt es. sich fern zuhalten und eine Methode wählen, die auf Unvoreingenonunenhelt, auf primitivem, erstem Eindruck fußt, der durch keinerlei infoimative Behelfe getrübt ist. Vor die Welt hintreten und ihr Geständnisse innerster Natur machen, das ist wohl das Quälendste für den Menschen, das Aufrührerischeste für den Künstler. Als Uriel Birnbaum dies tat, da hatte er als Maler und Dichter, als produzierendes Individuum, ein großes Stück kämpferischer Stufenentwicklung hinter sich. Er hatte die satirischen Experimente im ..Simplizissi m u s“ genossen ebenso wie K ubins fluchbeladene Phantastik und die ätherische Schönheit Lion st dos, er hatte die dunkelsten Winkel in Poe, die schaurigsten Tiefen des Dosto- .i ewskischen Märtyrertums durchgestöbert, er war über P a s c a 1 s reine GcdunkcnHuien geschritten und war vertraut mit der ästhetischen Dogmatik C a r 1 y 1 e s. der den Beiden, das Genie auf den Thron der Menschheit hebt und sein Allerletztes, Einziges, immer wieder sich in ihm Erneuerndes erlebt, den mächtigen Strom des biblischen Epos, das zu einer vertieften Gläubigkeit führt, zu eine! solchen, die das künstlerische Schaffen durch ihr Ethos erst bestätigt: vielleicht vergessen, vielleicht verträumt, aber niemals verleugnet die ..profanen“ Quellen, und der Bibel einen Altar errichtet in allen seinen Tempeln. Nur von hier aus ist Uriel Birnbaums Schaffen zu verstehen und zu wertet!. Man muß Maß halten, beschränken. Birnbaums Eigenstes ist der Wille, die Idee monumental zum Ausdruck zu bringen und sie zyklisch-mathematisch zu begrenzen. Die meisten seiner Werke stellen einen Zyklus dar. eine Reihe farbiger Blätter, die einander ergänzen, die sich zw einer Kette die Hand reichen, wobei das Ende rhythmisch ausklingt. Aber gerade durch diese Form stand Birnbaum vor der Gefahr, sich in einer illustrativen Phantastik zu verlieren, an der schon so viele Edle verdarben. Denn Bildidee und spirituelle Idee gehen nur allzu oft auseinander. Will man sie zusammenbr,Ingen, dann muß man Konzessionen machen dem Bdd, der Idee, sogar der Form. Was ihn davor bewahrte und ihn den einzig möglichen Weg. den des künstlerischen Ge w i s s c n s, gehen hieß, war die Idee des göttlichen Universums, personifiziert in Gott — ohne Anführungszeichen. Birnbaum schuf sich, tun diese Idee materialisieren Tn können, seine eigene Formen weit. Er mu ß te sie schaffen, wollte er seinen ERÖFFNET! Wilhelm Braumüller & Sohn Abteilung: Antiquariat V' i t. n. \. B « ii c n nu i U 2 a phantastischen Zielen treu bleiben, und er mußte sie finden, erfinden sogar auf die Gefahr hin, mißverstanden, mißdeutet zu worden. Das hat ihm zum Guten ausgesohlagen. Er ist der Beherrscher einer Formen weit geworden, die ihm allein gehört und von niemand angetastet werden kann. Die Strenge der Form ging auch auf sein dichterisches Schaffen über. Naturgemäß gelangte er zum Sonett, dem eisernen Ring für Gefühle und Gedanken, der ein Ueberströmen nicht gestattet, vielmehr höchste Selbstbeschränkumg und asketische Zucht fordert. Seine bildnerischen Arbeiten lassen dieses Prinzip in seinen punktierten Federzeichnungen, in den nackten Schwarz-TVeiß-Limen erkennen und selbst die üppigeren Gestaltungen wie „Kaiser und Architekt“ und „Moses“, zwei Werke, die im Erscheinen begriffen sind, verbieten bei aller Glut der Farbe ein sorgloses Schwelgen. Die Verbindung der Malerei mit der Dichtung verleiht seinen Werken jenen romantisch-phantastischen Charakter und jene hohe Universalität, wie sie die gläubigen Romantiker zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland angstrebt haben und zugleich die Möglichkeit, auf dem Firmament der göttlichen Inspiration neue Sterne zu entdecken. Oskar Rosen fei d. LEBEN IM BUCH Gläubige Kunst. Zu seiner Kampfschrift „Gläubige Kunst“, die fm Jahre 1919 im R. Löwjt Verlag (Dr. Präger) erschien, setzt Uriel Birnbaum die Schlußworte-: „Jeder bekenne es nach dom Make seiner Kraft, sei es mit Bildern, sei es mit Versen. Denn so unwichtig die Kunst au sich auch ist: An diesem Zwecke (daß wohl getan ist. was Gott tut) sich aufrichtend, vermag sie wichtig zu werden; in Gottes Licht vermag sie Wert zu erlangen; Gott dienend, vermag sie groß zu sein!“ Der Künstler Birnbaum braucht diesen Glauben sdirfftkämpfend nicht mehr zu dokumentieren, In Bildern und in Versen baut er sich seine Welt. Die zwölf Orig-inai-Httoogr 3 phien „Weltuntergang“ (Verlag Kar! König, Wien) deuten schon seine spätere eigene Bildersprache Ln. Die Linie ist noch breit und weich. Weiß gegen Schwarz weniger nach der rein zeichnerischen als nach der perspektivischen Sehe abgegrenzt und auch •das Thema als solches rach dem Lyrisdi-LöiKJsehaf'liihen zu gewendet, dem allerdings die Steinteclmik entgegenkoicip.ii. Zwischen dem ..Wehimtsrgsnz" und dem „Scdenspicgep (Thyrsos* Verlag, Wien. 19M) liegen fast vier Jahre, gerade jene Zeit, in welcher Uriel Birnbaum seinen singulären Stil ■gefunden und erarbeite-t hat. Tn einer Folge von 120 Grotesken werden die geheimen urmensckiichen Triebe enthüllt. Auf der langen, bitteren Skala bleibt kfeine Taste unangeschlagen, und besonders die mittleren halben Verstocktheiten und Entzückungen, jenes ..Unausspreohilich- Waiire“, wovor der Bürger wie vor einem Spiegel zurückschreckt, gilbt sich kn prägnant gefaßter, zeichnerisch sicherer Sprache kund. Der Seelenspiegel ist eine Entlarvung, er ist aber auch eine Stufe zur Selbsterkenntnis. In dem Mappenwerk „Der Kaiser und der Architekt“, ein Märchen in fünfzig B-ildenn (Thyrsos-Verlag. Leipzig- Wien), Hat Birnbaum eine Form gefunden, die seine geistige Welt mit seinen bildnerischen Absichten wundervoll vereinigt. Die drucktechnische Ausführung ist überaus gelungen, der graue Rand um das farbige Bild erhöht die Wirkung außerordentlich. Das Märchen vom Kaiser, der seinen Architekten überirdische Städte auizubaueu heißt, steigt in den Gedanken auf, daß Himmlisches nicht auf die Erde gehöre, „denn Gott ist im Himmel und du bist auf Erden“, und die Zeichnungen verlebendigen den Sinn des Märchens in kraftvollster, originellster Weise. Hier erscheint zum ersten Male bei Birnbaum die dramätisdhbewegte Linie in schwarzer Tusche mit der Glut der Farbe harmonisiert, die ihn so lange begleiten wird, bis er seine phantastische Symbolik überwunden haben wird. Sein nächster Schritt ist das Scherza.ndo in der Konst. Dem starken Erlebnis, das aitfwühtt und segnet und wieder aufreißt, begegnen wir im Sonetteniband „In Gottes Krieg'* (R. Löwit Verlag, Wien-Berlin, 1921); es sind Kriegsgedächte eben im Sinne eines unermeßlich tiefen Erlebnisses. das xu Bekenntnissen, Aufschreien, Sehnsüchten, Verzeihungen aufgefordert hat. In 10 Abschnitten (Kriegsausbruch. UnscMiisslgkeit, Die Kaserne, Im Felde, Auf Urlaub, Die Schlacht, Die Verwundung, Im Spital, Die Seuche, Der Zusammenbruch) rollen die Leiden des Körpers trttd des Herzens ab: statt Pulver und Blei —- Güte und Gläubigkeit. Dem Buch wurde der Bauernldd-Prets verheben. Es wird ein Zeugnis für spätere Tage bleiben. o. r. Graphisches Kabinett der S«ller*ohaa Kuaft-th&ndltmg (Bakum A.-G.) Ständig wechselnde Ausstellungen moderner Sammlerpraphik VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Uriel Birnbaum über sich selbst. Eine biographische Skizze. Am LT November 1894 als Dr. Nathan Birnbaum! (Mathias Acbers) jüngster Sohn geboren. Volksschule in Wien, sechs Real Schulklassen in Wien und Gzernowitz. Mit 11 Jahren die ersten selbständigen Zücbcnversuchc, mit 13 Jahren, von der Lektüre Poes angeregt, als erste literarische Versuche phantastische Novellen. Mit 14 Jahren die ersten lyrischen Arbeiten, die Prosaversuclie in den Hintergrund drängen. Lim das 16. Lebensjahr herum die ersten reiferen Gedichte (Landschaftsbitder) und Zeichnungen (Apokalypse). Von 3911 bis 19M in Berlin; Bemühungen. als PI a k a t z e i c h n e r sielt durchzuselxen, gleichzeitig von Kubin beeinflußte Schwärz-Wclß-Zeidinimgcn zu Poe. die den Beginn einer eigenen Technik an* deiuen. Aquarell von Tusche verdrängt; Sommer 1914 vielfarbige Federzeichnungen zu Poe. Vielfältige, aber ungeordnete literarische Arbeiten. Herbst 1914 zufälliges Finden der neuen Sonettform. Dezember 1914 bis Mci 1015 in Wien als Beamter tätig; Sonetic, Grotesken. Entwürfe zu biblischen Köpfen. Im Juni 1915 eingerückt, September auf Grund ..hervorragender dichterischer Leistungen" Einjähriger. Offiziersschule, Juni 1916 Abgang ins Feld. Skiziroh zu ..Daniel“, Kriegssönette, Schauspiel „Daniel“. Mai 1916 erste Kol! ekU vau sst eliu n g bei Hugo Heller: Zyklen in farbiger Tusche „Der Abenteurer“ und .Gebäude“. Im Feld Uebergang zu farbigen Kreidezeichnungen. Zyklus ..Ein Weg zu Gott“; in der Kaverne Skizzen zum ..Totentanz“ und zum „Seelenspiegei“. Kriegs so nette. April 1917 in Südkärnten Landschaftssonette. In 18 Urlaubstagcn 40 Totentanzzeiclimwigon. Zyklus „Gottes Krieg“. Phantastische Kriegsnoweflen. Isonzo» Schlacht. Verlust d-es linken Fußes. In Wiener Kflegsspürllern zwischen Tod und Leben. Ein Jahr auf Krücken, Mai 1918 Zyklus „Die Schöpfung“. Ordnen des Gedidfotbanies „In Gottes Krieg“. Zyklus ..Der Wurm“ durch Oktoberuinsturz ln Wien unterbrochen, Sommer 1919 zweite Kollektivausstellung: .350 Blä.tt fer in der ..Wiener Zeit,kirnst“. Brote rbeit. 1919—1920 Zykius „Von Well zu Welt“ (farbige Tusche). 1920-1922 Zyklus „Kaiser und Architekt“, 1921—1923 Zyklus ..Moses“. Marx 1921 erscheint Sonettcnband „In Gottes Krieg“» Oktober 1921 lithographische Mappe „Weltuntergang“, November 1921 „Buch Jona“, Juni 1920 Heirat mit der freiwilligen Krankenschwester Rosa Grleb aus dem Kriegsspital Grinzing, der im Herbst 1921 zusaiwnengestellte Gedichtband „Lüben in Liebe“ an sie gerichtet. 1923 größtenteils ausgefüllt mit der Uefoerwackmg der Druckwerke „Scelenspiegel", „Kaiser und Arduitekt“, „Moses“ und „Leben in Liebe“. Gegenwärtig Arbeiten an den Zyklen „Esther“, „Sternenreise“ — und an biblischen Sonetten. In d«n Jahren 1912 bis 1914 unter Krämpfen gläubig geworden, durch leidenschaftliches Bibellescn immer stärker beeinflußt; daneben Einwirkung von Dante, r^ystöjewski, Carlyle, Uonardo, Pascal. Aus dem Feld u-nd Spital mit vertiefter religiöser Gesinnung hetvorgegangen, vom reMgiös-a'iitoritativean Gesichtspunkt aus In Jeder Beziehung konservativ. BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN. 1. ROTSNTURMSTRASSg 22

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