Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1850 (9.4.1924)
- Date
- 1924-04-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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GM» ' Men, MAtwoch ' Niemals im weiteren Verlaus des Krieges konnten Me deutschen Generale dieses Marne-Wunder, wie es die Franzosen nennen, übertrumpfen. Immer tiefer schöpften sie aus dem Reservoir des Volkes, hinter neue Korps und Armeen warfen sie in daS Krematorium ihrer zynischen Feigheit- Sie provozierten einen Staat nach dem anderen und zum Schlüsse die riesige, unverbtauchte Kraft Amerikas. Erst als im Westen die Tanks de- Generals Pershing rollten, als an der deutschen Front die gepeinigten Mannschaften die Waffen wegtvarfen, als ihnen daheim die Frauen im Hunger krepierten und die Kinder an Leid und Seele verdarben, Äs der rote Schrecken durch die Städte raste und die Fürsten ihre Juwelen in Autos nach Holland und der Schweiz retteten, erst dann forderte Ludendorff den sofortigen FviedenSschluß. Dieser Ludendorff, den die amerikanischen Rekruten ins Knie warfen, steht heute sozusagen an der Spitze des deutschen Volkes und fordert sein Vertrauen. Er führt die Partei, die den Krieg angezündet und verloren hat, er schreit rn allen Gassen von dem jüdischen Verrat und auf ihn berusen sich alle, die sich zur Deckung ihrer eigenen Verlogenheit den jüdischen Popanz konstruiert haben. Sie haben das Gut Deutschlands verschleudert, seine, auch die jüdische Jugend, auf den Massensnedhöfen verscharrt, den ehrlichen Namen des deutschen Volkes geschändet. Daß sie werter leben durften, danken sie der Mäßigung der Revolution. Aber daß sie heute wieder hinter der frechen Erfindung der jüdischen Allianz sich verkriechen, ist eine Spekulation auf die politische Kindlichkeit des deutschen Volkes, das den SchwiMern seiner Rasse, seines Blutes immer wieder hereinfällt und ihren Hetzereien ein wehrloses Opfer in Gestalt der Juden darbringt. Eine Lüge ist enthiillt — die nächste wird schon kommen. Einigung mit den Eisenbahnern in Zeutschland. Berlin, 8. April. (Wolfs.) Das Reichskabinett hat heute mittags einem Kompromißvorschlag des Reichsverkehrsministers, der den Forderungen der Gewerkschaften der Eisenbahner entgegenkommt, zugefttmmt. Danach werden durchgehendS sechs Pfennig alS S-tundenlohuerhöhung bewilligt. Aus dieser Grundlage ist es in den nachmittags wieder aufgenommenen Verhandlungen zwischen den Vertretern des Reichsvevkehrsministerium's und des Personals zu einer Einigung gekommen. Im übrigen gelten, mit unerheblichen Abweichungen, alle jene Aenderungen im Bereiche des Manteltarifs, die der Reichsverkehrsminister am Freitag mit den Gewerkschaften vereinbart hat. Me Justiz in der deutschen RepuM. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 8. April. Gegen den Verantwortlichen Redakteur des „Vorwärts" ist auf Verfügung des Oberreichsanwaltes dom Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik ein Verfahren wegen Landesverrates eröffnet worden. Es ist innerhalb kurzer Zeit das zweite Landesverrats- Verfahren gegen den vorwärts". Das neue Verfahren wird begründet mit der Veröffentlichung eines (von der ,Mr. Dwrgenzeitmig" mitgeteilten) Briefes des Hitlerofftziers G3tz, der an dem Hitler-Putsch vom 8. und 9. November teilgenommen hatte und seine Erlebnisse dabei schilderte. Weiters wird Bezug genommen auf ein« Polemik, die der Torwarts" gegen die bayrische Regierung und gegen bas Wehrkreiskommando Stuttgart richtet. Der zweite merkwürdige Fall reicht bis in die Tage der Ermordung Rathenans zurück. Am Tage vor der Ermordung RathenauS hatte Helfferich im Reichstag eine Rede voll tückischer Verdächtigungen gegen Rathenau gehalten. Kein Wunder, daß sich die Evbitterung des größten Teiles des Reichstages gegen Helft' ferich wandte. Man erwartete, daß Helfferich an der Reichsiagssitzung, am Tilge nach der Ermordung RathenauS, nicht teilnehmen werde. Als er ckber trotzdem erschien, war die Erregung ungeheuer. Bon der - Linken her ertönten stürmische Rufe: ,Mörder hinaus!" In diesem Moment schien es, als ob die Linke tätlich -gegen Helfferich Vorgehen würde. Unter dem Einfluß des Reichstagspräsidenten Locbe legte sich doch schließlich der Tumult und Helfferich konnte an der Sitzung teilnehmen. Zwei Jahre sind darüber vergangen und niemand dachte mehr an diesen Fall. Nun haben mit der Auflösung des Reichstages die Abgeordneten ihre Immunität verloren und auf einmal meldet sich der Staatsanwalt. Die beiden sozialistischen Abgeordneten Zubeil und Dr. MoseS sowie die kommiunistischen Abgeordneten Hölle in, Remmele und Fröhlich werden vor den Untersuchungsrichter geladen, weil sie sich gegen den 8 108 de's Strafgesetzbuches vergangen haben sollen. Dieser Paragraph bedroht jeden mit Zuchthaus öder Festungshaft nicht unter fünf Jahren, der ein Mitglich einer gesetzgebenden Verfa-mlung an der Ausübung seines Mandates hindert. Me Ln-endorß-Huldigung verboten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) München, 8. April. Für morgen, dem Geburtstag SubendorffL, waren von den völkischen Kreisen große Huldigungen geplant. Von den maßgebenden Stellen ist jedoch jede derartige Demonstration glatt verboten worden. Wtener Morftenzettrirrü. Das bayrische Wahlresullat. München, 8. April. Nach einer amtlichen Vekanntmachuug ermöglichen die bisherigen Wahlergebnisse noch kein genaues Bild überdie Zusammensetzung des künftigen Landtages. Auf Grund der vorläufigen Ergebnisse dürfte sich folgendes Bild ergeben: Bayrische Volkspartei 36, völkischer Block 17, Sozialdemokraten 14, Bauernbund 6, nationale Rechte 4 und Kommunisten 3, zusammen 79 Sitze. Me übrigen Parteien kommen bei dieser Ausstellung noch zu keinem Sitz. Von den im rechtsrheinischen Bayern durch die Wahlen zu besetzenden 100 Sitze sind ackso noch 21 ausständig. Hierzu kommen noch die Neststimmenmandate. Die Pfalz wählt erst im Mai. Wenn die noch ausstehenden Ergebnisse auch das Gesamtbild zugunsten der bayrischen Volkspartei verschieben dürften, so werde diese doch nicht mehr allein in der Lage sei-n, eine Regierungsmehrheit zu bilden. Wie eine! RegierungSmehrheit überhaupt zustande kommen würde, sei noch ungewiß. Nach den Gesamtergebnissen ergibt sich folgendes Stimmenverhältnis bei den bayrischen Landtagswahlen: Bayrische Bollspartei 919.587, völkischer Block 461.862, sozialdemokratische Parier 433.821, bayrffcher Bauern- und Mittelstandsbund 207.422, vereinigte nationale Rechte 197.509, Kommunisten 203.017, deutscher Block 73.818, na« tionalliberale Landespartei 29.416, christlichsoziale Partei 22.929, Beamtengruppe Kratofiel 19.480, Stühler-Gruppe 11.022, Kobuvger 7833, bayrischer Mittelstandsbund Südgau 6823, deutsche Volkspartei 5035, Beamtenpartei Rückert 4504, unabhängige Sozialisten 2393, Mieterliste 399, republikanische Partei 286. Die Stimmenzählung für den Volksentscheid, die noch nicht ganz vollständig ist, ergibt bis jetzt Ja 1,224.017, Nein 1,263.892. Lrr württembergische Aaatrpröfidrnl. Stuttgart, 8. April. (Wolss.) Der Landtag hat den Staatsrat Rau, den bisherigen Verweser des Arbeits¬ und des Ernähewlngsmm isterium's, zum Staatspräsidenten gewählt. Rau nahm die Wahl an. Zugleich übernimmt er das Arbeits-, das Ernährungs- und das Kultusministerium. __ Mac Donald einigt sich mit dm Liberalen. Ein Kompromiß in der Mieterschutzfrage. . (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 8. April. (Tel. d. ,/Wr. Morgenzeitung".) Vor Mitternacht 'erlebte die Regierung ihre zweite Niederlage im Unterhaus?,. Sie unterlag mit 37 Stimmen bei einer Abstimmung über eine untergeordnete budgetäre Vorlage. Sir Douglas Hogg stellte einen Abänderungsantrag, der mit 207 gegen 170 Stimmen angenommen wurde. Mac Donald gibt heute eine Erklärung Über feine Absichten, er sagt, daß es kein Geheimnis sei, daß er Persönlich mit den gänzlich unklaren abgelehnten Paragraphen des M i e t e r s ch u tz g e s e tz e 's nicht sympathisiere. Er wurde von dem radikalen Flügel seiner Partei zu dieser Maßnahme gezwungen. Viele Liberale enthielten sich der Abstimmung, darunter Asquith, Lloyd George, Simons, Mac Namara. Don den Liberalen stimmten nur 45 gegen die Regierung, während die KonseKativen einheitlich gegen den Regierungsentwurs austraten. Mac Donald' beantragte, die Paretzgraphe 2 bis 3 nochmals dem Unterhaus« vorzulegen. Mehrere Mitglieder des Hauses brachten den Entwurf des Metgcsetzes in etwas veränderter Form nochmals ein. Dieser Entwurf tvurde angenomnren, so daß wenigstens der formelle Grund für eine Demission der Regierung entfällt. London, 8. April. Mac Donald erklärte, daß das Mieierschutzgesetz nach der Hausordnung in dieser Session nicht mehr eingebracht werden dürfe, weshalb sich die Regierung den von dem Liberalen Simons angebrachten Antrag über die Behandlung der Exekution des Mietzinses zu eigen mache, der in zweiter Lesung das Plenum pasiiert hat. Die Regierung werde diese Vorlage ergänzen. Die Regierung stehe nach wie vor ans dem Standpunkte, daß die Exekution des Mietzinses bei Arbeitslosen unmöglich gemacht werden soll und daß die Lokalbehörden die Arbeitslosen zu unterstützen haben. Sie gebe zu, daß der Regierungsentwurf sehr mangelhaft war. Smklts Mstckgetreten. London, 7. April. (Reuter.) Wie „Daily News" aus Kapstadt melden, habe Premierminister General Smuts seine Demission gegeben. Die Parlamentsüvvlhlen sollen im Juni stattsinden. Diese Meldung wird hier dahin kommentiert, daß Smuts durch den Block der Republikaner und der Arbeiter gestürzt worden sei, der die Errichtung einer holländischen Republik anstrebe. Nie Wransel-Fnsr!« kvgüfchr Aerovlanbast». (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Rew-Aork, 8. April. Die Wrcmgel-Jnseln, deren Entdeckung der Stephenjvnscheu Expedition drei Menschenleben kostete, und die ursprünglich als amerikanischer Besitz gedacht wuren, werden laut einer Erklärung des. amerikanischen Innenministers ■ a u f q c g e b e n,. weil England auf die Jnjel >l ws A e r o p l a ir v o i i s reflektiert. 9. April 1924 Nr. 186( Mussolinis Ckgl Rom, 8. April. Anzahl der abgegebenen Stimmm Regiemugsliste 4,264.500, Popolarr 645.000, Umtariei 448.000, faszistifche Neberrlifte 851.000, Maximal!ster 348.000, Kommunisten 304.600, demokratische Liberale 241.600, Maximalsten 848.000, Kommunisten 304.600, demokratische Liberale 841.600, oppositionelle Konstitutionelle 147.000, Republikaner 124.900, Demosozial« 104.900, Deutsche und Slawen 61.200, Bauernpartei 58.900, Dissidenten-FaHzisten 30.300. Zusammen ergeben die Listen der Minderheiten, ansgenommen die saSzistffche Nebenliste, die Ziffer 2,516.600 gegen 4,614.700 faszistifche Stimmen. Die Regierungsliste hat 366 Mandate. Dazu kommen die 19 Mandate der faszistitschen Neibenlisten, zusammen also 875 Mandate. Davon sind 260 faszistifche Parteiangehörige, 114 liberale Demokraten, Katholiken und Fachleute der Regierungsliste. Die auSgefProch en«n Oppositionsparteien haben 126 Mandate. Di« 160 Mandate der Minderheiten teilen sich folgen* dermaßen auf: 39 Popolari, 26 Umtarier, 28 Maximalisten, 17 Kommunisten, 19 faszistifche Nebenliste, 18 liberale Demokraten, 18 oppositionelle Konstitutionelle, 11 Demosogiale, 7 Republikaner, 4 anderssprachige, 3 Bauern und 2 Garden. Die Stadt ist festlich beflaggt. Auch die Straßenbahnen haben die Wagen mit zaAosen Fähnchen geschmückt. Mussolini wird am Donnerstag aus Mailand im Automobil nach Rom zurückkehren und auf allen Stakoue^ festlich empfangen werden. Ae Kammer gegen Posucares Wahlgeometrke. Paris. 8. April. (Tel. d. .Wiener Monremeitung".) In der Kammer wurde heute hei BchaiMuna der Wahlkreise von Paris und der Bannmeile ein Antrag der Regievumg abgelchnt und ein Gegenantrag des Mg. M e linie mit 340 gegen 220 Stimmen angenommen. Die Regierung erlitt kurz darauf eine zweite Niederlage, indem der Kommissionsvorschlag, wonach die Zweiteilung aber anderen bis jetzt geteilten Departements auf gehoben werden soll, ebenfalls abgelehnt wurde. Ein Gegen- Vorschlag des Abg. Klotz wurde mit 330 gegen 183 Stimmen angenommen. Da die Regierung zu diesen beiden Fragen kein« Stellung genommen, sondern die Entscheidung der Kammer anheimgestellt hatte, ist sie durch dies« beiden Niederlagen nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Re Ratifizierung der Abkommens Wer den Achtstundentag. Genf, 8. April. (Schweiz. Dep.-Ag.) Heute wurde hier di» 22. Session des Berwaltungsrates des Internationalen Arbeitsamtes unter dem Vorsitze des französischen Regierungsdelegierten Artur Fontaine eröffnet. Die Sitzungen sind vertraulich. Don österreichischer Seit» wurde hervorgehoben, daß eine bedingungslose Ratifizierung des Washingtoner Abkommens über den Achtstundentag für Oesterreich eine Unmöglichkeit bedeutet hatte. Miß Bondfield, Parlamentssekretärin des britischen Arbeitsministeriums, bestätigte, daß die Regierung Mac Donald eine Vorlage über die Ratifizierung de- Abkommens üb« den Achtstundentag dorbereite. Sie erklärte, daß jedoch der Zeitpunkt für die Einbringung im Parlament noch nicht bestimmt sei. Ein italienischer Delegierter teilte mit, daß auch Italien in der nächsten Zeit eine bedingte Ratisizierung des Abkommens über den Acki-t. stundentag vornehmen werde. Poimare für die anseklagte» nrUchen Professoren. Paris, 8. Apvvl. (Hadas.) Ministerpräsident Po incare hat an T s ch i t s ch e t i n ein Telegramm gerichtet, worin er im Nanren der öffentlichen Meinung Frankreichs der Bes'orgms Ausdruck gibt, daß die im Kie w er Prozeß angeklagten russischen Universitätsprofefforen zum Tode verurteilt werden könnteir. Ihr Verlust würde überall als eine Verminderung des intellektuellen Gutes der Welt schmerzlich empfunden! werden, we'Ahalb si von der unverdienten Todesstrafe bewahrt werden mögen. Zugleich hat die französische Regierung die englische und die italienische Regierung ersucht, sich mit allen Mitteln für die Angeklagtem e i n z usetzen. , Rußland uud Bebarabien. Moskau, 8. April. (Petersburger Telegrapheuagentm.) Der stellvertretende Volkskommissar für Aeußeres, L i twinow, erklärte anläßlich des Mißerfolges der Wiener Konferenz, die rumänische Regierung müsse sich «bewußt sein, daß nicht ettva gegenseitige finanzielle Ansprüche, sondern einzig und allein die Besetzung Beßarabiens eine Herstellung normaler Beziehungen verhindert. Ihr Verhalten lasse sich nur au8 der Ueberschätzuug der Bedeutung der Ratifizierung des b e ß a r a b i s che u Protokolls du r ch o i e französische kommet erklären. Die gescheiterten Wiener Verhandlungen l)abeir der Welt das Bestehen einer e r u st e u territorialen Frage in Südosteurvpa in Erinnerung gebracht, die weder die Botschaftorkonferenz noch der Völkerbund noch die Parlamente der Großmächte gegen den Willen der Sowjetunion zu lösen vermögen. Äitwinow betonte! weiters, daß bei den Verhandlungen mit England die betzarabff'che Frage nicht an letzter Stelle figurieren werde.