Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1843 (2.4.1924)
- Date
- 1924-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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LITERATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG- Nummer 3 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 2. April 1924 ADMINISTRATION. „WIENER MORGENZEITUNG". WIEN, II., TABORSTRASSE 1-3 Judenjimgen, der sie deklamiert, auf die knappste, klarste Formel gebracht. Lacretelle sucht aber trotz des hohen künstlerischen Wertes 'Seiner Darstellung und über diesen hinaus zu erklären, zu entschuldigen, mit einem Wort,, zu diskutieren. Daß er es, statt einfach zu schildern, für den jüdischen Part tut, bildet vielleicht die Schwäche in der Konzeption seines Judenromans. Aber — er ist Franzose und die Diskussion über die jüdische Existenz ist, als wäre diese neu entdeckt, in Frankreich eben auf der Tagesordnung. In anderen Ländern würde sie sich in Abhandlungen, Vorträgen oder politischen Programmen aus wirken, in Frankreich tut sie es literarisch. Die ruhigen Gemüter könnten aus ihren deutsch-mitteleuropäischen Begriffen heraus leicht glauben, daß eine solche literarische Diskussion nicht mehr sei als artistische Spielerei mit Emotionen; wer aber das Wesen Frankreichs kennt, wird unwillkürlich aufhorchen: denn Frankreich ist das Land, wo Bücher Bewegungen hervorrufen. Bisher ist der geistige Fall Silbermann im Tatsächlichen für Frankreich untypisch, denn Fraukreichhat bisher den Geist von überall hergenommen, wo er sich ihm bot. Keine Kultur hat so viel Ausdrucksformen in Literatur und Kunst aus fremder Hand, sogar von Japan und Afrika empfangen wie die französische. Der Widerstand gegen den Juden in Frankreich war stark, aber bisher ist der jüdische Geist dem Franzosen, der Freude am Geiste hat, in seiner künstlerischen Form stets willkommen gewesen. Wie wenn nun diese Diskussion über jüdisches Wesen in Frankreich eine neue Aera, die. der kulturellen Abstoßung des Juden einleitete? Da würde der untypische Fall Silbermann zur typischen causa Silbermann und Konsorten. Siegfried Schmitz. Oer best® ErzShler 1923. DAS MODEBÜCH Der ausgewalzte Witz von vorgestern Eine Anzahl von Wiener Blättern beuten jetzt rul Erheiterung ihrer Leser das Gebiet'des jüdischen Witzes aus. Da sie ihre Leser 'nicht vor dem Abdruck der betreffenden Witze zu Rate ziehen, so blamieren sie sich heillos vor ihrem Leserpublikum; denn die jüdischen Witze, welcli-e gebracht werden; sind ältester und schlechtester Garnitur. In diese Kategorie des Witzes von'Vorgestern gehört auch die Behauptung, daß ohne Juden die Hakenkreüzler zugrunde gehen müßten- Wenn nun ein’skrupelloser Tagschreiber berge ht und diesen Satz mit ZahlIienähme ÄNiger schlecht aiigelese.ner wirtschaftlicher Formeln' und geschmackloser sozialer Sentiments answalzt, so entsteht' ein „Rumanvon Ucbermorgcn“, der sich „Die Stadt ohne Juden“ (Gloriette-Verlag, Wien) neiftit und in 5Ö.Q00- Exemplaren verbreite^ Ist- Die Sache sieht dann so aus, daß durch ein Gesetz die Juden zur^'Auswanderung.-ans Wiifih ^gezwungen werden, und daß infolgedessen die Hakenkretrzler ■ neben anderen mehr wirtschaftlichen Berufen, die-von den Juden leben, bankrott werden, weshalb schleimigst das Judengesetz reassumiert und der' erste nach Wien zurückkehrende, eigentlich schon seit langem vorhandene Juds; mft einer zündenden Ansprache begrüßt wird. All das wird tin jenem qualligen, bis zur Langeweile humorlosen, -von keinem Stückchen eigenen Wesens erfüllten Ton vorgebracht, den man im tagsChmberIschen Jargon den „leichten Wiener Ton“ nennt. Hätte diese Humorlosigkeit, dieses Abstauben fremden Gutes ein'wenig Ernst und Takt.' so könnte vielleicht aus diesem aus,gewalzten Witz -irgendetwas wie eine amüsante Erzählung werden. Es gibt Geschichten von amüsanter Anspruchslosigkeit, wie etwa die von Frank Heller, Geschichten,'In ' denen sicher aiüchts Schöpferisches, nicht einmal Geist zu finden ist, die aber durch eine gewisse Liebensw üridiigk&it dem Tag genügen können. Um solche Geschichten. zu schreiben, braucht freilich, der es tut, selbst in der Miede* rung der Seichtheit eines: Würde. E- G. F r i ed. liss Preisausschreiben des „Buch der Zeit“. verlangen Sie - von HELLER rBURUM'» I. Bauernmarkt kostenlos! UNSER BUCH DER WOCHE I Fall Silbermann und Konsorten » Die Geschichte Silbeniiamis, welche Jacques de Lacretelle erzählt, ist kurz und einfach. Silbermail ein hässlicher Judenjunge, der aus der Provinz in ein Pariser Oberlyzeum kommt. Er will seinen Geist dem Geiste Frankreichs geben, um ihn zu bereichern, doch er wird zuriiekgestoßen, und sein Traum, Jude zu sein und Franzose zugleich, die Schönheit Frankreichs seinem Geist zu vermählen, wird zunichte. Silbermann geht nach Amerika und tritt in das Diauiantcngschärt seines Onkels ein. Ein typischer Fall im Tatsächlichen? Nein. Es gibt etwa 100.000 Juden in Frankreich und ihr Anteil am geistigen Leben ist ziemlich bedeutend. In der französischen Literatur genügt, es, auf die Namen Pierre W o 1 f f, de C a v a i 11 e t, Henry Bernstein, Porto-Riche, Henry Franck hinzuweisen, die Drama, Lyrik und Epik Frankreichs an sichtbarer Stelle repräsentieren. Die kulturelle Verschmelzung der französischen Juden mit Frankreich ist nicht viel älter als die der deutschen Juden mit Deutschland, aber es ist eigenartig, daß sie sich unter viel stärkeren Widerständen auf französischer Seite vollzog. Der Verfasser der Geschichte „Silbermann“, die in deutscher Uebertragung von Walter Rhode im Verlag E. P. Tal u. Co. in Wien erschienen ist, läßt seinen Helden über die Gründe dieses Widerstandes sagen: „Seit einigen Jahren sind in euer Land jene Leute eingezogen mit fernerem Gehirn, mit größerer Kühnheit, mit größerer Beharrlichkeit . . . und anstatt mit ihnen zu wetteifern um der Allgemeinheit willen, tut ihr euch zusammen gegen sie und wollt euch von ihnen befreien“. Was der Schriftsteller hier ausdrückt, bekommt einen tieferen sozialen Sinn durch das, was er sozusagen in Parenthese hinzufugt, daß die Klasse in Frankreich, die sich am erbittertsten gegen die Juden wendet, „das Bürgertum ist, das hohe Bürgertum, weil es Konkurrenten. in jenen Karrieren anftauchen seht, die bis dahin seine Domäne gewesen waren“. Der soziale -Reibungs widerstand gegenüber den Juden ist in Frankreich, dem bürgerlichsten Lande der Welt, vielleicht am stärksten, viel stärker, als in Deutschland, und am stärksten geworden in der Zeit jener mit dem Kriege zusammenhängenden wirtschaftlichen Umformungen, die sich jetzt abspielen. Es ist daher kein Wunder, daß in keiner Literatur gegenwärtig das Judentum so häufig behandelt wird, wie in Frankreich. Diese jüdische Welle in der französischen Literatur brandet sozusagen mit unaufhörlicher Wucht gegen das jüdische Wesen an. Die oft ganz ausgezeichnete künstlerische Formung des Judenthemas verbindet sich mit einem geradezu leidenschaftlichen Willen zu dessen Diskussion, einen1 Willen, der — eben aus dem Unwillen und Unbehagen des Widerstandes geboren ist. Es sei an den Roman der Brüder Tharaud „En rhombre de la Croix*’ erinnert, der in der Darstellung jüdischen Wesens auch in seinen äußeren Formen gewissermaßen mit der Unwahrhaftigkeit des Diskutanten auftritt und so zu einer geradezu aufsehenerregenden Propagandaschrift gegen die Juden wurde. Lacretelle hat in seinem Roman „Silbermann“ das Thema, gerade indem er den im Tatsächlichen untfcDisohen Fall der Verdrängung jüdischen Schaffenswillens aus dem Bezirk des französischen Geistes schilderte, mit warnender, mahnender Objektivität an das Thema herantreten wollen. Im künstlerischen ist ihm auch diese Absicht ganz ausgezeichnet gelungen. Es gibt eine Szene in dem kleinen Buch, da Silbermann in der Schale Verse aus Victor Hugos „Gott“ deklamiert; die Stelle, da er die Worte „Gott, Ausgeburt des Wahnsinns oder höchstes Geheimnis“ hinaussohmettert, erhellt in wenigen Worten besser als es zwanzig Seiten imstande wärP, den Zustand der getretenen Kreatur, die aus Wehrlosigkeit gegen die Menschen Gott anklagt, beschimpft oder leugnet. Der Geisteszustand der verfehlten, vergeblichen jüdischen Assimilation ist durch die Beziehung der Victor Hugosehen Verse zu jenem Die Redaktion „BUCH DER ZEIT“ hat aus der erzählenden Literatur des Jahres 1983 mit kritischer Verantwortung zehn d t verbreitetsten Bücher ausgewählt und richtet an die Leser die Frage: Welches erzählende Buch des Jahre3 1923 hat Ihnen am besten gefallen und warum? Wir stellen folgende zehn Bücher zur Wahl: Max Brod: „Leben mit einer Göttin“ (Kurt Wolff-Yetlag). Leonhard Frank: „Der Bürger“ CMalik-Verlag'. Gerhait Hauptnoann: „Phantom“ (8. Fischer-Verlag). Johannes V. lensen: „Columbus“ (S. Fischer-Verlag). Bernhard Kellermann: „Schwede aklees Erlebnis“ ' (8. Fischer-Verlag), Jacques de Lacretelle: „Silbermann“ (Verlag E. P. Tal). Thomas Mann: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (Deutsche Verlagsanstalt). Henri Peladan: „Finis Latinorum“ (Georg Müller-Verlag). Jakob Wassermann: „Der Geist des Pilgers“ (Rikola- Verlag). Stephan Zweie: „Amok“ (Insel-Verlag). Wählen Sie aus dieser Liste das Buch, welches Sie f'ir das wertvollste halten und begründen Sie dieses Urteil möglichst genau! Das Buch, welches die meisten Stimmen auf sich vereinigt, erscheint gewählt. Den Preis aber gewinnt das beste Urteil. Wir senken alle Urteile über das gewäh Ite Buch dem Autor ein. Der Autor entscheidet, welches Urteil Uber sein Buch das zutreffendste ist. Der vom Dichter preisgekrönte Leser erhält eine Prämie von lilnf Millionen Kronen in Form eines Bttcherbons, der in jeder Wiener Buchhandlung gegen Bücher nach freier Wahl sur Einlösung gebracht werden kann. Einsendungen sind bis 30. April unter Beilage dieser Anzeige zu rieh en an: 9fDü8 Buch der Zeit“ („ Wr. Morgemeitung“) Wien, 3. Bez., Taborstraße 1-3. LEBEN IM BUCH Jüdische Liebeslieder (Volkslieder). Uebertragen und erläutert von Arno N ad eh Verlag Benjamin Harz, Berlin- Wien. Ueber Nadels Arbeiten am jüdischen Volkslied schrieb seinerzeit einer, bei dein die Voraussetzungen für Kritik auf diesem Gebiete gegeben waren, der inzwischen verstorbene Fritz Mordechai Kaufmann: „Nicht nur sind liier die Uebers'ctzungen oft unzuverlässig und wenig gelungen, die Transkription willkürlich: und falsch — auch die Erklärungen und Einiühlungsversuche sind unsolide und wimmeln von Fehlern, besonders in der sprachlichen Auslegung der Texte”. Dieses Urteil kann leider nicht revidiert werden, da Nadel jetzt — übrigens in ausgezeichnet cm Bucbgewände — seine früheren Arbeiten', erweitert und auf •das Gebiet des Liebesliedes spezialisiert, herausgibt. Ein Beweis ifür viele: In dem wunderschönen Lied, das Nadel „Der Gefangene“ betitelt, heißt'es im Original „Plizling fs inajn schpigele zischoten gewann“. Das heißt: „Mehl Spieglet n (im Herzen) ist in lausend Scherben zersprungen.“ Der Ausdruck „zischoten wern“ ist im Zusammenhang der wundervollen Stimmung, wie sie das Lied wieder gibt, von unnachahmlicher Prägnanz und wer Empfindung für lyrische Stimmung hat, kann gar nichts anderes herausleseii. Aus Unkenntnis der Sprache und in völliger Poesielosigkeit macht Herr Nadel aus dem Text folgendes: „Pilzling is majn schpigele zu sehnten geworeit’ und macht daraus in der Uebertragung: „Plötzlich ist mein Spiegel zu Schatten geworden“. Dieser Satz hat gar keinen Sinn und zerstört die ..ganze Stimmung: er geht überdies von einer Te>-<houjektu-r aus, die eine im Jüdischen grammatikalisch unrichtige Konstruktion hergestellt hat. Es ist tragisch: Die Volkslieder aller Völker haben ihre Bearbeitung und Sammlung durch die stärksten dichterischen und musikalischen EiniüMer gefunden: im Judentum ist dieses so empfindliche Gebiet der Gewissenlosigkeit dilcttrörender Unkunst oder schülerhaftem Gerede überlassen. 8. S- DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Bratimililer&Soh« W i e n, I. G r a b e n 21 at:*ro»irrm/r.LTfcsL,W2lK'«*2** Dedes Wahr« Reim bat Rikcla»i$«cb«r BRAUCHST DU BÜCHER. r.r LOW IT O.V