Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1843 (2.4.1924)
- Date
- 1924-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer RI’OO Wien. Zum Ahho'en in Her Expedition, H„TaborstT. 1-3, oder in einer VersehlefanteUe (Trafik > monatl. K 35.000 Strassen verkauf m W{en durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt.l. Bex.. WoIIzeile 11. Mit Pontversand für Wien u. Oeaterr. monaf-1. Y 35.000 Ts check o*S 1 owa k ei: Mo«. K 13. luyoalawien: Mo«. Dinar60. Polen: Mon. 31/» Zloty, Deutschland Mon Goldmark 4, F r a n k Belgien* Moi». Frcs. 12 \mm >vv -V v Meineidroxf" 6 Mte Po'nnipoW 350001!! -h I i «s n : Mona* '.12 1 .irc l\ u m ä n i e n Mon. 1301 e' Bu I<»ar?en Mon. 80 Lews Schweiz und das übrig Ausland monatlich Frcs. < Redaktion u. Administration Wien. II., Tahorstrasse 1 -~f Teleohone: 44-0.38,43-3-19 »MTIVaHrk 19-483.25-28; fX.Utiiversitatsstr.6-! (Druckerei Stelmnann1 QUT Nach > «I) ’un.en bei Preiierhi*hun"«n vorWeh aller Oesterreichisches Postspar* ka«sen*Ponto Nr. 150.69c Wien. Mittwoch. 2. Avril 1024 8. Kavroang Münchener Recht. -X. Wien. 2. April. Wozu ist dieser Prozeß eigentlich geführt worden? Wozu war es notwendig, drei Wochen lang die Justiz als Vogelscheuche in das nationals-zialist!''che Feld zu stellen? Die Komödie ist aus und das Ende ist doch nicht anders als der'Anfang war. In der ersten Sitzung war General Ludendorff im Schmuck aller seiner Orden erschienen, von Gericht und Zuhörern ehrsurchtsvollst -begrüßt. Gestern vormittags das gleiche Bild. Ist das, was dazwischen lag, ungeschehen zu machen? Und ist das, was Hitler und Genoffen geplant und getan hatten, nunmehr ausgelöscht? Das Gericht hat sie des Hochverrates schuldig erkannt und damit doch jedenfalls die -Weimarer Verfassung unter seinen Schutz nehmen wollen. Ist also der Putsch ein.hochverräterischer Akt gewesen, was war dann das, -was Kahr. Lossow und Seiffer in Verbindung mit Hitler und Luden-dorsf vor dem 8. November getan hatten? Das sonderbarste aber an diesem Prozeß ist, daß er von Kahr selbst angestrengt wurde, als ec noch Generalstaat's-kommiffär -war. daß er selbst unmittelbar nach dem Putsch die Anordnungen zu der Niederwerfung der Hitler-Leute getroffen -hatte, daß aus seine Verfügung Ludendorff unter Beobachtung gestellt und Hitler verhaftet worden war. Die Angeklagten und Hve Verteidiger konnten aber Nachweisen, daß sie bis zur letzten Sekunde im Fahrwasser Kahrs geblieben waren. Weshalb ist aber nur Ludendorff fveigesprochen worden? Die Fragen sind müßig. Das Recht geht vn Bayern seine eigenen unerforschlichen Wege. Das VoAsgericht, das durch eine buiffliche Auslegung über den Termin seiner gesetzlichen Dauern hinaus in Kraft geblieben war, richtet mit Ansehung der Person. Es hat den Mörder Ei'sners, den Grasen Arco, zu zwei Jahren Ehrenhaft verurteilt, es hat Eisners Äkretär, Fehrenbach der ausländischen Journalisten Mitteilungen über die Geheimverbände gemocht, dafür und für nichts anderes ins Zuchthaus geschickt und die gleiche Strafe dem Revolutionsdichter Ernst T-vll-er zuteil werden lassen. Landauer und Leibiue wurden wegen Hochverrates erschossen. Hitler, Poehner, Kriebel und Weber dagegen erhalten fti-rrf Jahre Festung mit Einrechnung der Untersuchungshaft, müssen aber von Urteils wegen nur fünf Monate abbüßen. Es wird niemanden geben, der dieses Urteil auch bei sorgsamster Würdigung der Angst des hohen -Gerichtes als ein Urteil ansieht. Es ist eine Schande. Sicherlich -werden sich Professoren finden — dieselben, die -den Krieg aus .Kants Schriften erklärten —, die dem Gericht -in dicken Gutachten zu Hilfe kommen werden. Das Volksempfinden in Deutschland und noch weniger die unbestechliche Meinung des Muslandes wird sich mit dieser Karikatur eines Gerichtsverfahrens nicht abfinden. Tenn trotz allen Entgegenkommens der Prozeßleitung, die an allen heiklen Stellen die Türen schließen ließ, ist doch erwiesen worben, mit welcher lächerlichen Unkenntnis der politischen und -wirtschaftlichen Zusammenhänge die Männer -operierten, die. sich die Vormundschaft über das Volk durch b-eiwaffnete Diktatur hatten sicheru wollen. Sie hatten einen Staatsstreich gewagt, ohne sich zu vergewissern, ob der Norden umgehen würde. Sie -hatten es nicht einmal -verstanden, einander 'kennen zu lernen, so daß im Augenblick der Entscheidung einer nach dem anderen davonrannte. Sie hatten nicht einmal den Mut zur Tat, sic wußten nicht, -daß man eine Revolution nur beginnen dürfe, wenn -man imstande ist, die losgelasseue Gewalt der Straße zu beherrschen. Es -war ihnen nicht einmal klar, daß es zum Bürgerkrieg und in weiterer Folge zum Eingreifen des Auslandes hätte kommen müssen. Ludendorff wollte die Rolle stjorls von Tauroggen noch einmal spielen, aber in der Geschichte wiederholt sich nichts unter den gleichen- Vorbedingungen. Ein Kinderstreich war das ganze, aber mit welchen Folgen! Die Streiche Wilhelms des Zweiten 'hat das deutsche Volk und -mit ihm ganz Europa bitter gebüßt. Wilhelm Vogt aus Köpenick, der fünf Soldaten eine Gemeindckasse stürmen ließ, hat Deutschland mehr an Ansehen gekostet als eine verlorene Schlacht. Die Hitlerci und diese Prozeßkomödie wirkt -weitaus stärker, weil sie die Ohnmacht der Regierung wieder bloßstellt und geigt, daß in Deutschland kein Sinn, für die Wirklichkeit Polizei und Sittlichkeit. Ser Bndgetaurschuh über die Mären Kadiver und Setzmmm. Die Debatte, die gestern über bas Kapitel „Inneres" des Bun-desvor-anfchl-ages im. Budgewusschuß geführt wurde, hatte, wie in der vorausgcgan-genen Sitzung, wieder die „öffentliche Sittlichkeit" in Wien zum Har.ptthema. Bundeskanzler Dr. S-eipel griff die Klagen, die über die Sittenpolizei Vovgebracht werden, auf und wünschte, daß bald eine ideale Lösung der Frage gMrnden werde. „Mit bloßen Beschwerden," sagte er, „ist eine so schwierige Frage nicht zu losen. Die Sachverständigen stehen'auf dem Standpunkt, man,-dürfe, ehe man nicht eine neue Institution' schaffen könne, ans keinen Fall die bisherige beseitigen. Es ist auch . zuge-g"ben, daß die Polizei nicht imstande ist, die UnsittlichLet aus. der. Welt zu schaffen. Aber zu ihrer Eindämmung kann sie immerhin Mitwirken. Nun wird der Polizei gerade in der letzten Zeit, der Vorwurf gemacht, daß sie in einer unerhörten Weise vorgche. Abg. Doktor Eisler hat z. B. darauf hingewiesen, was für eine schreckliche Einrichtung die Razzia fei. Schon daß man von einer Razzia .rede, zeige einen verkehrten Geist. Wer redet denn davon? Das. ist kein Terminus technicus unserer Polizei, sondernern.Tenmnus technicus -der Zeitungen, die, um Stinunung zu machen, ..jede Streistmg eine Razzia nennen. Die verantwortlichen. Organe unserer Wener Dolizy )eM ..das gLößj^Gvwicht darauf daß bei solchen, für die Beamten selbst -peinlichen Funktwuen mit Takü vorgegangen werde. Aber als Mittel, um.einerallzugroßen Laxheit' entgegenzutreten, das Laster sich nicht allzu stark breit machen zu lassen, aber auch die GeschlechtskMnkheiten einzuschränken, müssen auch diese Aktionen gelten, wenn es auch, wie ich sehr gerne zugebe, noch lange nicht ein zureichendes Mittel ist, alle diese Zwecke zu erreichen. Man sollte nicht auch vom Parlament Ms in ein Geschrei einstimmen, -das dem Ansehen unserer Polizei schaden kann, ohne daß ein genügender Grund zu so allgemeiner Beschwerde vorläge. Bei der letzten Tagung des Internationalen Polizeikongresses und bei verschiedenen anderen Gelegenheiten hat unsere Polizei das höchsteLob geerntet. Der Fall -es Hofrates Wolfs. Was den Fall der Unt-ermieteriu -einer Hosratsfamili-e anlangt, die verdächtigt war, geheime Prostitution zu treiben und die von eiarem Polizeibeamten abgeschafft werden sollte, so handelt es sich hier um einen Beamten, der eine tLjährige Dienstzeit hat und als außerordentlich versierter und taktvoller Beamter gilt. Tatsächlich wurde gegen die Unterm ieter-in eine Anzeige erstattet. Die Erhebungen ergaben, daß «s sich um eine Frauensperson handelt, die nicht in Wien zuständig, zurzeit erwerbslos und bereits wegen Diebstahls vorbestraft ist. . Auf Grund aller dieser Momente hat der betreffende Beamte den Fall als einen solchen anzu-sehen, in dem die Polizeidir-ekt-ion mit der Abschaffung Vorgehen solle und diese Maßregel in Aussicht genommen. Vor irgend einer Intervention von außen her hat -aber die bei der Polizevdirektion bestellte Fürsorgerin Frau Dr. Zaglitz sich pflichtgemäß dieses Falles, angenonnnen, sie -ist mit der betreffenden Person in Verbindung!getveten und hat von ihr eine mildere Auffassung gewonnen als der Polizeibeamte, zumal sie das Versprechen erhielt, jene werde sich um einen ordentlichen Erwerb umschauen. Die Fürsorgerin hat erwirkt, daß von -der Abschaffung abgestanden wurde, tan kann daraus ersehen, daß die verschiedenen Organe der Polizei gut zusammen arbeiten und daß sich -der Beamte keineswegs einen: Vorschläge, -der aus eine menschlichere und mildere Praxis ahziekt-e, verschloß. In der. Folge hat -nun die damals zur Ab-schäsfu-ng bestimmte Frau eine Ehrenbeleidi» guugsllage gegen den Anzeiger erhoben, der dann [cin?T;cit§ eine Ehrenerklärung abgab. Abbau der Wirtschaftspolizei. Dr. Eisler hat auch von der Wirlschaftspolizei resmüchru. Dies-e ist stark im Abbau begriffen, muß aber ausrecht erhalten werden, um bei der Durchführung der Gssetze gegen die P -r-e i s« treiberei milzuwirken. Dr. Eisler meinte, die Wirtschaftspolizci könnte eine nützlichere Tätigkeit entfalten, wenn sie sich um jene Bankgeschäfte kümmerte, die offensichtlich zur Spekulation verlocken, weil sie Anbote für eine Verzinsung stellen, die bei einem normalen Geschäft nicht zu erwarten ist. Aber wenige Stunden, bevor Doktor Eisler hier seinen Vorschlag vorgebracht hat, wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß derartige Ankündigungen ltti-b Einladungen int den Straßenbahnw-agen der Stadt Wi^en angeschlagen sind. Das ist natürlich eine viel stärkere Agitation, als wenn jemandem ein Brief ins Haus geschickt wird. Frau Pro ft brachte einen Fall der Mißhandlung eines Kindes zur Sprache, -der sich aus dem' Währinger Polizeitoimnissarim abgespielt hat. Am 4. März kamen in. einer Schule Tn. der Michaelerst'vaße in Währing einer Lehrerin 2,000.000 Kronen abhanden, Beschuldigt .wurde eine -elfjährige: '.SchüLrnr.- Das Kind toin&e. zum Kommissariat gebracht und dort wurde, wie das so üblich -ist,.vevs-uch^es zu einem Geständnis zu. bewegen. Gegen 3 Uhrnachmfttägs wurde das Löschüldigte K,nch aus der Wohnung geholt und aus die Polizei gebracht. -Dort wurde es auSgesragt uüd man wollte von ihm chaben, daß es den Diebstahl zugestehen soll. Da hat sich der Regierungsrat K a p i n besonders hervorgetan und dem Kinde, das natürlich in Abrede stellte, den Diebstahl begangen zu haben, eine Ohrfeige versetzt. Das Kind wurde über Nacht auf der Polizei behalten, es war säst 24 Stunden dort; bei den fortwährenden Verhören, die man mit dem Kinde angesbellt hat, wurde chm immer wieder angedroht, daß es nicht Weggehen dürfe, solange es nicht ga standen habe. Das Kind wurde auch von nachmittags 0 Ul) . l-Ü halb 12 Uhr nachts ohne Essen gelassen. Durch die Art, wie derzeit die Frauen vor dem Sittenamt behandelt Ivevden, wird dos ganze w eibliche Ge s ch i c ch\ getroffen. Die Frauen brauchen sich das heute gar n i ch t in e h r' gefallen zu lassen. Die Methoden, die hier angew.nrdet werden, muß man ganz entschieden zurückweisen. Abg. Dr. Deutsch bezeichnet die Schnüfseleien der Polizei, dir heute noch Vorkommen, ob mau sie nun Stroisiuigen ub-et anderswie ireimt, als unerhört. Die Polizei hat bloß -dann einzugrerfen, wenn ein össentliches Gut in Gefahr ist, sie darf aber nicht in das Privatleben eingr-oisen und auch nicht -deu Anstoß dazu bieten.-Es ist eine Schande, daß die Polizm durch ihre Veröffentlichungen den Anlaß dazu bietet, uud es ist eine Schande, daß -die Zeitungen Privata-wgel-egenhsiten so behairdeln. Zuerst bringen die Zeitungen solche Dinge, weil sie von der Polizei einen Typ erhalten, und dann regen sich dieselben Zeitungen aus, Laß sie den Typ erhalten haben. Es ist eine Schande für wus-eve Stadt, daß heute die Zeitungen voll sind von einer Affäre in einer Familie, die nicht in drej Oeffentlichkeit gchört, sondern um Gegri-str-u:- -der Betrachtung in dieser Familie sein kann. -beisteht. Es genügt, daß -einer eine Uniform trägt, daß ein anderer ein paar Phrasen schmettert und einige Haufen soldaten-spielende.Buben um sich sa-ntmelt, nur allen zusammen die Autorität zu geben, ein großes BoU in Schrecken zu setzen -und ihm die Besrnnung zu nahmen. Ein einziger Euergieanfall tei' Regierung Stresemann hätte den Spuk wrggoblasen, noch ehe cs zu dem Feuergefecht in München kam. Die Gesellschaft hatte, wie sich zeigte,. nicht einmal in Bayern so viel Anhang, nur eine Volksbewegung hevvorzurufen. Aber in Berlin, wo man von allem wußte — es gab ja unter den Völkischen Spitzel in Menge —> starrte man in der Hurrahypnvse auf den großen Generck Lu-dendor-sfi urch den noch größeren .Helden Hitler. Und selbst jetzt, 200 der Prozeß auch Kahr und Loffow die Maske ^runterriß, -ivagt man nicht, diese betrogenen Betmger zu fassen. Sie wiffen zu viel und deshalb dürfen sie nach Italien zur Echolung. Ob der Prozeß in Deutschland politische Folgen -haben wird, urag im Augenblick noch zlveiselhaft sein.. In Frankreich wird er sie üben und Po-lncar-e wird' sich seiner freuen. Lu-den-dorff aber kann getrost an der Spitze der Liste der völkischen Freiheits- Partei in den Reichstag kandidieren. ' mmmmammmnw MM DamenwSsdM Englische Stoffe fiir Herrenu. Damenkltider, Jacken u. Jumper aus Wo.le u. Seide, Renenmäntel u Textilwaren, aües erstklassig u, billigst Im Warenhaus li[ Schiff mann II. Taborstraße 48 Telenhon 47-1*79 In gros In dnmil