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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-26 · Heft 1836 (26.3.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1836 (26.3.1924)
Date
1924-03-26
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Das Buch der Zeit UTE&ATURBEILAGE DER „WIENER MORGEKZEITUNG“ Nummer 2 ADMINISTRATION: „WIENER MORGENZEITUNG“, "WIEN, II.. TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE V-:V v p 'NW . „Ueber Religion.“ irr diesem nachgelassenen Werk von Josef Popper-Lynkeus, das von Margit 0 r n s t e i n herausgegeben wurde, kommen des Denkers innerste Ansichten, seine tiefsten Ueberzeugüngen zu Worte. Man vermag das Buch seinem wahren Wesen und dementsprechend seinem wahren Werte nach nur dann zu würdigen, wenn man Popper seinem Kerne nach als ethische Natur erfaßt, die von ethischen Gefühlen getrieben und nach ethischen Zielen gerichtet ist. Und da muß man denn doch das Kapitel des Buches „Die Moral ohne Aberglauben“ als den Mittelpunkt seiner persönlichen Anschauung und als das Ziel seiner persönlichen Bestrebungen auffassen. In diesem Kapitel kommt Poppers ganze Stellungnahme zu allen Fragen der Religion zu deutlichem Ausdruck. Er gibt es als historische Tatsache zu, „daß in den sogenannten Anfängen der Geschichte, d. h. bei sehr schwach zivilisierten oder gar wilden Völkern höchst ernst genommene, religiös-abergläubische Vorstellungen und die dazu gehörigen Einrichtungen für Befriedigung ihrer Weltauffassung oder für die Erhöhung ihrer Gesittung und Zivilisation wie für die Festigung ihrer Organisation mitunter von Nutzen waren. Von einem solchen Nutzen kann aber natürlich bei einem solchen Vorstellungen entwachsenen Zeitalter keine Rede mehr sein“. Popper sieht den Konflikt zwischen der Religion und den sonstigen Seiten des Kulturlebens daraus hervorgehen, daß solche den Anfängen der Geschichte entsprechende religiöse Vorstellungen beharren, während in bezug auf Moral und auf gesellschaftliches Leben eine weitere Entwicklung erfolgt. Aus dem Beispiele der Griechen, Römer, Chinesen, Iapaner zieht Popper den Schluß, daß die Religion, solange sie auf der Stufe harmlosen Aberglaubens und solcher Zeremonien verharrt, die sich darauf beschränken, durch die Gleichartigkeit des Ritus ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller Bürger zu begründen, einen zweifellosen Nutzen stiftet, doch weist er darauf hin, daß bei fortgeschrittener Bildung der Mehrzahl der Menschen ein solches System von halb- und kaltreligiösen Zeremonien ganz ohne Sinn und Kraft bleibt. Die relative Unschädlichkeit derartiger Religionen sieht er auch darin begründet, daß dieselben keinen metaphysischen oder transzendenten Untergrund besitzen, daß sie nicht zu einem theologischen System mit festgefügten Dogmen und einer *) R. LöWii Verlag, W-ten und Leipzig. mächtigen Priesterschaft ausgestaitet wurden. Daraus glaubt er erklären zu können, warum in Fällen von Konflikten zwischen dem reinen Gefühl der Menschenliebe und den Pflichten religiöser Verehrung niemals Intoleranz, Grausamkeit oder Menschenfeindlichkeit aus religiösen Motiven zum Vorschein kamen. Er weist mit allergrößtem Nachdruck darauf hin, daß alle herangezogenen bösartigen Konsequenzen der Religion erst dann in die Wirklichkeit ein treten, wenn Religion zu einem System und zu einer, Herzenssache der Menschen sich entwickelt, lne 1 nem Satze gibt Popper die ganze Erklärung für seinen Standpunkt. Dieser Satz, in welchem bei all der großen historischen Gelehrsamkeit, welche Popper entwickelt, doch der Mangel psychologischer Analyse zutage tritt, lautet: „Mit dem Grade der Innigkeit rein religiöser Empfindung wächst die Schädlichkeit der Religion“ Hätte Popper bei Niederschrift dieses Satzes die psychologischen Grundlegungen gegenwärtig gehabt, welche Kant für den Aufbau der Ethik und auch der Religion geschaffen hat, so wäre ihm der prinzipielle Unterschied nicht entgangen zwischen dem, was wir heute primitives Gefühl und was Kant als „ideale“ Gefühle bezeichnet und wir Kulturgefühl nennen. Es wäre ihm nicht entgangen, daß wir von Innigkeit nur bei Kulturgefühlen sprechen dürfen und daß alle noch in das Gebiet der „primitiven“ fallenden Gefühle sich bloß durch den Grad der Heftigkeit unterscheiden können. Für die Beurteilung der religiösen Stufe» auf der ein Mensch oder ein Volk steht, ist es nun von geradezu ausschlaggebender Wichtigkeit, ob die primitiven Gefühle vorherrschen oder doch hn wesentlichen bestimmend sind oder ob die Vorherrschaft der idealen Gefühle fest begründet ist. Wenn Popper davon spricht, daß bei höchster Frömmigkeit die religiösen Vorstellungen schließlich zu ausgesuchtester Grausamkeit sich entwickeln können, so handelt es sich hier zweifellos um pathologische Gefühle und die Bezeichnung Frömmigkeit hat nichts mehr mit dem Begriff gemein, den der Kulturmensch mit diesen Worten verbindet. Was immer gegen die Religion vorgehradht wird, trifft nicht diese selbst, sondern unvollkommene Gestaltungen, die sie auf dem Wege ihrer Entwicklung annimuit. Die strengste Kritik und die von Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit diktierte Darlegung der in der Geschichte und in dem Völkerleben, hn weitesten Sinne genommen, zutage tretenden Uebelstände Änd uns Mahnung zum Vorwärtsschreiten, ein Antrieb für den einzelnen wie für dib Völker, an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten und die Kulturaufgaben, die der Menschheit gestellt sind, mit Ernst und unverdrossenem Bemühen ihrer Lösung zuzuführen. In diesem Sinne wird auch das Buch Poppers, das aus der Tiefe des sittlichen Gewissens des Verfassers geboren ist, jederzeit als Anreger und Mahner wirken und die heilsamsten Früchte tragen können. Dr. Slegmtmd Kornfeld, LEBEN IM BUCH Popper-Lynkeus’ „Ethik“. Im literarischen Nachlaß von Josef Popper-Lynkeus befindet »ich der Entwurf zu einem Werke über Ethik, weicher fetzt von Margit Ornsteln beraube geben werden soll. Aus dem Manuskript, welches uns von der Herausgeberin in zuvorkommender Weise zur Verfügung gestellt wurde, bringen wir einige grundsätzliche Maximen, , auf denen der Verfasser sein Werk aufzubauen beabsichtigte, und die Zeugnis von der ethischen Kraft de« Denkers Popper geben: ObersteMaximederEthik. Man muß es dahin bringen, im privaten und öffentlichen Leben nie irgendeine Idee oder Ueberzeugung oder Maxime so hoch zu stellen, daß, wenn sic realisiert worden sollte, irgend ein Mensch in irgend einem Winkel der Erde das Leben dadurch verlieren muß. * Großes Motto: Alle guten Menschen bilden eine Familie; dagegen verschwinden Rasse, Natiö- ■, nalität, Glauben usw. Man erkennt sie auch, haben eine eigene Physiognomie, noch so fremd sonst. Gegen Güte verschwinden alle anderen Vorzüge und Fähigkeiten; Trost, Vertrauen, Beruhigung fühlt man — im Unglück — nicht bei Genies und dergl., sondern beim einfachsten guten Menschen, ja selbst, wem? er nur momentan gütig sich zeigt. Pietät ist Anerkennung der Vergänglichkeit und des unendlichen Wertes und die Unersetzlichkeit jedes Individuums, also auch des verstorbenen. Das erwärmende Gefühl gegen die vergangenen Geschlechter ist Gefühl der Armeecinheit irr» unglücklichem Krieg gegen, den Tod. Liebe zu Kindern. Man erblickt in ihnen die Ersatztruppen, die in die Schlachtfinie entrücken im Kriege gegen die Natur (den Tod der Individuen nämlich). Da wir Erwachsenen aber wissen, daß auch diese Ersatztruppen (anstatt unser einrückend) ebenfalls demselben Los verfallen, so Rührung (Melancholie), daß sie glaube«, sie seien „unzerstörbar“; man gönnt daher jungen Leuten so gerne Vergnügungen, wenn wir selbst auch nicht mehr genußfähig sind, weil Gefühl, daß hierdurch der Natur ein „Streich gespielt wird“. „Trieb zu kuppeln“. Die Mutter eines Kindes hat alle Pietät ersetz! durch Liebe zum Kinde, d. li. statt in die Vergangenheit liebt Sie in die Zukunft, sie ist voll Stolz und Siegesbewußtsem, Menschen, Ersatzmenschen in cUc Welt gegen die Natur hervorgebracht zu habe«, daß sie keine Melancholie empfindet, sie ist berauscht von ihrer Tat* und sie opfert gerne für ihr Kind, weil Individuum gegen Individuum vertauscht wird, also: das reine Individuum, daher Tausch leicht fällt. Das" * flnadbl* Sie von fl HUP II HEULER (BUftTJM' » Hlggi 11 I. Bauernmarkt U UUyll kostenlos! Werke von und über Josef Popper-Lynkeus. Fürst Bismarck und der Antisemitismus. Wien, 1886. (Vergriffen.) Flugteduißc. Heft 1. Berlin, 1-869. Die technischen Fortschritte nach Ihrer und kultureflfen Bedeutung- Zweite Auflage. 1901. (Vergriffen.) FrfeoensvorsöMäge, Scfatedsgerkht. Völkerbund. Wien, 1017. Fundament eines neuen Sta-afsrechifes. Dresden 190$, Einige Ges.ioht’spimkte -für die Beurteilung der Urheberschaft am Weltkriege- Wien, 1017. Die pfoysifkaiisdten Grundsätze -der elektrischen Kraftübertragung. Eine Einleitung in das Studium der Elektrotechnik. Wien. 1864. Das Individuum und die Bewertung: memchlfeher Existenzen. Zweite Auflage. Dresden, 192Ö. Krieg. Wehrpflicht und Stasisveniassimg. Wien, 192?. Leben und Werke des Ingenieurs Anton Jarolhtiek. Zugleich em Beitrag zur Theorie und Geschichte der Aerodynamik und Flugtechitik. W-ien, 1917. Der Maschinentmd Vogetflug. Eine historischkritische fhifftedhtilsohe Untersuchung. Mit besonderer Hervorhebung der Arbeiten von Alphonso Penaud. Betrüg 19U- Die allgemeine Nähr Pflicht als Lösung der sozialen Frage. Zweite Auflaape. Wien, 1923. Phantasien eines Realsten. 17. bis 21. Auflage. Dresden. 1921. Philosophie des Strafrechtes. Aus dem literarischen Nachlaß bmirsgtgebon von Margit Ornsteln. Wien. 1924. Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben. Sozüatphilosophische Betrachtungen. (Vergriffen.) Selbstblographle. Löiprig 1917. (Vergriffen,) Ueber Religion- Im Aufträge des Verfassers aus «einem literarischen Nachlaß heraus gegeben von Margit Ornnctn. Wien. 1923. Voltaire. Bin Dffld schier Persönlichkeit. Dresden *920. (Vergriffen.) Ing. Paul Frei: Der Weg zur wN&hrpflichte Die Verwirklichung der Reformvorschläge des Sozialethfkers Josef Popper-Lynkeus. Vortrag, Wien. 1920. Adolf Oelber: Josef Popper-Lynkeus. Sein Leben und sein Wirken. Wien, 1923. Walther Marcus: Nach dem Kriege! Ern Auszug au& dem Werks ,Die allgemeine Nährpflicht“. Dresden, 191$. Dr. Karl Habeck: Dia Sozialdemokratie und ,To$ef Popper-Lynkeus. Wien. 1923. Dr. Fritz Wittels: Dis Vernichtung der Not, DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Braumüilor&Sohn Wien, I. Graben 21 UecSes \fynbre Urim bat Rik«la*Mäcb«i* BRAUCHST DU BÜCHER, 06h zu LÖWIT. WIEN, l. ROTENTURM STRASSE S2. 7409

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