Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1836 (26.3.1924)
- Date
- 1924-03-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzeitung. Mlie 4 W-ien, Mittwoch —*■ - ■ -■'• "" _— . je 3, Marsczy 2,5, Ja n ow 81 i, Edua rd LaSke r, Dates je 2, Ma rshaN 1,5. Zu bemerken ist, daß jetzt 'Dr. Emmmel Lcrsker der einzige ungeschlagene Teilnehmer des Türmers ist. Skr bevorstehende Ssterreichische Keren Hajeffod'Kampagne. keine Propagandawoche für anfangs Mai festgesetzt. — Die Arbeit in Amerika. — Das Urteil eines Fachmannes Über Palästina. Wie wir bereits gemeldet haben, wird für anfangs M a i eine großzügige Werbeaktion für das wichtigste Finanzinstrument des Palästina-Ausbaues, den Acren Hajessod. vorbereitet. Tie Juden zahlreicher Länder Europas, ganz besonders aber die Juden Oesterreichs, stehen in bezug auf die Leistungen für den Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina noch weit zurück und dieser Mangel muß endlich durch eine tatkräftige Propaganda wettgemacht werden. Es ist umso tvichriger, daß die Juden Oesterreichs in der uäästen Zeit entsprechende Geldmittel für den Ausbau beibringen, als die a m erika u i s ch c u I u d e n, welche bisher mehr als 80 Prozent aller Geldmittel für den Keren Hajessod beigesteuert haben, die Intensivierung ihrer Tätigkeit für Palästina davon abhängig m a ch e tt, daß anch das europäische Judentum seine Pflicht vollauf erfüllt. Nun ist gerade jetzt in Amerika ein gewaltiger Aufschwung der Arbeit für Palästina möglich und es wird großen Eindruck in Amerika machen, wenn beslinlmte europäische Jrrdenzentren, vor allem Wien, mit wahrhaftigen Opferleistnngen den Palästina- Auf b a u f o n d s stützen. Wie I. T. A. meldet, hat sich der Leiter der letzten jüdisch-amerikanischen 14 Millionen Dollar-Hilfssammlung, .Mr. David A. Brown, ein Nichtzionist, entschlossen, an der New-Aorkcr Keren Hajesfod-Kampagne mitznwirken. Herr Brown, der kürzlich aus Palästina zurückgckehrt ist, äußert sich begeistert über das, was dorr geleistet wird und hat sich der Keren Hajessod-Kampagne, die fünf Millionen Psund ansbringen muß, zur Verfügung gestellt. Am 5. März sprach Herr Brown in einer vom Keren Hajessod im .Hotel Astor abgehalrenen Versammlung. Der Hauptredner des Abends war Professor El Wood Me ad von der Universität Kalifornien, der dort den ersten öffentlichen Bericht über seine aus Einladung der zionistischen Weltorganisation nach Palästina unternommene Reise gab. Er sprach über die außerordentlich großen Möglichkeiten Palästinas, das ein asiatisches Südkaliforuien werden könne. Helfet dem Lrhrlingsheim »Zukunft"! Der Direktor des Lehrlin geheimes „Zukunft", Herr Eduard Rozsa, schreibt uns: Der Verein „Zukunft" hat den Zweck, jüdische, schulentwachsene, verlassene Kinder in seinem Heime zu arbeitenden Menschen und zu brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu erziehen. Er nimmt jedes Kind aus, welches arm ist und ein Handwerk erlernen will. Der Krieg und die Nachkriegszeit haben an beu Verein „Zukunft" gewaltige Anforderungen gestellt. Tausende von jüdischen Kindern, deren Väter im Kriege gefallen waren, deren Mütter von den Nüssen erschlagen wurden oder an Seuchen starben, slüchreten nach Wien. Der größte Toll von diesen Kindern, deren Zahl bisher etwa 1006 betrug, hat ein nützliches Handwerk erlernt und erhält sich durch eigene Arbe-it selbst. Der Verein „Zukunft" wurde in dieser Arbeit von gar keiner offiziellen Melle unterstützt; einige Jahve bezogen wir nur vom American Joint Distribution Committee Unterstützungen. Heute hoben wir noch 6 0 Lehrlinge im Heim. Mit Ausnahme eines einzigen, der mit Bewilligung der Lsrturig das Gymnasium besuch:, sind alle Handwerker, Schlosser, Tischler, Installateure, Schneider, Lederigalanteristen irsw. Das Elend ist sehr groß. Es sind einige ganz krasse Fälle, die geradezu himmelschreiend sind. Ein Mädchen ist knochen-tuberkulös, ein Junge leidet an Tuberkulose der Wivbelsäure, ein zweiter an Kchliopstuöerkulose, ein dritter ist lungenkrank, ein vierter hat mit den Augen tun, einen: fünften wurden beide Füße amputiert usw. Die Burschen sind von der Not ganz zermürbt; nur gute, ausgiebige Nahrung könnte sie wieder emporbringen. Dazu aber hat der Verein kenn Geld. Und jetzt nahen die Pessachtage. Es ist ein alter jüdischer Brauch, die Kinder zu diesem Feste neu zu bekleiden. Die Jungen in Baum garten waren froh, wenn sie von irgend jemandem «inen alten, abgelegten Anzug bekommen könnten. Die Not äst so groß unt> die Spenden lausen in so geringem Maße ein, daß sich der Vorstand bereits mit dem Gedanken der Auflösungdes HeimeS befaßte. Geschähe dies, dann müßten die Burschen ihre Lehre verlassen, ja, sie würden als unte-rstandslose und heimatlose Individuen von der Polizei aufgegrissen werden. Darf das geschehen und kann die Wiener Judenschaft hierfür die Verantwortung übernehmen? Wir bitten daher alle Wiener Juden, uns bei der Erhaltung des Heimes durch Einsendung von Spenden behilflich zu sein. Speichen können auf unser Postsparkassenkon-to Nr. 83.691 emgezahlt, ober auch direkt an die Heimlcitung, 13. Bez., Linzer straße 299, Bavacke 27, geseridet werden. ras Sitte des Harems. Die Emanzipation der türkischen Frau. ,1h einer Unterredung, die die Präsidentin der türkischen Feministinnen, Nezihe Moneddine, einem Journalisten gewährte, äußerte sie sich über das soeben beschlossene Gesetz Me« das Scheidungs- und Wahlrecht der türkischen Iftsau uittet «cheve-m wie folgt: wundern sich, jbt meinem m.KAl S ERSTRASSE -111 -113-115 »V!»f VUjUS JJ GROSSE MODE LL-OKKASION eleganter Ball-,Tatiz-u.Strassenkleider Zimmer noch die beschämenden Eisengitter zu sehen. Es sind daS noch die Symbole der alten türkischen Auffassung über die Freiheit der Frauen, aber diese Eisengitter bedeuten heute nichts mehr und es ist bloß Trägheit, die sie mich bisher nicht hat entfernen lassen. Bald jedoch werden in der ganzen Republik die Eisengitter von den Franengemächeru verschwunden sein. Bisher lebten wir wie die fluchbeladenen Seelen im Fegefeuer. Zwischen vier Mauern unter uns, fern von der Welt, förmlich in der Verbannung. Am schwersten jedoch empfanden wir es, daß wir in allem den Wünschen des Mannes unt-ergeordnet waren und daß selbst unsere persönliche Freiheit gefesselt war. Der türkische Gatte konnte in jedem ihm beliebigen Augenblick seine Frau durch Scheidung verjagen, sich Weiber nach Belieben nehmen, während wir Frauen nicht einmal das Recht hatten, uns von unserem Gatten scheiden zu lassen. Der moderne europäische Geist, der jetzt die ganze innere Struktur der Republik um-andert, mußte naturgemäß auch unser Leben umgestalten. Anfangs wurde unsere Bewegung mit scheelen Augen angesehen, es wurde über uns das Gerücht verbreitet, daß wir Revolutionäre wären. Uns liegt jedoch das Revolutionieren ferne, wir wollen bloß reformieren. Bezüglich der geistigen und kulturellen Richtung des Landes stehen wir mit den Männern auf gleicher Höhe. Unsere Dichterinnen, Komporristinnen und Malerinnen, aber ganz besonders unsere Schriftstellerinnen, sind sehr populär. Ich wage, zu behaupten, daß wir auf diesem Gebiete die Führung haben. Ganz besonders in der letzten Zeit ist dieser Fortschritt bei den türkischen Frauen ausfallend. Während die Männer auf den Schlachtfeldern weilten und keine Zeit halten, Bücher zu schreiben oder sich aus anderen Gebieten der Kunst bestätigten, haben türkische Frauen Bücher von bleibendem Wert geschrieben. Dabei litten wir sehr schwer unter der Polygamie. Wir empfinden sie als erniedrigend, als etwas sklavenmäßiges, und in den westlichen Ländern vermag man es vielleicht gar nicht mitzu empfinden, tv>as das für uns bedeutet, welche Unterdrückung und welcher Barbarismus hierin liegt. Die erzielten Erfolge in der Frage der Frauen emanzipation sind zum größten Teile der furchtlosen Propaganda der Nezihe Moneddine zu danken. Allerdings hat die Politik des Mustafa Kemal Pascha der ganzen Bewegung einen starken Ruck nach vorwärts gegeben. Aeußerlich hat sich die türkische Frau schon früher emanzipiert. Die modernen Konstantinopler türkischen Frauen kleiden sich europäisch, tanzen, und besonders hierin haben sie es so lveit gebracht, >daß sie vor kurzem in einer öffentlichen Jury einen siebenundzwanzig Stunden währenden Shimmywettanz veranstalteten. Der türkische Frwuenschleier wird immer seltener und heute stößt sich auch niemand mehr daran, wenn ein Türke mit seiner Gattin Arm in Arm am Korso erscheint. Mustafa Kemal ist hierin mit dem Beispiel vorausgegangen. indem er bei seinen offiziellen Reisen und Empfängen ostentativ zur Linken seiner Frau Platz nahm. Radio «ad Film. Eine Darstellung des Radiosystems. Im Hörsaale des Technischen Museums fand gestern vormittags die erste Wiener Vorführung des Deutschen Radiofilnves statt. An der -Hand von Lichtbildern wurden die Gwmdzüge der elektrischen, Wellenl-chre, die von Hertz und Fedüersen vor nahezu 50 Jahren, gefun- Jxrt wurden, erläutert. Die elektrischen Wellen sind ebenso ein Schwingungszustand des „Aethers" wie di« Licht-Wellen. Beide pflanzen sich mit einer Geschwindigkeit von 300.000 Kilometern in der Sekunde fort; das Licht bewältigt seine Aufgabe in „Schrittes von vier bis sieben Ze-hntcmsendstel Millimeter, während die sogenannte Wellenlänge bei den elektrischen Wellen meist einige hundert oder lausend Meter beträgt. Jedes bewegte Elettrizrtätsteilchen, ein Elektron, ruft im umgebenden Aether eine solche Glsichgewichtsstönmg ihewor, die meist nur wenige Zentimeter reicht. Macht man die Schwingungen sehr stark, was man durch ein vieltauisendfaches „Umschatten" >des Stromes in der Sekurrde erreichen kann, so werden die Aethevschwingungen unabhängig und gehen vom Sendepttntt a«S wach allen StichtmWvr in den Raum. Treffen 56. März '1921 _ M KN sie irgendein dem sendenden System khW li che s, das, wie man sagt, „abgestimmt" isß so erreg e« sie wieder elektrische Wirkungen! 4M Empfänger. Auf diese Weife konnte nvan schon bange vor dem Kriege Telegramme im Morsealphabet senden. Da die ankom menden Energiemengen nicht geeignet sinh, da» Telephon in Bewegung zu versetzen, schaltet n«m Derstärkerapparate, sogenannte Relais, ein. Noch fehlte aber die Möglichkeit, die Schwingung«) mit bcu feinen Nuancen der menschlichen Sprache oder der Musik zu 'belasten-. Ein für die Drähttebephome schon früher benütztes Relais, die Liebenröhre, zeigte sich hierzu geeignet. Sie besteht im wesentlichen aus drei in einer luftleeren Birne eingeschnrolzenen Metallstückcheir. Das erste wird durch einen kräftigen Strom glühend genmcht und sendet dann Elektronen aus. Je nach dem Ladungszustande der mittleren Gitterelektrode können sie in größerer oder geringerer Anzahl auf dem dritten Bleche aufprallen und dort ihre negative Ladung abgeben. Wenn nun die Gitterelektrode mit dem Tele schonst rom in Verbindung steht, wird .durch diesen infolge der Schallwellen stets variierenden Telephoustvom die „Ventil- Wirkung" verstärkt oder geschwächt. Durch die dritte Elektrode gehen die mit allen Schallnuancen belasteten „gedämpften Schwingungen" über die Antenne in den Weltenraum hinaus. Eure oder mehrere ganz ähnlicher Röhren steht in der Empfangsstation. Der von einer Batterie gelieferte Telephonstrom wird durch die in die Gitterelektrode geleiteten Schwingungen verstärkt oder geschwächt und ruft dadurch im Kopfhörer oder Lautsprecher vermittels einer Membrane Schal l w eHe m hervor. Dies die kurzgefaßte Darstellung -des Radiosystems. Ter wie ein „Trickfilm" anumtende Film zeigt all dies in leicht faßlicher Form -und führte auch die größte Funkstation der Welt, Nauen, und -das Netz von Stationen vor, das sich um die ganze Erde -spinnt. So ist es -beispielsweise möglich, vv-nirgendeinem deutschen Orte ein Radiotelegrainlm -nach Amerika auszuge>ben und in einer halben Stunde im Besitze der Antwort zu sein. Diese Leistung wird verständlich, -wenn man hört, daß Nauen in dcr^Miuute 150 Worte senden und die naheliegend^ Empfangsstation Geltow 120 empfangen kann. D. Mauereinstm am Neubau. In der Badhansgasst, bezw. Brücklgasse, im 7. Bezirl steht rroch ein kleiner Komplex von einigen Hausern, die zu den historischen Stätten des alten Lerchenfeld zählen. Ecke der Badhausgasse, Brücklgasse und Lerchenfelderstraße ist eines von diesen Häusern, das einstöckige sogenannte „Michelweithäusl", höchst baufällig. Drei Geschäftsläden sind die ganzen Hausinsassen. Eine verwitterte alte Mauer, welche eine Planke umschloß, säumt daS Häuschen ein. Gestern mittags vernahmen plötzlich Nachbarn ein donnevähnliches Gepolter, Staub wirbelte in dem alten Häuschen auf und die Planke senkte sich plötzlich. In einer Länge von zirka drei Metern war die Mauer eingestürzt. Zum Glück war niemand vorbeigegangen; wäre die Mauer nach der Straßenseite eingestürzt, hätte dies leicht zu einem Unglück führen können, da die Mauer irnmechin über einen Meter hoch war. Die übrige Mauer mußte gestützt werden, denn auch .sie droht einzustürzen. Es wäre an der Zeit, dieses baufällige und gefährliche Häuschen niederzureißen. Aue Versammlung der Hausbesitzer. Der stufenweise Abba» des Mietengesetzes. Gestern vormittags hatte der Zenlralverbau^ der Hausbefitzervereine die Hausbesitzer zu einer Versanrmlung in die Volkshalle des RachauseS berufen, die einen Massenbesuch answies. Gleichzeitig war das Parlament sgebäude von der Polizei stark besetzt, »M etwa ein gewaltsames Eindringen der Versammlungsteilnehmer zu verhindern. An der Versammlung nahmen christlich soziale Nationalräte teil. Der Präsident des Zentralverbandes verlangte die Einhaltmrg des Versprechens des Bundeskanzlers Dr. Seipel und erklärte weiters: Wir verlangen die Durchführung der am 12. Dezember 1923 dsr Regierung vorgelegten Forderungen über den staffelweisen Abbau des Mietengesetzes, und eine auf die Jahre 1924 und 1926 aufgeteilte prozentuelle Erhöhung deS valorifierten Friedenszinses, die für das Jahr 1924 rund ein Achtel, für 1926 ein Fünftel betragen soll, ferner die Aufhebung oder Einschränkung des Kündigungsrechtes nud die freie Verfügung über durch Tod, freiwilligen Verzicht oder Selbstkündigung freiwerdenden Wohnungen. Ferner verlangten die Hausbesitzer, daß ein Teil der Untermiete, und zwar 30 Prozent des Friedenszinses von 1914 valorijiert dem Hausbesitzer für die Wohmmgsabnützung zukomme. In den nächsten Tagen werden die Fovdemngen überreicht werden, wonach eine Abgabe für einen Fonds geschaffen werden soll, der für die erwerbslosen Hausbesitzer bestimmt ist. - Der chrrsttichsoziale Nationalrat Parti! bat die Haus besitzer, »aus die Machtverhältnisse im Parlament Rücksicht nehmen. Der Präsident deS alpenlmidischen Hausbositzerbundes, Pi stör, forderte, daß der Anfang mit dem Abban des unmoralischen Mietengesetzes eMich gemacht werde, und sagte: Wenn Bundeskanzler Dr. Seipel sein vor den Wahlen gegebenes Versprechen nicht einlöst, werden die HauKbesitzer eine neue Aktion einleiten und, wenn es sein muß, mit Gewalt Vorgehen. (Stürmischer Beifall.) Zum Schluß wllrde eine Resolution amicuommen, in der vor allem der st u f e ir >v e i s e Ab b a u d e 4 M ieterschutzgesetzeS verlangt wich.