Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1836 (26.3.1924)
- Date
- 1924-03-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzeitunfl SvkiE Men, VNtwoE Neides erkannten, aber zu schwach waren, sich gegen sie zu wehren. Sie brachten alle ihre Verzweiflung, ihren letzten Mut und ihre Sehnsucht nach Alnerika und es ist eine merkwürdige Fügung, daß die Nachkommen dieser Flüchtlinge ihre eigene Geschichte verleugnen und ,an die geschlossene Türe die Tafel befestigen: Amerika den Amerikanern! Diese Fügung erklärt sich aber daraus, daß auch für Amerika die gleiäien Entwicklungsgesetze gelten wie für Europa. Dian hat im Krieg gesehen, ein wie tiefer Abgrund zwischen dem Bindestrich- und dein Bollblntamerrkauismus steht, und man sieht fjeute ans den Erklärungen des .Herrn Cnrran, daß die Theorie vom Schmelztiegel nicht inehr so lückenlos funktioniert. Es ist bekannt, daß das politische und gesellschaftliche Leben Amerikas honte nicht mehr allein von der Abneigung gegen Schwarze und Gelbe beherrscht wird, sondern, daß auch ganze Kategorien weißer Menschen einer blmdwütigen Antipathie gegenübevstehen, die sich von konfessionellem und völkisch-rassischem Flitter nährt. Es gibt den Geheimbund des Kn-KluxMan, der Deutsche Juden und Katholiken verfolgt, es gibt einen-exzessiven Hochschulantisemitismus, eine antiitalienische Strölnung und Gott weiß wie viele solckler Dinge, die Amerika von Europa gelernt hat und die in der zornigen Frage des Herrn Cnrran kulminieren: „Was zum Teufel haben griechische Stimmen rrt Amerika zu tun?" Dieser Prozeß hat seit einiger Zeit sich beschleunigt. Sein .Hauptvertreter ist der famose .Henry Ford, jener Hans Dampf in allen Gassen, der mit seinem vielen Geld die deutsche Ritualmordpropaganda unterstützt und sich bemüht, auch in Amerika die Lehre zu predigen, daß Recht ein Ding und Macht ein anderes Ting sei. Er hat sehr viel zur geistigen Vorbereitung der Fremden Haßseuche getan. Die Vereinigten Staaten sind aus dem Freiheitsstreben Europas entstanden. Sollten sie wirklich auf der geistigen Stufe Henry Fords stehen bleiben? Rnmonlen «ege» die amerikanische 8inwanderungsbeschrSnknng. Bukarest', 24. März. (I. T. A.) Me zuverlässig verlautet, hat die rumänische Regierung gegen die Verminderung der Einwanderungsquote aus Rumänien nach den Vereinigten.. Staaten auf zwei Prozent auf diplomatischem Wege P r o t e st eingelegt. Re Geheimdokumente. Eine Schweizer Stimme. Wir lesen in der Baseler ,Mati-onalzeitung" die folgenden Bemerkungen zu den Geheimdokumenten des „trimer Tageblattes": „ . . . All dies ist erfunden und ist plump erfunden, und daran erkennt man die Marke: die Wilhelmstraße in Berlin, die jetzt vor Beginn der Verhandlungen über die Expertenvorschläge 'Stimmung gegen. Frankreich machen, den Franken neuerdings ins Weichen bringen und die Regierung Poincare vor den Kammerwahlen vom 11. Mai kompromittieren möchte. Es. ist das alte törichte Spiel, das Deutschland schon so oft geschadet hat, es ist der gleiche Geist, der den M e x i k ä n e r n für em Bündnis Gebietsteile der Union offerierte, als die Vereinigten Staaten dem Krieg mit Deutschland noch auswichen, dieselbe ungeschickte Unredlichkeit, die den Gegner mit allen Mitteln ins Umecht setzen will, zur Bemäntelung des eigenen Einmarsches in B e lg i e n «inen belgischen Neutralitätsbruch konstruiert und, um die Franzosen in den Krieg zu zwingen, vom deutschen Botschafter in Paris fordert, er habe als Sicherung des französischen guten. Willens die Uebergabe der Festungen Toul und Verdun zu verlangen." . Diese Aeußerung enthüllt eine gegen das offizielle Deutschland gerichtete Anklage, die um so schwerer wiegt, als sie von einem neutralen Organ erhoben wird. Me Kalisattsnserenr in Mekka. Jerusalem, 24. März. (I. T. A.) König Hussein, 6er am 19. d. nach Mekka abgereist ist, hat eine Kundgebung veröffentlicht, in welcher er die Einberufung einer Konferenz von Vertretern der ganzen mohammedanischen Welt nach Mekka zur Besprechung -der Kalifat frage ankiindigt. Der Hauptzweck der Konferenz wird die Einsetzung einer Kommission aus Vertretern «ber ganzen mohammedanischen Welt sein, die König Hussein in der Ausübung 'des Kalifats als B e r a t e r zur Seite stehen werden. Oskar Strauß bei König Hussein. Jerusalem, 24. März. (I. T. A.) Der frühere -Gesandte der Vereinigten Staaten in der Türkei, Oskar Strauß, -der sich zurzeit in Palästina aufhält, hat König H u s s e i n noch vor dessen Rückkehr nach seiner Residenz Mekka einen Besuch in Amman abgeistattet. Englands LustftreltkMe. London, 25. März. (Tel. der. ,>Wr. Morgenzeitung".) Das Unterhaus hat den angeforderten Kredit von 2,941.000 Pfund Sterling für die Luftftreitkräfte bewilligt. 26. März 1924 Ae nationale Etandrechtsdiktatur. ßcerftc Stahlhelm. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Berlin, 25. März. Im verlaufe des Hitler-Prozesses waren von Pochner sowohl wie von Hitler selbst Andeutungen über gewisse Verhandlungen mit >dem Chef der Reichswehr, General Geeckt, gemacht worden, auf die man aber nicht tveiter zurnckkcnn. Das ist an diesem erstaunlichen Prozeh nicht weiter auffallend. Es umßte freilich erwartet UH'rbcit, daß die Oefsentlichkeit dieses Bersteckenspieü nicht tauge dulden iverde. Dies ist inzwischen eingetroffen. Der demokratische ,Monta>,>Morgcn" veröffentlicht ein Rundschreiben des Magdeburger Kanstnannes Seide, des Vorsitzenden . des Stahlhelm-Bundes, au die einzelnen Unterabteilungen. Dieses aus dem November 1923 datierte Rundschreiben, das selbstverständlich als vertraulich gedacht war, bringt Einzelheiten zu den in München geflüsterten Hinweisen und wirft ein völlig neues Licht auf die Vorgeschichte des Puffches von: 8. November. Herr Selbe teilt seinen unterstellten Organisationen mit, er halbe dem Reichskanzler, der Rvichsregierung und denn Oberbefehlshaber in klaren Worten die Forderungen des Stahlhelni- Bundes überreicht, habe aber den Eindruck gewonnen, daß der Reichskanzler (Stresemann) nicht der Mann sei, um die nötige Eutschlußhärte zur Führung sowohl der nationalen Diktatur als auch der Renchsregievung und der Regierung Preußens aufzubringen. Bor Forderungen 9m: Nachhauseschicken der Reichsregierung, Ausbooten der Sozialdemokratie aus der preußischen Regierung, rücksichtslose Einführung der wertbeständigen Zahlung und Lösung der Eruähvungsftage weiche der Kanzler zurück. Infolgedessen hübe der Unterzeichnete dem Oberbefehlshaber die Entschließung und die Stclliirn'guahme des „Stahlhelm" vorgetra,g<n. .Der Bundesvorsitzende/ heißt es daam. wirb morgen nochmals nach Berlin fahren, um mit den dortigen maßgebenden Stellen zwecksKlärungder L a g e zu sprechen und in uNmatwer Form die Errichtung der nationalen Diktatur zu fordern. Zu diesem Rundschreiben wäre zunächst zu sagen, daß d-or Stahlhelm-Bund zu den auf Grund des Schutzgesetzes lmfgelösten Organisationen gehört. Trotzdem konnte Herr Seide mit dem Reichskanzler (damals Herr Stresemann), der Regierung und Marschall Seeckt verhandeln. Die Forderungen, die er vovtrug, sind dieselben, die in München Hitler und Kahr aufstellten, und sie gipfeln in dem ultimativen Verlangen nach Errichtung der nationalen Diktatur. Dieses scheint ahgelchnt worden zu sein, wenigstens, in der Form, wicht aber in der Sache. Denn auS einem ebenfalls jetztbekamtt gewordenen Entwurf für die Errichtung der nationalen Diktatur — man erinnert sich an die Aussage des Professors Bauer in München, daß die Verfassung im Alldeutschen Verein in Berlin ausgearbeitet worben war —, geht hervor, daß die Urheber des Planes mit gewissen: Recht auf das Mitgehen des General Seeckt, das heißt also, der gesamten Reichswehr, rechnen zu dürfen glaubten. Es war für ihn die Stelle des Reichsverwesers reserviert. Der Entwurf sicht nämlich die Schaffung eines Direktoriums unter der Führung des Generals v. Seeckt vor. Zum Wivtschaftsdivektor sollte R abeke, zum Ernährungsdirektor Graf Kanitz, zum Außendirektor Stresemann ernaimt lverben, die ihre Tätigkeit ehrenäiptliich ausüben sollten. Der Reichstag sollte aufgelöst, die Schutzpolizei verstärkt und unter den Befehl von Seeckt -gestellt werden. Streiks sollten verboten, die Börse bis auf weiteres geschlossen werden. Standgerichte sollten errichtet werden mit der Befugnis, Todesstrafe für Auflehnung und Sabotage gegen den Reichsverweser, für Str-rüchetzer, Plünderer, Wucherer, ferner für Zurückhaltung und Ausfuhr von Nahrungsmitteln zu sehen. In den dem Entwürfe angchängten Bemerkungen heißt es: Eine Verstärkung der Reichswehr sei zwar a u s a u ß e n p o l i t i s ch e n G r ü nden unmöglich. Der Reichsverwefer brauche jedoch eine starke Macht, twher sei die Schutzpolizei entsprechend zu verstärken. Streiks müsse durch Erschießung jedes Zehnten entgegengetveten werden, insbesondere dem der Banknoteiwrucker. Das Aufhängen von vier Wucherern auf dem Potsdamer Platze und von vier Streikhetzsrn am Neuen Tor, die Erschießung von drei Landwirten, die ihr Getreide zurückhalten, sollen der Schreckschuß sein, den bisher noch niemand gewagt habe, der aber notwendig sei. Hier erkennt man deutlich das Rezept, das seit jeher von den Völkischen in ihrer unglaublichen Unkenntnis der wirtschaftlichen Prozesse gepredigt wird. Die Umrisse -der Eisenbar t-Kur zeichnen sich deutlich ab. Die Schutzpolizei sollte durch die bewaffneten Trupps unter Ehrhardts Befehl verstärkt werden und die große Reform hätte dann beginnen können. Beiläufig so, wie das in der Nacht auf den 9. November in München geschah: Requisition von Bankgelder un>d Aushebung von Geiseln. Da auch die Rechtsparteien wußten, wie die Sozialdcmokratic auf solche Streiche reagieren Mißt.', n .'.r Ihr Plan dar des Bürgerkrieges und man weis; jetzt, daß die in Kobur g a.ffn av;:*;lcYten Sturmtrupps doch auch eine andere Bestimmung hatten, als jüdische Häuser zu plündern. Da8 war lediglich der Landsknechtespaß. Die Hauptsache war in Berlin und von Berlin aus zu besorgen. Unter der Oberleitung des zum Schutze per Republik bestellten Chefs der Reichswehr. Der Hitler-Prozeß. München, 86. März. Zu Beginn des heutigen Berhandfoagfeap* «chM N«cht»anrrM »ob«», tV4gm M m&> griffenen Gesundheitszustandes des Mgeklagten Hitler dessen Anwesenheit im Gerichtssaale Abstand zu nehmen, Da! Gericht gab der Auffassung Ausdruck, daß die Anwesenheit Hitlers ebenso wie -die Pochners und Knebels nicht mehr uöt-itz sei. Hierauf beginnt Iustizrat Dr. Schramm, der Verteidiger des Angeklagten Rochm, seine Ausführungen. Er erklärt, a« der Tat selbst sei .Hauptmann Rochm bekanntlich nicht bestell! gt gewesen. Bezüglich Kahrs, Lossows und Seissers sei eS mindestens wahrscheinlich, daß sich die drei .Herren innerlich zu der Tat bekannt haben. Für ihn besteht nicht der leiseste Zweifel, daß sie am 8. November ihr Wort mit Ernst abj^cgeben haben. Die Hauptschuld der drei liege nicht!davm, das; sie ihr feierlich gegebenes Wort nicht eingelöst halben, sondern vielmehr in den Umständen des Wortbruches. Wenn das, was am 8. November Hitler begangen habe, strafbar sei, dann fei das, waS bis zum 8. November geschah, mindestens keine strafbare Vorbrrevtung einer solchen Handlung'gewesen. Die vornehmste Aufgabe des Richters fei es, seine Urteile so M fällen, daß eine Beleidigung des natürlichen Rechtsgefühles des Volkes hintanyehalten werde. Das Volk habe sein Urteil längst gesprochen, daß das Verbrechen nicht von den Angeklagten, sondern von der anderen Seite begangen worden s-e-i. Die deutsche Republik, die durch Per rat und Meineid e nt st an -den sei, könne sich nicht darauf berufen, daß sie aus rechtliche Weise entstanden sei. Der Vorsitzende weist die Bomerkniug des Verteidigers zurück, daß sich Verbrecher die deutsche Verfassung selbst gegeben hatten. Nach kurzer Pause wird Ws Sitzung wieder ausgenommen, worauf der Vertreter des Angeklagten Per net, Justizrat Dr. Bauer, das Wort ergreift. Es sei durch die Verhandlung nicht der geringste Anhaltspunkt dafür erbracht, datz Pernet von den am 8. November geplanten Schritten Kenndäs hatte. Pevnet sei nicht aus eigenen: Antrieb, sondern auf ausdrückliches Ersuchen Scheubner-Richters mit diesem in die Mlla Ludendorff gefahren. Aus Ersuchen eines Offiziers des Kamchst Hundes habe sich Pernet im Bürgerbrä-nkeller dem Oberkornmaiwo gleichsam als Ordonnanzoffizier zur Verfügung gestellt. Auf ausdrückliches Verlangen Hitlers habe er die Bert eilung der beschlagnahmten Gelder vovgenoamnen. In der Nachmittagssitzung sprach RechtscmwM Doktor Hemetter, Vertreter des angeklagten Leutnants Wagner. Er erklärt ausdrücklich, daß Wagner am '8. November durch Oberlau,tnaukt Roßbach die Nachricht erhalten habe, es fände an diesem Abend ein abgekartetes Spiel zwischen den Herren Kchr, Lossow, Seisser, Pochner, Hitler und Ludendoch' zu dein Zwecke statt, eine nationale Armee und eine nationale Regiernng in München zu errichten. Der Verteidiger beantra»gt am Schlüsse die Frerspvechung seines Mandanten. Sodann hält Verteidiger Rechtsanwalt Götz, der Vertreter des Angeklagten Dr. F r i ck, sein Plaidoyer. Götz tritt dem Vorwurf entgegen, daß Frick in den 'führenden Kreisen des Kampfbundes schon längere Zeit als Polizeipräsident in Aussicht genommen gewesen sei. Nicht m Auge und nicht eine Urkunde seien vorgebracht worden, die diese Bchaichtuug aufrechtechielten. Auch die Verhaftung des Polizsipräsidenien Mantel könne nicht als I n d i z i e n b cweis ge-lten. Selbst wem: alles, was in dem Indizienbeweis an-gesührt sei, richtig wäre, so würde das für dre Schuldstage gar nichts bedeuten. Der Verteidiger bittet -um die Freisprechuug seines Klienten. . Nach kurzer Pause erhält als Hcmptverteidiger für Fvick^ Rechtsanwalt Dr. Rode das Wort. Frick habe nicht ein Amt als Polizeipräsident angenommen, er habe sich lediglich nach Ueberlegung bereit erklärt, bis zur Wiederkehr des Polizeipräsidenten tätig M sein. Frick habe sich :n den folgenden Stunden niemandem gegenüber als Polizeipräsident aufgespielt. Dr. Rode schließt mit dom Hinweis daraus, daß Frick kein Hochverräter und kein Gehilfe des H n^'.' natc« sei; er sei ein pflichteifriger Oberamtmann. Da die Rechtsanwälte Hemetter und Schramm cn '-'.ricn., daß sie noch kurze Ansführungen in einer geheimen Sitzung M machen hätten, wird die Sitzung auf morgen vertagt. Strafantrag gegm Kahr, Lossow und Seisser. Berlin, 25. März. (Wolfs.) Der preußische Staatsminister Dr. Haeirisch hoi, wie die Blätter melden, bei der Oberstaatsanwaltschaft München den Strafantrag ge,zerr Kahr, Lossow, Seisser, den bayrischen Ministerpräsidenten Dr. v. Knilling und den bayrischen Minister des Innern Dr. v. S chweyea gestellt, weil hie Genannten den versolgten Kapttänleutnam Ehrhardt nicht verhaften, sondern sogar unterstützt hätten. Haftbefehl gegen Klara Zettln. Berlin, 26. März. Wie das berliner TagMatt" meldet, hat der Oberreichsanwalt gegen die Fnhrerin der konnnnuistischen freien Bewegung, die ehemalige Reichstagsabgeordnete Klara Zetkin, einen Haftbefehl wegen Hochverrats erlassen. Klara Zetkin hält sich seit mchreren Monaten in M o skan <mf.