Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-03-19 · Heft 1829 (19.3.1924) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1829 (19.3.1924)
Date
1924-03-19
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980912--18227-3005279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions (1 not found in this text)

Das LITERATURBEILAGE DER „'WIENER MORGENZEITÜNG* NtxMixr, ER^CHEn^SnmwocH „ M, lm "" " 1 11 .. 19. /Vistt <924 ADMiyimATlOK: „WIENER MORGEN2EITUNG", WIEN. N.. TABOR STRAFE l~s dieses Kondottiere, der eine Mischung aus Tamerlan UNSER BUCH DER WOCHE Bebende Erde Die französische Revolution wurde durch Bücher gemacht, ln Deutschland und unter den Völkern* welche, freiwillig oder unfreiwillig, durch den deutschen Kulturkreis beeinflußt sind, wäre das unmöglich. Denn dem deutschen Buch haftet ein fluch an: es ist zeitlos. Wurzelt nicht in der Zeit, verwurzelt nicht in den Lesern. Darum haben Bücher bei uns nie Bewegung hervorgerufen, höchstens Sensation. Zu wenig Leben, zü viel Nachleben, Sentiment oder NervenvAbrleren, aber nie Mitreißen erweckt bei uns das Buch. Der Buchschreiber ist nicht Bildner seiner Umwelt, nur ihr Nachbildner, soweit eben in jedem Falle sein Talent reicht. Hier aber soll von Büchern die Rede sein, die aus der Zeit geboren sind und mit ihr leben, weil sie sie formen. Von Schriftstellern, die das Stärkste, weil Naheliegendste in das Bereich ihres Schaffens ziehen: ihre, unsere, die Welt. Die Sensation, das Artistentum, für die und mit denen vielfach heute die Schriftstellerei arbeitet, sollen sozusagen zum indirekten Beweis für den Wert des Buches der Zeit überall aufgezeigt werden, wo sie mit aufdringlicher Geschicklichkeit Wert Vortäuschen. Dies ein System der Kritik am Buch und seinem Schöpfer. Mehr darüber zu sagen, wäre — Feuilleton. Und nichts hat dem Schaffen der letzten Jahre so sehr geschadet, als daß es seine Kritik statt im Leben — im Feuilleton fand. Kritik muß ebenso wesentlich sein, wie das Buch. Nur das wesentliche Buch gehört der Literatur an, weil es dem Leben angehört Zwischen Literatur und Leben darf nicht eine Lücke klaffen, wie dies jetzt so sehr der Fall ist Ueberbrüokt kann sie nur werden durch das Buch, das der Zeit gehört. * Unsere Zeit: Krämpfe einer Welt, furchtbare Zuckungen einer durch eigene Schuld in den Wahnsinn und das Grauen gestürzten und furchtbar enttäuschten Menschheit. Ein Kontinent, Europa, zuckt in den Fieberkonvulsioneu eines Krieges, dessen Ende man trotz dreier Dutzende von Friedens vertrügen nicht finden kann. Ein anderer, Amerika, stöhnt unter der Last erzwungenen Auf-sich-selbst-gesleHt-seins, das zu ertragen er kulturschöpferisch zu Jung ist. Nach ihnen beiden hingereckt in ungeheurer Weite aber liegt der Erdteil, welcher die Wiege der Menschheit, der Kultur ist, das riesige Asien, und hütet Geheimnisse, gleich den Geheimnissen, die Mütter hüten. Durch diesen Erdteil geht jetzt ein Erzittern. Wfer hören nur abgerissene Laute, die uns irgendeine trockene, durch politische Parteinahme oder feuAletonistische Ignoranz verfälschte Nachricht ans Öhr bringt. Verschiedene Laute. Denn Asien spricht aus unzähligen Gegenden und Zonen, jede hat eine andere Stimme. Hat das, was in Europa vorging, Asien erweckt? Ist Asiens neuer Tag gekommen, von dem eiti europäisches Schlagwort sagt, daß er furchtbar für die Welt wäre? Einer, der ein Öhr hat, das hört, und Augen, die sehen, hat das „Herz Asiens", die Mongolei, das Land des Dschingis Khan, des Eroberers zweier Kontinente, bereist; unfreiwillig,, auf der Wucht, vor Bolschewikenhorden. Die Erlebnisse des Gelehrten und Schriftstellers Dr. Ferdinand össendowskh in seinem Buche „Tiere, Menschen und Götter“ (Verlag der Frankfurter Societätsdruckerei in Frankfurt am Main) niedergelegt, haben die Stimme Asiens mit wunderbarem Ohr erfaßt, Ossendowski hat es aber auch verstanden, sie wiedertönen zu lassen. Er will die Stimmen nicht deuten* denn er Ist kein an* maßender Unwlsser. Er gibt wieder, was er gehört hat. Os^endowski durchwanderte die äußere und innere Mongolei. Dort wurde er „in den Wirbelwind der außerordentlich wichtigen und gefährlichen Ereignisse hineingerissen, der im Jahre 1921 über die Mongolei hinwegfegte“. Es war der Kampf um die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit der äußeren Mongolei unter der Führung des russischen Generals Baron Ungern von Sternberg. Die merkwürdige Gestalt und Lebender Buddha, aus Menschensclilächter und Mysterienpriester ist, taucht auf. Ueber allem schwebt das Geheimnis in sich geschlossener Welten, die ungeheure Möglichkeiten in sich tragen. Diese Reisebeschreibung liest sich wie ein Roman. Der amerikanische Publizist Albert Shaw hat den Verfasser dieses Buches als den „Robinson Crusoe des 20. IahrhuiKlerts“ bezeichnet. Das Buch Ossendowskis erinnert jedoch viel mehr an ein altes, halb verschollenes, eigentlich nur in Kindermärchen fortlebendes Werk, an Swifts „Gulliver“; es formt mit dem gleichen kühnen Griff wie der unerschrockene Brite die Wirklichkeit, die Zuckungen einer neuen Zeit zu einem Bild von packender Anschaulichkeit. Bücher dieser Art setzen sich ins Märchen fort: weil sie so Endgültiges und Abschließendes sagen, daß die Zeit, welche sie wiedergeben, in allen ihren Geheimnissen sich selbst dem Kinde löst. Das ist der Sinn eines Buches der Zeit, wie cs das Ossendowskis ist. SiegfricdSchmitz. Der beste Erzähler 1923 PREISAUSSCHREIBEN DES .BUCH DER ZEIT“ Die Redaktion ..Buch der Zeit“ richtet an alle Leser die Frage: Welches erzählende Buch des Jahres 1923 hat Ihnen am besten gefallen und warum? Aus der großen Flut an erzählender Literatur, die das Jahr 1923 gebracht hat, haben wir mit kritischer Verantwortung zehn Bücher augewählt, von denen wir glauben, daß sie die meisten Stimmen unserer Leserschäft auf sich vereinigen werden. Wir mußten in unserer Auswahl Bücher berücksichtigen, bei denen wir einer großen Verbreitung unter unseren Lesern sicher waren. Unser Urteil ist also ebenso durch ästhetisch-kritische Gesichtspunkte wie durch das Moment der Popularität bestimmt, Wir stellen folgende zehn Bücher zur Wahl: Max Brod: „Leben mit einer Göttin" (Kurt Wolff- Verlag). Leonhard Frank: „Der Bürger“ (Malik-Verlag). Gerhärt H a u p t m a n n: „Phantom“ (S. Fischer- Verlag). Johannes V. Jensen: „Columbus“ (S. Fisdier- Verlag). Bernhard K e II e r m a n n: „Söhwedenklees Erlebnis“ (S. Fischer-Verlag). JäCöues de Lac re teile: „Silben?,ann“ (Verlag E. P. Tal), Thomas Mann: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Kruir (Deutsche Verlagsanstalt). Henri*P el ad a n: „Finis Latinornm“ (Georg Müller- Verlag), Jakob Wassermann: „Der Geist des Pilgers“ (Rikola-Verlag). Stephan Zweig: „Amok“ (Insel-Verlag). Wählen Sie am dieser Liste des Buch, welches Sie für des wertvollste halten und begründen Sie dieses Urteil möglichst genau! Das Buch, welches die meisten Stimmen auf sich vereinigt, erscheint gewählt. Den Preis aber gewinnt das beste Urteil. Wir senden alle Urteile über das gewählte Buch dem Autor ein. Der Autor entscheidet, welches Urteil über sein Buch das zutreffendste Ist. Der vom Dichter preisgekrönte Leser erhält eine Prämie von fünf Millionen Kronen In Form eines Bücherbons, der in jeder Wiener Buchhandlung gegen Bücher nach freier Wahl zur Einlösung gebracht werden kann. Einsendungen sind bis 30. April unter Beiläge dieser Anzeige zu richten an: „Das Buch der Zelt“ („Wiener Morgenzeitung“), Wien, 2. Bez„ Taborstraße 1—3. DAS MODEBUCH Die Bücher des Schaufensters Da das Verhältnis des Etsi-suropLischs» Menschen zum Buch ei« merkwürdig mÄsibembges ist, haben die Buchhandlungen in ihren Schaufenstern an 4er ersten Stelle immer die Bücher, welche der jeweils herrschenden Mode folgen. Der Buchhändler von heute kann bri uns ftfcäit Verwalter des geistigen Gutes Soin, sondern muß dem Tag dienen. £$ soll hier nicht untersucht werden, ob der Buchhändler nicht das lesende Publikum erziehen könnte (Pädagogik ist freilich m Erwerbsleben immer eine mißtodhö Sache); sicher aber ist, daß es genügt, die Schaufenster der Buchhandlungen änzusehen, um sofort zu erfahren, welche De nkr loh tu kg gerade Tagesmode ist. Ein flüchtiger Blick fei die Schaufenster des Buchladens : „Das Kußbuch“, „-Die Jungge se 1Uft“, „Die freudlose G - $ äe". Genug für diesmal, es liegt ja auf der Hand: Nach der mystischen Mode sind wir Jetzt itn Tagesdenken bei der — na, sagen wir — hüllenlosen Mode angelangt. Diesen Zusammenhang mit der Abendtoilette hat auch die toter arische Produktion sofort erfaßt. «Das Kußbuch“ (Deutsch-österreichischer Verlag, Wien), dessen Antorsöharft Emil Lucka starr leugnet, gftt in Form eines Jungmädchen-Tagebudies Banalitäten der Junguiädchenerotiik wieder, die SU schäl sind, um de» Wert von Cochodinerien für sich in Anspruch nehmen »ti dürfen und su äh sichtlich, um mehr zu »ein als Sensatiönsapekutation. Aber es wurden sicher schon etwa 20.0ÖQ Exemplare abgesetzt. „Die Jung ge sei lin“, welche der Interterritoriale Verlag .Renaissance“ präsentiert, Ist eine Ueber* setzung des französischen Romans JLa garcomne“ von Viktor M a r g u e r! 11 e, die es zustande gebracht hat, das Original, welches trotz mancher Kraßheiten ln die Psyche der garconne e!»gedrungen ist -und sie mit Geist wfederzügetoen versteht, völlig zu vergröbern und zu entgeisfügen. Aus der Sit ton,Schilderung ist geradezu eine unsittliche Schilderung geworden und das gab den Anlaß, daß die wachsamen Augen der Hüter landläufiger Moral der Spekulation mit diesem Buch durch seine Konfiskation einen Dienst erwiesen. Nimmt men noch einige AutorfeatiOftsaWären, die recht aufdringlich inszeniert wurden, dazu, so ergibt dies schätzungsweise 30.000 verkaufte Exemplare. Bleibt noch dem Winter unseres Mißvergnügens „Dich freudlose Gasse“ von dem betriebsamen Hugo Bettauer (Gloriette-Verlag, Wien). Der Waschzettel dieses „Romans aus dem heutigen Wien" (der, wie ich.höre, bereits das 40. Tausend erreicht hat), sagt; „In Atemraubendem Tempo geschrieben^ spannend von der ersten bis zur letzten Seite.“/ Das ist 'übertrieben; um vom Anfang bis zum Ende zu spannen, müßte Gestaltung in dem Roman Vorhänden sein- Die läßt sich mit einer ln ihrer Sorglosigkeit oft geradezu äiialphabetieöh 1 ©erlaufenden Mache nicht erreichen. Eines muß man dem Roman lassen: er hat Typen für den Tag gut gesehen. Für den nächsten Tag aber hat Herr Bettauer ln unermüdlicher Indiskretion immer etwas anderes bereit, 'kirn er gebt nöi der Mode. Und Mode heißt Bet-!?b. Emsig und gewissenlos. Audi im Buch. E. G. Fried. VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Dichter contra Verleger Seit einigen Wochen tobt in Monatsschriften und Zcirungsspalten ein heftiger Kampf zwischen Schriftstellern und Verlegern, Die Markentwarfcwig Ist schuld daran, daß die alten Gegner wieder aneinander geraten sind. Denn so mancher Autor von Rang merkt« bei den Abrechnungen plötzlich, daß er für die bergeshohen Säulen aus Ziffern und Nullen nur den Wert einiger GükJpfennige bekam, und das stimmte ihn nicht sehr freundlich. Man griff also zur gewohnten Waffe, der Feder, und es begann ein lebhaftes Geplänkel, an dem das Publikum, gelockt durch die Persönlichkeit der Streiter, Wie Else Lasker- Schüler, Herbert Eulenberg, Artur Höllischer, Georg Hermann, Kutt Wolff usw., Anteil nahm und erstaunt bemerkte, daß ihm für so komplizierte Dinge, wie „fJttbandspArtttc“, „Valutamehrerlös“, „angenommener Broschürtpreis“, das Verständnis völlig abging. Bel dieser Gelegenheit ERÖFFN Er: Wilhelm Braumfliier ft Sohn Abteilung: Antiquariat Wien, I, Bauernmarkt ta DER WOCHE STETS BEI der & Sohn a, t. u r i b e b LI DAS BÜCH — I LESET R1K0LA-BUCHER I MWMSSWWD wwmmt&£B

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.