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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-11 · Heft 1821 (11.3.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1821 (11.3.1924)
Date
1924-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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lener nsemasijEiiE Mm. Dienstag. 11. März 1924 Loffow als Zeuge. Der Marsch »ach Berlin. (Eigendieust der „Wiener Morgenzeitung".) Italien: hlonstl. 12 Lire, Rumänien Mo». 130Lei, Bulgarien Mo».80 Lewa, Schweiz und da» übrige Aasland monatlich Free. 4 Redaktion ».Administration, Vien, II.,Taborstrassei—3 T elephone: 4441-38,43-5-19, ab6Uhrabd«.19-483,25-282 Tel- Adr.:„Morjf enzeituoj* Win Ocsterreichisches Poalspar» kassen-Konto Nr. 150.693 6. Jahrgang Sl nzelnammer K1200 N i e n: Zmn Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, jder meiner Verschleisstelle Trafik) monatl. K 35.000 itrassenverkauf in Wien iurch die Kolporteure der Mrma Goldschmiedt,I.Bes„ Wollzeile 11. Vlit Pojtversand für Wien a. Desterr. monatl. K 35.000 l’s ch e c h o-S 1 owa k e i: Mon. K 18. Jugoslawien: Mon. DinaröÖ. Polen: Mon. 3'/, Zloty, Deutschland; Mon.Goldmark4, Frank r., Belgien: Mon. Fr cs. 12 »f* Ntchtalilttiijtii bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nr. 1821 Die Vollmacht zur Matur. —y. Wien, 11. März. Die französische Regierung will zu dem Mittel der Generalvollmacht greisen, ttm den Kainpf gegen den Frankensturz auf der ganzen Linie führen zn können. Sie hält hartnäckig cm der -Fiktion fest, daß die Zertrümmerung der Währung eine rein finanzielle Erscheirvnng fei und ahmt darum gerne das Beispiel der deutschen Regierung nach, die sich vom Reichstag die Ermächtigung zur legalen Diktatur hatte erteilen lassen. In Deutschland war man wieder dem Vorbild Oesterreichs nachgefolgt, dessen Bundeskanzler im Zuge der Verhandlungen in Genf die Vollmacht angeregt hatte. Der Völkerbund hatte dies als taugliches Mittel zur Unterstützung des Gcneralkommissärs befunden, da er den Ersparungswillen des österreichischen Nationalrates sehr gering einschätzte. Dieses Mißtrauen in die politische Einsicht des Parlaments hat für Oesterreich keine guten Folgen .gehabt. Sie hat der Opposition einen stets verfügbaren Acsitationsstoff gebracht, soziale Krisen herbeigeführt und schließlich die Regierung veranlaßt, wieder nach Genf zu gehen und eine Lockerung der Kontrolle zu eribttten. Es zeigt sich ein Prozeß der Rückbildung, in welchem das Parlament Mieder nach seiner fri'iheren Machtfsille strebt, und die in Deutschland ausgebrochene Krise des Reichstages geht ans die gleiche Ursache zurück- Der Reichskanzler kämpft um die Verlängerung der Geltungsdauer der Ermächtigung, kann sie aber nicht durchsetzen und hat sich deshalb zum Appell an die Wählerschaft entschlossen. Genau das gleiche Vorgehen will Poincare einhalten, dem die Kammer nur zögernd folgt, weil sie in ihrer Altersschwäche sich zu keiner so weitreichenden Verantwortung entschließen will. Der Senat, der erst vor. drei Monaten feine Ergänzimgswahlen vorgenommen hat und bislang mit der Regierung durch dick und dünn ging, verweigert sedoch dem Kabinett in der Ernrächtigungsfvage die Gefolgschaft. Poincare hat ihm ein Ultimatum gestellt und läßt durch seine Freunde den Drohplan der Diktatur lancieren. Man hat es demnach mit einem merklvurdigen Parallelismus zu tun, der in Deutschland und in Frankreich anftritt, obgleich die politische Entwicklung in beiden Staaten grundverschieden ist. In Deutschland steht allerdings der Gedanke der illegalen Diktatur außerhalb des Kreises der Regierung, aber er ist so stark, daß alle Parteien mit ihm rechnen müssen, und daß auch die Wählerschaft ihm in der Form der Radikalisierung nach der völkischen Seite hin entsprechen Ivird. In Frankreich, dessen politische Geschichte die Diktatur schon genauer kennt, ist die Position der Volksvertretung eine viel festere und das Ex lex-System zeigt sich einstweilen nur als Gespenst in den Couloirs. Es wäre ebenso wenig wie in Deutschland ein Mittel zur Sanierung. Die Schwierigkeiten im Ausland kann die Diktatur weder hier noch dort beseitigen, weil sie ein Maßstab des Mißtrauens sind. Es würde nichts bessern, wenn in Paris General Foch und in Berlin General Ludendorff regierten, im Gegenteil, die Kriegsgefahr wäre sofort in vollster Aktualität- Daß der französische Franken abrntscht, ist eine Folge der falschen Konstruktion 'des französischen Budgets, das sich auf den deutschen Reparationen, also auf fremder Arbeit aufbaute. Daß die deutsche Wirtschaft zerstört wurde, ist die Folge der jämmerlichen deutschen Politik, die sich aus der trügerischen Hoffnung aus den englisch-franzöftscheu Gegensatz nährte. Gm Volk muß die Kraftquellen seiner Wirtschaft und seiner Zukunft in sich selbst suchen und niemals sich auf fremde Hilfe verlassen. Tut es dies, dann bleiben ihm die Enttäuschungen nicht aus, die dann in Krisen und Katastrophen ausarten. Die Umwelt schätzt ein Volk nicht nach idealen Momenten, sondern nur nach den realen, positiven Tatsachen ein, die es selbst schafft. Wir »haben das in Oesterreich studieren können, das von der Mnrosenpolitrk, von dem Raunzen über seinen bedrohten KMurwert, fast bis zur vollen Auflösung getrieben wurde.. In Deutschland wie in Frankreich wird man das System ändern müssen und beide Staaten werden entweder aus eigenem oder ans dem Umweg über die von England angestrebte Welttonferenz thron Streit schlichten irnd sich dann ihrer inneren Ordmmg widmen müssen, die sie nur durch eigene Arbeit und unbeschwerte Politik erreichen können. Setzen sie ihre bisherigen Methoden fort, dann hilft auch keine Diktatur, mag sie auch in der Maste der Generalvollmvcht-Mtzcetor^ Minchen, 10. März. Die Meldung eines Schweizer Blattes, wonach sich Kahr nach der Schwei; begeben, and sich so der Jeugenschast im Hitler-Prozeß entzogen habe, wird vom Süddeutschen Korrespoudeii'Mwcm als Verleumdung bezeichnet. «Kahr weilt in München und wird in den «nächsten Tugen als Zeuge vor Gericht erschnnen. Ebenso narwahr ist die Nachricht Berliner Mütter, 'daß Kahr von feinem Amte als Regierungspräsident von Obcvbaymn z u rü ck g c t r e.t c n sei. Justizrwt Kohl hat gegen den Heran sgeder der ,Münchener Allgemeinen Zeitung" die Privat? läge wegen verleumderischer Beleidigung, begangen durch zwei Artikel zum HUer-Proz.'ß, erhoben. Gegen die vom Staats antvalt erlassenen Haftbefehle gegen Hauptmami Weiß ist vom Justizrat Kohl die Beschwerde Venn BEsgericht München eingelegt woideu. Heute vormittags begann die mit großer Spannung erwartete Einvernahme des Generals Lossow. General Lossow, der in Zivil erschienen war, hatte zu seinen Ausführungen verschiedene Akten und Papiere mitgebracht und vor dem Richtertisch war ein kleines Pult ausgestellt. In erster Linie ging er ans seine politische Stellungnahme M. Er betonte, daß sein Ziel gewesen wäre, mit Kahr und Seifser zusammen ein Dir-ektovirmr in Bayern aufzurichten, das allmählich auch in Berlin die Regierung übernehme« würde. Dies sollte jedoch nicht mit WasfengawÄt geschehen, sondern es sollten auch 4m Norden Deutschlcm'ds die .Kreise bei., der Bildung des Direktoriums Mitwirken, die darcm interesfiert ‘ waren. Die drei Vorbedingungen dieses Direktoriums wären gewesen: 1. Die geeigneten Männer hierzu zu finden, 2. das Programm müßte ganz genau festgestellt sein, 3. die Persönlichkeiten müßten die Gewähr geben, daß die Reichswehr geschlossen hinter ihnen stände. Nur Leute mit einem überhitzten Patriotismus konnten von e>mvm Marsch nach Berlin sprechen. Für mich bedeutete dies lediglich ein S-chlagtvort, ja, sogar ein Schlagwort, mit einem kindischen Beigeschmack, weil wir auf dieser Seite nufer Ziel nicht erreichbar sahen. Für Kahr, Süsser mrd mich war das Dringendste die Schaffung des Direktoriums. Ich muß nun, fuhr der General fort, einige Worte über den Konflikt zwischen Bayern und dem Reiche sagen. Die Errichtung des Ausnahmszustandes im Reiche, die, wie ich später erfuhr, schon längere Zeit vorbereitet worden -war, hinkte der Maßnahme der basischen Regierung, die auch den Ausnahmszristawd verhängte, nach. Weder ich als bayrischer LandeSkonnnandant, noch der bayrische Ministerpräsident wurden von Berlin verständigt. Ich wurde von Berlin aus, nachdem am 37. September in Bayern der Ausnahmszustand verhängt worden war, aufgefordert, Kahr an die Wand zu drücken, aber mir erschien dies komisch und lächerlich. Die «beiden AusnahmsHustände waren rein politische Angelegenheiten und es war ein verhängnisvoller Irrtum in Berlin, daß man diese Frage militärisch regeln wollte. Ich erhielt den Befchl, mit militärischer Gewalt das Erscheinen des „Völkischen Beobachters" zu verhindern. Kahr Wie dies als feindlich en Akt anfgefa ßt und ich hätte vor der Redaktion des „Völkischen Kuriers" Landespolizei vorgefunden, die ich mit Reich Ävehr hätte beseitigen müssen. Das konnte, ich natürlich unmöglich machen. Me Verhandlungen zwischen München und Berl i n schlugen fehl. Am 20. Oktober wurde ich crufgefordcrt, mein Rücktrittsgesnch emWrüichen; die Entscheidung lag immer bei der Regierung. Ich war jederzeit bereit, znrückzntreten. Die bayrische Regierung hat meinen Abgang nicht zugelassen. Die Halttmg Berlins war uustaatsmännisch 'und unloyal. Lossow, schildert dann seine Fühlungnahme mit Hitler, 'den er im Jänner 1063 kennengelernt habe, wobei jedoch die Initiative ans Seite Hitlers gewesen sei. Später habe sich der gute Eindruck, den er von Hitler bekommen hab e, abgeschw äch t. Zu Lud e ndo x ff habe et tu den letzten Jahren rnrr gesellschaftliche Beziehuu>gen gchabt. Dabei habe er jedoch Lndendorff gegenüber die Gedanken eine Separation bekämpft. Lndendorff ha'be die Jde>,> eines Dire kt oräMM s Äks Me „Patentlösung" bezeichnet. In der Besprechung vom 6. November habe sich Kahr ganz unzweideutig gegen jeden Putsch ausgesprochen. Bei der Besprechung mit den vaterländische« B erb ä nd eu sei das Wort von bent Marsch nach Berlin gefallen. Lossow schildert sodann die Vorgänge ine Bürge obrem» Heller und erklärt, er habe ein Gefühl der Verachtung üibex HiÄcrs hinterhältigen U eberfall empfunden. Es sei chm klar gewesen, daß im Namen Kahrs, Lossows und Seif fers tveiterre giert worden tväve, auch wenn diese Männer im Nebenzimmer a'bgclehnt hätten, .Mitzutun. Lossow schilderte weiters die Vorgänge im Nebenzimmer des Mrgevbräu'keUers und betonte, die . Darstellung Lttdendorffs sei irreführend. Es habe keine Anssprache stattgefunden, die ja auch keinen Zweck mehr gehabt hätte, da das Unglück bereits geschehen war rvnd cs für HiÄcr kein Zurück mehr gab. ' ' In der Nachmittagssitzrmg äußerte sich General Lossow Wer die Vorgänge in der Versammlung und legte dar, wie . er mit Soiss-er und den anderen Herren in Fühlung trat.Und die Ofsizieve 'boaustragte, die Truppen über den wahren. . Sachverhalt zu orientieren. Für die Frage, warum General Ludendorfs in der Nacht dom 8. auf den 9.. November nicht. offiziell von der veränderten Stellungnahme benachrichtigt worden sei, seien mMärische rvnd gewesen. Für die mArtärrschen ÄmnM iwap -fias' DMiHm.' i H i 11 c 18, bestimmend, der nach fernem. DaHGWjrsMn. Kampf entsthilossen war. Für chn/Äö den'veMftikvvrtWM' Leiter, war es eine selbstverständliche mMärrschäs Notwendigkeit, daß, solange das mvmerifche Verhältnis mvgjleich war, kein Grund bestand, sich vorzeitig zu erEmckeln. Die nichtmilitavischen Gründe lagen auf persönlichem Gebiet. Lossow, Kahr und Se iss er waren in dieser Nacht ans tiefste enrpört über den gegen sie begangenen Treübruch. Ueber die Vorgänge im Bürgerbräukeller seien diest Herren nicht im geringsten näher unterrichtet tvorden. Die Frage, wer den F e u e r b e f e h l in der FM)errnhalle gegeben habe, sei dahin zu beantworten, daß ihn der Staat, gegeben habe. Das Blut, das am 9. November geflossen sei, hasten die auf dem Gewissen, die gegen die Autorität des Staates marschiert seien. Hierauf beantragte der Dorsttzende den Ausschluß der Oeffentlichkeit. Rechtsarrwalt Dr. Hüll gibt namens der Beneid!>i>ug <iüL Erklärung ab, wonach diese alle den Zeugen Lossow zu stellenden Fmgen bis zur Bevnehmrmg des Hauptzeugen Dr. v. Kcchr zurückstellt. Gegenüber der Abbeugnung. des Generals Lossow betreffs des geplanten Vormarsches «ach Berlin bringt die Verteidigung ihr Befremden zum Ausdruck, nach» dem durch die in geheimer Sitzung dem Gericht übergebenen Urkunden un-d Befähle und durch die im der geheimen Sitzung gemachten deutlichen Zeugenaussagen oinwandfrei sestgestellt sei, daß die Angaben Lossows in diesem PrmA« de-r oWMven Wahrheit nicht entsprechen. Das Gericht zieht sich zur BeWußsassu-ug zurück und beschließt, die weitere Bemehinuug des Generäls Lossows unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vorzun^hnstn.-Dann trat eine Pause ein. Nach halb 7 lHr abends betrat der Gerichtshof wieder -den Saal und der Vorsitzende kündigte an, daß die morgige Verhandlung um 9 Uhr vormittags mtt der Deruchtnung von Kahr beginnen werde. Die UeLerwttchung des Gerrchtsgebäudes. München, 10. März. Die Korrespondenz Hvfsinann 'meldet mnMch: Zu der Behauptung^ in der „Doutschen Presse" vom 6. >d., daß beim Passieren der Drahtverhaue m de-r Bluten«" brrvgstraßie (wo sich das .GeNude befindet^ in welchem der Httller-Pwzeß stattfindet) beobachtet tveüden konnte, daß Angehöri'ge der Landespolizei die geladene und gesicherte Pistole . am Leibriemen oder in der Manteltasche stecken , hatten, wird von zuständiger. Stelle festge,stellt, daß dies m keiner Weise >den Tatsachen entspricht. Die Posten tragen >ihr>e Dieustpistole. ständig, wie vorgeschrieben, in der Pistolentasche. Dagegen sind e-in ige Posten mit Leuchtpistolen aus ge- > rüstet, die allerdings am Leibriemen offen od.'r Ii'.dcr Manteltasche getragen werden, da hierfür k-riue a.-r.'re . AufbctvahrAr^möKichkeÄ besteht.

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