Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1814 (4.3.1924)
- Date
- 1924-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HnzelnnmmerKföOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Tabor str. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafikl monatl. K 35.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bez., Wollzeile 11. Mit Postveraand für Wien n. Oesterr. monatl. K 85.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K18. Jugoslawien: Mon. Dinar 60. Po len: Mon. 3Vt Zloty, Deutschland Mon. Goldmark 4, Frank r>, Belgien: Mon. Frcs. 12 WU* Naafciahlunfan *•§ bei PrafierhMinnjren Vorbehalte« Dir. 1814 Wiener Derianu Maharadscha tä5oS5t5 Pol8n:poln.ll.350.000 Italien: Monatl. 12 Lire, R u m 8 n i e n Mon. 130 Lei, Bulgarien Mon. 80 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frei. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 T eL- Adr. :„Morgenzeitung* Wien Oesterreichisohes Postspar» kassen-Konto Nr. 150.698 Wien. Dienstag. 4. Mörz 1924 6. Jahrgang Englands Kredite an Rußland. Der Banüredtt an die Soivjettegieruna. — Die Warentredite. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitirrig".) Moskau, 3. März. Seit der Ankunft R a k o w s k i 8 iverden täglich Verhandlungen über das Programm der nahe bevorstehenden englisch-russischen Konferenz geführt. Man widmet der Frage des Bankkredites besondere Aufmerksamkeit, den die Sowsetregierüng zur direktenDisPosition erhalten soll und den sie ausschließlich in ihre Produktionsunternehmungen zu investieren beabsichtigt. Der Warenkredit, den England anbietet, soll nur in beschränktem Maße in Anspruch genommen werden, und es werden nur die dringendsten Bedürfnisse zur Hebung der Produk- Das Kalifat abgefchafft. Konstantinopel, 3. März. (Reuter.) Die Nationalversammlung hat den Kalifen für abgesetzt erklärt und die Abschaffung des Kalifats beschlossen. Angora, 2. März. (Havas.) Die Majoritäts- Partei der National Versammlung hat in ihrer heutigen Sitzung den ersten Artikel des Antrages, der sich awf die Absetzung dB. Kaufen und. die Abschaffung der Kalifats bezieht, angenommen. Die lHeratung der übrigen neun Artikel dauert fort. Die Meinung ist vorherrschend, daß sämtliche Artikel zur Annahme gelangen werden, da keinerlei Eingreifen, feGst aus muselmännischen Landern, zugelassen wird. Die Polizei hat die Anweisung erhalten, den Haushalt des K a l i f e n und die kaiserlichen Prinzen zu üb e rwach-en und insbesondere dafür zu sorgen, daß keine Kostbarkeiten beiseite geschafft werden. Der Kalif soll beabsichtigen, nach einem anderen nvohammedanischen Lande zu gehen. MustafaKemal Pascha hielt in der Nationalversammlung eine Rede, in der er die Notwendigkeit hervorhob, dem Lande eine moderne Verwaltu ng zu geben und die Religion von der Politik loHzulösen. Er betonte die Friedensliebe der Türkei und ihren Willen, die Verträge zu respektieren und die freundschaftlichen Beziehungen zu allen Ländern zu entwickeln. Schließlich erklärte er, daß die Türkei nach der Durchführung des Vertrages von Lausanne ihren Beitritt zum Völkerbund in Aussicht nehme. Die bulgarische Regierung geht gegen die Banden vor? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Sofia, 3. März. Im Zusammenhang mit den im Ausland zirkulierenden Nachrichten über den Aufenthalt bewaffneter Banden im Grenzgebiet gegen Jugoslawien haben die Behörden im Sinne der Entschließung des Ministerrates in Küste-ndül, Mel nik und anderen Orten in der ganzen Grenzzone gestern zahlreiche Verhaftungen von Leuten vorgenommen, die verdächtigt sind, Zwischenfälle hevvarge rufen zu haben und Frieden und Sicherheit des Grenzgebietes zu stören. Bis heute morgens betrug die Zahl der Verhaftungen ungefähr 2 0 0. Die Verhaftungen werden fortgesetzt. Ir. Schacht vor den Sachverständige». Paris, 3. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Bankcnkommlssion des Komitees Dawes hat heute vormittags von 11 bis 1 Uhr den Präsidenten der Neichsbank Dr. Schacht angehört, der vom Präsidenten der Kriegslastenkommission Dr. Mäher begleitet war. Es wurden die S t a t n t e n d c r d e u tschen Emissionsbank beraten. Die Verhandlungen wurden nachmittags in Anwesenheit Dr. Schachts fortgesetzt. Die Vollsitzung des Komitees Dawes, die für heute anberanmt war, wurde infolgedessen abgesagt. Das Komitee Mae K e n n a, das heute wieder verhandeln sollte, hat beschlossen, die Verhandlungen zu vertagen, bis das Komitee Dawes seine Arbeiien abgeschlossen haben wird. Es wird jetzt erklärt, daß die Berichte der beiden Komitees bis 15. d. d e r R -e p a r a t i v n S k o m m t f f t o n überreicht werden können. tionskapazitat Rußlands gedeckt werden. In diesem Sinne haben sich nicht bloß Rakowskl, sondern auch K r a s s i n und einige andere Mitglieder des Kollegiums des russischen Anßenamtes ausgesprochen. Rußland und Japan. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Moskau, 8. März. Dem Pekinger Vertreter der Sowjetrepubliken wurden eingehende Instruktionen für die künftigen Verhandlungen mit Japan übermittelt. In Moskau herrscht die Ansicht, daß es schon im April zu diesen Verhandlungen kommen werde; sie dürften in Peking geführt werden. Zum Vertreter Japans ist dem Vernehmen nach der Gesandte in Peking Coshisawa ausersehen. Kn neues Kabinett Tbeunis? Paris, 3. März. Der „Te-mps" meldet aus Brüssel: Der König hat mittags den Ministerpräsidenten Theunis zu einer längeren Besprechung berufen. Es ist anzunchmm, daß der König neuerdings an Theunis die Auffordernng gerichtet hat, die Rekonstrukti on des Kabinetts W übernehmen. Malvv - Kandidat in täte srmMche Kammer. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 8. März. Bei der gestrigen Tagung des sozialistisch-radikalen Kongresses in Lahors unter dem Vorsitz des Senators Monzie wurde das Wahlkartell mit den Sozialisten beschlossen. Der seinerzeit vom Staatsgerichtshof verurteilte ehemalige Innenminister Malvy wurde als Kandidat der radikalen Partei in die Wahlliste ausgenommen. Stinner ln der amerikanischen Industrie. Berlin, 8. März. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Wie der „Lokalanzeiger" aus Essen meldet, ist es S t i nnes nach langwierigen Verhandlungen gelungen, auch in der amerikanischen Industrie Fuß zu fassen. Er hat von dem Doehler Würfelgnßkonzern die Patente dieser Firma über ihr Fabrikationsverfcrhren um eine außerordentlich hohe Summe erworben. Außer der Firma Stinnes sind auch indirekt die Hirsch-Kupfer- und Messing werke beteiligt. Silbergeld in Lentschland. Berlin, 3. März. (Wolfs.) Das Neichskabinett genehmigte einen Gesetzentwurf, wonach der Neichsfinanzminister ermächtigt wind, R e r ch s s i l b e r m ü uzen zu einer, Zwei, drei und fünf Mart hergustellen. Der Gesamtbetrag der neuen Silbermünzen ist bis auf weiteres mit fünf Mark pro Kopf der Bevölkerung festgesetzt. Die MtratexplosiM in Aew-Vork. Bisher 30 Tote. Wie ans New-Dork gemeldet wird, wurden bei der Explosion der Nikon-Nitratwerke in New- Brunswik im Staate New-J ersetz bisher 80 Tote gezählt. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß. Die Ursache der Katastrophe ist noch nicht festgestellt. Da in der Nähe der Werke große Mengen von Pikrin und andere gefährliche Explosivstoffe ausgehänft waren, ist die Gefahr für weitere schwere Explosionen sehr groß. Die Explosion war so furchtbar, daß sie in N c w - Z) o r k vernommen wurde. ■»wmsynrmss»M.iimi a.eiaumaw—aww—nnnrwwa«—mma—■wm——rmww ——w—a—> Bor neuen Verhandlungen im Banlbeamtenstreik. Der Bundeskanzler, der gestern mit dem Präsidenten des Bankenverbmides Dr. Hammerschlag und dem Vertreter der Bankbeamten Abg. A l l i n a konferierte, hat für heute 11 Uhr vormittags Vertreter beider Teile zu einer geuleinsamen Vorbesprechung erngeladeu, was von beiden Teilen akzeptiert wurde. Die ZentrakstreikleiLung betrachtet daher die Verhandlungen als wieder ausgenommen. An Briefwechsel. —y. W i e n, 4. März. . Die Kabinettschefs Englands und Frankreichs sind miteinander in einen brieflichen Gedankenaustausch eingetreten, dessen Ziel nach der Formulierung Mac Donalds eine voMommene gegenseitige Entente sein soll. Die Briefe sind vorgestern in Paris der Oeffeutlichkeit übergeben worden und man kann sich nunmehr ein volles Urteil darüber bilden, auf welchen Geleisen die Arbeiterregierung ihr Programm des Friedens und der unbedingten Demokratie der Realisierung näherführen will. Man muß sich nicht daran stoßen, daß die Berliner Nachrichtenstelle des Wolff-Bureaus den Kindern wieder . Schlummerstrophen von den Schwierigkeiten Mac Donalds vorsingt, und sogar schon einen Termin für die nächsten Neuwahlen in England zu nennen weiß. Wenn Mac Donald über nichts anderes stürzt — über die Hakenkreuzler wird ers gewiß nicht, und es wäre klüger, wenn sie sich etwas intensiver mit dem ungeheuren Kapital an politischer Dummheit beschäftigten, das der Hitler-Prozeß eben trotz aller Bemühungen des Staatsanwalts enthüllt. Der englische Premierminister schreibt Herrn Poiucare, er glaube, daß die Schwierigkeiten und Zwistigkeiten der Vergangenheit zu vermeiden gewesen wären. Er setzt diese Konflikte im einzelnen auseinander und betont dre Enttäuschungen, die sich immer wieder in der englischen öffentlichen Meinung festsetzten, wenn der Frieden wieder in die Ferne rückte. Das Ziel der englischen Politik ist die Einigung Europas, und diese kann mit durch eine gemeinsame Mion Englands und Frankreichs erzielt werden. Wr diese sei der Zeitpunkt nicht mehr ferne. Offenbar spielt hier der englische Minister auf den Bericht der Sachverständigen über ihre Erfahrungen in Berlin an, der zwischen den Forderungen Frankreichs und der Leistungsfähigkeit Deutschlands eine mittlere Linie zu finden sucht. Das Schwergewicht des englischen Briefes liegt aber in der Erklärung Mac Donalds, daß er alle seine Kraft daran setzen werde, das ganze Problem einer neuen Prüstmg zu unterwerfen. Das ist die klare und bündige Wiederholung der Hendersonschen Revifionsrede, die der Kabinettschef nunmehr selbst ihres Charakters als Wahlrede entkleidet und als Etappenstein feines politischen Systems einsetzt. Die Antwort Poineares gckht prinzipiellen Erwägungen aus dem Weg. Aber sie unterstreicht mit aller Wärme den Gedanken der Entente und verweist mit starkem Nachdruck darauf, daß die Politik Deutschlands von der Schwerindustrie in die unglückliche Bahn gedrängt worden war, an deren einstweiligem Ende die Okkupation des Ruhvgebietes steht. Hier trifft Poincare mit den Schlußfolgerungen der Sachverständigen zusammen, die auf die so ungleiche Lastenverteilung zwischen den Kriegsfabrikanten und den Werktätigen hmwiesen und so zu der Frage auregten, weshalb Wohl die Stinnes und Kompatrioten und ihre Soldknechte, die Hitler-Leute, ein so starkes Interesse an dem Fortbestand des Konfliktes hatten und noch haben. Herr Poincare stellt diese Frage nicht und beantwortet sie nicht, wohl darum, weil er über die subkutanen Zusammenhänge zwischen seiner offiziellen Politik und diesen Strömungen in Deutschland nicht weiter zu reden wünscht. Aber hier liegt die wunde Stelle des Reparationsproblems und wenn es zu einer Aufrollung kommt, dann wird man etwas mehr Klarheit über den Giftbrunnen erhalten. Sicherlich ist der Briefwechsel an sich noch nicht geeignet, die Revision der Friedensverträge herbeizufiihren und die Wurzeln des Unglücks anzugehen, von dem eine riesenhafte, international organisierte Maffia sich trefflich nährt. Aber Englands Minister spricht aus, was ist. Er hält sich nicht an die Vorschriften Talletzrands, daß die Sprache die Gedanken verberge, sondern er sagt, was er denkt und was er plant. Er will Europa wieder aufbauen. Es mag fein, daß ein solcher Plan die Kräfte eines Einzelnen übersteigt. Aber schon die Tatsache, daß es einen Einzelnen mit solchem Wagemut und so qnellfrischer Erkenntnisfreudigkeit gibt, ist ftir Millionen Menschen ein Trost und ein Ansporn zur Tat, zur Erfüllung aller anderer! Menschen mit der Ueberzengnng, daß rnit der Erkenntnis viel getan ist, noch mehr mit dein Willen, abzuhelfen, und daß alles Folgende eine logische Kette von Anstrengungen sein muß, den Weg nicht wieder verschütten zu lassen. ES fft