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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-01 · Heft 1811 (1.3.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1811 (1.3.1924)
Date
1924-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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i nzeinummer KT20D Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik! monat). K 35.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, 1.8er., Wollzeile 11. * Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 35.000 Tschecb o-Slowakei: Mon. K18. Jugoslawien: Mon. Dinar 60. Polen: Mon. 3*/t Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, F r a n k r., Belgien: Mon. Frcs. 12 MV* Nach«ahlu u g• n “WQ bei PielserbohgnfeD vorbei altes Nt. 1811 Wiener Die Ehebrsctierln ÄtwSTS/ Men. Samstag, 1. Mörz 1924 polsv!M!k.Kü.M§ Italien: Monat). 12 Lire Rumänien Mon.ISOLe| Bulgarien Mon. 80 Lewq Schweiz und das übrtjrt Ausland monatlich Pros. Redaktion u. Admtnfotratfoi Wien, II., Taborstrasso 1—Ü Telephone: 44-0-38,43-M9, ab6Uhrabds.l9-4B3,25-283 T ei.» Adr. :MMorgenzeitang * Wien Oesterreiehisehes Postsparkassen-Konto Nr. 150.69 6. Jahrgang Am Verdun zum Mrgerbröu. Der GeneraWmus als Kumvan Atters. — Zer Putsch als Levisenraubzug. — Ludendorffs Programm: Mit München gegen — Rom. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Die Auswirkungen des Laufanner Vertrages. Er. Wie n, 1. März. Das englische Oberhaus hat den Jriodensvertrag von Lausanne mit allen dazu gehörigen Konventionen und Protokollen ratifiziert. Durch diese Ratifizierung findet der Krieg zwischen der Türkei und den vereinigten Westmächten eigentlich erst sein Ende. Don allen den im Bunde der Mittelmächte vereinigten großen und kleinen Staaten hat die Türkei am besten abgeschnitten. Während ihre Verbündeten, Deutschland, Oesterreich- Ungarn und Bulgarien zerschmettert uwd entwaffnet aus dem Boden liegen, hat das türkische Volk, unbekümmert um die Unterwerfung des Sultans und ungeachtet der militärischen Niederlage seinen Krieg mit den Feinden weitergeführt und diesen Krieg, trotz aller Beschönigungen von der gegnerischen Seite, mit einem Siege beendet. Der Vertrag von Lausanne ist demnach ein Vertrag nicht mit jenem Machtfaktor, mit dem der Krieg ursprünglich begonnen wurde, nicht ein Vertrag mit dem Sultan, sondern ein Friedensrbkommen mit dem türkischen Volk, mit der türkischen Nation, die sich des kriegverlierenden Sultans als weltlichen Oberhauptes entledigte, die republikanische Staatsform annahm und sich den großen Sieger in den Schlachten wie in der Diplomatie, Mustafa Kemal Pascha, zum Oberhaupt auserkoren hat. Der Vertrag von Lausanne trägt deshalb auch die Unterschrift Kemals als Vertreters der vertragsschließenden türkischen Nation. Dieses Wesensmerkmal des Abkommens erklärt auch die Auswirkungen desselben in bezug auf die inner- und außenpolitische Haltung der Angoraregierung seit ihrer Anerkennung durch die Mächte der Welt. Ans diesen politischen Kurs deutete Lord Curzon in seiner Rede im Oberhaus hin, als er mit einem Unterton des Unwillens feststellte, daß die türkische Regierung seit ihrem großen Sieg gewissen L-ndevn gegenüber eine Haltung einnehme, wie wenn sie, bloß auf sich allein gestellt, aus die Dauer fortbestehen könnte und imstande wäre, das Land der erhofften Ausrichtung und Konsolidierung zuzusühven. Die türkische Nation konnte durch die in den letzten Jahrhunderten angehauste Verbitterung gegen die eigenen Autokraten sowohl als auch gegen die spekulativen Nutznießer der Bersunrpfung der türkischen Verhältnisse zu großen physischen Kraftleistungen aufgepeitscht und so zu Befreiungssiegen geführt werden, aber sie wird erst durch eifriges, fleißiges Lernen und durch anhaltende rationelle Arbeit die Unterlassungssünden ihrer früheren Machthaber ans nationa'l-wirtschastlichem Gebiet ebenso tilgen müssen, wie sie es auf militärischem, Politischem und diplomatischem Gebiet getan hat. Diese Arbeit jedoch kann nicht durch Aussperrung aller intellektuellen und produktiven Elemente, die schon bisher die Träger der Volkswirtschaft und der kulturellen Entwicklung im Lande waren, geschehen, sondern dadurch, daß die brauchbaren Elemente der türkischen Nation von mm ab selbst tätigen Anteil an der konstruktiven Arbeit im Lande nehmen. Innerpolitisch zeigen sich bereits die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Regierung, die vor das schwierigste Problem gestellt ist. Von Angora aus wurde das türkische Volk revolutioniert. Von Angora aus wurde Konstantinopel mit samt seinem Iildis-Kiosk gestürzt. Dem Snltan-Kalisen wurde die Sultanwürde genommen und er auf das Kalifat verwiesen. Da hätte Kemal und seine Regierung am liebsten haltgemacht, aber das Volk ist konsequent und will die Revolution bis ans Ende gehen; die seinerzeitige Verbindung mit den Bolschewiken ist eben nicht spurlos an den Türken vorübcrgegaugen. Die Türken wollen europäisch werden, das heißt, sie wollen ihren Herrscher verbannen und sich national ausleben. Kemal Pascha weiß jedoch, welche Gefahren dieses Leeren des Revolutionsbechers bis auf den Grund nicht nur für seine Position, sondern auch für die bisherigen Errungenschaften der türkischen Revolution in sich birgt. Der Sultan ist gestürzt, aber der Kalis ist mächtig, hinter ihm stehen heuchlerisch seine ehemaligen Protektoren, kampfbereit und fanatisch wdoch jenes unendliche Heer von gläubigen Mohammedanern, denen das Kalifat und die damit verbundenen religiösen Funktionen noch immer heiliger und wertvoller erscheinen, als alle Errungenschaften einer Aevostition. (A. B.) München, 29. Februar. In der heutigen Dormittagssitzung wurde wieder öffentlich t eihandeti. Bezeichnend für das Gesicht dieser Prozetzkomodie ist, daß die Verteidiger der Angeklagten gegen Ka, rikatu re n der Beschuldigten, die in der Presse veröffentlicht wurden, Protest erhoben. Sodann wird die Vernehmung des Angeklagten Kriebel fortgesetzt. Er gibt zunächst eine Darstellung seines Verhältwffts als m i l i l 5 r i s ch e r F ü'h rr des Kampsbundes zur politischen Leitung und führt aus, daß in einem Verbaute, der aus den Grundsätzen des Gehorsams aufgebaut sei, die Verantwortung letzten Endes immer auf den Führ.r zurücksallen werde, Vt Befehle und Weisungen erteilt. Er littet deshalb, daß man die Leute, die heute noch für solche militärische Durchführirng von Befehlen in Gefängnissen sitzen, sofort freigebe. Ter Angeklagte schildert sodann im einzelnen die Ereignisse; aüs dieser Schilderung ist hervorzuheben, bfljj am 5. November Kommerzienrat Zentz zu einer Besprechung eingeladen wurde, bei der Vertreter aller W i r t s ch a f t s k r e i f e, der nationalen Organisationen und der vereinigten^ vH-terlän dis ch e n Verbände Bayerns anwesend...tMcey, Mfammbung >chuche ■-> - regung 'aus dem /Generalstaatskommissariat einberufen. Nach Mitteilung des Kommerzienrates Zentz sollte v. Kahr am 8. November eine programmatische R ede halten und dabei erklären, daß jetzt die Revolution zu Ende sei, und daß das neue Deutschland beginne. Es kam nun der 6. November bei Kahr. Vormittags wurde Kriebel von Seisser persönlich zu einer Sitzung bei Kahr eingeladen, bei der unter anderem abermals von Lossow, Seisser, Baron Aufseß und Vertreter der vaterländischen Verbände anwesend waren. In lder Versammlung ließ Kahr keinen Zweifel darüber, daß er nach wie vor der Negierung Stresemann als einer n i ch t u a t i o n a l e n Regierung absolut feindlich gegen übersiehe, und daß diese Negierung von Bayern a u s b e kä m p s t werde:: müsse. Zunächst müsse ein n o rmaler und dann ein abnormaler Weg gewählt werden. Es wurde ausdrücklich erwähnt, daß der normale Wcg natürlich au ch kein Parlamentarischer sem könnte. Die Ausführung der Tat am 8. November im B ürg e r brä u l c: le r sei so verlausen, wie sie geplant gewesen sei. Als K a h r, L o s so w und Seisser herausgeholt worden waren, fei er ebenfalls aus dem Saal g'.gangcn in der lkeberzeugung, daß die Sache gelungen sei. Kriebel schildert dann die weiteren Details und kommt auf die Nachricht zu sprechen, wonach das Oberland-Bataillon in der Kaserne festg-'halten sei. Er habe Ludendorff unter vier Augen gebeten., von jeder besonderen Verwendung stiu-r Person abzuscheu und ihn nur nach seinem Dienstgrad', ctnzurcihcn. Er finde es unerhört, daß einem Manne wie Ludendorff gegenüber Kahr, Lossow und Seisser, die ihm durch Handschlag Treue gelobt hatten, nicht einmal den Mut gefunden haben, ihn von ihrer anderen Stellungnahme zu benachrichtigen. Er werde unter Beweis stellen, daß an sein Wehr;l'reiskommando die falsche Nachricht cirilief, Liidcndorfs sei erschossen worden. Eine Kontroverse zwischen Staatsanwalt und Vorsitzenden. Staatsanwalt Dr. S t e u g l e i u bemerkt, man dürfe nicht übersehen, daß cs sich bei den Ausführungen bcr Angeklagten mn eine einseitige Darstellung handle. Er glaube, :u>au urüsse auch den arideren Teil Hoven, bevor mau die Herren in der Oesseutlichkeit herabsetzt. Der Vorsitzende erklärt hierzu, es sei u i ch t S a ch e des Staatsanwalts, dem Vorsitzenden eine Rüge zu erteilen. Der Staatsanwalt erwidert, er habe nur die Anregung gegeben, dem Augeklagien eine Rüge zu erteilen. Hierauf fährt Kriebel fort, er habe den Major S i r h gebeten, hinaus zu fahren, um festzustellen, wie die Sache sich verhalte. Der Major sei aber nicht mehr zurückgekommen. Schließlich sei Oberst Leu pold gekommen, de» eine Besprechung mit Ludendorff und Hitler hatte. Inzwischen sei Pöhner von seiner Unterredung mit Kahr zurückgekommen, mit der Nachricht, daß Kahr lustig und guter Dinge sei. Im Lause des 7. November, abend's, wurden du militärischen Vorbereitungen noch eingehend besprochen und dabei auch die Verhaftung der Minister erörtert. Der Bahnhof mußte gesichert 'werden;, um nicht den mit Devise« bepackten Juden die Möglichkeit zum Abdampfen zu lassen. ‘ Der Angeklagte schilderte sodann die Vorgänge au 9. November, insbesondere den Zug zur Rcksidenz. Beim Eiuschwenken auf den Platz vor der Residenz kam uns eine Postenkette entgegen, der wir wieder „Nichtfchieße n!" zuriefen, worauf sie zurückwich. Dann kam aus der Richtung Theatiner-Kirche ein Schwarm Laudespolizei auf zu und» während ein Offizier mit dem Karabiner zum Schlage ausholte, fiel, so wahr ich hier stehe, -er erste Schutz aus den Gruppen der Landespolizei, dem gleich mehre« folgten. Ms die Schießerei auMrtv,urud tchübereitS-ftch, daß man sich mit den Verwundeten beschäftigte, ging ich heim. Ich kann nur sagen, daß ich keinerlei Re uv empfinde, mitgeiwirkt zu haben. Nachmittags kam es zur Sensation des Prozesses: ' Ludendorsf hat das Wort. ' Es ist der Vortrag eines preußischen Offiziers, abgehackt militärisch. Er spricht nicht frei, sondern liest, aus einem umfangreichen Manuskript ab. Er schiebt sich' dabei immerfort die große Hornbrille aus der Stirn. Trotzidem wirkt der Vortrag lebendig, beinahe improvisiert. Nach einer Schilderung seines Lebenslaufes kommt er auf seine politische Einstellung zu sprechen und erklärt, daß er die Jnpflichtnahme der bayrischen Reichswehr durch den bayrischen Staat als Meuterei und Verfass u n g s b r u ch ansehe, wenn er auch die Weimarer Verfassung nicht verteidigen wolle. Der General bekennt sich sodann als Gegner der marxistischen und kommuurstischen Ideenwelt und damit auch als Gegner der Juden, die er im Weltkrieg als Gefahr genügend kennen ge«, lernt habe. Die jüdische Rasse ist, sagt Lwdendovff, unserer Rasie entgegengesetzt, und darum bin ich gegen ihren Einfluß in unserem Lande ebenso wie gegen den der Engländer oder der Franzosen. Ludendorff erklärt weiter, er sei im August 1920 nicht ou'3 Politischen, sondern aus privaten Gründen nach Bayern gekommen, wo er dann auch in Beziehungen zu Kahr getreten fei. Auch hier habe der Gedanke des bundesweisen Anschlusses der deutschösterreichischen Länder ohne N i e d e r ö st e r r e i ch und W i e it vorgeherrscht; dieser Gedanke sei ihm uu deutsch erschienen. Damit kommt Ludendorff auf das eigentliche Kernproblem des Prozeßes zu sprechen, die Auseinandersetzung zwischen dem bayrischen Separatismus Und dem Zentralismus der Großdeutschen. Er gibt zuerst einen mit einer Unmenge von Zitaten belegten historischen Ueberblick über den Föderalismus in Deutschland, kommt sodann auf die Rolle Heim's zu sprechen, dessen Briefwechsel mit Graf Bo ihm er er in einer fast eiustündigen Rede bespricht, und versucht, den Nachweis zu führe::, der nicht schwer zu führen ist, daß die einflußreichen Kreise der bayrischen V o l k s pa r t e i eine auf Loslösnng Bayerns vom Reiche gerichtete Tätigkeit entfalteten, mit dem Ziele der Schaft jung einer s ü d de u ts che n D o nau m o n a r ch t e. lieben die G egen m a ß n a h m c n, die die G r o ßd u t s ch e n getroffen haben, will er in nichtöffentlicher Sitzung sprechen. Der zweite Teil feiner Rede führt in ungeheurer Erregung eine Auseinandersetzung mit den Klerikalen. Kardinal Faulhaber wird dabei nicht geschont,

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