Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1807 (26.2.1924)
- Date
- 1924-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ElBzcTiramirerK 1200 Wien' Zum Ahbo'en »n der Exnedition, H., Tahorst r. 1 -3, oder m einer Verschleißteile (Trafik* mnnatl. 35.^00 Strassenverkanf in Wien durch die Kntoorteure der Firma t^old«ehmiedt. 1.6er., Wollreile 11. k4it Postversand f?ir Wien u. Oesterr, mnnaH. K 35.000 Tscheeho-Siowakei: Mon. 13 l|i<*oalawien: Wor i^’narfiO. PoIen:Mon. 3*/<i Zloty, f'en*aeMand Mon Goldmark 4, F r a n *■f., Belgien' Won. Frcs. 12 BV* Na«h»rhIuo?ei* "Wl b« PreuerhRtvinesn Vorbehalten WS Prof. Steinachs Veri&ngungsmethodeinPllm V- VaXxSZ Xiejjö/ lener WWWWW 91r. 18i»7 Mim. Dienstag. 26. Februar 1924 Po’6n:poUK.200J)OC Italien: MonaH. 12 > .ire, Rumänien Mon. 1301 ei Bnlo-arien Mon. 80 l.evva, S e h w e i 7 und das übrige Ausland monatlich Frcs. 4 Redaktion n. Administration Wien. H.,Tahor*trasse1—*3 Telenhone: 44-0-38,43-3.19, ahßUhrahds. 19-483,25-282 Tel.- Adr.:„M©rrren2eitung** Wien Oeaterreichische* Poatapar1 Wa*aen-*^onto Nr. 150,69 fl. flflfitanit« Vor Hem Hitler-Prozeß. Hokenkreuzler gegenetnonDei. Der Geist des Waffenringes. —y. 2b i e tt, 28. Februar. Am letzten Donnerstag hat das Berliner Studentenparlament die einleitenden Schritte zur Erreichung des Numerus clausus für die jüdischen Hörer beschlossen. Ein Vertreter der Universitätsbehörden oder der Regierung war nicM anwesend. Drei Tage später versammelten sich die geistigen Arbeiter der deutschen Reichshauptstadt im Reichstag und beschlossen, nicht etwa gegen das Studentenparlament und dessen Beherrschung durch den „Waffenring" Stellung zu nehmen. Nein, sie führten Beschwerde darüber, daß auch sie ihren Anteil an der furchtbaren Not tragen müssen, die über Deutschland gekommen ist, und sie liefen durch ihre Redner der Welt ins Gewissen reden. Nickst jenem Teil des deutschen Bürgertums, der der Pate dieser Not ist und selbst zu den schönen vollen Zeiten der Reichsberrlichkeit nichts für die geistigen Arbeiter übrig hatte und sie nur als Zaungäste gelten ließ. Die Veranstalter dieser Versammlung wissen wahrscheinlich sehr genau, daß es vergebliche Mühe wäre, an die Stinnes und Thyssen das Wort zu richten. Diese Herren haben gar harte Herzen und sind außerdem von ihrem eigenen Geschäft nt stark in Anspruch genommen, das darin besteht, aus fremder Hanl recht dicke Riemen zu schneiden. Die geistigen Arbeiter unternehmen nicht erst den Versuch, sondern sie wenden sich an die Gebildeten aller Völker. Der deutsche Reichskanzler machte sich zum Sprecher der Versammlung: „Wenn unsere Universitäten und Lehranstalten Not leiden, sollte daran nicht die ganze Welt teilnehmen, schon ans dem Gefühl, daß die ganze Menschheit mit der Wissenschast verankert ist und leidet, wenn eines ihrer Mitglieder leidet?" Jn'demselben Gedankengang bewegt sich die angenommene Resolution: „Wir warnen'davor, die Verelendung der deutschen Kultur als eine Sonderangelcgenheit eines einzelnen Volkes zu betrachten." Nicht ganz in diesem Gedanken steht das deutsche Studentenparlament. Es trifft, unbekümmert um Kultur, Menschheit, Verankerung mit der Wisseuschast und ähnlichem Plunder, die Vorbereitungen zur Abschnürung des geistigen Lebens, offenbar in Würdigung der ungeheuren Fortschritte, die der wissenschaftliche Betrieb Oesterreichs und Ungarns seit der Inden- Hetze gentacht hat. Das Hochschulwesen dieser Länder scheint seit diesem Zeitpunkt, nach Ansicht der Waffenringler, unter den geistigen Impulsen der neuen Aera zu zittern. Es ist, wie man sieht, hier ein Widerspruch vorhanden. Die einen wenden sich an die Gebildeten aller Völker, an die Welt, die in Kultur und Wissenschaft keine Schranken, keinen Haß und keinen Nationalismus kennen' soll. Die anderen bauen solche Schranken und die Kulturwelt. der die Beschlüsse dieser beiden Schichten Geistesbeflissener zur gleichen Zeit vorgesetzt werden, versucht zu erkennen, welcher Teil im Namen des intellektuellen Deutschland zu ihr spricht. Die Lösung des Widerspruchs liegt darin: Die eilten, die ihren Hilferuf als sittliche Forderung erheben, sind die Lehrer und geistigen Führer der anderen, der Jugend, die um die Hochschule, um die Bildung mit) die Kultur einen Waffenring zieht und auf dessen Zinnen das Hakenkreuz aufpflanzt. Diese Jugend entspricht in ihrer Einstellting zu Volk, Staat und Menschheit ganz genau der Erziehung,durch ihre Lehrer, die zeitlebens ihren Beruf nicht attders aufgefaßt haben, wie die Feldwebel. Diese haben ans Deutschland einen Waffenübungsplatz, jene eine geistige Kaserne gemacht und über das Ganze den Adlerhelm wie eine Käseglocke gestülpt. Die Jugend wurde uniform erzogen und wird?'-ütcr so erzogen, als ob es keine Republik gäbe, als ob der Krieg nie verloren worden wäre und als ob sich sonst in der Welt nichts geändert hätte. Die detttschen geistigen Arbeiter lebeit ruhig weiter in ihrer Als-ob- Atmosphäre und batten ihren Kohl von der besonderen Wertigkeit der arisch-germanischen Rasse. Aber da sie der Hunger erfaßt hat — nicht zuletzt aus ihrer Schuld, aus ihrer militaristischen Berufsauffassung, finden sie es für vereinbar mit ihrer eigenen Weltauffasfurig, beit Gelbildeten aller Völker die Solidarität der Kultur unter die Nase zu reiben. Und während die Lehrer solches tun, sperren ihre Schüler die Hochschulen vor den Juden, vor denselben Juden, ohne deren geistige Mitarbeit, opferfreudige Hingabe au die Wissenschaft (als Zweck, nicht als Melkkuh) ttr.b lebendige Begeisterung für Forschung und Lehre diese Hochschulen kaum wären. Bor den Juden, an deren Tasche die Lehrer klopfen, weil sie unter Solidarität der Kultur eben nichts anderes verstehen. Sie halten den Hut hin und ihre Schüler die Handgraute. (A. B.) M u n ch e u, 24. Februar. Zwei Monate hat die Offensive gewährt, die die Klerikalen — die bayrische Bolkspcrrt'ei — erngeleitet haben, nur nach zwei -Fronten hin — gegen Luden borff und Hitler einerseits, gegen Kahr andererseits — ihren Hauptstoß zu führen, der ihnen wieder jene überragende Position sichern sollte, die sie vor dem Kriege mnehatteu: Unter Führung des Kardinals Faulhaber, dem sich der päpstliche NnnzinS Pa celli zugesellt hat, vom Vorsitzenden der katholischen Landtagssraktiou, Held, ebenso geschickt wie energisch dirigiert, geht die 'bayrische Volkspartei -daran, ihre vorübergehend an die Völkischen ver orene Stellung wieder zurückzuerc-bern. Ter Lärm der Hitler-Anhänger, mehr noch die erbitterte Propaganda, die sie neuerdings für den Austritt ans der katholischen Kirche eingoleitet haben, zeigt, daß die Völkischen seit dem so kläglich zusammeng-ebvocheuen Novemberputsch in eine schwere Krise geraten sind. Bis zum Hitler-Putsch bildere die nalivnalsoziälistische Arbeiterpartei den Kern der völkischen Verbände. Nicht etwa deshalb, weil Hitler unter den Rittern von Hakenkreuz und Blausäure die bedeutendste Persönlichkeit ist, sondern weil seine Partei als ernyige unter den völkischen Gruppen ideologisch das repräsentierte, was man mit dem Schlagport „Faszismus" zu bezeichnen gewöhnt ist. Roben^hen Bünden O b e rla nd, Bayern und AMch' örgbs ch^vsw., die nichts anderes dar,stellen, als eine wehr oder Minder straffe Zusammienfassnng bewaffneter Freischärler, umfaßt die tmtional's.cziäliisti!sche Partei das Gros der deklassierten Luimpenprcletavier, darüber hinaus aber auch die breiten Massen des über die Politik «der Sozialdemckratic enttäuschten Kleinbürgertutns im Proletariat, deren primitive, kaplialistenseindli-che Justiukte in falsche Bahn — statt gegen den Kapitalismus überhaupt, gegen die „jüdischen Kapitalisten" — zu lenken, die völkischen Demagogen so ausgezeichnet verstanden haben. So kann man auch füglich behaupten: Nicht die bewaffneten Bünd e u nd Kohr oben sind die eigentliche Gefahr für den Bestand der deutschen Republik, die wahre Gefahr bildet diese n a t i o u a l s o z i a l i st i s ch c S eN ch e, die wie ein eiterndes Geschwür am Körper der deutschen Aröeiierbeweguug wuchert. Nun hat zweisistlos der Nov-em'berhutsch -in gewisser Beziehung recht heilsam gewirkt. Vorerst dadurch, daß es vor der großen Masse der Mitläufer die unzähligen widerstreitenden, mit einander ringengen Tendenzen offenbar gentacht hat, die die völkische Bewegung zevklüften. In den Monaten seither haben sich die Gegensätze noch bedeutend verschärft. Noch vor etlvä sechs Wochen schien es, als ob es gar keines weiteren Druckes von außen bedürfte, als ob die völkischen Führer selbst omandvr gegenseitig „erledigen" würden. Dies ist jedoch nicht eingetreten. Seit Ehrhardt die berühmte „Versöhnung" mit Ludeltdovff gefeiert hat, ist es sogar zwischen den Völkischen zu einer gewissen Einigung gekommen. Ehrhardt selbst ist bekanntlich bis vor kurzem im Lager Kahrs gestanden, und hat, obzwar Preuße, für die wittelsbacherisch-föderalistische Richtung gestritten. Ja, die völkischen Studenten der Münchner Universität, die ihn vor nicht allzu langer Zeit in aller Form aus der Hochschule hinauswarfen, enthüllten in aller Offenheit die große Intrige, die Kahr und Ehrhardt mitsammen eiugesädelt hatten, ttm * Hitler in die Falle zu locke«, auf daß der „treuibiedcre Kousurl" Ehrhardt die Ober- Zer Bankenstreik. Langwierige Verhandlungen. Die Verhandlungen in Angelegenheit des Bankenstreiks, die gestern im Bundeskanzleramt weitergeführt wurden, waren zum größten Teil ausgefüllt mit E r ö r t erungen von Vermittlungsdorsch lägen, die der Bundeskanzler jeder der beiden Gruppen einzeln vorlcgte. Am Abend traten beide Verhandlungsteile zu einer g e m e i n s a m e n B e r a t u n g zusammen, die in vorgerückter Stunde auf heute halb 11 Uhr vertagt wurde. Die KompromHsormel wird noch gesucht. leituug über de Kampfvevbäude gewinne. Zu diesem Zweck ließ sich Ehrhardt mit der „Verteidigung der bayrischen Grenze.gegen Thüringen" betrauen, zog die besten und am vcllsländi'stcn ausgerüsteten Verbände nach K o bürg, so daß am 9. Nov-ember Hitler nur einen geri ng c u Teilseiner A ritte« in M ünche n I o n zentriert hatte. Aber als jetzt $>en Kahr für d'e Tauer des Prozesses zu einem Koniprontiß tnit seinem unversöhnlichen Gegner Ludendorff gegangen wollte und zu diesem Behufs den Ehrhardt als Postillon d'amonr zum General schickte, zeig!« der „Konsul" daß er auch mal anders könnte, und omigte sich m'it Ludendorff, ohne lveiter Herrn Kahr in dies Freundschaftsbündnis ei-uz-ulbe,ziehen. Herr Kahr war über Nacht noch mehr isoli-ert, als es selbst die bayrischen Klerikalen vorausgesehen hatten, und d'.-es dürfte Wohl der Grund sein, daß diese ihm dann so schnell den schon längst erwarteten Eselstritt versetzten Die Völkischen aber wittern durch den Sturz des Herrn v. Kahr wieder MoroenlUst, ubevschwemuten München mit' Flugblättern u-rd Pla-katen' — in den letzten vier Wochen allein -hat München ein halbes Dutzend neuer völkischer Zeitungen -beschert erhalten —, und nehmen jetzt nach Herrn v. Kahr den General v. Seeckt aufs Korn. In einem dieser Tage vevbMwten Flugblatt publizieren die Völkischen einen S ch e i n b e s e h l der Reichswehr, der, vom Anfang November.datiert, die Ä n ffüllung der Roichswebr mit Mitgliedern der Ka mpfv c rb ä nde Hitlers an ordnete zum Zwecke — einer „H-e r b st ü b u n g". Auf diese Weise wollen die Völkischen den Nachweis führen, daß Hitler gar kernen Hochverrat -begehen konnte, da er der offenen und versteckten Znft-nmrmng der Rs-ichswchrbchörden sicher fein mußte. Was imnter der Prozeß bringen wird, eines ist gewiß: Werden die Völkischen im -Der' chtssaale ihre Enthüllungen forlfttzen, so werden just der General v. Seeckt 'und der ReichSwehrminifter Geßler nicht die Lacher fein. Un-d so Werven vielleicht jene Recht behalten, die prophezeien, daß -der Prozeß recht bald über Anweisung -von oben „abgewürgt" iv-rden wird. Ob bis -dahin Herr Hitler, das große „Elvfant Lertible", aus seinen Geheimnissen nicht so viel auspacken w:rd. daß aller Vorsicht der Regie zum Trotz der große, dramatische Knalleffekt fllcTVausbleiben wird. Bor dem Beginn. München, 25. Februar. Morgen n-mmt -der H i i U r* Prozeß seinen Anfang. Das ganze Stadtbild steht unter den Zeichen dieses Prozesses, der int S.peisesaal der Kriegsschule tagen wird. Benterlenswert ist, daß die Vorgänge, d'e mit dent Versuch des Oberleutuauis P e r n e t, des Stiefsohnes Luderdorffs/ die Zöglinge der Jnfauterie-Kadettenschu'le in das Lager seines Stiefvaters zu führen. Zusammenhängen, gleichze-'ckg erörtert werden. Peru et ''befindet sich unter den Mitangeklagten Ludendorffs. Welch ungeheurem Jnteresie -der Prozeß in der OefsentlickMrt begegnet, beweist der Umstand, daß u>utcr den Hunderten von Briefen und Tel-sgrantmen, die mit dein Ansuchen um Platzanwoifung einlaufen, über dreihundert Begehren w'ch Pressekarte n aus dem I n- und Auslände eingegangen sind, darunter mehr als die Hälfte aus dem Anslande. Infolge der beschränkten Platz- Verhältnisse i-m Gerichtsgebäudc können jedo-ch nur w cnige B c r i chte r sta' i e r zugelassen werden, darnnier die Hälfte aus dem Auslände. Seit heute vormittags befinden sich die vcrhas>eten Angeklagten in dieser Kriegsschule, wo jedem einzelnen ein eigenes Zimmer zugewiesen ist. Honte nachmittags werden die übrigen Angeklagten aus Landsberg a m 2c ch nach München gebracht. Die Behörden -haben außerordentlich scharf^ Vorsichtsmaßregeln getreffen. Ter ganze Straßenblock rund u-m die Kriogsschule i'st polizeilich ^besetzt. Jnnochalb dc-r Bannmeile des Gevichtsgebändes dürfen sich nicht mehr als drei Personen sammeln. Tie inr Gebäude der Kriegsschule u-ntergebrachte Kriminalpolizei nimmt an jedem Befuche-r, der ihr verdächtig erscheint, eine Leib e s int 1 e vinchnnL vor, .