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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-19 · Heft 1800 (19.2.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1800 (19.2.1924)
Date
1924-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Set Rücktritt Kahrs und Lossows. — Nie Borbereittmg für de» Mer- Prozeh. — Nie bayrische Regierung die Gefangene Ludendorsf«. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) München, 18. Februar. Der Rücktritt des Generalstaatskominissärs Dr. v. Kahr, über den t-n den letzten Tagen zahlreiche Gerüchte umgingen, ist nunmehr Tatsache geworden. Dr. v. Kahr hat sein Amt als GeneralstaatSkommisiär niedergelegt und seine Dienstväume in der Maximilianstraß« verlassen. Das Generalstaatskommisiariat gibt bekannt: Der Landtag hat in diesen Tagen mit der Staatsregierung eine Regelung vereinbart, die in die vellgi-chende Gewalt tief e'vngvoist und eine Teilung derselben Mischen dem Generalstaatskommisiariat und dem StaatsminPerium vorsieht. Diese Teilung der vollziehenden Gewalt hält der Generalstaatskommissär für praktisch undurchführbar und dom Standpunkt der Sicherheit des Landes aus für Pchst bedenklich. Unter diesen Umständen kann der General'staatskommisiar die Verantwortung für die Fortführung des ihm am 26. September 1923 andertrauten Amtes nicht mehr tragen. Er hat sich daher veranlaßt gesehen, dieses Amt am 17. Februar in die Hand des Gesamtstaatsministeriums zurückzugeben. Auch der bayrische Kommandant der Reichswehr, General v. Lossow, hat sein Abschiedsgesuch vingeveicht. Der Ausnahmszustand in Bayern bleibt aufrecht. Zum. Nachfolger Lossows ist General Kreß ausevsehen. Dieser Szenenwechsel wich dahin ausgelegt, daß es darum gehenden .Konflikt zwischen Bayern und dem Reich bei zu legen; er trifft auch zeitlich mit gewissen Vereinbarungen zwischen der Reichsregieruug und dem bayrischen Ministerium über das Reichswehrgesetz, die Verwendung bayrischer Truppen außerhalb des Landes und die Beeidigung der bayrischen Truppen zusammen. Aber die wahre Ursache dieses „Umschwunges" ist nicht in der erstarkten verfassungsmäßigen Macht der Regierung zu suchen, sondern Kahr und Lossow, welche sine Zeitlang, solange ihre Interessen mit denen LudendorfsS und Hitlers parallel liefen, den bayrischen Putschisten offen und versteckt Handlangerdienste geleistet hatten, wurden in dem Momente beiseite geschoben, als Ludendorff und Hitler einerseits und die bayrische Regierung andererseits sie nicht mehr brauchen konnten. Der Hitler-Prozeß beginnt m wenigen Tagen, Und diese Komödie, welche schon jetzt durch die Endhaftung der meisten Angeklagten offenkundig ist, kann nicht gespielt werden, wenn einer der stillen Gesellschafter des Kitler-Putsches, Kahr, oberster Gerichtslherr ist und der Der Streik der englischen Dockarbeiter Ein Verpflegungsplan der Regierung. —• Einigungsver- Handlungen Mae Donalds. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") London, 18. Februar. In London konnte kein Schiff tvu'sgeladen tverden. 4000 Heizer und Elektriker in den Docks haben die Arbeit ebenfalls niedergelegt. Die Tran sportarbeiterunion ist zu einem Sympathiestreik bereit. Die Dockarbeiter, die die Sicherheit der Mare überwachen, werden auf ihren Posten bleiben, solange nicht Streikbrecher den A-uSstäud'igen in den Rücken fallen. 2000 Po st sacke aus New-Hork sind in Plymouth liogengeblieben. In allen Hafenstädten haben gestern Versammlungen stattgefunden, die sich für die Durchführung des Streiks erklärten, und das Streikkomitee hat neuerlich bekundet, daß es in der Frage der Lohnerhöhung um zwei Schilling die Woche zu keiner Konzession bereit sei. Wie die „Moruing Post" meldet, hat die Regierung einen Verpflegungsplan ausgearbeitet. Die Mehlvorräte' würden für zwei bis drei Wochen genügen. TA anderen Lebensmittel, ausgenommen Fleisch, sollen in hinreichenden Mengen vorhanden sein. Die Vorräte an ausländischem Gefrierfleisch sind außerordentlich gering. Ruch „Daily Expreß" besteht keine Gefahr einer Lebensvritbellnappheit. andere, Lossow, der militärische Vertreter derselben Regierung bleibt, er zu stürzen versucht hat. Es wird also aus Regiegrüwden eine „Umbefetzung" des Theaterstückes vorgenommen; aber es ändert sich nichts in der ,/OvdmmgKzelle Bayern", umsomehr als die Hitler-Leute, die wieder festen Boden unter den Füßen spüren, sich für neue Mionen rüsten. Dir bayrische Regierung ist heute die Gefangene Ludendorffs und Hitlers, und wenn das Kabinett sich heute m einem Ministerrat, wie es chfiziÄl heißt, „mit der durch die letzten Ereignisse geschaffen Politischen Lage beschäftiget will, so bedeutet.das, deutlich und klar gesagt, daß die bayrische Regierung damit r e ch n e t, in wenigen Tagen für ihr« Existenz sorgen zu mästen und sich deshalb rechtzeitig' mit den Hitler-Leuten gütlich ause i na n de rgn setzen. .* Eine englische Intervention? Berliu, 18. Februar. Bon besonders unterrichteter Seite will der Münchener Korrespondent des „8 Uhr-! Abendblattes" erfahren, daß der Rücktri-tt Kahrs ■- und L o s s o W J asnen Schtzitt ^zurstckzuführen sei,^ den die tz ng l i sch e R egrer ung in München unternommen habe. Mae Donald ha^<durch den Geüeralkonsul Clive'der bayrischen Regierung erklären lasten, daß England nicht in der Lage wäre., für die Wiederherstellung der bayrischen Autorität in der Psatz «inzutreten, falls nicht Gewähr geleistet würde für die Rückkehr Bayerns. zu verfassungsmäßigen Zuständen. Die Volksabstimmung in Bayern. München, 18. Fobruar. Die AMmurung über die beiden BoKsbegohren für die Auflösung des Landtages sowie für die Revision der bayrischen Verfass u n g - und Einsetzung eines Staatspräsidenten hat im ganzen Lande eine Mehrheit ergeben, so daß die Volksbegehren durchgeführt werden müssen.. Die nächste und vovausstchtlich letzte Sitzung des Landtages ist für Donnerstag den" 21. d. anberamnt. Auf der Tagesordnung sieht unter anderem auch der Antrag der bayrischen BÄksPartei betreffend die Auflösung de 's La n d ta g e s. Für diesen Antrag ist nach der Verfassung die Anwesenheit von zwei Dritteln und die Zustimmung von mehr als der Hälfte der gesetzlichen Mitgliederzatzl erforderlich. In parlamentarischen Kreisen wird angenormmn, daß es am. Donnerstag, oder Fcritag zur Auflösung des Landtages kommen, wittl. Die Vermittlungsaktionen der Regierung. London, 18. Februar. Arbeitsminister Thom Shaw teilte heute abends in der Sitzung des Unterhauses mit, daß beschlossen worden sei, einen Gerichtshof unter dem Vorsitz des hervorragenden Rechtsanwaltes Gregory zur Untersuchung aller mit den Dockarbeiterstreik zusam-. menhangenden Fragen einzusetzen.. Während des. ganzen Tages finden Besprechungen zur Beendigung des Streikes statt. Heute abends soll eine Sitzung,des Kabin «tts über die Situation 'beratet:. Inzwischen haben hervoragende Mitglieder des Generalrates des Gewerkschaftskongresses im Arbeitsministermm vorgesprochen, um über die Möglichkeit ihrer Vermittln ng zu verhandeln. Vertreter beider Teile stehen jetzt in Fühlung mit dem Arbeitsministerium, und es werden energische Bemühungen unternomursn, um den Weg. zu einer Beilegung des Konfliktes zu finden. Der Spinnerstreik im Bombay. Bombay, 18. Februar. (Reuter.) Die Spinnereien sind w.ieder eröffnet worden; die Arbeiter haben jedoch die Arbeit nicht wieder ausgenommen. Es ist zu Plünderungen von Getreide Magazinen aekommen. Explosion in einer englischen Munitionsfabrik. London, 18. Februar. (Reuter.) In der Muuirionsfabrik von Slalegreen eveignete sich eine Explosion, bei der 18 Dersonen den Tod fanden» Las Fement der Zersetzung. —y. Wien, 19. Februar. Der bayrische Diktator Kahr ist zurückgetreten. El hat sein Amt nicht sehr ruhmvoll geführt und es könnt« ihm insbesondere nicht getingen, nachzuweifen, daß das Bekenntnis zu Krieg und König auch für die Leitung Von Bevwaltungsgeschäffen hiureicht. 0eine Tätigkeit war eine Zeitlang eine schwere Gefahr für die deutsche Republik, und wenn er nicht den letzten Stoß führen konnte, so liegt das wahrlich nicht an ihm. Den Willen hatte er und der Plan scheiterte nicht an ihm, sondern an der prahlerischen Hysterie Hitlers und an derpoli» -tischen Unfähigkeit Ludendorffs. Dieses Triumvirat, das 'häute durch tiefste FeiAschast geschieden ist, hat zur Zeit seiner Blüte recht tiefe Blicke in die Welt des Chauvinismus tun lasten. Es wurde offenbar, daß eine internationale Verschwörung an der Unterminierung des ohnedies auf schwachem Füßen stehenden Weltfriedens arbeitet und mit geschickter Ausnützung der in den werktätigen Masten lebenden Verbitterung alle Bestrebungen durchkreuzt, die auf eine Beruhigung und Versöhnung der Völker hi-nzielcn. Es ergab sich, daß die demokratischen Tendenzen in allen Staaten auf einen organisierten Widerstand stießen und daß alle technische, propagandistische und politische Machtmittel der Reorganisation in den Dienst eines geschlossenen Systems gestellt waren. Die Führung und die Anlage des Plancks war von den Militaristen, vor allem den deutschen, geliefert worden, die, von der Negierung der Friedensverträge ausgehend. * alle llnzufriedenheit, alle Haßmstinkte an sich) zu ziehen wußten, .Die' Mittel/ die notwendig waren, lieferte die Schwerindustrie und aste von ihr abhängigen Erwerbs- Zweiges und da diese Kreise in aller Welt aus Gründen 'ihrer' Tasche, ihrer Macht und ihrer pölltrsch^sozialen 'Geltung geschworene Feinde einer fortschrittlichen'Entwicklung sind, so floß für die Zwecke der internationalen Reaktion das Geld aus Amerika, aus dem Osten, aus Frankreich, aus Deutschland usw. in reichen Strömen zusammen. Eine der Grundlagen dieser Verschwörung ist der Antisemitismus, der für alle, die ihm archängen, eine ergiebige Berdienstquelle davstellt. Politisch und Ivirtschaftlich hat diese Bewegum nichts zu bieten. So weit sie über ein Programm verfügt, ist es eine praktisch unbrauchbare Wiederholung der Mittelstandsretterei der Vorkriegszeit, in den Voraussetzungen durch die ungeheuerlichen Umwälzungen unserer Tage überholt, oder es ist eine bei den jüdischen Theoretikern des Sozialismus gemachte Anleihe, ein marxistisch angestrichener Nationalismus, mit dem sich, wie dies Kahr irr München, Horthy in Budapest zeigen, eben nichts anderes beginnen läßt, als Mittelschüler, stecken gebliebene - Buch-Handlungsgehilfen und aktive Offiziere mit Stellen zu versorgen. Die absolute Sterilität der Haßphrasen, des Hepp-Hepp-Geschreies und der militaristischen Reaktion tritt, wenn man die Länder betrachtet, die solche Erscheinungen in einem stärkeren Ausmaß ausweisen und ihnen Einfluß auf das politische Geschehen gestatten, mit verblüffender Deutlichkeit heraus und man kann diese Strömung als die Lues der Völker bezeichnen, die sic zersetzt, in der Initiative lähmt und immer tiefer in die Mentalität des Tollbauses hineintreibt. Daß sich dies so weit entwickeln konnte, daran tragen freilich die Völker selbst schuld, die unter dem schweren Druck des Krieges, der Siege wie der Niederlagen, großmütig lvaren. Sie haben nirgends ersthaft mit dem politischen Verbrechertum abgerechnet, sie haben es sogar so weit pardonnieri, daß es nach dem ersten Schrecken sich wieder aus seinen Lochern herauswagen konnte. Die Volker haben diese Galgenkandidaten wieder zu Amt und Würden und Macht zugelassen und sind dann die Opfer geworden, als sich die Demagogie zu einem über die Staaten und Nöeere greifenden Systeni entschloß. Aber die Dinge sind doch stärker wie die Menschen und selbst der Zynismus des deutschen ^Nationalismus, diese gefährlichste, weil zentrale EnRirtung des europäischen Systems, wird seine Grenze finden. Er hat in die Halme schießen können, weil die deutsche Demokratie rückgratschwach und ohne Hilfe von außen da stand. Nach Rathenans Ermordung klagte der Reichskanzler W.irth die französische Politik offen der Mitschuld an, weil sie der deutschen Demokratie in bcu Rücken gefallen sei. Er hat mit seiner Anschuldigung nichts erreicht, als daß die französische Reattion noch entschiedener die zenirifitgalett und separatistischen Bestrebungen müerftützt»

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