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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-17 · Heft 1798 (17.2.1924) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1798 (17.2.1924)
Date
1924-02-17
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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1MU »TrtJ xtfittt, &mmg lingsheim, feirt KFinkinderheim, keine Erziehungsanstalt für verwahrloste, kein: für schwachsinnig Kinder besitzen. Für Länder reicher Eltern sind freilich Privatanstalten mit jüdischer Leitung zu finden. Aber die Fürsorgerin muß erst eine Umfrage halten, ob e.ne der sogenannten interkonfessionellen Anstalten bereit ist. ein jüdisches Kind anfzunehmen, muß an dm Direktor der Taubstummenanstalt verweisen, der der Präsident eines Schutzvereincs für jüdische schwachsinnige Kinder ist, ciucs Vereines, der mir mangels geeigneter -Räume bisher noch immer nicht die so notinendige Anstalt errichten konnte. Es bringt unserer gesamten Fürsorge wenig Nutzen, daß so oft ihre Halbheiten laut kri isiert werden, che man d'e tiefer liegenden Gründe such: und untersucht. Würden die,se Gründe ebenso gehört werden wie die Klagen, dann wäre das Gewissen der jüdischen Bevölkerung in Fnrwrgesachen in viel höherem Maße erwacht als bisher und die beklagten Mängel mußten verschwinden. Wiener Morftenzettung. 17. Februar 1924 Seite - @eäenf?e?er für ßMhrlm Femsa-em. Die soziologische Gesellschaft hielt gestern in der Universität eine Gedenkfeier für Professor Wilhelm Jcrusa-! e m ab, bei der der Vorsitzende Dr. Rudolf Go l d s ch e i d nne Ansprache hielt und. Jerusalem als einen der wahrhaft universell orientierten Gelehrten bezeichnete, »er die Philosophie nicht als Geheimwisscnschaft für wenige behandelte, sondern die allgemeine Verständlichkeit für die rhwicrigsten Probleme zu erreichen sich bemühte. Sein Bestreben war, alles den Fortschritt Hindernde überall prinzipiell auf das Energischeste zu bekämpfen. Er war im Jahre 190G einer der Mitbegründer der soziolo g i sche n Gele l l s ch a f 1, der er eine wertvolle Hilfe bei der Aktion zur Errichtung soziologischer Lehrkanzeln an der Universität angeveihen ließ, wobei er sie auch in dem er sic auch in dem Benützen, die Herausgabe von Schriften zu ermöglichen, werktätig unterstützte. Dr. Rudolf Eisler gab ein eingehendes Bild Jerusalems als Soziologe. Jerusalem war ein Feind des Scholastizismus. Wo'es sich um geistiges Leben handelt, verwendete er in erster Linie neben der beschreibenden Methode die genetische, ws heißt immer war es ihm darum zu tun, die Wirklichkeit in ihrer Entwicklung zu erfassen. In diesem Finne gehörte er zu den d y n a m i s ch eingestellten Geistern, ttuch vertrat er den A k t i v i s m u s. der darin besteht, daß lich die Philosophie nicht vom Leben separieren soll als bloße Aelehrtenwissenschaft. Für Jerusalem war die Soziologie, die Nesellschaftslehre, keine abstrakte Wissenschaft. Er hat sich mit ihr besonders im Hinblick auf den Weltkrieg befaßt und wollte leine sozialen Ideen durch gewisse Entwicklungstendenzen gestützt sehen. Die Aufgabe der Soziologie bestand nach ihm in wrn Problem der Wechselbeziehungen zwischen dem Einzelnen and der Gesellschaft. Die Soziologie als Wissenschaft vom menschlichen Zusammenleben erweitert sich ihm zu einer Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geiste s. Die soziologischen Grundansichten Jerusalems gipfeln darin, daß die Persönlichkeit im Laufe der Zeiten einen starken Einfluß aus die Gesamtheit hervorbringt; aber auch das größte Genie, der sogenannte führende Geist, kann sich vom sozialen Milieu nicht ganz emanzipieren und auch wenn rr einer bestimmten Gruppe, einer bestimmten Anschauung mtgcgentritt, emanzipiert er sich doch nicht von der Gesellschaft. Dr. Eisler besprach auch Jerusalems Problem vom Walten einer individualistischen Entwicklungstendenz, die jedoch nicht antisozial werden kann infolge des Erhaltungstriebes der Gesellschaft. Der Mensch kann, erklärte Jerusalem, seine höchsten Werte nur in der Gesellschaft, nur im Wirken für die Gesellschaft erhalten. Die gemeinverständlich gehaltenen Ausführungen des Dr. Eisler wurden von den zahlreich erschienenen Anhängern Jerusalems beifällig ausgenommen. il'&S ••nn«n ME N O R A H fLLVSTr. ATED MonTHLY FoR THE iEWIEH HOME (I.LU5TR MonaietchriftFOr Die Judis-chf Familie IOZEF ISRAELS ZUM HUNDERTSTEN GEBURTSTAGE REICH ILLUSTRIERT! PORTRÄT BAAL MACHSCHOWES MARC CHAGALL (PARIS) SOEBEN FEBRUAR-KEFT PREIS 10.000 K ERSCHIENEN! PREIS 10.000 K Bestellungen an die Administration der „Menorah“ Wien. IX. Berggasse 31 Der Lohnkamvf der Vankaugeffellte«. Morgen Streik in vier Großbanken. Die gestern vormittags geführten Verhandlungen des engeren Komitees des Bankenverbandes mit den Angestelltenvertretern sind bis 2 Uhr nachmittags ohne Ergebnis geblieben. Die Kundgebung vor dem Rathaus. Um diese Zeit fanden Massenversammlungen vor dem Rathause und in der Volkshalle des Rathauses statt. Der weite Platz vor dem Rathause war dicht gefüllt, ebenso die Volkshalle. Draußen sprachen der Präsident des Reichsvereines der Bankbeamten Epstein und die Sekretäre Gemeinderat Schmidt und Tr. Satter, die von drei Stellen ans Ansprachen hielten, wobei sie die Plattform von Automobilen als Rednertribüne benützten. Sie stellten die bisherige Erfolglosigkeit der Verhandlungen fest und erklärten unter dem Beifall der Zuhörer, daß der Kampf bis zum Siege geführt werden niüsse. In der Volkshalle sprach Abg. A l l i n a, der auch die enormen Einkünfte und die Abfertigungssumme von 62 Milliarden besprach, die Direktor Weiner bei seinem Dienstanstritt erhielt. (Stürmische Entrüstungsrufe.) Die Direktion erklärte zwar, daß er nur sieben Milliarden erhielt. Er richtete an die Direktion die Frage, ob sie auch eine Prüfung des Syndikatskontos durch unparteiische Sachverständige vornehmen lassen wolle. Gener-aldirektor Weiner erhält außerdem die laufende Pension. Der Redner wendete sich in heftigen Worten gegen den Generalrat der Anglobank, Dr. S ch w a r z w a l d, der als ehemaliger Sektionschef des Finanzministeriums dieses Amt unter seinen Terror zu bringen wußte und dem damals die Verhandlungen mit den Kreditinstituten übertragen waren. Jetzt trete er gegen die Bankbeamten auf, obwohl cr sich hübsch im Hintergrund halten sollte. Ter Bankcnvcrband hat noch eine Spanne Zelt. Wenn die Kreditinstitute von bei D*ohunH der Letzte Nachrichten. Die Freigabe der befchtaanchmten feindliche« RmusUN in FngimÄ. London, 16. Februar. Wie „Mormirg Pr st" nteTbet, hat das .Handelent die Vorschläge eines Berichtes >de§ sogenann^n „Lord Blanesburgh- (früher Lord Pouuger) Eomites" angenommen, nach -welchem Ansuchen von Staatsangehörigen der früher feindlichen Staaten um Freigabe ihres in Greßbrstaiin-'en beschlagnahmten Vermögens oder gewisser Teile desselben behandelt werden sollen. Das Komitee schlägt vor, jedes einzelne Ansuchen durch eine beratende Körperschaft prüfen zu lassen, die ein nach den beso-nderen Umstanden des Falles geregeltes Vorschlagsvecht bezüglich der Grenzen der Freigabe Halen soll. Derartige Ansuchen müssen vor dem 1. August 1924 gestellt werden. Aussperrung Gebrauch machen, wird der Kanipf arrf der ganzen Linie entbrennen. (Lebhafter Beifall.) Gemeinderat Bermann sicherte als Sekretär des Zentralvevbandes der Privatangeftellten die volle Sympathie und Hilfe der Privatangestellten zu und verwies darauf, daß der Kampf der Bankbeamten besonders wichtig für alle Angestellten sei, da er den Beginn der Abwchrbewegung darstelle. Wenn Direktor Weiner auch nur sieben Milliarden erhalte, so sei das doch das Gehalt von 4000 Banka n ge st eilten in einem Monat, und wenn man 48 M i l l i a r d e n annimmt, so entspricht dies einem Jahresgehalt von 2000 Bankbeamten. Vorsitzender Bauer bemerkte in seinem Schlußwort, über die Forderungen von 30.000 Personen könne nicht hinweggegangen werden. Die Zahl der Versammlungsteilnehmer wird auf 10.000 bis 15.000 geschätzt. Die Bankbeamten waren in geschlossenen Zügen mit Tafeln erschienen und entfernten sich nach der Versammlung in vollster Ruhe. Die Streikvorbereitungen. Die Streikleitung gibt bekannt: Heute Sonntag vormittags findet eine gemeinsame Sitzung des Zentrcrlvorstandes des Reichsvereines der Bankbeamten rm Lokale des ReichsdereineS und zur selben Zeit eine Vertrauensmännerversammlung der vier zum Streik bestimmten Institute: Anglobank, Depositenbank, Union bank und Verkehrsbank, statt. Morgen Montag finden sich die Angestellten dieser vier Unternehmungen um 8 Uhr früh in den Streiklokalen ein. Der Streik wird in diesen vier Banken lückenlos d u r ch g e f ü h r t werden. In den Instituten werden lediglich die Direktoren und die Direktorenstellvertreter anwesend sein, gegen deren Tätigkeit kein Einwand erhoben wird, solange sie sich auf die Versehung jenes Dienstes beschränkt, der zu ihrem normalen Agendenkreis gehört. Eine darüber hinaus gehende Tätigkeit wird als Verrat an den Interessen der Beamtenschaft aufgefaßt. Der Standpunkt des Bankenverbandes. Der Bankenverband erklärt in einer Zuschrift, daß die Möglichkeit einer Einigung nicht gegeben ist, da die Bankbeamten auf eine Verlangeru>ng der Arbeitszeit um eine halbe Stunde täglich oder eine Verlängerung der Kassa-- stunten nicht eingöhen und von der Forderung der generellen Erhöhung der Bezüge nicht abstehen wollen. Im Falle des Streiks sind die dom Bankerwerband angebotenen Konzessionen, darunter das Entgegenkommen bezüglich der definitiven Anstellung der Vertragsbeamten, als hinfällig zu betrachten. _ Die AlserkaseruMnde. Verwertung der Parzellen vor dem neuen Nationalbankgebäude. Die Nationalbank hat bekinntlich vor einiger Zeit die in der Alserstraße gelegenen, der Oesterreichisch-ungarischen Bank gehörenden Baulickkeiten und Gründe erworben und läßi das dort befindliche, ursp'üngsich für die Druckerei der Oester reichi'ch-ungarischen Bank bestimmte Gebäude als Bankpalaie ausbauen. Demnächst soll nun die Frage der Verwertung der zwischen dem künftigen Bankpalais und der A l s e r st r a ß e gelegenen G r ü n d e einer Lösung zugesührt werden. Es wird geplant, eine von der Alfer st raße senkrecht auf das neue Bankgebäude führende breite Straße a n z u l e g e n, die in einen vor der Bank liegenden, größeren, mit Gartenanlagen geschmückten Platz ansmündet. Wegen der zur Durchführung dieses Planes notwendigen Neuparz.'llierung und Baulinienbestimmung wurde zwischen der Nationalbank und der Gemeinde Wien ein Einvernehmen bereits erzielt. In den nächsten Tagen wird die Nationalbank die Verhandlungen mit den Interessenten, die sich wegen Erwerbung der zur Verbauung bestimmten Gründe gemeldet haben, ausnehmcn, und es ist bei rascher Durchführung dieser Verhandj langen anznirehmen, daß die Arbeiten an den auszusührenden j Neubauten noch mit Beginn der kommenden Vansaison in | Angriff genommen' werden können. 1 Aushebung einer Fabrik rur Herstellung salscher «ahptischer Nqaretten. Verhaftung eines FLlfcherkonsortiumS. Seit Monaten haben sich aus den Raucherkreisen Klagen über minderwertige Qualität der österreichischen Regiezigaretten, insbesonders der ägyptischen Zigaretten auffallend gehäuft. Da wiederholt bei unbefugten Verkäufern aufge- . griffene ägyptische Zigaretten von Sachverständigen der Tabakregie auf ihre Qualität hin als Falsifikate erkannt wurden, haben die Behörden der Herkunft dieser als Falsifikate erkannten Zigaretten erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet. Zn Beginn des vorigen Monates wurde die Wahrnehmung gemacht, daß in einigen öffentlichen Lokalen des 6. Bezirkes ägyptische Zigaretten unter dem Regiepreis zum Verkaufe gelangten, so daß man vermutete, daß sie vielleicht von einem Einbrüche herrührtcn. Bald aber war festgestellt, daß die Zigaretten gefälscht und mit Original-Etiketten der Tabakregie als Verpackung versehen waren, wobei auch das Zigaretteupapier den Originalwasscrdruck der Tabakregie sowie den Goldausdruck der echten Zigaretten trug. Der Tabak war höchst minderwertiger Herkunft. Im Zuge der Erhebungen wurden als Anführer des ganzen Fälscherkonsortiums der Maschinenschlosser Karl Fischer und der Vertreter Franz Steinmüller verhaftet. Fischer gestand, daß er bei der Buchhalterin Else Bure sch eine Art Verschleißstelle eingerichtet und die Erzeugung der Zigaretten selbst durchgeführt habe. Von der Buresch wurden die erzeugten, Zigaretten weitergegeben und unter die Leute gebracht. Stein Müller führte dasselbe bei seiner Schwester, der Stickerin Rosa K a ß l e r durch. Als diese von beit Kriminalbeamten in ihrer Wohnung verhaftet wurde, war sie eben damit beschäftigt, in die gefälschten Hülsen der ägyptischen Zigaretten Rauchtabak schlechtester Sorte einzustopfen. Sie gab zu, daß sie seit Weihnachten 1923 ungefähr zehn Schachteln ägyptische Zigaretten wöchentlich für ihren Bruder gestopft und von ihm für das Stopfen einer Schachtel 6000 K. erhalten habe. Als Erzeuger der falschen Hülsen wurde der Mechaniker Josef Fürtinger ermittelt, der mit dem Zigarettenhülsenerzenger Wenzel De in sing er in Kompagnie arbeitete. Auf dem Heuboden des Fürtinger fand die Gendarmerie eine Maschine zur Herstellung von Zigarettenhülsen, zwei Motore und eine größere Menge Zigarettenpapier. Bei den weiteren Nachforschungen wurden von den Erhebnngsorganen der Finanzbezirksdirektion das Klischee mit dem „Ibis" der österreichischen Aeghptischen in einer Mauerritze der Werkstatte des Deisinger versteckt und rm Garten des Fürtinger in Jnzersdorf ein Säckchen mit Rollen, Wachspapierwalzen und dem Klischee zur Herstellung des Wasserdruckes „Oesterreichische Tabakregie" gefunden. Deinsinger gestand, daß ihm das Papier für die Erzeugung der Zigarettenhülsen von Steinmüller geliefert worden war, der durchblicken ließ, daß es aus ärarischem Besitze gestohlen worden sei. Steinmüller gab schließlich an, daß er zwölf Bobinen (Rollen mit Zigarettenpapier) für die Erzeugung von 240.000 Stück Hülsen von Fischer erhalten habe, die dann Fürtinger mit dem Wasserdrnckzeichen versah, während Deinsinger den Goldaufdruck herstellte. Er gestand auch, daß Deinsinger ungefähr 480.000 Stück Hülsen mit Golddruck erzeugt habe, Die Finanzbezirksdirektion verhängte über Fischer, Steinmüller und einem gewissen Konrad Frei, einem Spengler, der dem Fischer Orimnalvignetten für die Emballage der österreichischen Aegyptischen um 1200 K. pro Stück geliefert hatte, die Untersuchungshaft wegen Herstellung und Verbreitung der gefälschten Zigaretten, während über Deinsinger und Fürtinger vom Landesgerichte die Untersuchungshaft verhängt wurde. Fischer gestand bei seiner letzten Einvernahme, daß er einige Bobinen mit dem Wasserdruck „K. k. österreichische Tabakregie" von einem gewissen Georg F i l s n e r gekauft habe. Filsner, ein ehemaliger Chauffeur, der gegenwärtig ohne Posten ist, hat ein Geständnis abgelegt. Einer der Konsumenten des Fälschcrkonsortiums wurde in der Person des Kaufmannes Wilhelm G r a u a u g verhaftet, der eingestand, daß er von Steinmüller durch zwei Monate hindurch 10 bis 16 Schachteln täglich gekauft hat. Die Spuren über die Herkunft der Zigarettenpapiere führen nach der Tabakfabrik in Hainburg und auch nach einer Wiener staatlichen Tabaksabrik, wie nach dem Arsenal. Grauaug gestand auch schließlich, daß er in der Wohnung des Steinmüller anwesend war, als Frei zweimal je 5 Kilogramm Tabak zu Steinmüller brachte, nachdem er am Vortage von Hainburg gekommen war. Eine genaue Gesamtziffer der angerichteten Schäden wird sich erst nach weiteren Erhebungen seststellen lassen, doch kann man jetzt schon sagen, daß sie in die vielen Millionen geht.

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