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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-15 · Heft 1796 (15.2.1924) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1796 (15.2.1924)
Date
1924-02-15
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1798_Wien, Freitag _gPiettet MorttenzeHung. 15. Februar 1024 _ Serie 9 Das MMaftsdroblsm inVolWiM. Von Ingenieur Dr. jur. 21. Suchestow. lUeberall wo ich mit der Nei'eGesellschaft der Hakoah in Palästina offiziell oder holbofsiz'ell empsafigeu wurde, wurden wir ies besauten sich unwr der Reis'-e'ellschaft ein'gc - angesehene Jndustr'etle aus Oesterrciih) 'immer wieder daraus hingewicseu, txrß eine industrielle Betätigung in Palästina überaus wünschensivert wäre, wüh eud man uns merkwürdigerweise nie zum Bode ckaus einlud. Doch selbst oberflächliche Wahrnehmung mußte feststellen, daN sich eine Jndustr'e nach unseren Begriffen in Palästina nicht entwickeln kann und von einem auch nur kleinen Anfang schwer die Rede sein kann, solange das Ruthenberg-Projekt nicht verwirklicht ist, solange Palästina keinen richtigen Hafen hat und solange die englische Regierung nicht den Einfuhrzoll .bott 12 Prozent, der jetzt besteht, aufhebt. Die Schwierigkeiten für die Entwicklung einer Industrie liegen nicht bloß darin, daß fast keine Rohstoffe vorhanden sind, sondern vor allem darin, daß es keine Jndustriefördernden Ge'etze (Zollermäßigungen, St^e.nachlässe usw.) gibt. Offenbar will England sich den Import nach Palästina sichern und auf jede mögliche Weise die außerenglische Konkurrenz sernhalten. Ein unserer Reisegesellschaft angehörendec Bankier, der bereits im vorigen Jahre in Palästina war und gegenwärtig noch dort weilt, beabsichtigt, eine große Textilfabrik zu errichten, da ja die Bezugsmöglich'eit ägyptischer Baumwolle in Palästina leicht ist. Gegenwärtig führt er Unterhandlungen mit dem Oberkommissär Sir Herbert Samuel wegen Gewährung eines Zollnachlasses. Das Ergebnis d'eser Verhandlungen wird klar sehen lassen, ob die englische Reaierung selbst bereit ist, die Entwicklung einer palästinensischen Industrie zu fördern. Das ganze Jndustrieproblem hängt aber aufs engste mit dem Bodenproblem zusammen. So lange bloß fünf Prozent des palästinensischen Bodens sich in jüdischem Besitz befinden, haben wir kein Interesse daran, ob di« palästinensische Handelsbilanz aktiv ober .passiv ist. Die Judenheit in Palästina kann nur dann eine, wirtschaftlich führende Position erlangen, wenn ihr ein großer Teil des Bodens gehört. Doch läßt sich auch unter den heutigen Verhältnissen in Palästina überraschend viel t.un. Für viele Industrien sind im Lande reichlich Konsumenten vorhanden. Gerade i»o>n diesem Standpunkte ausgehend hat Baron Edmond Rothschild, der für die Palästina-Kolonisation so viel getan hat, durch seinen Direktor in Palästina, Herrn Rosenfeld, uns erklären lassen, er sei bereit, sich an allen Industrien, die in Palästina geschaffen werden, zu beteiligen, wenn eine 60- bis 70prozentige Beteiligung Industrieller aus Wien oder Oesterreich gesichert sei. Was beute in Palästina bereits besteht, ist trotz seiner Anfänge so wert- und eindrucksvoll, daß es auf jeden Juden, -er hinkommt, mehr noch auf den Nichtzionisten als auf ^n Zionisten, Eindruck machen muß. Es zeigte sich bei der Hakoah-Reise, daß gerade die Nichtzionisten von dem, was sie in Palästina sahen, am stärksten enthusiasmiert sind. Dieser Enthusiasmus setz-te sich auch sachlich um, indem ein Teilnehmer allein eine Investition von mehr als einer Milliarde österreichische Kronen vornimmt. Es wäre meiner Meinung nach die beste Propagandamethod« des Keren Hajessod, Gesellschaftsreisen nach Palästina zu arrangieren; diese würden dem Palästina- Ausbauwerk sicher ansehnliche Mittel zuführen. Was in Palästina am meisten mitreißt, ist das ans Schritt und Tritt sichtbare hebräische Leben. Es hat auch in den alten Kolonien bereits festen Fuß gefaßt. Das juinge Geschlecht in den alten Kolonien, das bereits in Palästina' geboren ist, weist eine imponierende menschliche Mischung von Arbeit und Geist auf. In den neuen Kolonien, ist die Arbeitsenergie der Menschen, welche die Siedlungen mitten aus der Steinwüste hervorgebracht haben, bewunderungswürdig. Das jüdische Zentrum der geistigen Elite in Palästina ist T e l - A w i w. Ueberhaupt ist das, was in den letzten Jahren geistig in.Palästina geschaffen wurde, ein bedeutsamer Grundstein für die künftige Entwicklung. Die weitere Entwicklung des Sch ul Werkes in Palästina ist ebenso wichtig wie der Boden-- k a u f. Die Schulen sind es, w e l chedieMensch n um mode ln. Eines der hervorragendsten Beispiele dafür ist die Realschule in Ha i f a, welcher jetzt eine 7. Klasse angeschlossen wird, um den Absolventen den Besuch einer Londoner Universität zu ermöglichen. Bemerkenswert an der Organisation dieser Realschule ist, daß die Schüler obligatorisch zwölf Stunden wöchentlich in Lehrwerkstätten handwerklich arbeiten, gewöhnlich nach Zeichnungen, die sie selbst entwerfen. Diese Werkstätten waren vor dem Kriege ausgezeichnet eingerichtet, die Einrichtungen wurden jedoch von den Deutschen verschleppt. Ihre Ergänzung durch Einrichtuugen, Apparate und dgl. ist notwendig und die Wiener Judenschaft könnte ihr wertvolle Hilfe leisten. Die Entwicklung Palästinas ist nicht bloß ein Problem 'der Erfassung des Bodenbesitzes, der Durchdringung des Landes mit einem Schulwerk, das das hebräische Leben, welches schon jetzt dein Bescher den Eindrun eines hebräischen Landes bietet, stärkt, nicht bloß das Problem der Erlassung von Jndustriefördernden Ge'eleu, sondern auch das der Be ru fsu m sch ich tu ng. Das Technikum in Haifa ist eine Lösung dieses Problems; die andere, die ideale, ist gegeben durch die jungen Menschen, welche in den Kolonien produktive Arbeit geleistet hoben und leisten und sie wirkt auch in den städtischen Siedlungen. In Tel-Awiw ist ein djentdtwr Bndäpester Advokat Schuhmacher und ritt früherer Wiener Jurist Stadtgärtuer. Dieses Umsatteln der Intelligenz ist eines der erfreulichsten Zeichen dafür, das; die produktive - Menschenkraft des jüdischen Volkes bereit ist, das Palästina-Problem zu lö'en, und es lösen ' feint, wenn ihr die Mittel zur Verfügung gestellt werden. Herbert Saomels Urteil über die Situation. Der palästinensische Korrespondent des „New Palest'me", El i j a h u M. E p st e t n, hatte vor einiger Zeit eine Unterredung mit Herbert Samuel, in .welcher sich der High Commiffioner über , die Lage in Palästina aussprach. Hinsichtlich der politischen Lage könne man dem Enderfolg vertrauensvoll unb sicher entgegensetzen. Die englische Palästina-Politik ist unverändert geblieben, die Balsour- Erklärung w irb alsunerschütter- Iiches Dokument betrachtet, welches in seiner Gänze die Grundlage der jüdischen Politik in Palästina bilde und das Land wird gemäß den im Weißbuch vom August 1922 niedergelegten Grundsätzen verwaltet, die auch von der zionistischen Organisation angenommen wurden. Es sei sehr bedauerlich, daß ein gewisses englischjüdisches Blatt an einer Politik festbält, von der sich sowohl England als die zionistische Organisation, losgesagt haben und das Gute verdirbt, das das genannte Dokument gechasfen hat. indem das Blatt den extremistischen Gegnern dieser Politik eine Waffe in die Hand gibt. (Gemeint ist - hier zweifellos der Londoner „I e w i s h Chronicle". Die Red.) Zür Zeit der Ankunft Herbert Samuels ins Land war die Atmosphäre unruhig, bald brachen blutige Exzesse aus, die Verwaltung war mit großen Ausgaben verbunden," -Welche von der Londoner Regierung gedeckt wurden ünb infolgedessen erhob sich in der englische;: öffentlichen Meinung eine starke Tendenz geigen die engische PaWina-Politik. Gegenwärtig ist das Land ruhig, was für die Entwicklung desselben sehr wichtig ist. Die englischen Ausgaben sind um droiviertel verringert worden und werden noch kleiner werden und in England gibt es fast keine Opposition gegen das Mandat mehr. Was den Versuch betrifft, konstitutionelle Berwaltungsformen einzuführen, wird an den Vorschlag eines g es e tz g e b e n d e n Rates mit gewählter Mehrheit und mit großer Vollmacht erinnert, das zweite Anbot eines Advisorh Council war weniger bedeutend und zuletzt kam das Anbot der a ra b i s ch e n A g e n c y. Infolge der kurzsichtigen Haltung gewisser.arabischer.Führer enthalten die drei Angebote eine fortschreitende Verkleinerung der Vertretungsrechte in der Verwaltung und daher habe die Aufregung in gewissen Teilen der jüdischen Presse keinen Grund gehabt. Die Handlungen der Regierung würden oft in einem falschen Licht davgestellt. Als man zum Beispiel etliche englische Juden aus Regievungsämtern entließ, sind zu gleicher Zeit mehr als 20 nichtjüdische Beamte entlassen worden. Die Unterstützungfür die. hebräischen Schulen könne nicht erhöht iverden, weil die Regierung nicht die nötigen Mittel habe, weshalb sie auch ihr großes Erziehungsprogmmm habe ändern muffen. Zweifellos nehme die Politik einen zu großen Platz in der zionistischen Welt ein. Das diele Reden und Schreiben führe zu keinem Ziele. Weit wichtiger feien Landkäufe, Einwanderung. Kolonisation und' ähnliche Aufgaben, denn nur dieses Programm sei eine Lebensfrage für den Ausbau des jüdischen Heimlandes. Sir Herbert Sanmel versicherte,' die gegenwärtige Lage gebe volle Hoffnung für eine fruchtbare Entwicklung des jüdischen Hoimlanves' und der Fortschritt der letzten drei. Jahresei als sehr günstig anzusehen. Schließlich dementierte' Samuel kategorisch alle Nachrichten von seinen Rücktrittsabsichten, Ae Fräse der lanÄrmannschMichen Ziedlung. Die Tendenz der Natiönalfondsarbeit geht dahin, immer konkreter zu werden, man Witt nicht mehr generell „für den Nationalfonds sammeln", sondern für ein konkretes Ziel: eine landsmannschaftliche Kolonie, - einen landsmannschastlichen Wald usw. So zum Beispiel beabsichtigt die Wiener H a k o a h einen Hakoah-Wald in Kirjath-Anawim zu pflanzen. Die landsmannschaftliche Kolonisation, die bei der Aufbringung der Mittel in der letzten Zeit sehr Ersprießliches geleistet hat, stößt im Lande selbst, speziell unter der dortigen Arbeiterschaft, auf Opposition, welche auf der lt tzten Konferenz der allgemeinen Arbeirerorganljaüon züm Ausdruck gKommen ist. Diese Opposition bat ihren Grund darin, daß die Chaluzim im Lande sich in ihren; tiefsten Lebensinteresse bedroht fühlen. Sie kamen ins Land,'vom Verlangen getragen, als Bauern zu leben, die harte Wirklichkeit zwingt sie, alle mögliche andere Arbeit zu leisten; sie warten sehnsüchtig aus den Augenblick, wo sie an die Reihe des Angesiedeltwerden^ Muneit und nun droht ihnen Konkurrenz von außen, von reuten, die die Leiden der Chalnziuth nicht mitgemacht haben. Noch ein zweites Moment wird angeführt, das ernste Beachtung verdient: In Palästina wird befürchtet, daß durch die Schaffung von landsmannschastlichen Kolonien ibct Prozeß der Verschmelzung aller Nuancen des Diasporajudentums zu einem einheitlichen jüdischen Typus gestört werden könnte. Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die landsmannschaftliche Siedlung die Kraft besitzt, große Energien in den einzelnen Ländern zu Wecken: Die Aufbringung der Mittel für den Bodenerwerb, und auch für den Keren Hajessod wird umso erfolgreicher sein, je mehr die Zionisten, respektive die Juden des betreffenden Landes, wissen werden, daß die von ihnen bereitgestellten Mittel für die Ansiedlnng ihrer Landsleute, ja sogar für Personen ihres Bekanntenkreises verwendet werden. Das Problem verliert freilich an Schärfe, wenn die landsmannschaftliche Siedlung bloß beabsichtigt, die Namen der betreffenden Länder in Palästina zu verewigen oder die Namen bedeutender zionistischer Führer, ohne daß das betreffende Land tatsächlich Siedler stellt. Ch.. T. * In der Sitzung des N a t i o n a l f o n d s - (K. K. L.-) Direktoriums in Jerusalem wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Der K. K. L. ist geneigt, die Moschwe Owdim (Arbeitersiedlungen) zu fördern. Das Direktorium des K. K. L. wird sich zu diesem Zwecke mit dem Direktorium des Keren Hajessod in London in Verbindung setzen, um es zur Bezahlung seiner Schuld an den K. K. L. zu veranlassen, die dieser den Moschwe Owdim zuwenden wird. 2. Der Bau eines eigenen Hauses für das Hanptbureau des K. K. L. 3. Einen Wettbewerb für die Ausstattung eines dritten „Goldenen Buches" unter den Künstlern Palästinas auszuschreiben, da das zweite „Goldene Buch" mit 5000 Eintragungen zu Ende ist. Wort und Fmvort PaKMas. Der Export Palästinas im dritten Vierteljahr 1923 betrug 411.552 Pfund Sterling. Der Import 1,077,777. Unter den Importländern rangiert Aegypten mit' 191.828 Pfund Sterling an erster und die Vereinigten Staaten mit 68.980 Pfund Sterling on zweiter Stelle. An der Spitze der Exportländer sicht Großbritannien, ihm folgen Syrien und die Vereinigten Staaten. — Der Vergleich diesen Handelsbilanz mit der vorjährigen ans demselben Zeitabschnitt weist eine stetige und wachsende Erstarkung der palästinensischen Wirtschaft auf. Während sich die Jmportziffer von 1,251.713 auf 1,077.777 Pfund Sterling senkte, stieg zrt gleicher Zeit die Exportziffer von 389.894 auf 411.552 Pfund Sterling. Re Einnahmen des Mische» Rationalsoud» im ersten Luartal der Fahre« 5884 betrugen rund 2 3.3 3 3 P f u n d. Hierzu trugen die Vereinigten Staaten über 7000, Rumänien 1228, die Tschrcho-Slowakei 858, Polen 690, Palästina 396, Bukowina 239, Jugoslawien 225, Deutschland 158, Oesterreich 142 Pfund bei. Im ganzen setzt sich die oben genannte Gesamtsumme aus Beträgen von 41 Ländern oder Sammelgebieten zusammen. — Es ist einleuchtend, daß bei intensiverer Sammeltätigkeit diese Bewöge, welche ausschließlich der wichtigen Aufgabe des Bodenkaufes dienen, sehr beträchtlich vermehrt werden könnten! Bom PMtina-Ausbausonds (Keren Hajessod). DieDezembereingä n ge des Ke reu Hajessod beim Hauptbureau in London betragen 29.422 Pfund 14 Schilling 8 Pence. Davon entfallen (in runden Zahlen) auf Amerika 17.442, Rumänien 1382, Tschecho- Slowakei 1359, Südafrika 1000, Beßarabien 800, England 799, Polen 756, Argentinien 547, Russische Emigranten 523, Kanada 522, Litauen 517, Oesterreich 422, Ingostawien 180, Palästina 170, Bukowina 138, Ostgalizien 84, Transsylvanien 75. Eine Reihe Länder ist mit kleineren Beträgen vertreten. Diverse Beiträge 1744. Bis zum 31. Dezember 1923 hat der Keren Hajessod 1,158.098 Pfund eingenommen. Die Keren Hajessod-Eingänge beim Londoner Hauptbureau im Jänner 1924 betragen rund 33.804 Pfund. Es steuerten unter anderem bei: Vereintzte Staaten 19.901, Kanada 4275, Rumänien 2338, Tschecho- Slowakei 753, Polen 696, Oesterreich 392, Bukowina 293, Jugoslawien 250,' Palästina 120 Pfund. * Ueber die Verwendung derKeren Hajessod« Gelder im November — es wurden bloß 80.493

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