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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-14 · Heft 1795 (14.2.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1795 (14.2.1924)
Date
1924-02-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Mac Donaild Hat dem Unterhaus das Programm der Arbeiterregierung vorgelegt und das erste Vertrauensvotum erhalten. Das Haus vertagte sich auf Antrag des Premierministers, nachdeni der gewesene Ministerpräsident Baldwm, alter parlamentarischer Uebung entsprechend, dem Redner seine , Anerkennung ausgesprochen hatte. Das Expose Mac Donalds hält sich in dem Rahmen, den das Kabinett. in seiner ersten Sitzung unmittelbar nach der Amtsübernahme gezogen hatte. Es betont die friedlichen Grundtendenzen der Regierung, die sich nicht auf das englische Territorium beschränkt, sondern aktiv und initiativ an dem Neuaufbau der Welt Mitwirken will. Es ist eine vollkommene Abkehr von den Wegen, auf denen sich das Baldwinsche System bewegte, wenngleich Mac Donald einstweilen die alten Formen und Methoden beibehält. Er faßt alle Probleme, die bisher in ihrer Vielgestaltigkeit verwirrend wirkten, in einer Einheit zusammen. Sein Program ist konstruktiv, indem' er die deutsche und die russische Frage auf die gemeinsame Wurzel des Kriegfriedens zurückfuhrt. An die Spitze der weltpolitischen Institutionen stellt er den Völkerbund als den höchsten Ausdruck europäischer Solidarität. Der neue Geist dieser resoluten Anwendung alten Bekenntnisses durchweht die Rede, mit welcher Mac Donald vor das Forum des Unterhauses trat. Er spricht die Notwendigkeit der Emsubrung Rußlands und. Änttschlands in die Äiga der Kationen in einfacher, klarer Wendung als eine SelbstverstäMichkeit aus, die nicht näher begründet werden muß. Der Zustand der Welt, die nach England hinüberschlagenden Uebel, die fein Kanal, feine Polizeivorschrift abwehren kann, liefern den Untergrund. Sie hatten sich seit fiirtf Jahren fast' ungestörter Enttvicklungssreiheit erfreut. Mac Donars Anerkennung Sowj-etrußlands ist der erste erfolgreiche Griff in das Netz der Intrigen, nachdem vorher Lloyd George in Genua von seinen Versuchen, die von Frankreich aufgeführte Barrikade zu durchbrechen, hatte Massen müssen. <Shon damals, vor zwei Jahren, hatte Walter Rathenau in deni Rapallo-Vertrag die Neuorientierung Europas angekündigt. Er hatte die erste Bresche gefegt und es wäre seiner Autorität, seinem Mut und seiner unbedingten Ehrlichkeit gelungen, den Stacheldrahtzaun zwischen Osten und Westen einzureißen. Er starb in der Bresche als Opfer antijüdischer Tollwut. Sein Werk blieb unvollendet. Wieviel Unglück hat sich seither ereignet, was mußte geschehen, bis das englische Volk es unternahm,' der einfachen Vernunft den Weg zu öffnen! Mac Donalds Schritt ist die Fortsetzung des von dem Juden Rathenau vertretenen Systems, das den Krieg durch die Beseitigung der Kriegsursachen bekämpft. Es ist die Ankündigung einer neuen politischen Mentalität, die sich aus tiefem, sittlichem Empfinden herfeitet, und vielleicht den Gehoimdiplomaten und Kriegsdemagogen, nicht aber den Völkern unverständlich bleibt, weil es aus ihrer Seele spricht. Mac Donars Programm ist dos des Friedens, und darum will auch er das Bündnis mit Frankreich nicht' aufgeben. Der deutsche Revanchetraum von dem Ende der engllsch-französischen Freundschaft, muß auch Wetter Traum bleiben. Ein Konflikt zwischen diesen Staaten lväre, wenn er zum Krieg triebe, der Tod der europäischen Kultur, und nur Englands Ausharren kann dies verhüten, was heute in vielen französischen Äest'hetensalons und" in deutschen Kd fernen mit tiefster Sehnsucht angesttebt wird, ein nochmaliges Ausbrennen der Kriegsflamme, die sich aber nicht mehr aus die Front, sondern noch viel mehr aus die Waffen- und wehrlosen Hinterländer ausbreiten müßte. Der Zukünstskrieg wird eine Orgie der Giftgaschemie sein und es ist eine Polttik des Verbrechens, mit diesem Gedanken zu tändeln. Die Festigkeit Englands und seine nur im Bundesverhältnis mögliche Funktion der aktiven Kontrolle hat schon jetzt in die französischen Kanzleien neue Gedanken getragen. Zwar ist der Haß und die Angst vor Deutschland nicht abgeschwächt worden — dafür sorgen schon die eisenfressenden Ludendorffs —, aber die Lockerung der Spannung.ist doch zu merken. Die kommenden Wahlen in Frankreich, werden das wettere besorgen. Der Chauvinismus wird vielleicht noch in diesem Jahr das Ende seiner Illusionen, den Sieg des VölferbundyedankenS und des gesunden Menschenverstandes sehen. Mac Donalds Bettuch zur Lösung der emopAsche» Krise. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 13. Februar. Die „Daily News" veröffentlichen heute eine anscheinend offiziöse Mitteilung ihres diplomatischen Mitarbeiters über die von Ramsay Mar Donald in Aussicht genommene Europa-Konferenz. Demnach könne eine dauernde Lösung der europäischen Fragen ohne Mitwirkung der Bereinigten Staaten nicht erreicht werden. Amerika sei twer in diesem Jahr wegen der bevorstehende« Wahlen nicht in der Lage, zu diesen Fragen entscheidend Stellung zu nehmen. Es werde daher von englischer Seite eine Zwischenlösung auf folgender Grundlage angestrebt: 1« Die Konferenz habe die Ausführuua der Sanierungsvorschlage der Sachverständigenausschüsse zu beschließen, die von Deutschland unter Aufsicht eines L ö l k e r b u n d k o m miss 8 r s durchzusühren find. 2. Deutschland erhält ein Moratorium von zweieinhalb Jahren. 3. Nach Ablauf dieses Moratoriums setzt eine internationale K o n f 11 e n z die jährlichen B etr8ge fest, die Deutschland an Reparationen zu leisten hat. 4. England gewahrt Frankreich ein zwanzigjähriges Moratorium Kr dessen Schuld an England.' T '' Frankreichs Ansicht. Zustimmung. Paris, 13. Februar. Die Rede Mae Donalds wird sowohl von der öffentlichen Meinung als auch in maßgebenden Kreisen sehr günstig ausgenommen. Der Vorschlag einer allgemeinen Abrüstungskonferenz findet günstige Kommentare. Wenn die von Mae Donald borge- I schlagene internationale Ko n f c renz zusammen- | tritt, werden die englischen Vorschläge zur Basis der Beratungen genommen werden. Es sei aber keine endgültige Regelung ohne Amerika möglich, daher würde man vorläufig eine provisorische Regelung für eine Zeit von 20 Jahren suchen. Für diese Zeit müßte sich England verpflichten, von Frankreich keine Zahlung einer Schuld zu verlangen, Frankreich würde dagegen zugestehen, daß die deutschen Finanzen unter die Kontrolle des Völkerbundes gestellt werden. Der Völkerbund würde eine» Oberkommissar ernennen, der in Berlin streng über die deutsche Finanzwirtschaft zu Wachen hatte. Deutschland würde ein zweieinhälbjahriges Moratorium bekommen, nach welchem es die Zahlungen, deren Höhe von einer internationalen Konferenz bestimmt werden würde, unter dem Titel „Reparationen" zu effekturiereu hätte. Frankreich könnte dann vielleicht überredet werden, die R « h r z u r ä u m e n, und würde sich auch einer A nleihe für Deutschland nicht entgegenstellen. Und dennoch Kriegseüstungen. Paris, 13. Februar. In der Kammer ist die Vortag über die Organisation in Kriegszeite« ginge» bracht worden. Sie geht von der Poranssetzung cms, daß irr« ^Zukunft immer mit einer langen Kriegsdauer gerechnet werden müsse, somit alle Zweige der nationalen Tätigkeit zur Landesverteidigung herangezogen werden müssen. Bon dieser Erwägung ausgehend, sollen vor allem die Verkehrsmittel schön zu Friedenszeiten so ausgebaut werden, daß sie jederzeit den Ansprüchen des Krieges genügen könnten. Das gleiche Prinzip soll auch auf die Produktion, die geistige Arbeit und die Regelung der Beziehungen zwischen dem Staate und seinen Bürgern angewandt werden. Eine Wahlrede Coolidges. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Washington, 13. Februar. Präsident Coolidge ist nunmehr mit voller Kraft in den Wahlkampf eiugc treten und hat m einer Wahlrede die Außenpolitik Amerikas gekennzeichnet..,Er erklärte die jüngsten Ereignisse seien keineswegs danach angetan, die ^Außenpolitik der Bereinigten Staaten zu ändern. Die Aussichten ans eine Regelung d e r ■ europäischen Lage erscheinen nichtsdestoweniger in einem günstigen Lichte. Der Präsident hob die bedeutsame Beteiligung dreier Bürger der Veveinig-teu' Staaten an den Arbeiten' der Sachverstäudigeuausschüsse hervor. Unter Feststellung, daß jede Lösung Anleihe u erfordern «werde, befürwortete der Präsident die Ausfuhr aller für heimische Geschäfte nicht unbLdingt notwendigen Kapitalien. Schließlich erklärte der Präsident, die Vereinigten Staaten seien bereit, an der Einschränkung des Wettrüstens mitznarbeiten. Berfassnngsstreit als Folge deA Pelroleumspananras. Washington, 13. Februar. Die von der Mehrhett des Senates an den Präsidenten Coolidge gerichtete Aufforderung. den in das Petroleunvpanarua verwickelten MavlMMlmster Denby seines Amfes zu entheben, hat e-in'ön Verfass nn gs st reit iheranfbeschwoveu. Präsident Coolidge ist nämlich der Ansicht, es fei ausschließlich Sache des Ministerpräsidenten, Minister in das Kabinett zu berufen oder zu entlassen Er habe jedenfalls nicht die Absicht, die Aufforderung des Senats zu 'befolgen, Eowjetrutzlands Anerkenn««». Ueberreichung bet österreichischen Note noch diese Woche. Wie wir aus diplomatischen Kreisen erfahren, wird die österreichische Bundesregierung noch im Laufe dieser Woche die Rote über die formelle de jure-Anerkennung Sowjetrußlauds der Wiener russischen Vertretung übergeben. Diesem Schritt werden unmittelbar danach die Verhandlungen zur Regelung aller schwebenden Fragen folgen. Mutige Nratzenkämvke gegen Separaten. Belagerungszustand in Pirmasens. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Pirmasens, 13. Februar. Gestern abends entstanden schwer.; Kämpfe zwischen der Einwohnerschaft und den Separatisten. Die vor dem Verlagshause der „P i r m as e n s e r Zeitung" stchen.de Volksmenge, die das Wiedererscheinen der Zeitung erwartete, sandte eine . Abordnung zum separatistischen Bezirkskommissär und verlangte den Abzug der Separatisten ans Pirmasens. Als diese Forderung verweigert wurde, zog die Menge vor das Quartier der Separatisten, die auf. die Menge schossen und sie mit Handgranaten bewarfen. Hierbei wurden, soviel bis jetzt bekannt ist, neun Personen zum Teil schwer verletzt. Die Bürger.vehr hat mehr c r e Tote zu verzeichnen, In später Abendstunde rückten zahlreiche Feuerspritzett vor das Hauptquartier der Separatisten und setzten es unter Wasser, um auf diese Weise die Uebergabe zu erzwingen. Schließlich wurde das Gebäude mit Benzin in Brand gesteckt. Als der untere Teil in Flammen staub, stellten die Separatisten das Feuer ein und baten um Gnade. Inzwischen waren einige Männer auf einer Leiter in das Gebäude eingcdrungen und es entstand ein Kampf Mann gegen Manu. Die das Gebäude verlassenden Separatisten wurden von der Menge erschlagen. Unter ihnen befand sich auch der Rcgierungskommissär Schwaab, der sich durch besonders brutales Vorgehen sehr verhaßt gemacht hatte, sein Adjutant sowie andere bekannte Separatisten. Das Gebäude brennt noch. Wie verlautet, sind ans Seite der Bevölkerung drei Tote zu beklagen/ darunter der praktische Arzt A n st ä t i, bcr mit dem Verbinden von Verwundeten beschäftigt war, sin junger Mann namens Po reit ins und eine Frau Stumpf. dl ach weiteren Meldungen ans Pirmasens find auf feilen der Bevölkerung noch 30 Schwerverletzte zu verzeichne::. Tie Zahl der getöteten Separatisten fei 15. Die Oberkommission hat heute einmütig beschlossen, in Pirmasens den Belagerungszustand zu proklamieren und die dortigen Turnvereine ansznlösen. ■ Zwei Kompagnien Jufaiuerie sind unverzüglich nach Pirmasens entsendet Wochen. Ein Delegierter der Oberkommission hat besondere Maßnahmen betreffend den Verkehr erlassen.

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