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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-05 · Heft 1786 (5.2.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1786 (5.2.1924)
Date
1924-02-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Elazelnnmni er S1200 Wien: Zum Abholen in der Expedition, H„Taborstr. 1-3, oder in einer Versehleinstella (l'ratikl monatl. K 35.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma GoIdschmiedt,I. Bet^ Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 85.000 Tsche c h o-8I owakei: Mon. K18. Jugoslawien: Men. Dinar 60. Polen: Mon. osterreich. Kronen 30.000, Deutschi.: Mon. 6oldmark 4.—, Franko Belgien: Mon. Fres.12 1 MT N aeh eahI n ■ f en bei PreiaerhShnBfM rwhehalte» lener Rr. 1786 Wien. Dienstag. 5. Februar 1824 foieaip9h.lJii200.OM Italien: Monatl. 12 Lire Rumänien Mon. 130 Lev Bulgarien Mon.80 Lewa, Schweiz und das übrig* Ausland monatlich Fres. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab 6Uhrabds.19483,25-282 TeL- Adr.:„Mer?enxeitaagM Wien Oetterreiebisekee Postspar* kassen-Konto Nr. 150.693 6. Mrsaag Wilsons Lob. —y. Wie», 5. Februar. Ane neue Fast in der gleichen Woche sind Lenin und Wilson gestorben, zwei Männer, die einmal, im Zentrum kommender Wünsche und Hoffnungen standen und dann nach kurzer Frist der Aufmerksamkeit der Mitwelt wieder entzogen wurden. So unähnlich sie einander in Werdegang, Weltanschauung und Lebenserfüüung waren, so zeigt doch ihr endliches Schicksal einen gewissen Parallelismus. Beide hat der Krieg in das helle, kalte Licht der Oefsentlichkeit gestellt, und beide konnten den Traum, den sie geweckt, nicht ins. Leben führen. Lenin, der Theoretiker der Revolution, wurde ihr Führer und Vollender. Mber vor dem eisernen Gesetz der ökonomischen Logik konnte seine Lehre nicht bestehen und er selbst mußte zu ihrer Revision schreiten. Er wie Wilson hatten Krieg geführt, um den Weltfrieden zu erzwingen. Aber beide wirkten in einer Welt, die den Krieg um des Krieges willen liebte, die ihre Kräfte bis zum Fieberparoxysmus ausgegeben hat. Lenin, der ihr Führer hätte sein sollen, durchschritt das Labyrinth der Wirtschaftspolitik und. kam schließlich vor die tote Wand. Wilson trat, enttäuscht, verbittert, mit krankem Herzen in das Dunkel des Privatlebens zurück. Er war nach Washington und Lincoln der größte, weil menschlichste Politiker, den Amerika hervorgÄracht chatte. Washington erkämpfte der Union die Freiheit, Lincoln machte der Sklavenschande ein Ende. Sie beide beschränkten sich und ihr Wirken aus das Gebiet ihres Staates. Wilson griff darüber hinaus. Er wollte der Menschheit den Frieden bringen, setzte die ganze robuste, unverbrauchte Kraft seines Staates für dieses Ziel ein und scheiterte, weil er nicht gewußt hatte, Haß es in Europa keine Wilsons gab, keine Männer, die Welt und Menschheit als ein Ganzes betrachten; nicht einmal Europäer, sondern nur Vertreter von Staaten, voll Haß gegen den besiegten Feind, voll Mißtrauen gegeneinander, voll vom Blutrausch des Schlachtfeldes. Dem reinherzigen Universitätsprosessor standen Routiniers der politischen Intrige gegenüber, an denen die Kraft des klaren, unzweideutigen Wortes scheitern mußte. In den vierzehn Punkten, die er am Grab Washingtons verlas, hatte er der Welt eine Botschaft des Friedens verkündet. Dieser magna charta antwortete der Vertrag von Versailles. Nur den Gedanken des Völkerbundes konnte Wilson retten. Aber dieser Torso seiner großen Botschaft ist doch lebenskräftiger gewesen, als die Diplomaten geglaubt hatten, die lächelnd dem amerikanischen Idealisten diese Konzession gemacht hatten. Unter den Händen der patriotischen Kabinette wurde freilich auch dieses Zugeständnis immer weiter zugestutzt. Die Liga der Nationen, die er hatte schassen wollen, wurde noch nicht zustandegebracht. Aber auch der Bund, von dem vorerst die besiegten Staaten ausgeschlossen blieben, ist doch durch seine Existenz ein Instrument der Kriegsverhütung geworden. Durch eine Reihe sehr wesentlicher Einschränkungen wurde versucht, die Zweckbestimmung Wilsons zu durchkreuzen, aber doch konnte der Inhalt nicht ganz 'gefälscht werden und der Pazifismus zog Mut und Trost aus der Tatsache, daß' die hurtige Diplomatenarbeit das Werk in den Grundlinien hatte bestehen lassen müssen. Der Völkerbund ist das einzige, leider heute das letzte Mittel, den Einbruch der internationalen Anarchie zu. verhindern, und es kann sich heute nur mehr darum handeln, ihn zu verbessern und auszubauen. Der Haß, mit dem der Völkerbund in der nationalistischen Presse aller Staaten behandelt wird, gilt nicht in letzter Linie den Bestrebungen, Deutschland und Rußland aus der Macht ihrer Demagogen zu erlösen. In Versailles war Wilson isoliert worden. Seine Mitarbeiter aus Amerika waren die ersten, die ihn verließen und dem Einfluß Clemenceaus und der Racherufer unterlagen. Ihre Stimmung übertrug sich aus die OesfentlickLeit der Bereinigten Staaten. Dort wurde gerade wegen der Verstümmelung des Völkerbundgedankens das ganze Friedenswerk verworfen. Ein heftiger Kampf gegen Wilson entstand, der ihn auch dort vereinsamt zeigte. Verbittert kam der Präsident zurück. Er war in Herz und Mark getroffen und konnte sich nicht mehr erholen. Aber der Völkerbund, sein Wert, überlebt den Märtyrer der Idee, den Kämpfer für den großen Frieden. .. England greift aktiv ei«. — Der Kabmettsrat in London. — Die Regierung lehnt RotstandsEnngen ab. (Eigendienst der „WienerMorgenzeitung".) London, 4. Februar. Die englische Regierung erörterte heute in einer Kabinettssihung die Möglichkeit der Einberufung einer neuen Konferenz über die Reparationsfrage und befaßte sich auch mit dem Arbeitsl-s.en- und Wohnungsproblem. Die Gewerkschaften des Baugewerbes verlangen von der Regierung eine umfassende WohnnngSpolitik. Der britische Botschafter in Paris Lord E r e w e ist heute in L o n d o n eingetroffe«. Man glaubt, daß er der Ueberbringer sehr wichtiger französischer Borschlageist. Dienstag wird das Parlament wichtige Regierung serklarnngen über die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit anhören. Vorläufig wird mitgeteilt, daß die Regierung entgegen den Absichten der Baldwin- Regierung es ablehnt, zum Zwecke der Beschäftigung der Arbeitslosen eine Serie leichter Kreuzer zu baue«. Die ersten Standeserhöhungen wurden bereits vorgenommen.. Sie betreffen die Ernennung Sir Didneh Olivie r s, Sekretär f Lr I»dien, Bri-; ' ' '\v; ->,. -f*. . V'. ’’ .’ Die neue russische Regierung. Moskau, 3. Februar. (Rufs. Tel.-Ag.) Die von der neugewählten Zentralexekutive der Sowjetunion gewählte Unionvegierung setzt sich wie folgt zusammen: Präsident des Rates der Volkskommissare Rykow, Stellvertreter und gleichzeitiger Vorsitzender des Rates der Arbeit und Bevtvidigun-g Käme ne w, Aeußeves T schits cherin, Krieg Trotz!y, Außenhandel K r a s si n, Verkehr Rudsudak, Post Sm-itJtow, Inspektion Kujbhschow, Arbeit Schmidt, Ernährung Brujdjauow, Finanzen Scholnikow, Präsident des Obersten Vollswirtschaftsvates Dscherschinski. Hinter verschlossenen Türen. Mailand, 4. Februar. (Tel. d. „Wr. Movgeirzeitung") Me der Mosümer Korrespondent des sortiere della Sera" meldet, fand di« Wahl RykowS zum Präsidenten der DoWkomintifläve hinter verschlossenen Türen statt. Der italienische Gewährsmann meint, die Wahl verdiene im Ausland günstig ausgenommen zu werden, da Rykow die neue MrtschaftsPoMk des Leninschen Regimes eingekeitet habe. Die Wiederwahl Trotzkys wird als Beweis der Versöhnung der verschiedenen Strömungen bezeichnet. Wichtig ist die Wiodevtvahl Dscherschinskis, der zwar Chef äs Dienstes bleibt, aber auch die Organisation der Industrie durchzusühven hat. Die Unterzeichnung des ita-lienisch-russlschen Vertrages verschoben. Rom, 4. Februar. (Tel, d. „Wr. MorgenzeÄnng".) Die Hrvterzoichnung be& italienisch-russischen Handels-- und Schiffähvtsvertrages mußte in letzter Stunde verschoben werden, weil die Durchsicht des Textes nicht rechtzeitig beendigt werden konnte. Die ,^rkbuna" schreibt zur Verschiebung der Unterzeichnung des italienisch-russischen Vertrages, die Forderung der russischen Regierung, den Text emzusehen, habe überrascht. Es liege der Verdacht nahe, daß es sich um eines, der V e r f chlepPu ngsma n öder handle, die in den Verhandlungen mit Rußland so oft zu beklagen gewesen . seien. Es sei - das' erste Mal in der Geschichte Mtevnationaler Verhandlungen, daß eine Großmacht im Augenblick dev Unterzeichnung eines Vertrages Znrücktvete. Dev Nachfolger Lenins. Der neue Präsident des Obersten Wirtschaftsvatcs, Rykow, ist r u s s i s ch e r Abstammung aus einer Bauernfamilie, und hat höhere Bildung genossen. Er war ein langjähriger Freund Lenins und trat zum ersten Male im Jahre 1917 im Moskauer Sowjet gege n Kerenski aus. Er gehörte zu den Gründern des Obersten Wirtschaftsrates und hatte bei der - VevsoWMg der Roten ZlMee große VMmchky. Seit gadegenerals Thomso«, Sekretär für Luftschiff« fahrt »nd Sidney Arnolds, Unterstaatsseikretar für dir K o l o n i e n, zu Peers von England. „Ames" enthüllen die ungarischen Srevrl. (Eigendienst, der Miener Morgenzeitung".) London, 4. Februar. „Times" kündige» an, daß sie in der nächsten Woche mit einer Veröffentlichung wichtiger Enthüllungen über die Ereignisse in Ungar» in den letzten Jahre« beginnen werden. Sagland und Rnßland. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Moskau, 4. Februar. Die Anerkennung der Föderation der Sowjetstaten durch England erweckte im Kongreß der Sowjets großen Widerhall. Sie wird -als ei« Zeichen von großer historischer Wichtigkeit gewertet. Es wurde ein Beschluß des Kongresses angenommen, der die Zusammenarbeit mit dem englischen Voll begrüßt, die Friedensliebe der Sowjetregierung ausspricht und die englisch-russische Zusammenarbeit als stetige Sorge-der Regierungbezeichnet, Ende,192t tautfcte er auf Wunsch Lenins Air fernem S t e U* Vertreter ernannt. Damals zählte er 40 Jahre. Er leidet angeblich an einer Kehlkopskrankheit. Lossow «ad Kahr sehe«? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) München, 4. Februar. Obwohl die Meldungen von einem bevorstehenden Rücktritt des Generals Lossow amtlich bestritten werden, wird in gut unterrichteten Kreisen versichert, daß Lossow gehen muß. Ebenso scheint für Kahr und S e i s e r die Stunde des Abschieds geschlagen zu haben. Gewisse Kreise wollen zwar die drei Genannten um jeden Preis halten, da in dem bevorstehenden Hitler-Prozeß die Aussagen Kahrs,' Lossows und Seifers, wenn sie noch im Amte sind, weit weniger deutlich sein würden als wenn sie als Privatpersonen aussagen würden. Doch scheint gerade dieser Umstand in prominenten Kreisen der ba hrischen Bolkspartei die Bemühungen, den Rücktritt Kahrs uüd Lossows herbeizusühren, zu verstärken; überdies wäre vor allem durch dtzn Rücktritt Lossows die Möglichkeit gegeben, den Konflikt zwischen der bayrischen nnd der Reichsregierung zu lösen. Angeblich soll unter diesem Gesichtspunkte zwischen dem Reichskanzler und dem Ministerpräsidenten v. Knilling gelegentlich ihrer Zusammenkunft in Homburg ein U e b e r e i n k o m m e n zustande gekommen fein, . Ser amerikanische Petroleumskandal. London, 4. Februar. Das Räuberische Bureau melde) au4 Washington: Fall, der heute trotz des Protestes seiner juristischen und ärztlichen Ratgeber vor dem -Untersuchungsausschuß des Senats erschienen ist, hat es. rundweg abgelehnt, irgend eine Frage in Angelögenheit der Petwleumverpachtungen oder seiner Beziehungen zur Sinclair-Gruppe zu beantlvorten. Er erklärte, erstens habe der Untersuchungsausschuß seine Besnguis verloren und zweitens würde seine Antwort nwglichevweisc das Gerichtsverfahren schädigen. Me jetzt bekannt geworden ist, hat schon vor .längewr Zeit eine Anzahl Marineoffiziere in höheren Stellungen gegen die Verpachtung der der Marine gehörigen Petwleumländereien an die Sinclair-Gruppe protestiert, ' aber dieser Protest wurde stillschweigend zu den Akten gelegt. .Der Senalsausschuß hatte davon Kenntnis erhalten, aber es war ihm n n m ö glich, etwas zu unternehmen. Die Verha-ndlungen des Untersuchungsausschusses sind wegen des Ablebens des Expväsidenten Wilson aus einige Tage unterbrochen. V _ .... Beniselos' Nachfolger. London. 4. Februar. Das Reutersche Bureau meldet aus Athen, Justizmimster Kaifandaris sei zum neuen Ministerpräsidenten ansersehrn,

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