Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1784 (2.2.1924)
- Date
- 1924-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung^.) Me jüdische Minorität, i —y. Wien, 2. Februar. . Eine Meldung der „Daily Mail" berichtet über Panikstimmung unter den Juden Rußlands. Infolge des Todes Lenins sei die Auflösung der kommunistischen Partei eingeleitet und die bevorstehenden Wirren hätten zu.einem Massensturm der Juden auf die britische Vertretung in Moskau geführt, die ihnen die Ausreise nach Palästina ermöglichen solle. Diese Meldung gehört in die Kategorie jener Nachrichten, die seit sieben Jahren immer austauchen, so oft in Rußland irgend ein besonderes Ereignis eintritt. Sie hat sicherlich jederzeit eine gewisse innere Wahrscheinlichkeit, denn die Lage der Juden in Rußland ist in jedem Falle, ob nun das. Sowjetsystem fortdauert oder in sich zusammenbricht, eine sehr schwierige. Die Kommunisten, die ja auch nicht klüger und umsichtiger sind als regierende Parteien anderer bürgerlicher Länder, haben es sich der Bequemlichkeit halber angewöhnt, die jüdische Bevölkerung als eine einheitliche Masse zu betrachten, die von kapitalistischen Instinkten gleichmäßig erfüllt ist; die Monarchisten wieder halten das Judentum in Bausch und Bogen für kommunistisch und drohen ihm für den Fall ihres Sieges mit einem Terror, der sogar das befreundete Horthy- System zum Neid zwingen soll. : Nun kann man einstweilen weder vom Zusammenbruch-der Sowjetregierung, noch von dem Sieg der russisch-monarchistischen Vereinigungen sprechen, die einander wütend bekämpfen und nur die Geldquelle — Hofgunstlüsterne jüdische Bankiers — gemeinsam Hadem Die Nachricht der „Daily Mail" ist insoweit unrichtig, als sie die zentrifugale Wirkung des Todes Lenins schon jetzt erwartet. «Der Sinn dieser Meldung liegt aber auf der Hand, Die englische Regierung bereitet' die 'Anerkennung der Sowjetsöderation vor. Dieser Schritt entspricht der politischen Vernunft und soll dem Zwecke dienen, Rußland, so wie es ist, so wie seine Bevölkerung es sich eingerichtet hat, wieder an Europa anzuschließen und so einen Zustand zu beenden, unter dem beide Telle schwer gelitten haben. Dieser Entschluß der Arbeiterregierung findet erklärlicherweise starken Widerspruch in vielen englischen Kreisen und es dient'dieser Stimmung, wenn jetzt von allen Seiten Nachrichten kommen, die. das. Moskauer System als sterbend hinstellen und schon die Konsequenzen einer solchen Erschütterung detailliert an die Wand malen. ' Das Eigentümliche aller dieser Meldungen aber ist eben der Nachdruck, mit dem auf die Juden hingewiesen wird. Alles, was aus dem Osten berichtete wird, reflektiert irgendwie auf die Juden. Der Zweck mag ein verschiedener sein: die einheimischen verschüchtern; die ausländischen für Anleihen günstig stimmen (da ja das Märchen von dem jüdischen Reichtum-sich in ungestörtem Glanz erhält). Man mag dieses ■ prononzierte Unterstreichen der jüdischen Stimmung als einen Beweis für die große wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung des jüdischen Elementes nehmen. Charakteristisch aber bleibt, daß stets nur von der Panik gesprochen wird. Wir haben noch nie gelesen, daß die Juden (was ja auch absurd wäre) ihre Zufriedenheit mit dem System ausgedrückt haben. Es ist-eben so, daß jeder Journalist, der berufsgemäß die Anschauungen der Negierenden und Regierten kontrolliert urd auf ihre sozialen und gesellschaftlichen Motive prüft, die schiefe und belastete Position der Juden, wo immer sie leben, genau kennt. Ob ein System kommt oder geht, stets gerät die jüdische Bevölkerung in Besorgnis. stets wird dies durch die hellhörigen Korrespondenten berichtet und. stets zeigt sich der gleiche negative Effekt. Abe^ gerade dieses Erwähnen der jüdischen Panik delveist es, daß die Korrespondenten, diese gesellschaftshritischen Wachorgane, diese ewige Gefährdung der jüdischen Existenz als ein quälendes Moment empfinden und darauf aufmerksam machen. Kein- Augenblick'wäre gesjgneter als der jetzige, diesen Teil des jüdischen Problems emer, Klärung zuzuführen. Die englische Ärtzeiterregierung plant die Einberufung einer internationalen Konferenz zur Beratung der Reparationsfrage und der Eingliederung Rußlands in das europäische Wirtschaftsleben. Ihre Arbeit wäre unvollkommen und alle Anstrengungen müßten scheitern, wenn nicht bei'diesem Anlaß auch die Judenfrage, die ja schon zu einem großen Teil zum Völkerbund ressortiert, gründlich aufgerollt und gelöst /würde. Die jüdische Minorität muß ans ihrer Psychischen Desorientierung erlöst und auf die gesunde, vom Völkerbund garantierte Basis einer sicheren .Ent- ---::'- London, 1. Februar. Die englische Re grerung hat heute die Sowjetregierung formell anerkannt. Zur Anerkennung der russischen Regierung wird berichtet, daß die schwierigen Verhandlungen über die Schulden Rußlands und über die Entschädigungen der britischen Staatsangehörigen, welche in Rußland Schaden erlitten haben, erst später beginnen würden. M aMNche Mitteilung. L o n d o n, 1. Februar. (Reuter.) Abends wird amtlich mitgeteilt, daß die britische Regierung in die d e jure - An erkenn ung der Sowjetregierung eingewMgt habe. Den, .Wortlaut den englischen Note <m Moskau bet* öffentlichen wir, ayf' Sefte 6. ' ' ‘ : ju ffietftonWH»öcn ljefcU. London, 1. Februar. Da die Anerkennung Rußlands seitens der englischen Regierung bedingungslos vorgenommen worden ist, hat , die russische Regrerurrg dem englischen Kabinett die Mitteilung zügehen lassen, daß sie geneigt sei, an der Bildung einer gemischten britisch-russischen Kommission zur Untersuchung aller ansstehenden'. Fragen, wie Schulden und Zahlungsverpflichtungen, teilzunehmen. London, 1. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Universal Telegraph Agency meldet aus Bagdad: Zur Bestrafung von R e b e l l e n, die die Oberhoheit Englands für adgesetzt erklärten, hat der Oberkommissär den britischen Streitkrästen den Befehl erteilt, die Stadt Bagdadzubombardieren. Eine große Anzahl Flugzeuge stieg auf und bewarf Bagdad wahrend 2 4 Stunden ununterbrochen mit Bomben. In der Stadt entstand eine Panik. Von den Flugzeugen wurden zahlreiche Brände festgestellt. Eine Abordnung des Scheiks erschien beim Oberkommissar und erklärte ihre Bereitwilligkeit, sich der Oberhoheit und dem Befehl der Engländer zu unterwerfen. Wegen des heutigen Feiertages erscheint morgen früh keine Zeitung. Die nächste Nummer der „Wiener Morgenzeitüng" wird demnach am Montag den 4. d. als Mittagsblatt ausgegeben.; Die heutige Nummer ist 20 Seiten stark. Aus dem Inhalt: Oesterreich und Rumänien Impromptu historiqne von T. G.'Masa.ryk. Die . Hitlerei an den deutschen Hochschulen. Die Falaschah-Juden' von Oberrabbiner Dr. C h a j e s. Die Reorganisierung des. Arabertnms von Umv.-Pros. Adolf Strauß. Aus den Erinnerungen eines jüdischen Dolmetsches. 3. Bon Jakob Krauß. Rach England — Nalien. Der Abschluß des Vertrages bevorstehend. (Eigendienst der .-Wiener Morgenzefintzg":) Rom, 1. Februar. Die Agentur Volta teilt mit, daß der italieuisch - r u f f if ch e V e r tr a g nach Ueberwindung der Schwierigkeiten a b g e s ch l o f f c n worden sei. Die Blätter berichten hierzu, -atz die Unterzeichnung des Vertrages in den ersten Tagen der kommenden Woche stattfinden werde. , Es handle sich zwar nur um einen Handelsvertrag, doch komme diesem eine grotzepolitische Bede utuu g zu, da er die de jure-Anerkennung der Sowjetregierung enthalte. Gestern abends fand eine vierstündige Vollsitzung der beiderseitigen Delegierten uüjer dein Vorsitze M u f f oTt .it i s stattj .Aüch heute YormfttaM chAe eine Polssitztzug. ,Dje Kestschnng des Textes Mrh ntzch einiK'.Dige-in.'AnKrüchi-ZsDue«.".'^ - Iusammenlunst Mac Ioaald— MWM4 (Eigendienst der .^Wiener Morgenzeitüng") Rom, 1. Februar. Ju hi-esigen palitvschen Kreisen der lautet, daß Mac Donald ein Persönliche Unterredung mit Mussolini herbeizustchren beabsichtige.'' Mau glaubt, daß diese Unterredung in P aris stattfinden könnte, allem sie scheint nicht bald bevorzustehen, MufsMni Italien nicht vor E n d e I n n i verlassen kann. 6ine französische Bestätigung. Paris, 1. Februar. Die Agence Havas bestätigt Nie/Meldung über das 24stündige Bombardement - von - Bagdad durch englische Flugzeuge. Der Oberkommifsär hatte das Bombardement anbefohlen, um widerspe n st i ge Wr ab.er sche i1% für ihre Haltung zu bestrafen. Die Bomben wurden don Flugzeugen auf die Stadt geschleudert. Die- - aufständischen Araberscheiks haben sich sodann - der. englischen Oberhoheit uv terworfen. , England l» gudie», Delhi, 1. Februar. (Reuter.) Bei der Eröffnung der gesetzgebenden Versammlung erklärte Lord R c a d i n g unter anderem, die Regierung sei fest entschlossen, den Gewalttätigkeiten und Verschwörungen in Bengalen ein Ende zu machen. Abänderungen der Verfassung seien ohne Zustimmung des britischen Parlaments und Volkes unmöglich. Poimarer Antwort an Mac Tonalb. Heute überreicht. — Die Frage der Veröffentlichung. (Eigendienst der „Memr Morgenzeitüng^.) Paris, 1. Februar. Der französische Botschafter in London Gras Saint Au las re erschien heute bei Mac Donald m Auswärtigen Amt und überreichte ' ihm die Antwort Po in ca res. Gras Saint Aulaire fragte, üb M-ac Donald gegen die Veröffentlichung der beiden Dokumente nichts einguwetrden habe. Mari veomtltet, daß die Anktvort Mac Donalds b ejahe!>. b sein wird, so daß der Lerosftnblichung uichtssim Wege.stünde und ^laujbt, daß dies noch erjolAetz Wegen Rebellion gegen die Lberhohett Englands. — Ae arabische KMSnglglüvbewesnn». . 11