Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1781 (30.1.1924)
- Date
- 1924-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EIozeTmnnmcrK 1200 Wien 7um Abholen in der Expedition, Il.,Taborstr. 1 -3, oder in einer Verschleißteil« (Trafikl monatl. K 35.000 Strassenverkanf in Wien durch die Kolporteure der Firma GoM«chn»iedt,I.Bex., Wollzeile 11. Mit Postversand fiir Wien n. Oesterr. monatl. K 35.000 Tscheebo-Slowakei: Mon. K 13. 1 u?oslawien; Mon. Dinar 60. Polen: Mon. Österreich. Kronen 30.000, Deutsch!.' Mon. Goldmark 4.--, Frankr„ Belgien: Mon. Fres. 12 09* Naehiahlaojre« t>«5 Preiiertiöhunjren vorban ■lte» wIPAYö ii Das Gespenst auf ’ jSehloB Brooksvlllei VCvrAtgRSTa/rii lener Nr. 1781 Wies. Mittwoch. 30. Mnner 1924 f'o'Sflipoln.E 200-00! Italien: Monat!. 12 Lire Rumänien Mon. 130 Le1 Bulgarien Mon. 80 Lew? Schweiz und das übrig; Ausland monatlich Frcs. * Redaktion u. Admnristratiol Wien, IIH Taborstrasse 1—4 Telephone: 44-0-38,43-3-19. ■h 6Uhr ahds. 19-483,25-283. Tel- Adr.:„Morgenxeltun»' Wien Oesterreichisches PostspaT' hassen - Konto Nt. 150.693 WMMWWWW,W>HI«Ml« 6. Mrgong Mal Donalds KonferenzplSne. Stärkung der Völkerbundes durch Einbeziehung Deutschlands, Rußlands und Amerikas. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitimg".) London, 99. Jänner. Das Kabin-E Mae Donald hi ch geistern e' nen zweistü-ndige-n Miniist errat ab, in welchen: der Mm-ifterPräsidMi die internationale Lage besprach. Van inneren PrM-emen wurde insbesondere die Wchnnn-gssvage bchandelt. Nach dom „Gven-i-nig ©tantoatfb" habe M a c Donald bfe Prüfung «m-er Reihe von DoSumeAen «umd des Materials bckrefsenddi-? Anerkennung Rußlands, die separatistische Bewegung in der Pfalz. di« Reparationen und andere auswärtige Fragen von hervorragender BedNltnng so gut wie beendet. Der Proniier habe die Absicht, in Usbeveinstmunnng mit allell s-emen Min-istern «iare direktere und umfassendere Anß envolitik zu versolbgen. Ueber die Stellung Mac Donallds;nr Entente n n d zum Völkerbund glaubt „Evonnrg News" zu wissen, daß Mac Donald einersmts die Entente aufrecht zu crhaitten, andererseits den Böltkerbund durch fcen Beitritt Deutschlands. Rußlands und der Bereinigten Staaten . zu stärken wünsche. Mac Donald werde dennrächst die Einberufung einer europäischen Konferenz Vorschlägen, die vor .allem, das Reparations- und SchuldeNprvblem,'die Frage des Fwi-" Handels und schbieWH die AuZdchnnng des BÄkerbundes zu behandeln hätte. Mac Donald sei überzeugt, daß der Eintritt Deutschlands, Rußlands und der Vereinigten Staaten in den Völkerbund die Welt^-einer allgemeinen Abrüstung näher 'brächte. Natür-- Kch dürsten diese Beitritte nicht auf Kosten des Austmtts anderer aus dem BöWerbunde herbeigesührt werden, etwa Franlkveichs als Folge der Ausnahme Deutschlands, und Japans infolge des Beitriltes Rußlands. Mac Donald habe auch bereits Frankreich, Belgien, Italien und Japan eine Uebersicht über die ßin Putsch in Mand vereitelt. Masseriverhaftungen von Kommunisten. — Ein Abgeordneter nach Rußland geflüchtet. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 29. Jänner. Ueber Anordnung der Staatsprokuratur wurden, wie" Universal Telegraph Agency ans Reval meldet, in ganz Estland Massenverhaftuugen von Kommunisten und viele Hausdurchsuchungen vorgenommen. Auch eine größere Zahl von A b g e o r d n e t e n der Staatsversammlung und zahlreiche Frauen wurden verhaftet. Diese Massenverhaftungen sollen im Zusammenhang mit Ereignissen in Rußland nach dem Tode Lenins stehen, was allerdings von der Revaler Regierung offiziös dementiert wird. In Reval selbst wurden 63 Personen, darunter 13 Frauen und 5 Abgeordnete verhaftet. Nach einer.offiziellen Darstellung wurden diese Maßnahmen durch eine hochverräterische Propaganda der Kommunisten veranlaßt, die unter den Soldaten Proklamationen verbreiteten mit der Aufforderung, ihre Waffen zum Sturze der geltenden Staatsordnung zu verwenden. In Reval wurde ein nächtliches Meeting ausgehoben, das Haus, in dem es stattfand, umzingelt und die Abgeordneten Allik, Tomp, Janson und K e e r t> o verhaftet. Auch ein Angestellter der Revaler Sowjetgesandtschaft befand sich in der Versammlung. Weiters wurde der Stadtverordnete von Reval, Hansen, in Fellin 6 Stadtverordnete und der Abgeordnete Reefen verhaftet. Bei der Ueberftihvung Reesens nach Reval gelang es diesen:, iin fahrenden Zuge einen der begleitenden" Detektivs zu üverwaltig e n, ihn vom Zuge zu schleudern, und selbst aus dem Coupe zu springen. Er ist über die Grenze nach Rutzlandgefl richtet. In Narwa wurde der Abgeordnete Kangur verhaftet. Gegen den Abgeordneten Weimam wurde eine Steckbrief erlassen. Außen Politik nti-lgeteilt, die er in der -nächsten Zeit M verfolgen gedenke. Mac Do-naG anÄvövret-e aus einen Brief. den ihm seine Wähler sandten, um ihn: zur Uobernähme der Regierung zu beglückwünschen, uiU-er anderen! folgendes: Wir haben die Regierung als Minderheit s- Partei ülbernoimnen. Man darf - deshalb nicht zuviel von umS erwarten. Aber wir werden unsere Pflichten ehrlich und loyal erfüllen. c, , Sie Anerkennung Rußlands. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 29. Jänner. Wie es heißt, ist bis Ml 1. Mai die Anerkennung Rußlands zu erwarten, vorausgesetzt, daß Rußland dem Völkerbund beiMreten gewillt ist. Rußland erwartet konkrete Vorschläge Mae Donalds. Aus hiesigen russischen Kreisen wirÄ uns erklärt: Die russische Regierung verhält sich der neuen errMchen Regierung , gegenüber vollkomme n abpr.art-cnd. Es ist gegen- Tfettng das.Bcstreden einer B erst q n-d-igüing vorhanden üud^ in RuWnd wird gehofft, Laß die Regierung der eniKischen Arbeiterpartei sich den Russen nähern wird,» zumal bekannt ist, daß die jetzige engslisiche Regemng freundschaftliche Gesinnungen gegenüber RuMands hegt. Dieses kann jedoch nicht den ersten Schritt tun und erwartet, daß Rtac Donald bs>l^ mit konkrecen Vorfchlägen 'herantveten tvird. Sas Pfand steigt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 29. Immer. Das englische Pfund ist honte - weiter gestiegen. Der französische Franken erfuhr eine leichte Besserung, der -'belgische Franken schwächte sich ab. Der finnische Erzbischof abgesetzt. Warschau, 28. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen-» Zeitung".) Wie „Ruskulta" nreldet, hat der Präsident der finnischen Republik den orthodoxen Erzbischof Seraphin abgesetzt, angeblich, weil er der finnischen Sprache nicht völlig fähig fei, in Wahrheit aber wohl Ivegen der r u s s o p h i l e n Gesinnung dieses Kircherffüvsten. Ein Konzil soll einen neuen Erzbischof von Biborg und ganz Finnland wählen. Regierungskrise in Washington? Der Skandal der verkauften staatlichen Petrokenmfelder. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng") Washington, 29. Jänner. Die Affäre des früheren Jnnemni nisters Fall dvcht zu einer Regierungskrise zu führen. Senator Wals h, der die Annullierung der von- Fall vermittelten Käufe staatlicher Petroleumselder Vovgvschlagen hatte, erklärte dem Senat, daß, falls der amerikanische Marine-minister Den b y, der d:e fraglichen Verträge mit unterzeichnet hat, bis Montag nachmittags nicht freiwillig demissioniert habe, er dem.Senat eine Entschließumg unterbreiten -werde, worin der Minister anfgefordert wich, zu demissionieven. In unterrichteten Kreisen erwartet ntan, daß Präsident Coolidge im Laufe dieser Woche die Verträge mit der Sinclair- und Doh ney-GruPpe, a n n u Nieren werde. Femer wird mit der Einleitung eines Verfahrens wegen Betruges gerechnet. Pogrome in der Sowjettüraine. Flucht du jüdischen BevÄkeruug aus Odessa. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng"-^ Warschau, 29. Jänner. , In der Sowjetukra-ne sind Jttidenpogronre ansgebvochen.. Die Sowjetregiern-ng euisendete in die betreffenden Städte jüdische Reg-iomnter, um die Ruhe wiederherzustellen. Nach dem Tode L e n in s herrscht unter den Juden der Solvjednkraine allge-ineine Poilvoulfurcht. In den letzten Dogen.halben fast alle Juden Odessa verlassen. ^Meinungen der Rachkriegrrett. Wien. 30. Jänner. Herr Professor Hochenegg legt nun sein Material vor. Er hat sich am 11. Jänner in einer Rede an seine Hörer über Verleumdungen beschwert, die vielfach gegen ihn ausgestreut werden. Die Beweggründe für diese Untevwühlung seines Rufes lägen in der „seit dem moralischen Zusammenbruch der Nachkriegszeit besonders gesteigerten Sucht nach Gelderwerb in allen Formen". Belveis: Die Spezialisten müssen Provisionen an Personen zahlen, die ihnen Patienten zusi'ihren; die Jndikattonsstellung fiir einen operativen Eingriff, das heißt die Entscheidung über die Nottvendigkeit der Operation sei vielfach sehr lax geworden; der anständige Chirurg, der das Schmiergelderunwesen als standeswidrig ablehnt, müsse bis zu fünfzig Prozent des Honorars an den Vermittler zahlen und demgemäß sich an dem Patienten schadlos halten; er, Professor Hochenegg tue dies alles nicht und sei deshalb in Boykott geraten. Da es klar war, daß unter diesen Vermiti^n nur Aerzte zu verstehen waren, entstand in der Aerzteschaft, aber auch im Publikum große Erregung. Es kamen Entgegnungen und Angrisie, die aber alle in die Lust gingen, da der angesehene Chirurg in seiner allgemein gehaltenen Rede die Anführung präziser Daten unterlassen hatte. Die Berussvertretung der Aerzte trug ihm auf, binnen vierzehn Tagen sein Beweismaterial zu erbringen: Der Herr Professor hat mm. eine längere Broschüre geschrieben. Es ist ihm, sagt er, nicht einge- /sallen, die Gesamtheit der Aerzte solcher Praktiken zu beschuldigen, er hat nur „jene Gruppen" gemeint. Namen kann er mcht nennen, 'weil er ja, wie gesagt, für Provisionen bekanntermaßen nicht zu sprechen ist und daher nur selten derlei Zumutungen abzuwehren hatte. Aber auch dieses Selten ist er nicht geneigt, zu präzisieren, was, wie man meinen sollte, gerade nicht schlver wäre. Und was die Jndrkationsstellung betrifft, die vielfach eine laxe geworden ist, so hat er damit nur gemeint, daß sich mangelhaft ausgebildete Aerzte als Chirurgen ausgeben, wofür ihm von ganz verläßlicher Seite geradeztl unglaubliche Fälle mitgeteilt worden sind. Im übrigen möge die Aerztekammer ein Verzeichnis aller jener Aerzte anlegen, die sich ehvenwörtlich zur Anständigkeit verpflichten. Das alles sagt der Herr Professor in seinem langen offenen Brief. Man konnte die Sache kürzer fassen und in der lieblichen Ausdrucksweise der jüdelnden Gassenbuben vom Hakenkreuz-Orden stagen: Hab' ich etwas gesagt? Ich habe gar nichts gesagt. Ich habe nur gemeint . . . Aber diese jüdelrchen Gaffenbuben hatten sich sofort, nachdenr der Herr Professor seine Rede durch eine Korrespondenz an alle Zeitungen verschickt hatte, mit Freudengeheul auf den guten Bissen gestürzt: Er meint die Juden! Die jüdischen Aerzte sind es, die Schmiergelder anbieten oder nehmen, die den Stand herabsetzen, die aus ' der Wissenschaft ein Geschäft machen, da sieht man — und das schien ihnen des Pudels Kern wie berechtigt der Kcnnpf gegen das semitische Eleinent cm den Hochschulen ist! Hoch der Numerus clausus! Was also war des Pudels Kern? Der Rat des Herrn Professors, eine Ehrenwortsliste anzulegen. Die jüdelnden Gassenbuben bestaunten den Mut des Professors, der es gewagt hat, mit ANjuda anzubrnden und den moralischen Zusammenbruch inklusive der . Sucht nach Gelderwerb (siehe oben) an der richtigen, das heißt, semitischerr Quelle zu entdecken. Die Broschüre des Herrn Professors gibt näheren Ausschluß über seine Entdeckung. Aber da er schon den Mut hat, von den mangelhaft ausgebildeten Chirurgen zu sprechen — man erinnert sich noch an eine analoge Aeußerung des Diener- Rektors und da die jüdelnden Gassenbuben sofort in diese Kerbe hauen und ihr aha! schreien, so fft doch angezeigt, an den Herrn Professor, den großen Ber- . treter der ärztlichen Humanität, die höfliche Anfrage zu stellen, wie es denn im Krieg zuging, als man int Namen des angefallenett, von Fetttden umgebeuett Staates junge Aerzte mit noch itaffem Diplom ins Feld schickte, damit sie den armen Verwundeten mit Messer und Säge beistehen? Wäre es nicht zu jener Zeit Pflicht des großen Chirurgen-gewesen, sich zu widersetzen und wenigstens durch sein Wort das Gesicht zu wahren? Freilich, dantals gab es diesen Mut nicht, damals wagte es niemand, öffentlich eine Rede zu halten und