Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1775 (24.1.1924)
- Date
- 1924-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980858--17549-3004561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
KindmimnerKlOOO Vien: Zum Abholen in der Expedition, ILTaborstr. 1 -8, oder in einer Versehlefastella (Trafik) monatl. K 35-000 Straasenverkauf in Wien dtireh die Kolporteure der Firma GoldsehmiedtJ.Bez., Wollt eile 1.1. Mit Postversand für Wien o. Oesterr. monatl. K 85.000 Ta e h e c li o- S1 o wa k e i: Mon. K18. Ingroalawien: Mon.DinaröO. Po len:Mon. osterreich. Kronen 30.000. )eutachl. Mon. Goldnark 4.—. Frankr* Belxien: Mon. Frcs, 12 VT N«eh«ahl,tioaen *«■ i»ä PrfSierboVranftm voreenaHe» Qotr Btirek dm KoRtlisot rAftoaaTfi/^& 1 Po'en-polnJLlOO-QBO Italien: Monat!. 12 Ure, Ramänien Mon. 130Lei, Bulgarien Mon.80 LeWei Schweiz and das übrige Ansland monatlich Frei. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—"5 Te lephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25*282 Tel- Adr.:„Morgenzeitang*' Wien Oeaterreiehisehea Postsparkassen-Konto Nr. 150j69S ||J1L*KIWI>HW Rr. 1775 Wien. Donnerstag, 24. Wnner 1924 6. Jahrgang Ae llebernahme der GefchM. — Ae llonfervativr» bereiten ein Mißtrauensvotum vor. — Mardomlds erster ßrfols im Bahustreit. (Eigendienst der „Wiener Rorgenzeitung") Mastige Wendung im MenbahnerstreU. London, 26. Jänner. Die neuen Minister haben heute den Eid geleistet. Das Ministerium Mae Donald setzt sich nunmehr endgültig wie folgt zusammen: MmrsterPiMdent und Außenminister — Macdonald; Gehcimsiegelbervahrer und stellvertretender Minrsterprästdent — Clyn«3; Präsident des Gohevmen Rates — Lord Parma or; Lord-Kanzler — Lord Haldane; Schatzkanzler — Snowden; Inneres — Henderson; Kolonien — Thomas; Krieg — Walsh; Indien — Oli vier; Marine — Chel ms f o r d; Luftschiffahrt — General TLompson; Handel — Sidney WeLb; Wohlfahrt —Wheatley; Landwirtschaft — Noel Buxton: Unterricht — Trevelhan; Arbeit —- Thomas Shaw; Post — Hartford; Kanzler von -Lancaster — Oberst W e d g e w o o d; öffentliche Arbeiten — I o w e t t; Sekretär für Schottlaich— Adarnson. : Artur Po nsonbh ist zum Unterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Mß MaMvet Bondf ie ld zum Parlamentssekretär des ArbätSmmrsteviums ernannt worden. Die neum Minister haben heute um 12 Uhr die Aemter von den konservativen Mnsstern >übe«wmmen. Thompson iM.EheT<M^Mrd werden wochrschedstich in das Dbtz rhaÄ s Mandat für das Unterhaus besitzen. ' «sWth unterstützt Maüwrwld. Die libemlen Abgeordneten Vevsammeitn sich heute unter dem Vorsitz A s q u i t h s und beschlossen, dem Kabinett Maedonald ihre Unterstützung zu gewähren, solange es in Uebereinstimmung mit den liberalen Traditionen bleibe. Asquith wurde einstimmig daS Vertrauen votiert. Macdonald für den Mkerbnad. Me der Parlamentsberichterstatter der ,Times" berichtet, soll eine der ersten Aufgaben Maedonalds als Staatssekretär des Aeuhern sein, das Werk des Völkerbundes weiter zu entwickeln. Konservative Gegenoffensive. Einbringung eines Mißtrauensvotums. Eine Gruppe der ko nfe rvativen Partei beabsichtigt, kurz nach Wiedereröffnung des Parlaments folgendes Mtztrairensvotum gegen Maedonald einzubringen. ... . : Das Haus hat zu einer Regierung, die nicht einmal den dritten Teil der englischen Wähler darstellt, kein Vertrauen, weil sie auf den Sozialismus eingeschworen und daher außerstande ist, die Verwaltung des Landes entsprechend den Wünschen der große« Mehrheit seiner bürgerlichen Mhler dmchzusühren. Schwede« gegen den Mkerbnnd. Einbringung eines Antrages auf Austritt ans dem Völkerbund. Kopenhagen, 23. Jänner. (Telegramm der „Wiener Morgenzeitung".) In den beiden Kammern des Reichstages wurde heute der Antrag eingebracht, der Reichstag möge den Austritt Schwedens ans dem Völkerbund beschließen. Die nationale Fraktion begründet ihre Forderung damit, daß der Völkerbund seine vollständige UnföhiM, seine Pläne zu verwirkliche«, bewiesen habe. Polen soll eine neue Währung erhalten. Warschau, 28. Jänner. (P. T.-A.) In einer K o «• ('ereng, an der alle ehemaligen Handelsmini st e r t e l ln a h m e n, wurde, d i e w i r t s ch a f tlicheLage Polens imZusammenhang mit der Sanier u n g besprochen. Die Konferenz hat sich unter anderem fürdieehebaldigsteEinfithrung einer neuen Währung, d e n B e r k a u f v e rschi«ds«er Staatsgüter nnd Objelte und Im Eisenbahnerstteik ist eine Wendung eingetreten, die zur Hoffnung aus einen günstige« Ausgang Anlaß gibt. Die Exekutive der Streikenden nahm die von den Generaldirektoren gestern geforderte Zusammenkunft an, die aller Wahrscheinlichkeit nach, noch heute stattfinden wird. London am zweiten Streiktag. Ein» der Folgen des Eisenbahnerstreiks ist die plötzliche Umwandlung der Bureaus der Eich in riesige Schl a f ft ä t t e n. Nie waren in London Matratzen und Bettwäsche ein so gesuchter Artikelwie jetzt. Arbeiter, Angestellte und Chefs ziehen es. vor, in ihren Bureauräumen zu schlaft», um dem Risiko der StreMage zu entgehen. Am zweiten Streikiage hat eine riesige K ohlenhamsterer eingesetzt. Im Publikum sind Gerüchte verbreitet, wonach infrllge der Ausfuhr großer Kohlemmngen London ohne Kohle dasPhe. Die Mge t«r Hamsterei war. daß am Nqchuntday bereits vieleKohlenhändler ihr Lager aiisverkaust Htten. Dft. Mlchzüge M der Uuyebmtg kmWeN,-'wM^.'^^ astWtthyWgÄ W keidenW . Das ReuteDhe Bureau meldet, daß der streik -im Jndustüve-- sowie in dem' Kdhiftn«. und ernste Folgen nach sich ziehe. C8 wird berichtet, daß in Süd-Wales allvm 50.000 Bergarbeiter feiern müsftn. Mit den Arbeitern dir Norden Englands seien wahrschenMch zusammen 100.000 Arbeiter erwerbslos. Me Häfen von. SMEaleS beyitmon die WÄckung des AuSftcmbeS zu spüren.' Die Schiffahrt dürste dort VM ernge st eilt werden, wenn keine Regelung Mstandekommt. Dk öchMm der MNerte« an ffnglaud. Der Bund der englischen Handelskammer hielt gestern.unter dem Borsitz Balfours eine Sitzung ah. Bcrlfour erklärte in einer Rode, daß der Bund die neue Regierung .f o l a n g e u n t e r st ü tz e n werde, als sie nicht unter kommünlstischem Einfluß stehe. Balfour teilte fermr mit, daß nach seiner Ansicht' der Stury der. französischen Franken ayfgehalten werden könnte, wenn Frankreichs e i.n t Sch ul den a n England bezahle. Die Versammlung nahm schließlich eine Resolution an, in -der die Regiemng aufgefordert wird, Maßnahmen zu evgroiftn, um d« Bezahlung der französischen und italienischen Schulden an England durchzufttzen. Die Nichtbezahlung dieser Schulden bedeute eine schwere Last für den englischen Steuerträger. fürdie Belbeh altnngder freienHandelS auSgespro che n. Ein Manifest an die Bevölkerung. Ministerpräsident Grabski hat dem Ministerrat den Entwurf eines mit Rücksicht auf die gegenwärtige, durch die Sanierungsaktion hervorgerüfene Wirtschafts- und Finanzttift an die Bevölkerung zu richtenden Manifestes vorgelegt, worin es heißt, daß die Sanierungsaktion ihrem Ende entgegengehe und . daß Anfang Februar der Druck bon Banknoten werde eingestellt werden. Die Regierung fordere die breitesten Schichten der Bevölkerung zum Zusammenarbeiten und zu loyaler Erfüllung ihrer bürgerlichen Pflichten auf, damit das Ziel der Aktion, die Errettung des Staates aus der Finanz- und Wirtschaftskrise, erreicht werde. Sr. Penrsch in Pari». Unterzeichnung des französisch-tschecho-flowakischen Vertrages. Pari», 29. Jänner. (Telegramm der *2Br. Morgenzeitung". Nach dem „Journal des Debats^ trifft der Außenminister Doktor B e n e s ch morgen in P a r i 8 ein, um den französischt s ch e ch o> s l o w a k i s ck.e n Vertrag : n v. n t t rretchnSN. Scherreichischer ZustWandal. » str—. W i e n, 24. Jänner. Ein fünfzehnjähriger Judenjunge kommt vor daS Jugendgericht, weil er beim Vorbeimarsch einer katho- «lrschen Prozeflion den Hut nicht vom Kopfe gezogen hat. Seine christlichen Lehrer stellen ihm das beste Zeugnis aus. -Dex Herr Richter verurteilt'ihn zu zwei Monaten Gefängnis. — Ein antisemitischer Hochschüler dringt, mit Totschläger, Gummrknüttel und Stinkbomben bewaffnet, in eine Versammlung ein und drischt wahllos aus männliche und weibliche Zuhörer los. Er wÄ zu sünfzigtausend Kronen verurteilt. Der Betrag reicht kaum für die Reparatur eines vertretenen Stieselccksatzes. — Der Richter einer Provinzstadt brüllt einem Zeugen zu, er fti „von der roten Jlldenbogage in Wien" beeinflüßt. In den Zeitungen wird ausführlich darüber berichtet. Der Richter denkt sich.. und „richtet" weiter. — Ein Hauptmann der österreichischen Wehrmacht hetzt in. den Dienststunden die Mannschaft gegen die Juden und die Republik aus und verwendet Steuergelder für die Anlage einer aus reaktionär-antisemitischen Schriften bestehenden „Dienstbibliothek". Ein repichkkanisch gesinnter Wehrmann protestiert dagegen. Der Staatsanwalt der Republik erWt die Anklage gegen bm Wehrmann. Das Gericht der Republik verurteil deu Wehrinann wegen „Meuterei" zu . zwei Monaten Gefängnis und Ausstoßung aus der Armee. Der Mann kgnn betteln gehen. Der Hauptmann bleöbt Hauptmann, dürfte bereits Major sein. — Ein siebzehnjähriger Bursche zieht bewaffnet mit einer HakerDssuzhäAe' zu' ttM.DsWoWchfiv^.aus^Wir« Spieltzverr MndernZlu- WKMtz-OE'Wr-WäM von den Helden erschossen. Ein Äenosse hes Ermordeten flucht in begreiflicher Wut. Er sagt, man müsse solch einem Burschen die Hände abhacken. Er kommt wegen „Erpressung und Drohung" vors Gericht. Zärtlich beforgt fragt der Richter den Hakenkveuzjüngling, ob ihm die Drohung „geängstigt" babe. Und das auf Ehrhardt, Roßbach, Mock und Pogrom eingeschwprne Revolverbürschchen lispelt zimperlich, es hätte sich sehr, sehr gefürchtet. Der um die Nerven der Hakenkreuzler väterlich besorgte Richter sperrt den Arbeiter für zwei Monate ein. Äber das sind nur leichte Plänkeleien. Def stärkste Truryps wurde vorgestern auf den Richtertisch gehaut. Novosat, der unter deni Zeichen des Hakenkreuzes einen von der deutschnationalen Feme zum Tode verurteilten Genosftn in raffinierter, viehisckier Weise ermordet hat, wird von Gerichts wegen für geisteskrank, unverantwortlich und straffrei erklärt und das Verfahren gegen seine Spießgesellen wird eingestellt! . Vor unseren Augen tut sich ein Abgrund auf. Dieser Jusfizstandal geht über das Riesenmaß hinaus, an das uns der Krieg und die Nachkriegszeit gewöhnt; haben. Eine Gesellschaft, eine Regierung und Politische . Parteien, die ihn duwen, haben das Recht verloren, als' Mitglieder einer Kulturgemeinschast gewertet zu werden. Hier m'itzt kein feiges Augenverdrehen, keine heuch-l levis^ Berufting aus die Unabhängigkeit der Richter und die Heiligkeit der von Talarträgern gefällten Entscheidungen. Hier schreit Blut und sttnkt Fäulnis zum Himmel, hier geht es um die Zukunft eines Staates, der im Sumpf versinken muß, wenn feine Träger sich in dieftm Augenblicke abseits stellen. Die Gerichte Oesterreichs erstellten sich des bestens Rufes. Von den wildesten Nationalitäten- und Parteikämpften umtobt, haben sie sich makellos gehalten. Die ungeheuerliche Wandlung, -welche'sich vor unseren Augen vollzieht, mußte kommen. Sie ist die notwendige Begleiterscheinung der Verlotterung unseres akademischen Crziehungswesens. An Oesterreichs Hochschulen herrscht der reaktionäre, nationale Terror, der Geist der Hitler, Roßbach und Novosat. Nicht die Lehrer formen das akademische Leben, in den Konventen radaulustiger Burschenschaften werden unseren Hochschulen bindende Gesetze diktiert. Da werden Ehrbegriffe geprägt, welche' Las Verprügeln jüdischer Studentinnen, das Beschimpfen andersgesinnter Proftssoren und den Uebe'rfäll auf wehrlose Minoritäten als zulässig erscheinen lassen, da werden Zustände geschaffen, welche, in der letzten Vorstadttneipe nicht geduDet würden. Die akademischen Behörden und Lehrkörper tun nichts, was diese irregeleitete Jugeiw hemmen könnte. Im Gegenteil, sie buhlen um die Gunst der stndentischen Rädelsführer. Die Regierung entschuldigt ihre Passivität mit scheinheiliger Be- .rusunü aus die Autonmnie, das Sslbstverwaltungsrecht