Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1771 (20.1.1924)
- Date
- 1924-01-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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6eH« * Wien, Sonntag »»«, Zähre ^Wiener Morgenzeitung". Am 20. Jänner 1919 ist die „Wiener Morgenz-citung" zum ersten Male erschienen. Genau fünf Jahre besteht nun unser Blatt. Der Zeitraum ist zu kurz, um Feste und Jubiläen zu feiern, zu ernst der Sinn, um Glückwünsche und Lob anszuposaunen. Aber erinnert sei dieses Tages, obwohl diese kurze Spanne Zeit im Ablauf der Ereignisse wenig wiegt. Es war für die „Wiener Morgenzeitung" eine Zeit schwerer Arbeit, bis es ihr gelungen ist, als jüdisches Tagblatt festen Fuß zu fasten und — unbeirrt durch allen Einwand, allen Widerstand — der freien jüdischen Stimme, die offen und wahrhaftig für jüdisches Recht erhebt, Gehör zu verschaffen. Das ist uns gelungen. In diesen fünf Jahren mußten wir unzählige Male das Wort ergveifen, wo niemand es tat, um dort, wo Recht in seiner Anwendung gegen Juden umgebogen, wo die Menschlichkeit gegen die Juden in ihr Gegenteil verkehrt wurde, das Gewissen der Welt «ufzurütteln. In diesen fünf Jahren haben wir versucht, nicht nur der jüdischen Würde, sondern auch dem echten jüdischen Wert, dem wahren Mischen Werk zu dienen, dem jüdischen Schaffen in seiner ununterbrochmen Linie, die von der uralten Vergangenheit über den gewaltigen, in der Gegenwart sich abspielenden Prozeß Mischer Renaissance in eine lichtvolle Zukunft führt. Gerade als jüdisches Tagblatt mußten wir die doppelt schwere Aufgabe unternehmen, die Ereigniste des Tages, die Geschehniste in der ganzen Welt mit doppelt wachsamem Auge zu verfolgen. Sind doch die Hoffnungen und Wünsche der Judenheit der ganzen Welt, die auf das Erstehen einer neuen jüdischen Gemeinschaft gerichtet sind, eng mit dem Weltgeschehen verbunden, sind doch die politischen Ideen so vieler Volker und Staaten beute mit dem so bequem zu handbabenden Gift des Judenbastes getränkt. Da gilt es unermüdlich zu wachen. Wir baben es fünf Jabre lang getan, beharrlich, auf unser Ziel gerichtet, furchtlos. Wir wollen es wefter tun, denn wir wissen dankbaren Sinnes, daß der uralte, ewige jüdische Lebenswille mit uns ist. Ae Kekahr. Von Otto AbeleS. Jüdische Festversammlung in Wien, einige Tage nach PromulgieruNg der Balfour-Deklaration. Zwei Stunden vor Beginn staut sich die Menge vor dem Konzerthaus. Das Straßenbild kann den überzeugtesten Zyniker wankend machen. Ein lautlos harrender- Riesenknäuel, von hochgezogenen. Köpfen überragt. Es strömen immer Neue zw und wissen sich in Lücken zu schieben, die nicht da waren. Sobald sich die Tore offner?, wird diese bewegte Stille von Schmerzensschreien der Eingepreßten zerrissen. Die Polizei ist machtlos. Als wären sie pneumatisch ausgesogen, stiegen die Menschenzeilen über die Treppen in den Saal, werden von Nachstürmenden vorwärtsgestoßen, verstopfen die Verbindungsgänge, stürmen d'e Estra.de, schwingen sich aus das Podium, besetzen die Rednertribüne. Und sobald es dem ersten Redner gelingt, irgendwie am Rande des Podiums fußzufasfen, lodert die Bege'sterung auf. Ein Taumel der Freude, Jubel rufe, die Melodien von ein Dutzend Lieder durchkreuzen einander, der ganze Saal gerät in rhythmische Bewegung der Ekstase. Viele junge Menschen waren damals zugegen, Ungewitzigte, sehr Empfängliche, auf welche die Ereignung noch um einige hundert Prozent stärker wirkte als auf jene Abgebrühten, von bösen Erfahrungen Vergifteten, denen doch bei. dieser Kundgebung im Konzerthaussaale auch die Lippen bebten. Es waren die Tage, da man im Osten mit der Thora in Händen den Leichensteinen mitteilte, die Geulah sei gekommen. Es waren die Wochen, da zum ersten Male seit Jahrhunderten jüdische Jugend das Samenkorn der Bege ste ung van den Gr uiär'gm, von Vüern und Müt.e.n empfing und für „Zion" entbrannte. * Es ist Gefahr, daß unsere Ju-gend dieses Erlebnis von damals verfluchen muß. Es ist Gefahr, daß sie das, was ihnen damals heilige Erschütterung dünkte, heute als billige Geste des Augenbl'ck^taumels Neugieriger, innerlich leerer, durchaus verantwortungsloser Tagediebe erkennen, die sich immer und überall entzünden, wie irgendein Komödiant, der es gelernt hat. Es ist Gefahr, daß sie sich manche Physiognomie von damals gemerkt haben — junge Augen haben ein scharfes Gedächtnis — und daß sie die Begeisterten, die Ekstatischen von damals Wiedersehen in ihrer heutigen stumpfen Teilnahmslosigkeit, in ihrer selten Sattheit. Denn wenn man diesen Seelenausschwung von damals daran mißt, was die schreienden Bejaher von Erez Israel für das Werk des Ausbaues, der Erneuerung und der Errettuna in den Jahren, die leider Gottes inzwischen verstrichen sind, getan, geopfert haben, ja noch mehr: wenn man in einem unglücklichen Augenblick bere.huet, daß 990 von 1000 der damals außer Fassung Geratenen wäh.end der Jahre, die leider Gottes rn der Zwischenzeit verstrichen sind, auch nicht mit einem Gedamen Erez Israel nahe waren . . . dann erscheint jene gewaltige Kundgebung als die lächerlichste, unsinnigste, verwerflichste Spielerei mit einer heiligen Sache. Solche Erkenntnis der neuen jüdishen Jugend scheint mir die größte, die einzige Gefahr für Erez Israel zu sein. Nicht die Acabersrage, nicht die vorübergehende Ar- Wiener Morgenzeltunft. 20. Jänner 1924 Nr. 1771 An unsere jüdischen Mitbürger! Das Komitee für den jüdischen Sammeltag, welcher mit Bewilligung des Bürgermeisters Seitz heute undmorgen abgehalten wird, wendet sich aus diesem Wege an alle jüdischen Herzen Wiens mit der dringenden Bitte, diesem Hilfswerk ihre werktätigste Hilfe und Unterstützung zu leihen. Es geht um Linderung der drückendsten Not unschuldiger jüdisch e r K i n d e r, um den Ausbau der bestehenden und die Schaffung neuer Inftitutionen für verlassene, verwaiste und verwahrloste jüdische Kinder, um die Rettung zahlreicher Säug! i n g e, welche dem Verderben , preisgegeben sind, wenn ihnen nicht jüdische Bmderliebe und Solidarität rettend zu Hilfe kömmt. Die Betätigung der Wohltätigkeit hat zu allen Zeiten zu den schönsten Eigenschaften unserer Gemeinschaft gehört, sie soll uns nunmehr in die Lage versetzen, unserem unumgänglich notwendigen sozialen Hilfswerk die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Das jüdische Kinh darf in dieser schweren und kritischen Zeit nicht im Stiche, gelassen werden. Ieder gebe nach Kräften, niemand schließe sich ans! Mr rufen alle Brüder und Schwestern an und appellieren an ihr jüdisches und menschliches Gefühl, unsere Bitte zu erhören und unser Werk durch reichliche Spenden zu fördern. Das Komitee für den jüdischen Sammeltag, 1. Bez„ Seitenstettengasse 2—4, * Diesmal bleibt der Straßenpassant unbehelligt, denn es ist nur eine Sammlung in den Wohnhäusern und Geschäften geplant. Immer wieder, wenn eine allgemeine Sammlung den Straßen ein besonders belebtes Bild verlieh, haben wir mit .Freuden aus dem Verhalten unserer jüdischen-Mitbürger feststellen können, daß menschliches Mitgefühl keine nationalen oder konfessionellen Grenzen kennt. . Diesmal aber gilt es verwaisten, verlassenen,, jüdischen Kindern! Tatsächlich haben sich sogleich bei Besserung der Geld- Verhältnisse weite Kreise des jüdischen Bürgertums mit natürlicher Selbstverständlichkeit wieder dem jüdischen Wohlfahrtswesen zugewendet und allenthalben auf diesem Gebiete regt sich neues Leben. Doch die Schäden, die Krieg und Kriegsfolgen dem jüdischen Fürsorgewesen geschlagen haben, werden Wohl noch in Jahren nicht behoben werden können-Mn großer Teil.aller in Wien geborenen jüdischen Kinder gilt derzeit als „Ausländer" und-infolgedessen fühlt sich keine Behörde verpflichtet, für diese armen Kleinen Fürsorgekösten zu trägen. Privater Wohltätigkeit bleibt es überlassen, für Unterbringung in Waisenhäusern, SpezialerziehungSanstalten, Erholungsheimen und Spitalern, für Bekleidung usw. zu sorgen. Alle Waisenhäuser und sonstige.Anstalten, Blindeninstitut und Taubstummeninstitut mit eingeschlossen, sind, mit Ausnahme von zweien, heute so bestellt, daß sie kaum für mehr als ein, zwei Monate Kapital für den Fortbetrieb besitzen und immer wieder mit gellenden Hilferufen an ihre Gönner herantreten müssen. Dies ist jedoch ein Uebelstand, der sich bei etwagrößerer Opferfreudigkeit der Wiener Judenschast vielleicht in absehbarer Zeit beheben läßt. Schwerer ist es dort, wo die Not lebenswichtige jüdische Fstrsorgeinstit'ute völlig v er n i ch t e t hat. Wir besaßen eine Kinderkripp.e,einSäuglingsünd K l e i n k 1 n d e r h e i m, eine Anstalt für schwer erziehbare Kinder. Hunderte jüdischer Kinder gehen durch daS Fehlen dieser Anstalten allmählich zugrunde. Einheitlicher Wille, diesen und noch zahlreichen' anderen Nebeln abzuhelfen, hat die jüdischen Jugendfürsorgevereine zum jüdischen Jugendfürsorgeverband geeinigt. Wird der Erfolg der Sammlungen halbwegs den Erwartungen gerecht, dann kann nicht nur sogleich manches Gute geschaffen werden, sondern es wird auch den Vertretern der jüdischen Jugendfürsorge Mut eingeflößt, weiter an der Gesundung des jüdischen Volkes zu bauen. S. A. * Das Publikum wird darauf aufmerksam gemacht, daß Sammlungen für den für heute und morgen bewilligten jüdischen.Sammeltag nur mittels der vom Komitee ausgegebenen, mit der Stampiglie „Jüdischer Sammeltag" und zwei Unterschriften versehenen Sammellisten vorgenommen werden dürfen. * Die Leitung des jüdischen Sammeltages richtet nochmals an den Wohltätigkeitssinn aller jüdischen Männer und Frauen den dringenden Appell, sich nach Möglichkeit durch reiche Spenden in den Dienst der Sache zu stellen, bei der es sich um eine Angelegenheit der gesamten jüdischen Jugend handelt. Sammler und Sammlerinnen wollen sich heute Sonntag und morgen Montag in der Zentralstelle, 1. Bez., Seitenstettengasse 2, 2. Stock, beim Sammelkomitee melden. * Die Leitung der Hakoah fordert alle Mitglied e r auf, sich als Sammler für den jüdischen Sammeltag zur Verfügung zu stellen und sich heute um 9 Uhr vormittags in der Seitenstetlengaffe 2 einzusinden. beitslosigkeit, nicht die Not der Lehrer und nicht die Drosselung der Einwanderung: Der grausame Gegensatz zwischen dem festlichen Jubel der Judenheit in aller Welt nach der Mandatserteilung und ihrer späteren beinahe völligen Unbekümmertheit um das Ausbauwerk ist die schreckliche Gefahr für Erez Israel. Die Jugend sieht an den Aelteren, Wöhliebenden, im Alltag Gesicherten und vergnüglich Dahinlebenden just jene sittliche Erbärmlichkeit, welche empfängliche Seelen der Unvtzrderbten am tiefsten verletzt und empört: Felonie. Jawohl Felonie ist es, zu dieser jüdischen Gegenwart „Ja" zu sagen, zu jubeln, Fahnen auszustecken und dann dem Werke mit frecher Selbstverständlichkeit den Rücken zu kehren! * Auch in den Jahren, als unS Herzl erstand, erhoben sich die Söhne gegen die Väter. Weil die Väter nach dem Emanzipationstaumel, nach dem ernsten sittlichen Versuch, aufzugehen unter den anderen (der scheitern mußte), epigonenhaft verlogen sich vollkommen aufgegeben hatten, einschleichen und unterkriechen wollten bei . den anderen, die. Existenz des jüdischen Volkes vertuschten und von der Angst besessen waren, als Juden erkannt zu werden: Es war ein offener Kampf bei klarer Gesechtslage. „Wir wollen keine Juden sein — wir wollen Juden sein." Bei solchem. Gegensatz gab es für die Jugend von damals keine Täuschung,. Die neue Jugend, die nach dem Weltkrieg reifte, ist weit ärger dran. Die jungen Inden sahen — sie mußten es jauchzend sehen —, daß die Väter mit ihnen seien, und sie bezogen das Bordertreffen. Sie formen sich zu' den Manipeln der Pioniere, sie verlangen, just in Malariagegenden geschickt zu werden, sie arbeiten am Straßenbau! in der Wüstensonne, wehren an exponierten Punkten des Nachts mit Blutopsern Räuber ab . . . und die Saalstürmer von damals, die Friedhofsbesucher (mit der heiligen Schrift in Händen!) lassen hungern und mästen sich für «Entfettungskuren. # Wer nicht sieht, wohin diese verbrecherische Apathie führt, ist mit Blindheit geschlagen. Die Gefahr, die einzige, aber entsetzliche, keimt erst. Noch hält der Genius der Jugend die Blüte des - Volkes hoch oben in der Sphäre des Ideals.und> der Blick der Jungen ist noch trunken. Wehe, wenn er nüchtern wird und sieht, was ist! Die Gefahr wird dräuender mit jeder Stunde und keine Seuche könnte r .scher wachsen und^ wüten. 1 Die Schar der Einsichtigen muß die Gefahr mit verzweifelter Hingabe ourch A-.-Mchelnng der P.l'.chtvergcssenen bekämpfe"« Jüdisches Wesen in burova. Bon Oskar Rosenfeld. Jahrhundertelang empfanden wir es schon als Genugtuung, Asylmenschen in Europa sein zu dürfen, und alle Welt legte es sich als besondere Gnade für uns aus, Heimatslosen Gastrecht zu gewähren. Allerdings hieß es brav sein und stillehalten, wenn des Ghettos Geisel uns traf, wenn der Arm des Gastgebers uns züchtigte. Und trotz der Klagelieder, trotz der Prophezeiungen der Dichter und der inbrünstigen Sehnsucht nach einer Heimat, die verloren schien für immer, begehrten wir nicht auf. Wenn wir uns innerlich noch so sehr empörten, wir trugen die uns auferlegte Rolle des Märtyrertums in physischer Ohnmacht. Der Jude als Märtyrer der Geschichte war in demselben Augenblick gebaren, der ihn zum Träger der Allheitsidee Gottes geschaffen hatte. In diesem SinnG triumphierte er überall, wohin er seinen Fuß setzt. Europa, soweit es kulturell schöpferisch ist, hat von diesem jüdischen Märtyrer sein Bestes empfangen: die Aussöhnung von Stoff und Geist, den sittlichen Wert einer höheren, über allem stehenden Gerechtigkeit, das demokratische .Prinzip der Gleichheit, die Verachtung des absoluten Machtgedankens. Ein Volk, das ohne Staat, ohne Obrigkeit, ohne Boden sich für alle anderen Völker verschwendet, ist unangreifbar in seinem ethischen -Kern. Der Triumph des jüdischen Geistes ist der Triumph einer sittlichen Idee. Aber, well er nach außen hin sich nicht manifestieren konnte, wurde er mißdeutet, mißverstanden, verleumdet. Die Gegner des Judentums griffen es mit der Motivierung an, daß es sich 'die wirkliche, administrative Macht aneignen wolle — und sie hieben daneben. Pie konnten es nicht glauben, daß in der Erfüllung des sittlichen Gedankens der jüdische Geist seine Aufgabe begrenzt sehe. Hier ruht der Keim zu allen Attacken, die gegen das Judentum in der Welt geführt wurden. Hier ruht auch andererseits die Anerkennung, die beispielsweise Nietzsche dem Judentum durch die Wortprägung „adeligstes Volk" zukommen ließ. I st die Zeit für die Arbeit des jüdischen Geistes abgerollt? Hat er sie erfüllt?. Ist eine weitere Entwicklung auf diesem Wege noch möglich? Es gab welche unter uns, die.glaubten, daß das Schicksal uns nun einmal damit betraut, dazu auserwählt habe, Märtyrer zu sein, d'rackhemden tfrackgitets direkt beim ßrzeaeer BERTHOLD SCHEMA III., Xandttitantr QürUl 19, £ini*n 0,118,4