Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1766 (15.1.1924)
- Date
- 1924-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Tel.-Korr.-Bureau veröffentlicht eine Erklärung des Ministeriums des Innern, wonach zwischen der sogenannten Alsölder Brigade und den Csongrader Bombenattentätern bloß Persönliche Zusammenhänge bestehen, was aber nicht darauf schließen lasse, daß die B r i g a d e als solche an der Vorbereitung des Attentates teilgenommen hätte. Die phantastischen Pläne, betreffend den Sturz der Regierung und eine Militärdiktatur seien bloß als Hirngespinste von einigen wenigen, auf niedriger Intelligenz stufe stehenden Leuten aus Csongrad und Umgebung zu betrachten. Die Alfölder Brigade, heißt es in dem Bericht, wurde zur Zeit, als die Notwendigkeit der Verteidigung gegen den Bolschewismus dies erforderte, im Jahre 1920 mit Wisfen der kompetenten Faktoren organisiert und bildete eine der Formationen der Nationalschutzfektion der Erwachenden Ungarn. Zu jener Zeit hielt es nämlich auch die Regierung infolge der Unorganisiertheit von Polizei und Gendarmerie für notwendig, daß auch das Bürgertum sich gegen die Gefahr des Bolschewismus organisiere. Im vergangenen Jahre hielt die Regierung die Zeit für gekommen, die Formationen aufzulösen. Die Nätionalschutzsrktion der Erwachenden Ungarn und mit ihr auch , die Alfölder Brigade wurden denn auch ' zu Ostern 1923 ä u s g d 1 o st. Trotzdem setzte die Nationalschutzsektion in Csongrad und Szentes als „Klub der guten Freunde" eine nunmehr illegale Tätigkeit fort. Die Regierung hat unverzüglich die energischesten Maßnahmen getroffen, damit die Mrtionalschutzsektion der Erwachenden Ungarn oder irgendeine andere Formation nicht in irgend einer verhüllten Form bestehe. Sie wird die tatsächliche Auflösung derartiger Formationen aufs strengste kontrollieren und, so ferne sie eine weitere Tätigkeit irgend einer aufgelösten Formation feststellen sollte, sofort die notwendigen Maßnahmen treffen. Was aber die Alfölder Brigade anlangt, wird die Regierung, nachdem sie ftstgestellt hat, daß die Leitung der Brigade die Auflösung nicht mit der entsprechenden Sorgfalt durchgesührt hat, diese aus behördlichem Wege liquidieren. Das Sestliadnis der Regierung. Budapest, 14. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die heute publizierte Erklärung des Ministers R a k o v s z k y hat in den außenpolitischen Kreisen peinliche Sensation erregt. Die Negierung gesteht ein, daß sie zu schwach ist, gegen den Hejjas und seine Bande vorzugehen, zumal sie diese Alföld-Brigade selbst organisiert hat. Alle Schreckenstaten dieser Bande, deren Zusammenhang mit den Erwachenden auch von der Regierung nicht mehr geleugnet wird, hat Hejjas selbst angeordnet. Die Regierung wagt es nicht, seine Verhaftung anzuordnen, und sie. hilft sich damit, daß sie seinen Putschplan als das Werk von Leuten „niedriger Intelligenz" hinstellt, die in Csongrad leben sollen. Auch gegen die Erwachenden wird nichts geschehen, die Regierung wird vielmehr abwarten. ob diese ihre' Brigade selbst auflösen. Tun sie es nicht, dann wird auch die Regiemng nichts tun. Von hiesigen, auswärtigen politischen Persönlichkeiten wird betont, daß man die Erklärung als ein volles Geständnis der Negierung betrachtet, und daß dies s ch w e rwiegende Konsequenzen haben werde. Der Maln-Proreß. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 14. Jänner. Vor dem Budapester Strafgericht begann heute der Prozeß gegen den Advokaten Dr. Franz Ulain, den Arzt Dr. Bela Szeurere und den Architekten Titus B o b u l a, gegen die seitens der Staatsawvaltschaft die Anklage wegen V e r b i n d ung zum Aufruhr erhoben wird. Das Gerichtsgebäude war von starker Polizeiwache besetzt, der Eintritt war nur mit Legitimation gestattete Jeder der Angeklagten hatte zwei Verteidiger. Nach Verlesung der Anklage erklärte Ulai u, daß er unschuldig sei, und verlangte von dem Vorsitzenden, daß die Verhandlung über seine erste Reise nach München im Februar 1923, bei welcher er mit Ludendorff und Hitler zusammentraf, als geheim.erklärt werde. Das W dem Alge ^.nd W §8$ MWU. Mch Wiederaufnahme der öffentlichen Verhandlung schilderte Ulain, wie er mit B o b u l a, S z e m e r c und Döhmel bekannt wurde. Döhmel; sagte namens der bayrischen Hakeükreuzler die Unterstützung der Mion zur Mederherstellung der Integrität Ungarns zu. Döhmel sei über die deutschen Angelegenheiten außerordentlich gut unterrichtet gewesen. Er sprach über die Befürchtungen, die man in Deutschland hege, daß die Franzosen über die' Tschecho-Slowakei nach Deutschland eins alle n würden, weshalb es zweckmäßig wäre, die Tschecho- Slowakei von Süden her anzugreifen. Bon Rumänien und Jugosschvien sei damals.nicht gesprochen worden.. Ungarn sollte. für Bayern Lebensmittel boistellen, wofür es Waffen,, technische Truppen und Artillerie erhalten sollte. Für die .Aktion. Ungarns gegen die Tschecho-Slowakei waren 28.000 Mann in Aussicht genommen. Der Angeklagte Titus Bob u la, der seinerzeit im. Hotel Gellert.verhaftet wurde, erklärte sich gleichfalls für nicht s ch u ldig. Es. sei davon. gesprochen worden, daß man auch mit den Türke.n, Bul^are n, .Kr oate n, Italienern und Polen. Verbindung suchen müsse,. um die Arbeit im gegebenen. Momente.sofort beginnen zu können.. , . . .. Der Gerichtshof.beschloß. jAW, Byhifta, Kzemere. und den Zeugen Friedrich DöhmerMgeheim e r'Ve UJ Handlung zu vernehmen. UM'2 Ahr nachmittags wurde die Verhandlung auf morgen vertagt... Die katholische Wirtschaftspakte?. -.Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 14. Jänner. Die neue katholische Wirtschaftspartei hielt gestern in Gran eine Wählewersammlung ab. Abg. Ernßt betonte die Notwendigkeit einer neuen Organisation gegen die Sozialdemokraten, welche sowohl in der Hauptstadt wie auf dem Lande immer größere Macht gewinnen. Graf Josef Karolyi stellte die katholische Kirche und ihre Interessen über alles andere, denn eben so wenig, Ivie die neue Partei imstande ist, von ihrem katholischen Charakter abzugehen, eben so wenig vermag sie in der Frage der Kontinuität des Verfassungsrechtes nachzugeben. Ans dem Papier könne wohl der König seines Thrones beraubt werden. Im Herzen aller bleibe er n a ch w i e v o r K ö n i g. Die neue Partei wird treu bei der Negierung verharren, Ivenn diese den erwarteten Grundsätzen treu bleibt, sonst müßte sich die Partei gegen die Regiernng wenden. Karl Huszar betonte die ' Notwendigkeit des Widerstandes gegen die Regiemng, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil die außerordentlich schwierige, außenpolitische Situation geklärt werden müsse. Minister Vas konstatierte, daß im politischen Leben Ungarns die einzelnen Parteien noch nicht genügend herauskristallisiert seien. Die Führer der neuen katholischen Wirtschaftspartei besuchten sodann den Erzbischof C s e r n o ch, der diesen Zusammenschluß aller konservativen Elemente zum Sckmtze der katholischen Interessen angeregt hat. SwangrtvEe Wenttermmn in Ungarn. (Eigendienst der „Wiener Morgelizeitrmg".) Budapest, 14. Jänner. Hier und — nach den einlaufenden Meldungen — in allen Teilen des Landes finden sogenannte „Werbungen von Freiwilligen" statt, welche jedoch auf ein Haar regulären Assentierungen gleichen. An diesen „Anwerbungen" müssen alle im militärischen Alter stehenden Männer teilnehmen, das heißt, sie werden durch die Lokalbehörden im Vereine mit der Gendarmerie gezwungen, sich assentieren zu lassen. Nach erfolgter Assentierung wird den Rekrutierten eijs'Protokoll zur Unterschrift vorgelegt, in welchem ste bestätigen müssen, daß sie sich freiwillig gemeldet haben. Durch diese Maßregel ist die gesamte Bevölkerung in große Erregung versetzt Word:«. (Diese durchaus zuverlässige Nachricht unseres Korrespondenten zeigt deutlich, wie Ungarn den Vertrag von T r i a n o uumgeht, und wie viel die ungarischen Ver- Nach der Belgrader Konferenz. —y. Wien, 15. Jänner. Die^lußemnimster der in der kleinen Entente vereinigten Staaten, haben ihre programmgemäße Besprechung beendigt. Das positive Ergebnis ist ein BiA kenntnis zum Frieden und das Einverständnis, alle veH fügbaren geistigen und kulturellen Mittel an das Ziels der Sanierung Europas zu setzen. An greifbaren Resultaten ist die Konferenz sehr dürftig gewesen. Sie mutzttz dies sein, weil sie in eine Zeit fällt, da sich große politische Ereignisse vorberejten. Das Konserenzprogvamm laA innerhalb eines Dreiecks, dessen Scheitelpunkte von deA drei großen Mächten England, Frankreich und Italiens bestimmt werden, deren innere und äußere Politik im- Augenblick sich auf Veränderungen in der europäisches Konstellation einstellen muß. Sie sucht Bündnisse und neue Anknüpfungen, die der Natur der Sache-nach nur auf dem.Gebiete Mitteleuropas liegen können. Demgemäß stand auch die kleine Entente vor der Tatsachedaß unmittelbar vor ihrer Eröffnung die tschechisch-französische Konvention zustande gekommen war,- daß während ihres Verlaufes Italien und Jugoslawien sich über Fiume und Baros einigten und einen Jntegritätsvertrag! schlossen; in den letzten Stunden der Beratung kam danch die englisch-jugoslawische Annäherung. Im Hintergrund dieser drei Akte stand die kommende Arbeiterregierun^ in England, die schon heute die politischen Verhältnisse des Kontments durcheinanderwirst und den gewiegtestes Berufsdiplomaten has Konzept st^rt. SiLAvirst müÄ Mein 'M""6eüffHe Änd Re russische? Frage aus, sondern, sie betrachtet sie als sehr wesentliche, aber miteinander! verbundene Teile des europäischen Wirtschaftsproblems-,? die nicht für sich allein'behandelt werden können. Die? kleine Entente, die im Schatten Ramsay Macdonalds! stand, mußte sich darauf beschränken, zu Italien in ein? gutes Verhältnis zu kommen, und sich im übrigen aufs. Abwarten einrichten. Herr Benesch, der führende Mann in der mitteleuro-, päischen Politik, wird sich nunmehr nach London und?? nach Rom begeben. Diese Reisen, die man nach alters Gewohnheit als längst besprochene Visiten ausgibt,? tragen dem Bedürfnis Rechnung, an diesen beiden Sre!-? len Informationen zu geben und zu empfangen und css ist. klar, daß sich nunmehr zu den Fragen, an denen die? Neuordnung der europäischen Wirtschaft laboriert, auch) die französische stellt. Zum ersten ,Male. Und daß dieseintritt, ist wohl das stärkste Ereignis der Nachkriegszeit^ das zudem von Frankreich selbst herbeigesührt worden! ist, wenngleich es erst durch die Wirkungen des eng-? lischen Wahlresultates klar vor aller Augen hingesteM' worden ist. Das unaufhörliche Sinken des Parner Frau-? ken hat die englische und die italienische Presse zu einer?- scharfen Kritik der Reparationspolitik veranlaßt, und im der Pariser Kammer hat der Führer der Linken, Herr! Herriot, Poincare zu dem Geständnis gezwungen, daß die- Ruhrokkupation die Reparationsfrage nicht löse. Sie ist durch die Eingriffe Frankreichs in das inneres Leben des Deutschen Reiches noch komplizierter gewor^ den und die Mordszenen in Speyer sind ein kaum mehr^ zu überbietender Beweis ftir die entsetzliche Korruption," die sich im Gefolge dieser Gewaltmethoden entwickelt hat.^ England entsendet bereits seinen Münchener Generals konsul zur Untersuchung dieser Vorfälle und Hierim kündigt sich bereits das kommende System au, das der^ Verwilderung der politischen Sitten entgegentreten will.' Der Ausgangspunkt'der Reform ist von Macdonald bereits mit Nachdruck hervorgehoben worden. Es ist der Versailler Vertrag, den man in Paris als eine für die. Ewigkeit abgeschlossene Tatsache verehrt. Weil ipanaber gelernt hat, wie es bei solchen Dingen um die Ewigkeit bestellt ist, will man ihn mit Bajonetten umgeben zu seinem Schutz auch die kleinen Völker hetauziehm. Es ist eines der wichtigsten Ergebnisse der abgelaufenen Belgrader Konferenz, wenngleich ein negatives, daßdiese Absicht auch auf den Widerstand Mitteleuropas' stößt und daß die englischen Anfragen über Sinn und Richtung der von Frankreich bewilligten RüstungSaelder nach dieser Seite hin ihre Wirkung getan haben. Konnte die Konferenz in diesen Angelegenheiten zw keiner sofortigen Stellungnahme gelangen, so. hat sie: doch bezüglich Ungarns feste Beschlüsse fassen können? Sie gelten dem in der Anleihe konzentrierten Problem und sprechen deutlich aus, daß die Hinterhältigkeiten deS Horthy-Systems ihr Ende finden müssen. Sicher ist auch dyiMM EBB TriMn «W iÄ2W