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Wiener Morgenzeitung · 1924-01-11 · Heft 1762 (11.1.1924) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1762 (11.1.1924)
Date
1924-01-11
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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«;1 1 >) * I >\ ’f. t > >; : i i.. r: fr i-. j- $.v k \ f l l- *?. }:■ * “ 5 Y‘i <ümr Men, ffre:?chg ilmruöM 8! der „Wr. Morgenzeitung" Menler MÄMtWMH». m. Jän-uer 1924 ROTENTURM-KINO WIEN, l, FLEISGEMABKT1 Ab heute bis 14. Jänner Film und Kino Grscheint jeden Ireilag „Das Tal -es Schweigens." Dreiser FAm schürt zu einer Serie, die «die Paramomtt- Gssellschaft im hoTjen Norden Amerikas herstellte. Die starre, «Mge Pracht eines den größten Teil des Jahres umfassenden WirrterL gibt diesem Werke eine prachtvolle Folie. Und die schroffe Handlung, voll Mentcnar mtt> Fähvlichkeiten, patzt wundervoll in diese von Schnee «und Eis starrende unwirtliche ' Gegend, die von nomadisierenden Indianern, Verrm-Iderten Pelstägem und tvonigen Zlnsiedlevn bevölkert wird, unter denen die berittene SchutzpolMi der Vereinigten Staaten mühsam Ordnung halt. Lew Eody spielt den Helden dieses FAmS, einen Poli^eisergeanten, der sich durch eine .schwere Skr** rvundung dom Tode verfallen glaubt und darmn die Schu'ld eines Mordes ans sich nimmt, dessen ein Freund,, dem cx zu Domcke verpflichtet ist, verdächtigt ist. Die Nichte des, Geretteten will ihn bis zu seinem Tode pflegen, und macht, da sie sich einem Sterbenden gegenüber vermeint, aus ihrer Zuneigung zu chm kein Hehl. Doch stellt c§ sich bald heraus, daß die Diagnose des Arztes «falsch war, der Verwundete qenest und muh m den Kerker. Aus dieisom befreit ihn das Mädchen und, nachdem -der Kapitän der Polizei einen rätselhaften Tod gefunden hat, flüchten beide in ihre Heimat, das Tal des Schweigens. Wundervoll ist diese Flucht dargestellt, die über einen riesigen Gletscher führt, eine wunderbare Verfolgung eines Floßes durch ein Motorboot auf einem reißenden Fluß dringt, und viele andere Mlsgezeichnete Sensationen. Dann cnMvirrt sich die Handlung in einer 'bei den Amerikanern recht beliebten Weise — durch das Geständnis eines Sierberiden. — DaS Buch dieses Films ist sehr gut und spannend; rmtürlich P hierbei das Genre zu berücksichtigen. Diese Handlung ist von der sehr guten Regie verständnisvoll erfaßt und bis zur letzten Möglichkeit ausgenützt. Ganz ausgezeichnet.ist durchwegs das 'Spiel aller, Darsteller. Lew Cody versteht es.'euren Sergeanten Aaubwürdic, und ungemein sympathisch zu -formen. Schr nett qt zum Beispiel der Moment, in dem er sich entfchießt, die Schuld des Mordes auf sich zu nehmen, da ihn der Arzt aufgegoben 'hat. Ganz cchne mimischen Pathos <dcr leider in solchen Fällen bei uns inruver übermäßig aufgetragen wird), drückt sein Gesicht Bedauern über das Unabwendbare aus, und dann erklärt er sich für den Mörder, geht, als solcher in den Kerker und-grübelt dann etwas fassungslos darüber nach, wie das alles geschehen konnte. Er spielt keinen Helden, er trieft nicht von Edelmut, er ist gairz einfach ein «Soldat, der die einfachen an erzogenen Eigenschaften hat, die anderswo schwülstig als Tugenden gefeiert werden, lbnd das macht chn so nngeme'm sympathisch, das bÄveist, daß >er als Schauspieler es Erficht, die Gestalten, die er forint, dem Leben abzu« lauschen, daß er Leben 'darstellt und nicht verlogenes Theater. Ihm ebenbürtig ist seine Partnerin. Eine hübsche, durchaus sympathische Erscheinung, die eine ausgezeichnote Schauspielerin ist. Sie hat jene herbe Grazie der Amerikanerinnen, denen man die Bewältigung van Gefahren wirklich zutraut, und die auch bei ehrlich schwierigen sportlichen Leistungen es inmrer verstehn, ihren pggenhaften, bis auf die -letzte Wiuskel trainierten Körper günstig und graziös zu placieren, sine Kunst, die -bei uns leider .den wenigsten Schanspielerrwnen zu eigen ist. — Alle übrigen Personen des Ensembles sind airsgezeichnet ausgewählte Typen, die sehr schönes, lebeusgetrcues Spiel bieten. Ausgezeichnet ist die wundervoll klare und plastische Photographin. „Der Triumph der Schönheit." Der Titel ist von dem einer kleinen Pantomime hergenonunen, die in diesem Stück aufgeführt wird, und die Schön« heit selbst ist Marion Da wies. Sie ist beinahe wirklich das, was man „schön" nennt, aber allermindestens sehr hübsch und sehr, sehr lieb und sympathisch. So recht geeignet, das Publikum ganz für sich einzunehmen, daß es ihr alles, was sie auch immer macht, verzeiht und für schön und gut fiu-det. Diese Eigenschaft st't in diesem Film nicht ganz so unnotwendig. Die Handlung ist ja sehr lieb und nett, aber sie weist leider keine einzige Nuance auf, die nicht schon einige Male dagewesen wäre. Und da tut es sehr Wohl, daß Marion Da wies die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht und durch ihr Persönliches fesselt. Sie spielt ein kleines Mädchen aus einer furchtbar I Kino* I Die Americanfllm Co. V ® bringt die ebenso schöne als geniale ilicauuieri Pricilla Dean Unter zwei Flaggen nach dem berühmten Roman von Quida Ab heute im: Qpefnltinoy I. Imperialkino, I. Rotenturmkino, l. Zentralkino, II Kammerlichtaplele am Schwarzenbergplatz, III. Ab Dienstag den 15. Jänner: Kantmerllchtaptale am Schwarzenbergplatz, III. Unter zwei Flaggen and das übrigo Schlagerprogramm Beginn dor Vorstellungen: 4. V*G> Vfi und a/4» Uhr Begleitmusik einer erstklassigen Künstlerknpell# noblen und moralischen Qnäkerfamilie. das sich in einem Bai zu einer, wenn auch ganz unschuldigen, aber doch mondaine« Dame entwickelt. Grund 'hierzu natürlich die Liebe. Wie sA dieses junge Mädchen darstellt, ist meisterhaft und so nett mtS lieb, daß man diesen Film eigentlich „Den Triumph der Um schuld" nennen könnte. Wenn sie in diesem Film behaupten; würde: „Die Kinder bringt der Storch", würde man kemeh Moment daran zweifeln, daß sie von diesem Glauben fesj Lunakino, XVII einem erwachsenen Mädchen dem Superlativ von fadeste) Langweile gleichkommt. Es steht dem Kritiker dieses Films absolut kein Recht zu. die Rolle mit der Person der Schau! sprelerm irgendwie vergleichen zu dürfen. Möglicherweise iss sie auch im Leben wie in dieser Rolle, obzwar die allgemein! Moral der kalifornischen Filmstädte zu dieser Annahme keine« Wie immer 'gearteten Anlaß geben. Es möge hier nur gesagj sein, daß diese Schauspielerin in dieser Rolle für die heutiger' jungen Mädchen sehr lehrreich wirken kann, da diese sich selbst (und damit natürlich auch ihve jugendliche Umgebung) in zwes Gruppen scheiden, deren eine mit „Gott, wie verdorben'/ und die andere nrit „So ein Untanr!" bezeichnet wird. Zwi> schen diesen beiden Polen stehen leider die wenigsten. Wir man aber unverdorben und doch nicht „unbetamt" scheincu kann — und bei Frauen ist ja doch meist der Schein gleich dem Sein —. das wäre hier an dieser Amerikanerin zu lernen. Ein gewiß nicht geringer Lehrwert, den dieser Film birgt. Um tvieder auf den Film selbst zurückzukommen, wäre noch zu sagen, daß er in einer wunderschönen Gegend, einer kalifornischen Riviera, spielt, daß durchwegs sehr, nette und liebe Menschen in ihm Vorkommen, die sehr gut ongezogen sind und sehr gute Manieren haben. Außerdem ist er rech: lustig und gar nicht aufregend. Ganz ausgezeichnet wie Regie und Spiel ist auch die Photographie. . Pressevorjührung von „Oft und West" in Rew-Nork. An 28 Dezember vorigen Jahres fand in Ncw-Aork die öffenrlichr Pressevorfuhrüng des in Wert 'bekannten Films „Ost und West" statt. Das Publikum spendete dem anwesenden Schöpfer dieses Werkes, dem» Regisseur S. M. G o l d y u reichen Beifall. _ Die Filme der Woche. „Unter zwei Flaggen", ein glänzender mncrifuHücnci Film mit Priszilla Dean, der allbekannten, ausgezcichncren Darstellerin in der Hauptrolle, nach dem 'bekannten Rmn< Onidas „Die Regimentstochter". Weitere Neuerscheiinntg-en: „Mignon". — „Das jungfräuliche Paradies". „Ei« RediaktionSgeheimnis". — „Gertis Leiden". — „Die Frau mit den Millionen", erster Teil. — „Frühlingserwachen". — .Drei lebende Geister". Copyright 1924. J. LidyschmkoB-Verlag, Berlin. Nachdruck verboten. (54. Fortletzung). Snkel Moses. Roman von Schalom Asch. Es hatte lange -gedauert, bis es der SchneidergLwerkfchaft gsluingeu war, Onkel Mafes' Werkstätte zu organisieren. So lange der Onkel der „tnfbbe man" >war, waren alle Versuche erfolglos. T-ie Landsleute vermochten nicht, sich gegen den Onkel zu erheben, sie konnten sich gar nicht vorstellen, wie sie imstande wären, dem Onkel etwas Schlechtes anzutnn. Er ist dcch unser Brvtaeber, antworteten sie auf alle Eimvände. Doch als Sam nach der Heirat des Onkels ihr Herr geworden war, seit Sam sie seine .Hand fühlen ließ, wuchs die Unzufriedenheit immer mehr und schuf sine Kluft zwischen den Landsleuten und dem Onkel. So gelang es Charlie und einigen professionellen Agitatoren der Gewerkschaft endlich, heimlich die Werkstätte des Onkels zu organisieren, insgeheim einen Landsmann nach dem anderen, bis endlich ganz nnevwariet für den Onkel und seine Getreuen der Stvoi'k ausbvach. Anfangs war Kusmi-n sehr kampfesfreudig. Als es sich darum handelte. Streikposten vor der Werkstätte des Onkels aufzustellen, rissen sich alle um dieses Amt. Erwählt wurden dazu Schlo-jme der Bvtengänger, Iossel der Fuhrmann und ein paar Juden, die früher Fischer und Flößer gewesen waren, Leute, die imsta nde waren, zurückzu schlagen, taemn es notwendig war. Sie steckten Brot und gesottene. Kartoffel in die Taschen und bezogen Schlag sechs Uhr früh ihren Posten vor der Werkstätte des Onkels. Dort standen sie und wachten. Ein parrural kam der Onkel auf sie zu und versuchte mit ihnen zu verhandeln: ,-Mas soll das Stehen für einen Zweck 'halben?" „Wir wissen es nicht. Wir 'halben Auftrag, zu stehen, so stehen wir", antworteten die Juden. ,Aber was wollt ihr? Laßt mich doch hören, was ihr wollt." „Wir wissen gar nichis. Eharlie, alles Eharlie. . . Wir srnd einfache Soldaten, lvir haben Auftrag zu stehen, also stehen wir", antworteten dve Juden im Soldatenton, dessen sie sich noch von der Zeit her erinnerten, 'da sie dalieim beim Militär Mache gestanden waren. „Mas, hat euch Charlie nach Amerika gebracht? Hat euch Charlie Arbeit verschafft, Brot gegeben? Das ganze Jahr geht ihr auch zu Charlie, allrigth!" „So ist es befohlen." „Warum steht de.r Onkel hier uno diskulierr mit ihnen? Wer sind sie &im? Onkel, herein!" Sam zog ihn Lemn Aevmel, mit jener Frechheit, die er sich den: Oii'kel gegenüber angejlvöhnt hatte, seit Abafcha das Ki-nd geboren batte. „Laß mich, ich ivill mit ihnen sprechen." „Onkel", schrie Sam. „ich wünsche, daß der OE hcremg'eht. Alit ihnen darf nicht gesprochen werden, es gibt keine Verwandtschaft, es gibt keine Landsleute. Mir kommt kein Verwandter mehr über die Schwelle." „Alles Charlie. Wir tvisien gar nichts", amworieten die Landsleute. Charlie 'war der Abgott: Charlie kam -jeden A-beud in die C-He'wm -AnschEitArn-in und hielt Reiben vor den Landsleuten; Charlie 'brachte andere Redner mit; Charlie lief zu den Zeitungen; Charlie trieb Geld auf; Charlie war der zweite'Moses, der gekommen mor, die Landsleute von Onkel Moses, dem Pharao von AeMpten,;u erlösen. In der Chewra Schulchau-Aruch Ausche^usmi-ni waren die ftreikendtzn Landsleuie versammelt. Kus-miu ruhte, und etz ging zu wie an der alttzn Hei-nmt an den Hal-bfevextagen. Es ist nicht Sabbat und es ist kein Feiertag — es ist clrt Wochentag und es wird nickst gearbeitet. Tara-n war Kusmin nicht gewöhnt. Der Streik 'daue.rt>e -bereits^ acht Tage. Der erste Enthnsiasinus >oar verflogen rtud Kusmin verspürte bereits Sehnsucht nach der Werlstärte. Hunger verspürte noch keiner, jeder ha-tte, seit dig Orga.n.isievnlng erfolgt warfür den Streik etwas zur Seit-e gelegt, «und vtwas hatte auch die Gewerkschaft mit Mühe zusanvmengeibracht. Doch Kusmin konnte nicht nmßig gehen. Die Ue'bevlegung ließ ihnen keine Ruhe, der „Zweck" bohrte im Gehirn und nagte am Herzen wie ein Wirrm. „Was soll der Müßiggang für einen Zweck halben'?" fragte einer leise den anderen. „Und was für einen Ztveck erfüllst du 'beim Onkel in der WerkstäUe? Das trockene Stückchen Brot — das ist der „Na, ja, vielleicht, schlietzlich ist es Auftrag der Gemeinde, und die Giiucinde «weiß, was sie tut." Doch Kusmin blieb inzwischen nicht auüßig. Der eine bereitete sich ivährenv dieser Zeit ein' Plätzchen in der anderen Well vor. indem er einen Tag lang Pfalnieu sagte, ein anderer, tveicher mehr gÄernt hatte, studierte eiu wenig die Mischna; die ganz Ungebildeten machten ein Spielchen bei d:r Tür der.Schnl nud die Aelt-eren machten ihnen Vorwürfe: „An einenr heil-igen Ort!" Die Jüngeren anttvortteten darau>f: „Es ist ein Streiklokal." Kusmin ging frank und frei umher und hari-e -u-ichls zu tim: Kusmin lernte in dieser Zeit Frau und Kinder näher kennen, für die die Mä'nne.r, wenn sie arbeiteten, leine Zeit lmtteu: Kusmin ging in dieser Zeit spazieren, 'beschäftigte sich mit der Hauswirtschaft, flickte 'die eigenen Kleider, aber Kusmin war nicht zufvisden. „Um Gottes willen, Josef, tvarum dauer: da>s so lange? Was soll es für einen Zweck?ha-beu>?" Charlies Popularität W\ den Landsleuten von Kusmin begann allmählich zu erblassen. sie länger der Dvmit dauerte, ohne daß ein Resultat zu. sehen tvar, dtz'sio stärker begannen die Landsleute von Kusmin, wie ei'nsttnals ihre Vorfahren in der Wiste, gegen Charlie zu „murren": „Was wird das GnÄe sein? Alte Leute lassen sich von einem Burschert führen; wir sehen gut ans!" Jnzwifchen war Sam auch nicht nutätig. Cr berief einen Familienrat ei>u, ließ 'den Vetter Manes holen, welcher bekamtt-lich Demokrat war. und den Pol-izerk-onmüssär. nrit dem Manes auf gutem Fuß stand, und pflog mit ihnen Rats. Die nächsten Verwandten wurden zusanvinenbevustn und heimlich zu den Landslenien in ihre Wohnungen geschickt. Zuerst g'ng man zu den Bekannten ans der Heimat, denen der £ 11'fd d:- meisten Wohltaten erwiesen hatte, und führte onit ihnen ein Gespräch: „Was verspricht -euch der Chavli'e'? Wird er für euch eine Werkstatt eröffnen? Nun; wir wollen ja sehe'.:. Warn»:.'» zeigt er nicht seine Knust? Warum 'läßt er euch hungern, wenn or cuck) von der Arbeit weggeschbeppt hat, -waruni gibt er euch keine Gel'egenheit, etwas zu verdienen? Cr hat zu essen, er hat sein Geihält bei der Gewerkschaft. W'arunc streikt er nicht? Er stveikt nicht und euch besieh!: er zu Die letzten Worte Werzeugten. Es dauerte nicht la'nge, da war es Sarn zusammen mit seinem Vetter Manes gelungen, einen Teil der Landsleute zur Wi>ederanfn:ihme der Arbeit zu bewegen. Nicht der Hunger nnd nicht die Not hatten, den Sieg 'davongetragen, sondern> urrr >der blnistand, daß Kusmin nicht müßiggehen tonte, nicht gewohnt war, nicksts zu tun zu haben, und nach der Werkstätie Schnsackst baue. '.itortievuno solat.l

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