Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1761 (10.1.1924)
- Date
- 1924-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer K1000 Wien: Zum Abholen in der Expedition, lf„Taboratr. 1 -3* oder in einer Verschienst eile (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf m Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt.I.B«., Wollzeile 11. Mit Poetversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts ch e e h o-S 1 owa k e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar50. Polen: Mon. polnische Mark 2,200.000. Deutschi.: Mon. Goldmark 3.—, Frankr., Belgien: Mon. Frcs. 10 HF* Naeb*al»lu»Z*n bei PreiwrtiShunfeo Vorbehalten Rr. 1761 Wien. Donnerstag. 10. ZSnner 1924 D«r Pampasreltar Die Schlucht des Todes rC* Vt A n° PolBDipAln.lft.100.000 Italien: Monatl. 12 Lire, Rumänien Mon. 130 Lei, Bulgarien Mon. 75 Letya, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frea.3 Redaktion u. Administration Wien, IIH Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.l9-483,25-282 Tel.- Adr.^Morgenzeitm;* Wien Oeatcrreicbiaches Postspaf kassen- Konto Nr. 150.69* 0. üahrgan» Mkdmmldr KMnmse». -y. Wien, 10. Zänner. Antwort. An dem Mend, der der Eröffnungssitzung des englischen Unterhauses folgte, entwickelte Rcnnsay MacdonLkld in einem Meeting das Regierungsprogramm feiner Partei. Da es noch einige Tuge dauern wird, ehe er dies von dem Platz des Premierministers aus tun kann, hat er das Mittel der Volksversammlung gewählt, um so, frei von allen diplomatischen Rücksichten, darstellen zu können, wie sich die Arbeiterpartei die Einrichtung ihres politischen Systems und dessen Abtönung auf die Verantwortlichkeit vorstelle. Die Rede läßt erkennen, daß der Führer der Partei im vollen Bewußtsein der Größe des Augenblicks allen unnötigen Konflikten abschwört. Er will nicht das Land von neuem den Erschütterungen eines Wahlkampfes . aussetzen, richtet sich also darauf ein, für längere Zeit die Geschäfte zu führen. Das 'bedeutet aber gleichzeitig die Absicht, auf ein Kompromiß mit den nächststehenden Gruppen des Unterhauses einzugehen, da die Partei es nicht darauf ankommen lassen kann, die Konservativen mit den Liberalen zusammenzuführen. Der Konflikt, der sich daraus ergäbe, wäre der direkte Anlaß zu Neuwahlen, urch der Ausgang solcher Probenist nur dann bekannt, wenn sie vorbei sind. Es wird also eine Kooperation mit den Liberalen das Zeichen fein, in dem sich die Politik Englands in der nächsten Zeit bÄvegen wird. MacdonaLd bekennt sich als Anhänger bet sozrali-/ stischen Evolution, die gewaltsame Erschütterungen vermeidet und den Ausbau der sozialen und politischen Ordnung auf eine systematische Erziehung der Massen stützt. Die Experimentalpolitik unterbleibt. Sie hat sich dort, wo sie auf dem Kontinent von den extremen sozialistischen Parteien praktiziert wurde, als der Vorreiter der Reaktion erwiesen und — um nur ein naheliegendes Beispiel Herauszugreisen — das Horthy-Regime hat in seinen Grundzügen sehr viel Ähnlichkeit mit der Kunschen Episode. Solche Spuren schrecken und die englische Arbeiterpartei hat viel Gelegenheit zu schweren Erfahrungen gehabt. Zudem wären die inneren Probleme, an die die neue Regierung mit neuen Methoden herantreten muß, mit der eisernen Faust nicht zu lösen. Die Wohnungsnot und die Arbeitslosigkeit sind Fiebersymptome einer internationalen Seuche, die aus dem Krieg entstanden sind. Man kann sie nicht als englische Fragen ansprechen, weil auch sie in den Komplex der großen politischen Krankheiten gehören, die nur durch kluge, nach internationalen Gesichtspunkten angelegte Methoden erfaßt werden können. Setzt Frankreich seine Okkupationspraxis, Deutschland seine Resistenz fort, dann wird der englische Arbeiter feine Wohnung uttb Arbeitsstätte in noch weiterem Ausmaß bedroht scheu und seine Regierung wird demnach das Gebiet der auswärtigen Angelegenheiten viel schärfer im Auge behalten müssen. MaäonaD kündigt diese Aktivität in einer dem Meetingscharalter angemessenen Weise an. Seine Regierung wird sich an die Männer und Frauen, an die Arbeitenden und Werktätigen in der ganzen Welt Ivenden, um sie gegen das Verbrechen der Wettrüstungen zu mobilisieren. Nun, ganz so wird ja das nicht sein, und ein solcher Appell wäre der Grund für e'bensoviele Konflikte, als es Generale uiw Sachverständige der Menschenmetzgeroi gibt. Auch in England selbst existiert eine Kriegspartei, deren Sprachrohr, die „Mormng Post", schon setzt die Absichten Macdonalds mit billigem Spott bedenkt. Der Nationalismus, diese stets hungrige Bestie, wird zu allen Zeiten den Patriotismus als willigen Vorspann finden, und vor neun Jahren haben wir in ganz Europa sozialistische Parteien Hurra schreien gehört. Immerhin mag man seither doch wenigstens einiges gelernt haben und einen weniger sensationellen, aussichtsroicheren Weg in der von Macdonald empfohlenen Ausgestaltung des Völkerbundes boschreiten. Hier hätte die Arbeiterregierung wohl sehr große Widerstände zu überwinden, aber der Gedanke der internationalen Zusammenarsbeit ist heute schon stark genug, um sich selbst die Herzen der Menschen zu erobern, selbst gegen den Willen der Uniformen. Macdonald will eine Verständigung der Staaten über ihre Streitfragen yerbeiführen und sie unter den Schutz der internationalen Gerechtigkeit stellen. Auch hier ist bereits vorgearbeitet. Es muß nirgends Gewalt angolven-det werden, man Muß nur das Vovhanderck benützen und fortbauen. mm.teSM asw. ä. ■ ' " Ablehnend! Reise des Pariser Geschäftsträgers nach Berlin. . (Ergendienst der ,Wiener Morgenzeitung".) Berlin, S. Jänner. Me Ihr Korrespondent erfährt, wird der deutsche Geschäftsträger in Paris von Hoesch morgen in Berlin eintreffen und die französische Antwort auf das deutsche Memorandum mitbringen. Auch die belgische Antwort wird morgen m Berlin überreicht werden. Sie wird in ihrem Wortlaut nicht identisch mit der französischen sein, aber im wesentlichen den gleichen Inhalt haben, den man aus hen Ankündigungen der Pariser und Briisseler Presse schon lennL Die deutsche« Vorschläge werden in der Mehrzahl abgelehnt, einige werden znr Diskussion gestellt. Nach französisch,belgischer Auffassung wird die Antwort die B e r h a n d l u n g e n über die neue Ordnung im besetzten Gebiet nichts B f ch l i e tz e n, sonder« die Möglichkeit für eine Fortsetzung der schriftlichen Unterhaltung bieten. Während Hoesch' Anwesenheit in Berlin dürste seine Ernennung zum Botschaster in Paris erfolgen und damitderBotschasterposten wiederbesetztsein^berseit BeMü der Rührbesetzung vakant geblieben ist. Gleichzeitig mit dem Pariser wird auch der Brüsseler Botschasterposten wieder besetzt werden. Als Kaud-idatwirdder Gesandte in Belgrad, v. Keller, genannt. Frankfurt a. M., 9. Jänner. Aus Paris wird ikx „FrankfirrtLr .Zeitung" gemeldet: Die Blätter wollen wissen, daß die französische Negierung >'m ihrer Antwort an Dontschlan'd 'doch einigen aus .Brüssel gekommenen Anregungen und Wünschen Rechnung getragen habe, «ament» lich in bezug aus die Wünsche der deutschen Regierung im Rheimu ntz Ruhrgebi e t. Sonst sei der französische Standpunkt unverändert geblieben. So hat man es zum Beispiel a b g e l e h n t, der deutschen Regierung die fvsie Auswahl der in den besetzten Gebieten wirkenden Beamten zu belassen. Aus jeden Fall hat man sich sowohl in den belgischen wie in ttejt französischen Dokumenten gchntet, die Türe zu weiteren Verhandlungen zu schließen. Die belgisch e A n t w o r t hält sich laut „Petit Parisveir" PuM für Punkt an das deutsche Memorandum^ und bshandstt jede ernze^luie. der aufgcworlfemn technischen Fragen tritt großer Gewissenhaftigkeit. Die belgische Regierung zeigt großes Entgegenkommen in allen Fragen, deren Regelung zur Wiederherstellung der wirtschaftlichen und iwdustviellen Aktivität der besetzten Gebiete' Ertragen könne, aber sie weist jode Ko^ession zurück, von dk,r -man qm Bceinträchtignng oder Schwächung der OWuPatwnspMK lbefiirchten müßte. , - DM 'he«. nimmt FrnMng. Besonders 8er. Hitzen des RuhvgMeteS fft mit AüAnähme von Nemen GeachaMeriekoMmandos fast allex französischen Truppen entbiößt. Irr den letzten Tagen, 'besonders seit gestern, rücken täglich regimMterwelse französische Turppen in der Richtung nach dem Rhein ab. GeIenkirchen scheint für Urcheve Zeit der SamuielpunA größerer französischer Truppenteile zu sein, wenigstens -ist von einer Freigabe 'der beschlagnahmten Schulen und Ouartieve voääuftg noch nichts Kt bsmerken. kxzar Ferdinand von Bulgarien in Men. Keine Rückkehr «ach Bulgarien. Londoner Adeldung zufolge soll der gewesene iföimjg von Bulgarien seinen Aufenthaltsort Ko bürg verlassen, mit der Absicht, sich nach Sosia zu begeben. Diese Nachricht hat in der kleinen Entente, hauptsächlich in Jugoslawien, Beunruhigung hervorgerufen, zumal man cm die angebliche Reise des Exzaren allerlei Vermutungen knüpfte. Zunächst würde der Befürchtung Ausdruck gegeben, die Anwesenheit de-s Exzaren in Bulgarien könne die Politik der Regierung Za n k o w ungünstig beeinflussen und ihr von neuem jene Richtung geben, die seinerzeit Bulgariens Eintritt in den Krieg an der Seite der Zentrcckrnächte entschieden hatte. Verschiedene Zeitungen wissen auch, zu berichten, daß Prinz Kyrill bereits in Sofia weile, um als Nachfolger seines Bruders Boris den Thron der Zaren von Bulgarien zu besteigen. All diese Nachrichten stehen in schroffem Widerspruch zu den aktuellen und historischen Tatsachen. Wie wir von unterrichteter Seite. Erfahren, befindet sich Exzar Ferdinand seit einigen Tagen in Wien und hat int Palais Koburg Wohnung genommen. Besuche des Exzaren in Wien gehören durchaus nicht zu den Seltenheiten^ zumal Ferdinand als Sammler/Mäzen und Kunstamateur das natürliche Bedürfnis haben könnte, jeweils kurze Zeit in einer Weltun- Kulturstadt zu verbringen. Sollte der Exzar die Absicht haben, nach Sofia zu übersiedeln, so könnte er diese nur mit Zustimmung der Regierung ausführen, die ihm aber bisher verweigert wurde. Seine Rückkehr hätte für ihn, der sich seit seinem Rücktritt (September 1918) jeder Politik ferng-ehalten hat/nur den einen Zweck, seinen Lebensabend gem-vinsam mit seinen Töchtern Endokia und Nadeschda in dem Lande zu verbringen, das er 28 Jahre lang der europäischen Zivilisation zuzuführen sich bemüht hatte. Im übrigen hat der Exzar in Bulgarien jeden Einflug verloren, seine einstmals geringe Popularität ist heute neben der seines Sohnes Boris vollständig verblaßt. An politische Intrigen ist überhaupt nicht zu denken, weshalb die an eine etwaige Rückkehr geknüpften Kommentare jeder Tatsächlichkeit entbehren. Ebenso umnoeinem Thronverzicht des Boris zugunsten des. jüngeren Bruder) Kyrill. Boris ist der nach althistorffcher Sitte in der Krönungsstadt Tirnowo gekrönte Zar aller Bulgaren, dem Charakter, der Religion,'der Physiognomie, der Erziehung nach durchaus schon Bulgare, als Thronfolger ausgewachsen, während man es beim Prinzen Kyrill mit einem jungen, unerfahrenen, in der deutschen Kriegsschule erzogenen Offizier zu tun hat, der seine Jugend in der Welt genießen will. ßngland Md die französischen Mstungslredite. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".). London, 9. Jänner. Das Reutersche Bureau meldet: Die englische Negierung hat bisher keine Ä n t w o r t. auf die Note erhalten, die sie an die Staaten der kleinen Entente Betreff5 der von Frankreich gewährten A n l e i h e n gerichtet hat. Man glaubt, daß diese Frage auf der Belgrader Konfererenz erörtert und daß eine kollektive Antwort erteilt werden wird. (Me „Eorriere della fera“ zu berichten weiß, wird die Konferenz^ der kleinen Entente nach dem Bericht Dr. Benesch' über den französisch-tschechischen Vertrag die englische Note über die französischen Rüstungskredite in Beratung ziehen). . 8i« neues Programm der Konservative?!. Baldwin soll vom Präsidium zurücktreten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London» 9. Jänner. B a l d w i u hat beschlossen, in den nächsten Tagen eine Versammlung der k o n s e r v a t i v e n Abgeordneten einziwerusen, um das Programm d e r P a r t e i neu srsizusetzen. Es verlautet, duß keine Rede davon sei, B a l d w i n die P r ä s i d e n t s ch a f t d e r P 7 i e i w e g z u n e h m e n. Rtan halte es jedoch auf verschiedenen Seiten für nötig, daß B a l d w i n ans freien S t ü ck e n; n r ü ck tr i t t.