Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1757 (6.1.1924)
- Date
- 1924-01-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Wien, Sonntag_ Vertretern des Handels und der Industrie. Wenn eine dauernde und laufende Nachfrage nach dem Gefrierrindfleisch anhält, würde sich die Rückbildung der fetzigen Ueberpreise für Rindfleisch durchsetzen lassen, die auf die Preise auch anderer Bedarfsgegenstände von Einfluß sein könnte. In den nächsten Tagen finden zwecks Feststellung von Plätzen für die überseeisch.'n Verkaufshallen seitens M Magistratkommissionelle Erhebungen statt. die Lerhandlangen mkt den Lelegraphen- und Televhonanoeftellten. Gsstern vormittags fa-nv im Parlament eine Sitzung des Zenttalausschusses der Telegraphen- und Telephonange st eilten statt. Es wurde berichtet, daß die Vereinbarungen, die mit dem Generalpostdirektor getroffen worden sind, im großen und ganzen die Genehmigung der Regierung gefunden haben. Ein« Re.ihe von Fragen, die von der Angestelltenvertretung ausieworsen wurden, wird im Zuge der Verhandlungen über die Wirtschaftsprämien geregelt werden. Die Vertreter der Technischen Union erklärten, daß sie vorläufig die weitere Entwicklung abwarten. jedoch gerüstet seien, bezüglich der noch ausständigen Forderungen mit den schärfsten Mitteln vorzugehen. Ter Zentralausschuß beschloß, den Bericht zur Kenntnis zu nehmen, erklärt« jedoch, falls abermals eine Verzögerung iu der Erledigung der noch ausständigen Angelegenheiten eintreten würde, mitgewerkschaftlichen Mitteln dir Forderungen der Angestellten durchsetzen zu wollen. Las Studentemrcht. Die Konferenz der österreichischen Rektoren. Wie schon angekündigt, begann gestern vormittags im SenatSsaale der Wiener Universität die Konferenz der Rektoren und der Vertreter der deutschösterreichischen Hochschulen. In Vertretung des auf Urlaub befindlichen Rektors der Wiener Universität war Prorektor Hofvat Dr. D i e n e r erschienen. Den Vorsitz in der Konferenz führte Professor Dr. Sperl. Vertreten waren sämtliche Wiener Hochschulen, 'darunter auch die Akademie der bildenden Künste, ferner die beiden Grazer Hochschulen. Die Innsbrucker Universität und die Leobner montanistische Hochschule hatten wegen der Berkehrsschwierigkeiten keinen Vertreter enöftrwet. Den Gegenstand der Konfeveyz bildete die Prüfung der Frage der Schaffung eines Studentenrechtes und die Aufstellung gemeinsamer leitender Grundsätze bei der Durchführung dieser Reform. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Tie in der Konferenz erfolgten Anregungen wurden zur erörternden Kenntnis genommen, um sie den Kollegen der einzelnen Universitäten vorzulegen. Es wurde dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß es jeder Hochschule zu überlasten fei, die Schaffung eines Studentenrechtes durchzuführen oder nicht. Die Konferenz war nach zweistündiger Dauer beendet. Hierauf erschien ein« Reihe. Studentenvertveter vor der Versammlung, um ihre Wünsche vorzutragen. Die Aussprache mit den Studenten dauerte bis in die Nachmittagsktunden. Ae Rache der Hausgehilfin. Bei dem Großfleischhauer Engelhardt, L Bez, Mayergas,'s 10, waren zwei Hausgehilfinnen durch lange Jahre bedienstet: die 68jährige Anna Koprila seit etwa 20 Jahren, die 52jährige Melanie B u r i a n seit etwa 6 Jahren. In der Rächt zum 3. d. wurde nun das Polizeikommissariat Leopoldstadt aus der Wohnung Engelhardts telephonisch aufgerufen, und es wurde mitgeteilt, daß die in dem vom Gesinde bewohn» ten Hausteil die Burian mit einer dreifach um den Hals geschlungenen und fest zugezogenen Schnur und mit Strangulierungsfurchen am Halse aufgefurwen worden sei. Ts wurde festgestellt, daß die Hausgenossen durch das Bellen des Haushundes darauf-aufmerksam gemacht wurden, daß im Zimmer, das die Buricm allein bewohnt, etwas Ungewöhnliches vergehe. Als sie eintraten, fanden sie die Burian entkleidet auf dem Beden liegen. Aus dem Nachbarzimmer war auch die Hausgehilfin Anna Koprila herbeigeeilt, und als sie kam, überschüttete sie die Burian mit einer Flut von Borwürfen, be-eichrnte sie als Mörderin, so daß die Eintretenden den Eindruck gewannen, die Burian sei von Tobsucht befallen worden. Me Anwesenden schlossen von Vorneherein die Möglichkeit aus, daß die schwächliche und um 10 Jahre ältere /io^tüQ einen Heb er fall auf die kräftige Burian verübt haben könnte, sondern man dachte an den plötzlichen Ausbruch «'inci Geisteskrankheit. Die Burian beruhigte sich schließlich uvd konnte unter Aussicht der Hausgenossen in der Wohnung belasten werden. , Am folgenden Bormittag wurde die Amtshandlung fortgesetzt und die Polizeiärztliche Untersuchung durchgeführt. Es stellte sich heraus, daß die Durian während der ganzen sechs Jcchre ihres Dienstes im Hause Engelhardt eine wenn auch versteckte so dock» umso gehässigere Gegnerschaft gegen die schon seit zwanzig Jahre im Dienste stehende Koprila, die als, Vertraue,: Lperson behandelt wurde, hegte. Dafür, daß die Koprila gegen d e Burian vorgegangen sei, fehlte jeder Grund. Daher erschien die Annahme gerechtfertigt, daß die Burian sich selbst an verschiedenen Körperstellen die oberflächlichen Verletzungen zugefügt, sich den Strick um den Hals gewunden und zugrzogen hat, um gegen ihre Zimmernachbarin Koprila die Beschuldigung eines Ue ber fall es «» fa'-cr. zu können. Die Möglichkeit einer psychischen Störung ist n'ckt ausgeschlossen. Tie Hausgenossen wollen an ihr schon sicher Sonderbarkeiten wahrgenommen haben. Die Burian wurde unter dem Verdachte der Vcrleu mdung der Staatsanwaltschaft angezeigt und der psychiatrischen Abteilung des Jnguisiternpital des Landesgerichtes Wien 1 übergeben. _Wiener Morftetizertiirig._ 6. Jänner IM_itöTi MordbeschuldMW de« betrogenen Lieb. Haber«. Sin Mordversuch vor vier Jahren. DaS SicherheitSbnreau beschäftigt sich gegenwärtig mit der Aufklärung eines Falles, bei dem es sich um die Beschuldigung eines jungen ManneS gegen eine Geschäftsfrau handelt, welche ihn vor vier Jahren dazu verleitet haben soll, ihren Gatten, einen Schneidermeister, durch Leuchtgasvergistung aus dem Wege zu räumen. Am 4. d. erstattete die Geschäftsfrau Emilie R a mbousek gegen den Elektriker Rudolf Mezulianik beim Kommissariat Simmering die Anzeige, daß er ihr einen Betrag von 30 Millionen Kronen zu erpressen versucht habe, indem er ihr brieflich damit drohte, er werde sie in das Landesgericht bringen. Auf Grund dieser Anzeige wurde der junge Mann verhaftet und gestern in das Sicherheitsbureau gebracht. Er gab an, daß er die Rambousek schon feit dem Jahre 1919 kenne und zu ihr schon damals in Beziehungen getreten sei. Sie hatte schon zu dieser Zeit mit ihren Gatten, dem Schneider- Meister Alois Rambousek, beständig Mißhelligkeiten, und war deshalb in Scheidung begriffen. Eines Tages im Dezember 1919 — so erzählte Mezulianik. — habe ihn die Frau zu bestimmen versucht. ihren Gatten umzubringen. Zuerst habe sie vorgeschlagen, ihn zu erdrosseln, als ihm aber diese Todesart deshalb nicht gefiel, well die Gefahr einer Entdekung bestand, machte sie den Vorschlag, in der Wohnung Leuchtgas aus strömen zu lassen. Mezulianik ging auf den Plan ein. Damit auf die Frau kein Verdacht falle, fuhr sie zu dieser Zeit in die Tfchecho-Slowakei. Er war im Besitze der Schlüssel zum Geschäfte, und eines Abends im Dezember 1919, als Rambousek und seine Tochter nicht daheim waren, habe er im Zimmer die Flügel des Gashahnes mit einer Zange abgezwickt und dann den Gashahn abgedreht. Nach diesen Vorbereitungen versteckte er sich im Geschäft und wartete auf die .Heimkehr des Mannes. Zuerst kam aber die Tochter nach Haufe und legte sich bald zu Bett, später kam Rambousek, und Mezulianik hörte von seinem Versteck aus, wie der Mann in die Küche ging, um sich etwas zu kochen. Da aber der Gasometer geschlossen war, konnte Rambousek nicht kochen. So legte er nieder, ohne sich um die Ursache des Versagens der Gasheizung zu kümmern. Nun schlich sich Mezulianik leise und ungehört in die Küche, drehte den Gasometer auf, so daß im Zimmer Gas ausströmen konnte. Dann schlich sich Mezulianik wieder in sein Versteck und wartete die ganze Nacht auf den Tod des Schneiders. Wer die Tochter tat ihm leid. Deshalb weckte er sie um 6 Uhr früh. Danach schlich er sich aus dem Haus. Später erfuhr er, daß sein Plan nicht gelungen sei. Auf Grund der Beschuldigungen des Elektrikers wurde nun auch Frau Rambousek in Hast genommen. Die Frau stellte aber entschieden in Wrede, den jungen Mann der Tat verleitet zu haben. Sie bezeichnet seine Beschuldigungen als falsch. Der Schneidermeister Rambousek wurde einver« nommeu. Er wußte sich ganz genau an den Vorfall mit der Gasleitung zu erinnern. Am nächsten Morgen habe er Gasgeruch verspürt. Da die Aussage des Schneidermeisters die Selbstbeschuldigung des Mezulianik bekräftigte, wurden er und Frau Rambousek in Hast behalten. Ws Grund zu der schweren Anschuldigung gegen Frau Rambousek gibt Mezulianik an, er sei van der Frau bei einem Geschäft betrogen worden. Mische Familien für Wische Ruder aus Leutschland. Dienstag tourmt, wie wir erfahren, ein weiterer Transport von dreißig Mischen Kindern aus Deutschland in Wien an. Der Leppoldstädter jüdische Frauenvere-in wollte bei dieser notwendigen und erfveullichen Mion jüdischer Solidarität nicht zurückstehen und hat es übernommen, 30 jüdische Kinder auf einige Wochen in Wien unterzubvingen. Eine Reihe von Familien hat sich bereits zur Ueberncchme von Kindern in Lerytwilügster Weise gemeldet, doch ist noch eine Anzahl von Kindern verfügbar, denen gleichfalls Msches BrrÄrgefühl eine behagliche Stätte für etliche Zeit bereiten soll, die sie die erlittenen Entbehrungen vergessen macht. Wir sind gerne bereit, Anmeldungen von Familien zur Ueberncchme von Kinde.rn entgegenzunehmen und an ihren Bestimmungsort weiierzumelden. Las Wetter. Neuerlicher Frost. Der Tauwettereinbvuch war nur von kurzer Dauer. Während wieder Frostwetter herrscht, wird an der Beseitigung der Schneehaufen emsig gearbeitet. Die Schwierigkeiten der Schneebeseitigung sind natürlich ganz enorm. Der Fuhrwerksbetrieb der Gemeinde Wien hat seit dem Beginn 'dös SchneewetterS alle verfügbaren Kräfte in den Dienst der SchneeLesgiLigung gestellt. Einschließlich des gestrigen Tages wurden rund 45.000 Arbeiterschichten, 2460 Schneepflugschichten und 2600 Fuhrwerksschichten für die. Schneebeseitigung geleistet. Insgesamt gejlangten bis jetzt mittels Fuhrwerk und 120.000 Kubikmeter Schnee zur Abfuhr. Diese Menge wurde vor allem aus den engeren und verkehrsreichen Straßen der inneren Bezirke weggeführt. Demgegenüber ist natürlich die Menge des Schnees, die abgeführt werden müßte, um in den mehr als 1000 Kilometer langen Straßen der Stadt klaglose Zustände zu erreichen, eine außerordentlich bedeutende. Man schätzt di« Schneemenge in den Straßen Wiens auf ungefähr 6 Millionen Kubikmeter. Unfälle. Es werden noch immer Unfälle durch den Schnee gemeldet. Gestern glitt die Näherin Adclheid Grub er in der F o ck h g a s s e aus und erlitt «inen Bruch der Speiche. — In der Brandmeiergasse in Margareten glitt der Backe vgehilf« Ignaz Be re i na am Gehweg aus und wurde mit einer Verletzung am Hinterhaupt« in das Wüdner Krankenhaus gebracht. — Ein durch di« Wollzeile fahrender Schneepflug nahm eine bnrt stehende alte Omnibushaltestelletafel mit, im Fallen eine vorübergehende Schülerin am Kopfe schwer verletzte. — Gestern vormittags wurde die Hietzmger Rettnnqsgefellschaft nach dem Himmelhof bei Ober-St. Veit berufen. wo de.r Realschüler Walter Slenek beim Skifahren gestürzt war und einen Bruch des linken Unterschenkels erlitten hatte. Di« Fahrt mit 'dem SanitätLauto durch di« vereisten, stell aufsteigenden Woge und Straßen gestaltet« sich ungemein schwierig und stellte an die Rettungsmannschaft große Anforderungen. Das Reftungsauto blieb im Eise stehen nnd tonnte nicht mehr w-citer Vordringen. Der Verletzte wurde verbunden und mußt« auf einem Schlitten vorsichtig zu Tal gebracht werden. Amtlichen Wetterbericht. Das Tauwetter war mtt von kurzer Dauer. Gestern morgens hatte es in Wien 10 Grad unter Null. Im westlichen Oesterreich war es etwas wärmer und vereinzelt sind bedeutende Schneemengen gefallen. Tagsüber schien in Wien die Sonne und di« Temperatur stieg urrttags auf 3 Grad unter dtull. Voraussage: Wechselnde Bewölkung, vielleicht leichter Sch nee fall, Frost, etwas milder. Der Schnee und die Milchverforgung Wiens. Infolge der durch di« Schweefälle erschwerten Bahnverbindung mit den Orten, di« für die Milchbeliefer u n g Wiens in Betracht kommen, ergeben sich in dieser Hinsicht Schwierigkeiten. Mehrere Milchpvoduzenten versuchen es, ihre Produkte auf Schlitten ober auf anderen: Wege nach Wie:: zu schaffen. Diese Schwierigkeiten sollen von den Milchhändlern, die seit jeher keine Gelegenheit zur Verteuerung ihrer Ware vovübergehen ließen, benützt werden, um die Milch den Wienern wieder zu verteuern. Re MensmittelmBttte. Das Wochenende brachte im Kleinhandel der Großmarkt' Halle für alle Fleischgattungen einen Preisnachlaß, der bei Rindfleisch, Kalbfleisch und Schweinefleisch je 2000 Kronen pro Kilogramm betrug. Mindere Sorten von Rindfleisch waren bis 3000 Kronen pro Kilogramm billiger. Die Nachfrage war gestern sehr schwach. Die Preise für Geflügel sind sprunghaft in die Höhe gegangen. Die Preiserhöhung wird mit geringeren Zufuhren begründet und beträgt 3000 bis 7000 Kronen pro Kilograunn. Infolge der hohen Preise war die Nachftage so gering, daß auch die verminderten Zufuhren den Bedarf überstiegen. Die Beschickung der Grünwarenmärkte fiel besser aus. Billiger wurde nur Kohl. Die Preise für Gärtnergemüse sind derart hoch, daß sich der Konsum fast ausschließlich dem holländischen Weiß- und Rotkraut zuwendet. Kartoffeln kommen in genügenden Mengen an, trotzdem herrscht bei den Bauen: die Tendenz, die Preise in die Höhe zu treiben. Butter und Eier kommen in genügenden Mengen an. * Oeffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der isr. Kub tusgemeinde. Mittwoch den 9. Jänner 1924 um 7 Uhr abends findet, 1. Bez., Seitenstettengasse 4, 2. Stock, eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Tagesordnung: 1. Festsetzung der Voranschläge der Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde sowie sämtlicher unter der Verwaltung der Kultusgemeinde stehender Fonds und Anstalten für das das Jahr 10^4. 2, Acnderung des Tax- und Gebührentarifes. f * Insolvenz der Firma Gartenberg. Vorgestern fand in i der Angelegenheit der Zahlungseinstellung bec Konfektions- ' firma Emanuel Gartenberg im Tratmschof «ine Gläubigerversammlung statt, an der 80 Gläubiger tellnahmen. Der Ansgleichsverwallter gab an, daß die Schätzung der Aktiven noch nicht ganz beendet sei und daß die Aktiven, soweit, sie im Augenblick der Einleitung deS Ausgleichsverfahrens vorhanden waren, zugunsten der Gläubig er gesichert worden seien. In der Versammlung wurde der Beschluß gefaßt, den Fall durch die Organe des Kveditorenvereines genauest prüfen zu lassen, ferner wurde die Bestellung eines Gläubiger«ates vorgenommen, in ivelchem beide Gläubigevgruppen, von denen jede die Angelegenheit in anderer Weis« zu behandeln wünscht, vertreten sind. Mehrere Gläubiger sind' nämlich über die angebotene Quote von 25 Prozent sehr erbittert und geben der Meinung Ausdruck, daß du: Aktiven, die vorhanden s«:n müssen eine viel höhere Quote rechtfertigen. Zahlreiche Firmer: sind mit sehr hohen Beträgen, manche AS zu 600 Millionen engagiert. * Schmuck um eine Milliarde gestohlen. Am 4. d. wurden der Lilly Li es er, Argcntüüerstraße 20, aus versperrter Lade eine kleine Zigarettenichachtel, enthaltend Schmuck im Wertvon einer Milliarde Kronen gestohlen.