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Wiener Morgenzeitung · 1924-01-04 · Heft 1755 (4.1.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1755 (4.1.1924)
Date
1924-01-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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«mMchmMlM Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-S, oder in einer V er schl eiastelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die,Kolporteure der Firma Goldachraiedt,!. Bei., Wollzeile 11, Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tacbech o-Slowakei: Mon. K17. Jujfoslawien: Mon. Dinar50. P o 1 e n: Mon. polnische Mark 2,200.000, Deutsehl.: Mon. GoM* mark 3.—» Franko Bel- > gien: Mon, Frca. 10 «»«a,»i>iuo»«« HW PrviserMliaafto rofbtbdte» BTi Rr. 1755 $ tr Der Mann der «ein Gedächtnis verlor vv r&tr/<•, Fo!en: poln.10;. fOO.OOO Italien: Monatl. 12 l,ire Rumänien Mqn.ISOLei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration, Wien, II., Taborstrass« 1 —3 Telephone: 44 0^38,43-^19. sb 6 Uhr abda.19-483,25-282 Tel.* Adr.: „Morgen zeitnng; “ Wien Wie». Freitag. 4. gilaaer 1924 Oesterreichisches Postspar kassen-Konto Nr. 150.693 9. Jahrgang Re Morddebatte in der ungarischen NationalversamMlung. Bndapest, 3. Jänner. (TeL d. „Wr. Morgenf Mmg".) Die heutige Sitzung der Nationalversammlung, welche die Debatte über die BombeuafsLreu der letzten Zeit brachte, verlief während der einleitenden Rede des Abgeordnete« Ruppert (liberal) in verhältnismäßiger Ruhe, obzwar er die Behandlung der Bombenaffaren mit einer weit ausgreifenden sachlichen Kritik der Tätigkeit der Regierung verband. Im späteren Verlause der Rede Rupperts kam es aber dort zn sehr scharfen Zwischenrufen, wo er de« Minister des Innern Rq« kovszky angrifs und ihn als den Chef eines verfaulten SicherhettSwesenS bezeichnte, worauf ihm der Minister zuckest „Sie sind ein Lügner!" Als Gömbös das Wort ergriff, wurde chm von der Opposition zngerufen: „Sie sind der geistige Urheber aller Attentate." Gömbös führte ans, er sei das Ziel der Sozialdemokraten und Liberalen, dem Aberalisvms wieder zur Macht zu verhelfen und den christlichen Kurs zu zerschlagen. (Großer Lärm.) Abgeordneter Pikler (Sozialdemokrat): „Apponhi ist köin schlech« irrer Christ als Sie und verurteilt doch die Attentate!" Da der Lärm immer ärger wird, mutz der Päsident die Sitzung unterbreche». Nach Wich«<mf«ahwe der Sitzung schließt Gömbös fordert, gegen die organisierte Kampagne der Opposition Stellung zu nehmen. (Mg. Baszony: „In Csongrad hat die Bombe ein Christenmädchen getötet.") Hierauf erhielt der Ministerpräsident das Wort. Er erklärt, das Csongrader Attentat sei das letzte Glied in der Kette gewesen. Cr kündigte Maßnahmen an, die Kvar nicht die von der Opposition ausgestellten Forderungen punktweise enthielten, aber doch den Charakter eines AnSuahmsgesetzes für den Fall von wetteren Bombenattentaten tragen. Der: Verlauf den Sitzung. Zn Beginn der Sitzung verlas Abgeordneter Rup- Pert die gestern von dem liberalen Block beschlossene Er- Aärnng, die auch die Unterschriften der Sozialdemokraten trug. Ar der Erklärung wird bemerkt, datzdasCsongraderBombenattentat bloß ein Ring in der Kette ähnlicher Erscheinungen sei. Man dürfe sich nicht mit dem Ausfindigmachen der Täter begnügen, es müssen auch die Hehler entlarvt werden, die sich der Täter als blindes Werkzeug bedienen. Es müsse auch die Verantwortung der Re? gierung festgestellt werden, die durch ihr schwankendes Verhalten den Verbrechern Mut eingeflötzt habe. Als Aufwiegler bezeichnet die Erklärung die Organisattonen, die sich mit Hilfe des Terrors Bedeutung sichern wolle«, darunter in erster Linie der Verein der Erwachenden Ungarn, ferner die rechtsextreme Presse. Die Tättgkett des Min isters des Innern und des Justizministers, besonders aber des Landespolizeichefs, stehe mit den vor der Oeffentlichkeit wiederholt abgegebenen Erklärungen des Ministerpräsidenten in Widerspruch. Die Herrschaft der Rechtsordnung mutz wieder hergestellt werden. Zu der Judemnitätsvorlage sprechend, bemängelte Redner, daß einzelnen Verbrechern Amnestie gewährt worden sei, was zur Folge, hatte, daß Abenteurer Einfluß auf die Politik bekamen und das Plstizwesen von dieser Atmosphäre beeinflußt wurde. Mgeordneter Pro pp ex (Sozialdeurokrat),. der den Zwischeurus machte: „E 8 g i vtz k e i n u n p a r t e i i s ch e s G e r i ch wird vom Präsidenten zur Ordnung gerufen, Was zur Folge hat, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten sich von ihren Sitzen erheben und sich mit dem Zwi« schenrufer solidarisch erklären. Es entsteht ein g r oher Lärm. Der Präsident kann nur mit schwerer Mühe die Ordnung und Ruhe wieder Herstellen. Ruppert bemängelt Leiters, daß gegen Hejjas, her sich Fichrer der,Ilf'ölder Brigade" das Strafverfahren nicht eingeleitet worden sei. Der Justiz- Drin i st e r müßte zur Verantwortung. gezogen werden, Weil Ulain und Genossen gegen eine in Juweleit WdWÄegte Kaution ms der Hast entlassen wmÄen. (Rufe bei de« Sozialdemokraten: „Viersatzamtsminister!") Reimer kritisiert sodann die Finanzpolitik der Regierung, die die Großbanken bevoiW^. ‘ f Minifierpräsidchst Graf Bethlen anerkennt, daß es sich bei den jüngsten Bombenattentateu geradezu um eine Serie von Ereignissen handle. Nicht alle Kettenglieder zMchen den Attentaten sind anfgedeckt, doch müsse er Wtellen, daß der Fall Von Csongrad bestimmt der! etz t e d i e s e r A r t gewesen sein wird. Die Regierung sei in erster Linie bemüht, säm tl i ch e F L d en des Verbrechens auszuklären. Fm Falle von Csongrad verdienen alle Faktoren der Behörden die Dankbarkeit der Ratio» für die schnelle Eruierung der Täter. Cs ist jedoch nur der ärgste Teil der Arbeit beendet, da nur die unmittelbaren Tater entdeckt sind. Die Untersuchung wird fortgesetzt, rrm auch die geistigen Urheber sestzustcllen sowie die Frage des Ursprungs der Waffe» und des Explosivmaterials zu klaren. Was die Forderung lter Auflösung des Vereines der Erwachenden Ungar« betrifft, erklärte der Mttttsterpraskdent Wetter, daß die Annahme, das Attentat sei von djeser Seite ausgegangen, ans de r H and 1 iege. Sstsdieseblotze Ännähme stchoch könne die Regierung n i cht deWMesMWe ÄeWLs gegen me Rechtsordnung vMrtzch.Hetzt Änne ernoch n i ch t behaupten, daß tatsächlich der Verein der Erwachenden Ungarn der Urheber des Attentats sei, er wolle ckber auch nicht daß Gegenteil sagen. Wohin immer auch die Spuren führen werden, sollten sie auch noch so hoch sein, die geistige» Urheber des Attentats werde» unter allen Umständen erfaßt werden. Der Ministerpräsident teilte sodann mit, daß er gestern das Verhör von Ivan Hejjas angeordnet habe. Wenn es sich Herausstellen sollte, daß hinter der von ihm organisierten sogenannten „Alsolder Brigade" Absichten verborgen sind, die gegen das Gesetz verstoßen, so wird auch gegen diese unbedingt vorgegangen werden. Die Opposition leiste jedoch de>c Sache einen schlechten Dienst, wenn sie die Tatsachen so darstelle, als würde die Regierung gegenüber gewissen geheimen Kräften Schwäche bekunden. Bethlen teilte ferner mtt, die Regierung habe angeordnet, daß gegen Personen, die öfter mit Bombenaffaren im Zusammenhang gestanden sind, jedoch mangels von Beweisen wieder steigelasftm wurden, das Internierungs- Verfahren eingeleitet werden wird. Adorjan wurde bereits in das Internierungslager von Zalaegerszeg gebracht. Das standrechtliche Verfahren werde auf Attentate ausgedehnt werden, damit in solche« Fällen die Justiz prompt arbeiten könne. Der Justizminister bereite ein Ausnay msgesetz vor, welches Personen, die Sprengstoffe verbergen, mtt schwerer Strafe bedroht. Zum Schluß fordert der Ministerpräsident die Nationalversammlung auf, sich nicht von Verstimmungen gegen die Regierung leiten zu lassen. Die Regierung kenne ihre Pflicht und werde dieser unter allen Umständen «achkvrnrnen. In her Nach mit tagssitznng konstatterte Landesverteidigungsmjnister Graf C s a k y, taft der in die Csongrader Dombenaffare verwickelte Johann Piroska nicht Mver Offizier gewesen sei. Er sei seinerzeit als Zeichenlehrer in. einer Kadettenschnle angestellt ^wesen und pensioniert worden. Vor einigen Monaten sei er im Verlaufe eines ehremätlichen Verfahrens seiner OMerscharge überhaupt verlustig Märt worden. Das ehrenrätliche Verführen sei gegen ihn eingelettet Wochen, weil er seine gewesene Braut, ein jüdisches Mädchen, verleugnet und dieses die Anzeige bei der Militärbehörde erstattet habe. Es habe den Anschein, als ofi Piroska vermutet hätte, seine gewesene Braut werde sich auf dem Ball des jüdischen Fra»envereinos befinde^ wohin er die Bombe werfen wollte. In Angelegenheit des vor vier Jahren ermordeten sozialdemokratischen Redakteurs Sowoghi habe das Militärgericht das Verfahren einstellen müssen, weil der Verdächtige Alibibeweise erbringen konnte. Die darüber vorliegenden Akten stünden jedem Mitglied der Nationalversammanng zur wfptopt zm Verfügung. Ae Kette. —y. SB H », 4. Stötiter. Der ungarische Reichsverwüser Horthy Hirt m, Neujahrstage das diplomatische Korps empfangen. Die Begrüßungsrede des päpstlichen Nunzius, die an dre Petofi-Zerrtenarfeier erinnerte, tat er kalt. ab. DoMgen versicherte er wörtlich, die ungarische Negierung U M entschlossen, ihre wiederaufgenommene Avbeit des Fortschritts und der Zivilisation fortzusetzen. Es ist ja verständlich, daß dieser Rmchsverweiser mit Petöfi, - dem .Helden und Dichter der Freiheit, denr zornigen Hasser der Unterdrückung nichts zu tun haben will. Petöfi hätte ja ebenfalls die Ehre der Bekanntschaft cchgelehnt. Wer die Neujahrsrede des Horthy entspricht doch nicht so ganz der tatsächlichen Lage und es mag mancher seiner Zuhörer sich daran erinnert haben, daß die Budapester Polizei seit Monaten ein eigenes Bombenresiort beschäftigt und daß noch währeE der Rede Horthys .die Zeitungen in langen SpalteH über Esongrad berichj-eten und über das famose Schreiben Ivan .Hejjas',-in ivellchom dieser den abgestraften Mädcheteschjinder Piroska zum Komnrandanten der Csongrader Retter der magyarischen Rasse ernannte. Eine Menge dieser Bonibenhelden ist in Hast. Aber den huldvollen PxoMor und Leiter der Sippschaft, den Hejjas, bestrahlt noch immer die-Sonne Horthys und an seiner Türe hört ibte MHcht des Staates aus. Es mag zugegeben werden, daß in einem gewissen Sinne die Konsolwierung der in Ungarn 'Mtzetretenist?Es ist noch nicht sö^^ lange- P-v/ MMme Zeitung den blutigen^ Namerr " dieses Ivan zu' nennen wagte, seit er sich^^über die NationüwevMmllung '-lüstig inachte Ulld kühn aus die Amnestie zu pfeifen erklärte. Daß man heute in Ungarn an - diese Dinge zu rühren wagt und daß die bislang so zahme Pavlamentsopposition einiges Rückgrat zu zeigen beginnt, ist iminerhin ein Fortschritt. Aber an dieser WaMung ist wahrlich die Regierimg nicht schuld und es gehört , die eiserne Stirne des Horthy dazu, die „Fortsetzung der wicheraufgenommenen Arbeit des Fortschrittes und der ZivVsatton" vor einem Auditorium zu rühmen, das die Urt dieser Wiederaufnahme genau so grtt kennt wie der ReichsverwÄser und das an. dieser traurigen.Entwicklung zu einem gestrichen vollen Maß durch Passipes Duldenlassen mitgewirkt hat. Die hochmögenden Hetren in den Botschastskanzleien, die sonst so ängstlich auf Korrekcheit bedacht sind, haben über die Greuel, die M der Etablierung des christlichnationalen Kurses das Um und Auf der Politik Ungarns bilden, pünktlich ihren Kabinetten berichtet. Aber weder - sie noch ihre ebenso korrekten Vorgesetzten hqhen je Anstoß daran genommen mit dem Pack politisch und auch gesellschaftlich.zu verkehren, dem sie vielnrehr die Gleichwertigkeit zugestayden haben. Dieselben Regierungen, die. wegen der Minister' Hinrichtungen in Griechenland entrüstet ausfuhren uüd den Bolschewismus mit denr Pathos der sittltchen Empörung bekämpftn, haben ihre Aktionen durch die Tolerierung einer Bande von Säbelhelderr, .Favbelspielern, Stallknechten, entlaufenen Schreibern urck armseligen Llunpenproletariern entwertet. Sie haben an diesem Neujahrstag gewußt, wer der Horthy ist, dem sie gratulieren und der Horthy hat gewußt, an wen er fein öliges Geschwätz adressiert, das rhnr irgend ein kulturbeffisseneer Konzeptsbeamter ausgeschrieben hat. Die Jllustraüonen zu dieser Vorlesung, über Fortschritt und Zivilisation brachte gleich die gestrige SMng der Nationalversammlung. Es gab Stüruw der Erregung, Beleidigungen und Angriffe. Aber die Regrerimg, ’bic ein seiner Würde und Pflicht beivußtes Parlament hätte hinwegftgen müssen, konnte zu Hort kommen und neue Versprechungen machend Sie will eine Art Ausnahmsgesetz einrichten und die schärfften Mittel gegen die Bombenwerser ergreifen. Aber diese Lunrpen sitä) doch nur Vollstrecker von Aufträgen. Werkzeuge, dlr den Mord begeherr und bei dieser Gelegenheit gleich ein ivenrg erpressen und stehlen. Aber diejenigen: die sie aussenden, faßt der Arm des. Grafen Bethlen mcht, so gerne er vielleicht das hm würde. Denr Verein der Erwachenden billigt er den Schutz der Rechtsordnung zu und will aus einen wenngleich noch so begründeten Verdacht nicht einschreiten. Weshalb wurde diese tveise Mäßigung denn nicht auch gegen die arnten Menschen angewertdet, die sett Jahren in der Hölle von Zalaegerszeg bei lvbendigem Leib verfaulen? Den yejjas laßt Gras Bethlen ver hören. Ist zum NachivuckD dessen, was aeE diestu Stoetom# W WWP. nMHte.

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