Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1742 (21.12.1923)
- Date
- 1923-12-21
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Teste 8 Wien, Freitag Wiener Morftenzeitnng. 21. Dezember 1928 Nr. 1742 ilmrußrik ({ tcr „Wr. Mrorgenzettung" Krscheint jeden Kreitag „Um ein Weib." Nach Ntotiven von Kienzls „Evangelimann" hat Holster M-a-sen, der seinerzeit durch den Wiener Tendenzfilm „Die sterbende Stadt" bekannt wurde, ein recht nettes, harmloses Buch zusainmengcstellt. dos er selbst in Szene setzte. Der Film wurde zu einem lieben, netten Werk, das durchwegs ante Schauspieler belebten und an das der Regisseur mit viel Liebe ginst, wie die häufige Kleinmalerei von Genrebildern beweist und über dessen Psychologische Knoten er sich mit mitunter gewagten Sprüngen hinwogsetzte. So ist es beispielsweise nicht recht klar, warum die Bürger der kleinen Stadt mit Schimpf und Hohn über den zuerst so beliebten Lehrer herfallen, nachdem seine Werbung um die Tochter des Gemeindeoberhauptes mißglückt ist, und warum er nach Abbüßung seiner unverdienten Hast zum Evangelimann wird und was er als solcher eigentlich macht. Er steht mit einem Büchel und einem bekehrten «erbrecher unter einem Haufen Kinder, auf den man einmal r-on rechts und dann wieder von links weiße Tauben wirft, und das gibt möglicherweise ein schönes Bild, wenn man bei der Aufnahme mit 'dem 2lpparat näher gegangen lväre und das Ganze besser ausgeleuchtet hätte. Auch heim Schluß des Films ist es nicht ganz erfindlich, warum die Tochter des Sterbenden neben dem Schüler des Cvangelimcmns steht und angestrengt in dessen Büchel schaut, von bewegungslosen Kindern und ins Bild gescheuchten Tauben umgeben. Sie wäre eigentlich doch viel besser bei der Aussöhnung der Brüder am Platze, könnte durch das Gemahnen an ihre tote Mutter, um derentwillen sich die beiden Männer entzweiten, die Verzeihung, die Versöhnung herbeisühren. Daran hat der Autor gefehlt. Der Regisseur' hätte aber, trotzdem hier beide in einer Person verbunden sind, diese Pointen nicht außer acht lassen dürfen. Was die Regie sonst Betrifft, hat sie mit vielem Aufwand Gutes geleistet, wenn auch erwähnt werden muß. daß mit diesen Mitteln öfters auch Besseres zu leisten gewesen wäre. So zum Beispiel in der an und für sich recht originell aufgefatzten Gerichtssoalsszene. So steht man hier immer wieder den Angeklagten dieselben verzweifelten Hand- und Armbewegungen vollführen, die es nicht ganz verständlich erscheinen lassen, ob er eine Zeugenaussac« bestreitet, eine Verteidigungsrede hält oder um Gnade bittet. Vielleicht wären auch die Strafhausszenen bei einer Helldunkelderteilung nach Rembrandtscher Manier viel wirkungsvoller geworden. Was das Spiel der einzelnen Darsteller anbelangt, muß dies durchaus lobend erwähnt werden. Hanni Weiße, in eine ihr nicht ganz liegende Rolle gedrängt, gibt wirklich ihr Bestes in der Verkörperung ihrer Doppelrolle her und weiß im Publikum durch ihren Selbstmord (er wäre auch weniger aufdringlich möglich gewesen) tränenreiche Rührung zu stiften. Mehr hatte die Regie mit ihr scheinbar nicht vor. Ausoezeichiret ist F^akob Feldhammer als Intrigant und von Gewistensqualen gepeinigter Sterbender. Der Darsteller der Hauptfigur hatte scheinbar nicht viel aus Eigenem zu schövfen. und mehr gab ihm die Regie nicht. Ausgezeichnet ist die Darstellerin der Schneiderstochter. die hier als Schutzengel fungiert. Seinen -CENTRAL-KINO- II., Taborstrasse 8 Direktion: J. SCHULZ Ab heute bis 23. Dezember Helden des Alltags Dir Geschichte unseres PolizelweieuS seit Ihre« Bestaubt und daS übrige Programm —-Beginn: '/.» Uhr ——— Bei Berufung auf die .Wiener Morgenzeitung" zur jeweiligen '/,5 Ubr-Lerstellung Regiep.erse Schneider Zitterbgrt umgab Holster Madsen mit liebevollen Regienuancen, die bei anderen Figuren oft mangeln. Aus den übrigen gut gewählten Typen ragt der Vagabund Karl Leiters durch grotesken Humor angenehm hervor. Alles in allem genonimen ist der Film sehr gut gelungen, hat beim Prlblikum großen Erfolg, nur ist es bedauerlich, daß dieses so dankbare Thema nicht restlos ausgenützt wurde. „Der letzte Tanz." Es ist dies wirklich ein ganz ausgezeichneter Cvenskafilm, der trotz seiner AnspruchAosrgkert so ansprechend ist. Die Handlung ist nur eine ganz kleine Geschichte im Genre „Gartenlaube". oder „Dchoiin". aber eine ausgezeichnete Regie und fast durchwegs vollendete Darstellung haben aus diesem kleinen, unwesentlichen Geschehen ein wirkliches Meisterwerk gemacht.' Zwei sehr schöne Frauen, die wirkliche Künstlerinnen sind, uinrahmen die Handlung und zwischen 'ihnen steht der junge Pstichtmensch, einmal zu diesem, einmal zu jenem Pyl gezogen. Und dazwischen einige nebensächliche Figuren und Gelnty Mi 11_I Der grösste Ausstattungsfilm der Paramount-Produktion l Regie: GEORGE FITZMAURICE BETTY COMPSON und BERT LYTELL in den Hauptrollen Vom 21. bis 24. Dezember: Münstedt «Klnopalast, II., Ausstellungsstr. 142 Eos«Llchtspleley III., Ungargasse 60 Zentralpalast-Kfno, VII., Mariahilferstrasse 120 Vom 25. bis 27. Dezember: Mlinstedt-Kin opalast, II., Ausstellungsstr. 142 iUlten, die aber alle den Stempel des wirklicher'. Lebens tragen, die jede kleinste Bewegung der Natur abgelauscht haben, — ein prachtvolles, künstlerisch hochwertiges Ensemble — Und unter ihnen Carina Bell. — Ebenso fein und zart, wie das zerbrechliche Figürchen dieser Frau ist auch ihr ganzes Wesen und ihr ganzes Spiel, das von hohem künstlerischen Können spricht. Dabei umgibt sie ein ganz feiner Hauch von ein bißäien Verderbtheit, der sie noch reizvoller erscheinen läßt. Wie sie nur die verbotene Zigarette raucht und an dem ihr streng untersagten und so lange entbehrten Champagner nippt, — das ist allein schon eine vollendete darstellerische Leistung. Regie, Spiel, Ausstattung und, Photographie machen diesen Film zu einem Erlebnis, das -im Stande ist, den Beschauer voll und ganz in feinen Baun zu schlagen, zu fesseln und mit sich fortzureißen. Wundervoll sind auch die Freilichtaufnahmen, aus denen man förmlich den herben und doch so reizvollen Herbst des Nordens zu atmen vermeint. Die nächsten Film Neuheiten. „Der Kampf um Lady Jocelhn." Heute erscheint in den Wiener Kinos der von der Saschst Filmindustrie A.-G. vevwieibere Paramonn d-FAm „Der Kampf nm Lady Jocelyn", ein historischer Kolossalfilm in sechs Äbten, der in Regie und Teckwik gleich bewimdevungswert ist. Mt stnem verblüffenden Aufwand werden darin die Zeit König Johanns von England «mtd die ersten Anfänge der englischen iMoniisation in Amerika gezeigt. Ein heftiger Kampf entbrennt um die von der wunderschönen Betty Compson dargesEe Lady Ioeelyn. einem Mündel des Königs, das einem ichwachköpfigen, aber dafür stavbarmigen GiinsKing zugvdacht, die Flucht nach Amerika ergreif. Ein Schiff, das als kostbare Labung eine Anzahl Braute für die jungen KoHo-nilator-en der neuen Welt mit sich trägt, bringt sie nach Virginia, wo sich ihver der von Bert Lytell mit sympathischem Elan und feuriger Ritterlichkeit dargestellle Kapitän Ralph Percy annimnrt. Die beiden heiraten, da das junge, schutzlose Geschöpf sonst der Willkür von Mensch und Natur preisaegeben wäre. Aus diesem junigrn Ehebande sprießt ein zartes Liebesglück, das jäh durch die Ankunft des englischen Königtrünstlings gestört wird, der sich das ihm versprochene Mädchen wieder HM. Vo-n Pereh verfügt, gestaltet sich die Rückfahrt auf dem Segler zu.einer der spanendsten und aufregendsten Episoden, die je im Film gegeben wurden. -Schließlich sprengt Percy den Segler in die Lust. Nach einem aufregenden Endkampfe, mit Rapieren am englischen «Konigshofe ausaefochten. gewinnt Percy sein junges Weib endgültig zurück. Neben prachtvollen historischen Hosbildern bringt dieser FÄmeine derartiige Fülle alemraübender -Spannung, daß er als das hervorragendste Erzeugnis dieser Gattung gewertet werden bars. * Smnpfblmnen (Die Gezeichnete). Ein Sittendrama aus der amerikanischen Gesellschaft in fünf Akten mit Norma Talmadge in der Hauptrolle. Söhne der Wildnis. Abenteuerdrama aus dem wilden Westen in sechs Akten mit Tom Mix in der Hauptrolle. Raskolnikow (Schuld und Sühne). Nach dem gleichnamigen Roman von Dostojewski. Inszeniert von Robert Miene, dargestellt durch die Schauspieler von Stanislawskis Moskauer Künstlerkheater. ROTENTURM-KINO. WIEN, 1., FLEISCRMABKT 10 9^* Ab heute bis 23. Dezember "MW Drama itn Westen Amerikas nnd das übrige Programm Beginn der Vorstellungen: 4. V-8, 7*8 nnd *Jt9 Uhr Begleitmnsik einer erstklassigen Künstlerkapelle tf Copyright 1924. Nnchdrurl verboten. 7 ladyschnilcofl-Verlag, Berlin. (38. Fonsttzvng.) Snkel Moses. Roman von Schalom Asch. Stolz und eigenartig schön, als wären sie nicht von Vieser Welt, ragten die flammenden Türme über den flammenden Häusern empor, wie Türme heiliger Göttertempel, die vom Himmel gefallen sind. Die Räder in der Luft der hellen Gassen, dir flammenden Spitzen der Türme sahen aus wie Stätten der Götter, wie ein Mekka, wie ein Jerusalem. Ihr majestätischer, wundervoll-heiliger Glanz zog mächtig an. und jedermann segnete in seinem Herzen die heilige Wunderstadt Coney Island, dankte der heiligen Wunderstadt, die Freude., Seeligkeit und Spiel Millionen Menschen bringt ... 11. Die Braut sagt nein. Maschas Eltern waren bereits unruhig, da Mascha oon ihrem Ausflug nach Edney Island noch nicht zurückgekechrt war. Es war schon spät, der Tisch zum Abendessen gedeckt. Die. geschliffenen Gläser, welche Aarons Frau zum Schmuck der Wohnung eingekauft hatte, seit es ihr gut ging, funkelten aus dem Glasschrank. Maschas Mutter Rosa saß ungeduldig beim Tisch, klopfte bald mit der Gabel an einen Teller, 6a [6 rückte sie ein Besteck zurecht und murmelte dabei: „Da hast du. e£, Coney Island." Aaron stand ohne Rock beim offenen Fenster und spähte ungeduldig nach Mascha aus. Die Unruhe seiner Frau machte auch ihn nervös. Obwohl es nichts Außergewöhnliches war, daß Mascha sich verspätete, so regte es doch Maschas Eltern aus. Sie erregte jede Kleinigkeit, welche Mascha betraf. Es war dieselbe Unruhe, welche der Besitz eines Schatzes verursachte. Aaron wandte den Kopf vom Fenster und brummte: ,/Rofa, laß mich in Rühe, Rosa!" Die anderen Kinder waren nicht da. sie weynteu im Sornme.r auf dem Lande. Nur die Eltern' waren mit Mascha in der Stadt geblieben wegen der Aussteuer. Es war kurz vor Maschas Hochzeit. In solchen Fällen sind die Eltern immer um die Braut sehr beunruhigt — und in diesem Falle .war die Braut Mascha. ,/Wohin ist sie gegangen, Rosa?" Rosas Unruhe übertrug sich bereits auf Aaron. „Ich habe dir doch scho-n gesagt, nach Con-ey Island. Sie hat baden wollen." „Und mit wem ist sie. denn nach Coney Island gegangen^ Rosa?" ,>Was fragst du? Weißt du es denn nicht? Sie hat doch angerufen, 'daß sie mit Charlie nach Coney Island geht." „Mas, mit Charlie? Rosa, mit Charlie ist sie nach Coney Island gegangen? Und der Onkel hat angeklingelt, daß er bald mit dem Auto kommt, um sie mitzunchmen. Der Onkel hat heute mindestens zehn Mal nach ihr ge. fragt. Nun, sage du ihm, daß sie. mit Charlie nach Coney Island gegangen ist. Sag' chm doch, daß sie mit Charlie gegangen ist. Er wird bald hier sein, um sie mit dem Auto milzunehmen, und sie wird nicht 6a sein — sie ist mit Charlie nach Coney Island gegangen — nun, Rosa, du siehst schön aus, was?" „Was kann ich dafür? .Ha«b' ich sie denm gesehen? Zeitlich früh ist sie aus und davon. Was habe ich denn tun können?" „Nun, sage nur dem Onkel diese Ausrede! Ich bitte dich, sag' es ihm,, er wird gleich hier sein, da kannst du es ihm sagen." „Aaron, warum erschreckst du mich, Aaron?" Aaron erschräck selbst bald über den Schrecken, den er seiner Frau eingejagt hatte. Deshalb war er bemüht, die Furcht zu 'bannen. „Rosa, laß mich in Ruhe, Rosa! Das Kind ist baden gegangen un6 wird bald Zurückkommen — was machst du für Geschichten?" ,^Jch mache Geschichten? Du machst Geschichten!" ,J-ch bitte dich Rosa, laß mich in Ruhe!" Doch bald wurden Aaron und Rosa von der Furcht befreit, welche sie einander eingejagt hatten. Mascha trat hastig ein. Die Eltern atmeten auf. In ihren Augen lag ein Glanz vcn Tränen und Zorn. Mascha blieb einen Augenblick mitten im Zimmer stehen, blickte die Eltern mitleidig mit Tränen in -den Augen an, brach dann Plötzlich in lautes Schluchzen ans und eilte in ähr Zimmer. „Rosa, was ist das?" fragte Aaron. „Woher soll ich das wissen? Was fragst du mich? Komm' zu ihr hinein." Die Eltern wollten in Maschas Zimmer, doch sie fanden die Dür verschlossen. Flehend sprach der Vater bei der Tür: ,/Mascha, liebes Kind, was hast du? Sage mir, bist du vielleicht, Gott bewahre, krank, soll ich vielleicht um einen Arzt schicken?" „Wir sind doch außer uns, Mascha; was hast du, Mascha?" die Mutter vereinigte ihr Flehen mit dem des Vaters. Hinter der verschlossenen Tüve blieb es still. ,/Was soll nun werden. Rosa?" fragte Aaron vorwurfsvoll, als wäre seine Frau allein an de.m Unglück schuld. ,^Ich will gleich zu den Schnorrern hingehen, die Augen will ich ihnen auskratzen, der Mutter mitsamt dem Sohn. Was wollen sie von uns, -warum gönnen sie uns nicht unser armes bißchen Glück?" ries Rosa; sie meinte Charlie und seine Mutter. ,Hör' aus, hör' schon auf!" schrie Aaron. „Mascha, liebe Mascha, jage uns doch nicht solche Angst ein; du erschreckst uns," wandte er sich bittend der Tür zu. Bon Mascha kam keine Antwort. ,-Was soll nun -werden? Der Onkel wird doch bald hier sein. Er hat angerufen., daß er dich mit -dem Auto holen kommt" Da wurde Plötzlich die Tür von Maschas Zimmer aufgerissen und, die Augen weit geöffnet, schrie das Mädchen ihre Eltern an: ,^Jch will den Onkel nicht heiraten, ich will nicht, ich will nicht! . . ." Aaron und Rosa sahen einander an, als wäre mis einem jähen Donnerschlag das Haus über ihnen zusammengestürzt. „Was sprichst du da? Was sagst du? Maschachen, was hast du denn?" „N dont won't it. h dont won't it!" zornig stampfte Mascha mit dem Fuß auf. „Pst, still, um Gottes Wille«, der Onkel wird dock bald hier sein!" (Fortsetzung Glgt.)