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Wiener Morgenzeitung · 1923-12-19 · Heft 1740 (19.12.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1740 (19.12.1923)
Date
1923-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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,y. O ElnzelnnmiitcrK TflßO Wien1 Zum Abbolen in der Expedition, II.,Taboratr. 1-3, oder in eine» Verschlei »stelle fTrafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,!. Bez., Wollzeile 11. Mit PostverBand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschech o-Slowakei: Mon. K17. iujroslawien: Mon. Dinar 50. Polen: Mon. ost.K 22.000. Deutschl.: Mon. ost.K 28000. Frank r., Belgien: Monatl.Frcg. 10 M* Nachzahlungen *WI bei PrelierhShunjrea vorbehalUo Nr. 1740 orgmseLlmig ■täät'A MMiiiiaaikHkte tschech. K 1- Italien: Monatl. 12!Jre, Rumänien Mon. 130Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion a. Administration Wien, II., Taborstrassei— 3 Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19*483,25*282 TeL- Adr.:„Morgenzeltungrt Wien Oesterrelcbisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 8. Jahrgang Der griechische Putsch. —y. Wien, 19. Dezember. Bei den griechischen Wahlen, die am Montag abgeschlossen wurden, siegten die republikanischen Beniselisten, die nunmehr mit einer konservativen Minorität gemeinsam die Konstituante bilden. Noch ehe diese an die Arbeit gehen kann, die furchtbaren finanziellen Verwüstungen des verlorenen Krieges auch nur als Problem in ihrer Gänze zu erfassen, ist ein Ereignis eingelreten, das selbst in der an dynastischen Krisen so überreichen Nachiriegsgeschtchte kaum seinesgleichen findet. Der Führer der revolutionären Offizierskreise hat gemeinsam mit dem Ministerium dem König Georg mitgeteilt, er möge sich im Interesse der Ruhe außer LaGes begrben und die Entscheidung des Volkes über die-Wtaatsform abwartm. ■ Das Schicksal der griechischen Königsfamilie hat wiederholt die politische Oesfentlichkeit beschäftigt und es steht zu befürchten, daß auch dieser neueste Akt der Landesverweisung des Königs sur Griechenland schwere Verwicklungen bringen wird, die auf die weitere Entwicklung der Orient- und Balkankrise nicht ohne unheilvollen Einfluß bleiben können. Wie anderwärts bergen sich auch in Griechenland hinter den fast ununterbrochen einander folgenden Unruhen wirtschaftliche Motive. Seit dem Ausbruch des ersten Balkankrieges ist das unglückliche Land kaum zur Ruhe gekommen und seit dem Weltkrieg ist es ein fast willenloser Spielball zwischen den am Mittelmeer interessierten Großmächten. Me nationale Expansion, die durch den Anschluß an den Balkanbund erzielt werden sollte, ist wirtschaftlich nicht ausreichend fundiert gewesen. Als Lohn für die wertvolle Hilfe, die sich die Ententeheere und -Flotten in hem.großen Krieg aüf griechischem Boden selbst sicherten, sollte das Land auch an der Westküste Kleinasiens festen Fuß fassen und damit alte nationale Träume verwirklicht sehen. Die Bedingung war nur, daß sich Griechenland seinen Anteil an der großen Beute aus dem türkischen Leib selbst zu holen gezwungen wurde. Die Geschichte dieses Feldzuges, vielleicht eine der blutigsten Episoden der letzten Jahre, steht noch stisch in Erinnerung. Nach anfänglichen Niederlagen raffte sich, die Türkei unter der Führung Kemal Paschas zur Offensive auf und warf den Feind aus dem Lande. Der Lausanner Friede bestätigte den unglücklichen Ausgang für Griechenland, das nun unter der schweren Wirkung der militärischen und politischen NiÄevlage ohne Geld, ohne Mut sein Leben neu aufbauen sollte. Es lernte die Wahrheit des- Volkswortes kennen, daß in der Not tausend Freunde aus ein Lot gehen. Es besaß'nicht die Kraft, sich dem nun eu entsetzenden diplomatischen Intrigenspiel der W. funächte zu erwehren, die die Selbständigkeit des kleinen, ausgebluteten Landes, das sich weder auf eine entwickelte Landwirtschaft noch auf eine kräftige Industrie stützen kann, zu einer Fassade machten, hinter der das Parteiwesen wucherte und alle, positiven politischen Kräfte verzehrte. Beniselos, der Staatsmann, der dem Land und den: Volk das große fruchtbare Ideal der Vereinigung zwischen Festlands- und Inselgriechen geschenkt hatte, weilte verbittert und verhärmt in England, während seine Anhänger von Revolution zu Revolution gingen. König Konstantin, Veniselos schärfster Gegner, starb im Exil, sein Sohn Alexander erlag dem Biß eines tollgewordenen Affen, sein zweiter Sohn Georg muß jetzt in die Verbannung, nachdem ein von seinem Freund, den: (General Metaxas, organisierter Militärputsch mißlungen war. Man hatte ihm auch, eine gewisse Vorkenntnis jener noch unaufgeklärten Mordsälle an der albanisch-epirotischen Grenze zur Last gelegt, die dann zu dem bekannten Konflikt mit Italien geführt hatten. Die Nachrichten, die aus Athen vorliegen, stammen selbstverständlich von Seite der herrschenden Partei und gMn kein objektives Bild von dem Ablauf der Ereignisse. Ms feststehend kann nur gelten, daß diese Revolution im Anschluß an die. Wahlen erfolgt ist und daß die Entscheidung über die Frage Königreich oder Republik von den Republikanern al^bereits gefallen betrachtet wird, während die Veniselos-Partei das Votum der Konstituante überlassen will. In die Praxis umgesetzt, bedeutet das wieder eine Fortsetzung der bis zur Anarchie gediehenen Verwirrung. Es ist selbstverständlich, daß diese Vorfälle für die an den Balkanfrägen so lebhaft interessierte kleine Entente von sehr tiefer Bedeutung sein müssen und daß die kommende Konferenz dieser Staatengruppe unversehens vor eine neue Situation gestellt wird. Sieg der Republikaner. Athen, 17. Dezember. (Agenoe d'Athenes.) Infolge der durch die Ergebnisse der gestrigen Wahlen geschaffenen Lage trat der Ministerrat heute abends zusammen. Nach längerer Beratung wurde folgendes Communique veröffentlicht: Da die aus de» Wahlen hervorgegongene konstituierende Versammlung demnächst zm'ammentreten und die für das Land geeigneteste Regierungsform erörtern soll, sind der Revolutionschef und die Regierung der Ansicht gewesen, -atz es zur Sicherung der Ruhe bei den Erörterungen über diese äußerst wichtige Frage.notwendig sei, dem König die Anschauung bekannt zu geben, daß er sich bis zur Festsehunig des endgültigen Regimes dom Lande fernhalten sollte. Diese Anschauung ist dem König mitgeteilt worden, der m o r g e n seinen Entschluß bekanntgeben wird. Abreise des Königspaares nach Bukarest. Athen, 18. Dezember. (Tel. der „Wr. Movgenzei-tung".) Die Zeitungen teilen mit, daß der König und die Königin heute abends nach Bukarest abveisen werden. England hat nicht eingegriffen. London, 18.. Dezember. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Das Foreign Office dementiert die Melduna. wonach die eil glis ch e: Re g iernng irgendwelche Schritte.in A t h e n unternommen 'habe, um dem griechischen.König den Thron $4 retten. Republikaner und Liberale. Paris, 17. Äezember. (Tel. d. „Wr. Movgenzeit-nng".) Die repulblikänrsche Partei in Achen hält an der Forderung fest, daß der König sich unmittelbar entferne. Die republnkanifchen Offiziere der Arllree werden sich in einer Kundgebung an den König wenden und erklären, daß die Armee, die Flotte und das gesamte Volk ihn für ah ge setzt erklären. Die liberale Partei der Venizelisten hält demgegenüber daran fest, daß die Frage der Staatsform erst im neuen Parlament entschieden werde. Die heute in Athen ' abgcjhaltene . Versammlung der republikanischen Partei war schwach besucht. Es waren ftmtm' 1000 Personen anwesend. Der Führer der Venizelisten, D a n g l i s, ersuchte Benizelos telegraph'isch, er möge angesichts 'her Wahlergebnisse sofort nach Griechenland zurückkehren. Die republikanische Partei fürchtet, drß sie im Pa r l'a ment unterliegen wird. Sie beschlossen daher, die Frage der Staatsform nochvorZus a nt m e ntritt des Parlaments zu lösen. General P a n g a l o s, dessen Anhänger besonders in GriechischMazedonien zahlreich sind, 'hat in Saloniki über den Venizelisten einen Wahlsieg errungen. Er kehrte heute nach Athen zurück. Seine Anhänger bereiteten ihm begeisterte Kundgebungen. Panzerautos in Athen. Paris, 17. Dezember. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Ms Athen wird berichtet: In Griechisch-Mazedonien sind für den 18. Dezember mehrere Volksversammlungen angaküudigt, in denen die Ausrufung der Republik gefordert werden soll. Plastiras scheint noch nicht entschlossen zu sein, sich dieser Forderung zu fügen. Er läßt m den Straßen von Athen Panzerautos demonstrativ fahren. Die . zum königlichen Palais führenden Straßen stuo besetzt. Die Revolutionäre glauben, daß die Mehrheit der Armee sich de.r Auffassung anfchließen wird, daß die Frage der Staatsform erst im neuen Parlament entschieden werden müsse. Der politische Anlatz zum Putsch. Von unterrichteter Seite wird uns mitgeteilt: Bein letzten Putsch in Griechenland handelte es sich um eine Bewegung der radikal-bürgerlichen Kreise, die mit dem gegenwärtigen Regime unzufrieden sind und ihre Unzufriedenheit gegen die Dynastie zum Ausdruck bringen. Diese wird beschuldigt, die Niederlage des griechischen Volkes verursacht zu haben. Die Dynastie wind insbesondere für das. ckleinasiatische Abenteuer verantwortlich gemacht, da sie sich von gewissen Ententekveisen habe veranlassen lassenh gegen die Turnei militärisch vorzugehen, ohne dazu genügend vorbereitet zu sein. Die nachher einfetzer.de wirtschaftliche Krise hat den vollkommenen Niedergang de. r griechischen Volkswirtschaft zur Folge gehabt. Die daraus entstandene Gärung sucht sich nun gewaltsam Luft zu machen. Den letzten Anstoß zur Unzufriodencheit hat der vor einem Monat erfolgte Putschversuch Generals Metaxas, der ähnlich wie in Bulgarien Oberwasser gewinnen wollte. Die revolutionäre Bewegung, die bisher mit Rücksicht auf das Ausland und die schwebenden Finanzverhandlungen versteckt war, ist nun gewaltsam zum Ausbruch gekommen. Es wird erwartet, daß Venizelos, der sich auf eine enwntösteundliche Politik eingestellt hat. zurückkehrt und die Leitung der griechischen Politik in seiner Hand konzentriert. Seine Politik wird zum Unterschied von der bisherigen der kleinen Entente zuneigenden Haltung eine ausschließlich den Interessen des Landes dienende sein. , Keine Mfimen! Deutschlands „BerhandlungsbereMM". Berlin, 18. Dezember. Die „Zeit", das Organ des Außenministers Stresc.ma.un, schreibt, es sei gut. wenn sich die deutsche Oeffentlichkeit über die Aussichten der Verhandlungen mit Frankreich keinen Illusionen hingebe. Daß Frankreich, wenn cs wolle, den Grund für eine Durchkreuzung der Verhandlungen finden werde, könne nicht bezweifelt loerden. Es habe, nicht umsonst die Frage Kontrollkommission au'fgegrisfen. ' Mehrere Abendblätter weifen darauf hin, laß der ^französische Ministerpräsident und alle französischen Mitteilungen über den deutschen Schritt die Frage der M.cum-VertrLge in den Vordergrund rücken. Weil diese Verträge auf einem keineswegs sicheren finanziellen Boden ruhen, wolle P o i ncare die deutsche Regierung dazu bringen, daß sie an Stelle der Ruhrindustrie die finanzielle Garantie für die Durchführung der Verträge übernehme. Ta indessen die Nentenbank nicht in der Lage ist, im Ruihrgeöirt Hypotheken in Rentenwährung einzutragen, können auch keine Kredite der Nentenbank nach dem Ruhrgabiet gegeben werden und aus diesem Grunde sei ein Einspringen der Reichsreg'ertrug bei den Micum-Bcrträgen u it m ögli ch. Dies komme aber auch schon deshalb nicht in Frage, weis die deutsche Negierung es ablehnen müsse, die Legalität des stanzösischen RuhrerubrucheS irgendwie anzuerkennen, Ivas durch die Uebernahme der Partnerschaft bei den Micum-Verträgen seitens der deutschen Regierung der Fall wäre. Belgiens Antwort an Deutschland. Brüssel, 18. Dezember. (Havas.) Das Kabinett hat die an D e u ts chla n d zu richtend Antwort gutgcheißen. Sie unterscheidet sich nur in der Form von der französischen Antwort. Die belgische Negierung erklärt sich bereit, mit Deutschland in "Verhandlungen einzutreten. Sie werde sich m i t d e n übrigen Verbündeten ins Einver- -nehmen setzen, um allfällige deutsche Anregungen einer Prüfung zu unterziehen. Sie betont, daß der Vertrag geachtetj-werden müsse, besonders bezüglich der Wiedergutmqchungen, mit denen der Neparationsausschuß besaßt sei sowie bezüglich der Befugnisse der französischen und belgischen Behörden im Rhernlande. Belgien wird nicht der Ansicht sein, daß Deutschland seine Verpflichtungen loyal durchführe, solange die M i l i t ä r t o n t r o 111 o ntm if s i o n nicht regelmäßig funktionieren werde. Ichettrrn drr LebenM'rttelaiUe'che? Paris, 18. Dezember. (Wolfs.) Der „Petit Partien meldet, es scheine fast sicher, daß dem deutschen Verlangen nach einer Anleihe zum Artkauf von Lebensmitteln in. den Vereinigten Staaten innerhalb de.r R e p a r a t i o n slommissiou widersprochen werden würde. »icgSfiMgggr •ShaMft’WMlKVr« —n*"11'*—... ggaawHMwwawBgw^iWiauauiaifttiWilW». 6

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