Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1739 (18.12.1923)
- Date
- 1923-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ffBzeliraniwerKlOOO Wien- Zum Abholen in der Expedition, Ü.,T aboratr. 1 *3, oder in einer Verschlefastelle fTrafikt monatl. K 98.000 Strasgenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Gold^chmiedt,!, Bcz., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tachecho-Slowakei: Mon. K17, lujroslawien: Mon. Dinar50. Polen: Mon. ost.K 22.000. neataehl.: Mon. ost.K 28000. F r an V r„ Belgien: Monatl.Frca. 10 BV* Naehtahlnagaa “Wtt bet Preiterhohtmzen torbeiuHen Wiener IMI Nr. 1739 Wien. Dienstag, 18. Dezember 1923 Fidiecho-Slowaktli tschech. K 1.- Italien: Monatl. 12 I .ire, Rumänien Mon. 1301 ei, Bulgarien Mon. 75 T.ewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frca. 3 Redaktion n. Administration Wien. II.,Tahoratrassel-~3 Teleohone: 44-0.58.43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483.25-282 Tel.» Adr.:„M orgenzeitung" Wien Oesterreichisches P oatsparkassen- Konto Nr. 150.693 5. Fahrgang Ein Friedensschritt. -y. Wien, 18. Dezember. Die französische Regierung ist verhandlungsbereit. Sie nimmt die Vorschläge Deutschlands als Basis für Besprechungen an und steckt zugleich das Programm ab. Das Kabinett Marx war so vernünftig, den Inhalt seiner Propositionen nicht vorzeitig an die große Glocke zu hängen und verhinderte auf diese Weise daheim und in Frankreich eine unberufene Minierarbeit der Hetzpresse. Doch erfährt man aus der französischen Antwort, daß Deutschland eine sehr schwere Stellung haben wird. Die Roparationskommission und ihre Befugnisse müssen außer Debatte blei'ben. Frankreich hält den schon in Genua so schroff eingehaltenen Standpunkt auch weiterhin aufrecht, wobei es sicherlich durch vorherige Abmachungen mit den Bundesgenossen sich gegen Ueberraschungen gesichert hat. Man kann aus dieser Erklärung der französischen Regierung schließen, daß die'vielfach behaupteten Unstimmigkeiten zwischen Paris und Brüssel, wenn sie überhaupt je bestanden, inzwischen wieder geschlichtet sind und daß auch England, das in der Reparationskommission stets überstimmt wurde und dies ohne Nervosität zur Kenntnis nahm,. wenigstens für die nächste Zeit seine Haltung nickt ändern wird. Die englische Regierung kann trotz der erlittenen Wahlniederlage ihre Politik nicht desavouieren, andererseits will sie keine neue Tatsache schaffen, die ihren Nachfolger im Amte irgendwie binden würde. Daß sich Frankreich in seiner Antwortnote weiter bereit erklärt, über die Neueinrichtung der Verwaltung im Rhein- und Ruhrgebiet sowie über die Stinnes-Verträge zu beraten, bedeutet wohl an sich Litten günstigen Fortschritt, fft aber kaum mit großen Hoffnungen zu begrüßen. Denn es handelt sich hier um Selbstverständlichkeiten. Wenn das Verwaltungschaos im Okkupationsgebiet geordnet ' werden soll, so ist dies wohl nur im Einvernehmen mit der deutschen Regierung möglich, und daß diese nach den traurigen Erfahrungen der Cunoschen Verordnungen ihre Beamten nicht antifranzösisch instradieren wird, kann füglich als sicher gelten. Mer auch diese Angelegenheit ist nur ein Teil der Reparationsfrage und würde automatisch ins Geleise kommen, wenn sie in ihren Voraussetzungen entsprechend gelöst werden kann. Hat die deutsche' Regierung tatsächlich die Besprechung über dieses Thema als gesonderten Punkt vorgeschlagen, so hätte sie dadurch einen Fehler begangen, weil sie der Gegenseite die Handhabe bietet, zu der ihr passenden Zeit Unwichtiges hervorzuholen, in den Vordergrund zu schieben und aufzubauschen. Dies hat übrigens die deutsche Regierung bereits selbst getan, indem sie schon jetzt ihr Wolff-Bnreau über die französischen Dispositionen reden läßt und sich in einer papierenen Polemik ergeht. Das wird dann wieder gereizte Repliken in Frankreich auslösen und der Zweck der angestrebten Besprechungen, eine versöhnliche Stimmung zu erzeugen, wird vereitelt, noch ehe sie recht begonnen haben. Auch daß die deutsche Regierung in dieser offiziösen Aeußerung auf die Ueberreichung ihrer Note in London und Rom hinweist und die Einheitlichkeit der Alliierten als notwendig bezeichnet, ist ein recht unglücklicher Griff. Diesen Wink mit dem Zaunpsahl hat man in Paris imm^r sehr übel empfunden und in London kalt abgelehnt. Die Uneinigkeit der Entente ist ein Thema, das die Stinnes-Presse sehr gerne variiert, es ist aber noch immer durch die Tatsachen dementiert worden. Alle Hoffnungen, die sich auf diese Fata morgana aufbauten, zerrannen schließlich ins leere Nichts. Trotzdem kann sich die deutsche Politik nicht von den ihr lieb gewordenen Vorstellungen trennen, daß ihre Ulanen einmal Seite an Seite mit englischen Dragonern ins falsche Welschland reiten werden. Die Reparationen und die Forderungen Amerika». Paris, 17. Dezember. Aus New-York wird gemeldet, die Bereinigten Staaten seien nicht bereit, Frankreich für die Konsolidierung seiner S ch u l d g ü n st i g e re Bedingungen als Großbritannien einzurwumen. Es scheine daher, daß die in gewissen Pariser Telegrammen enthaltenen Vorschläge betreffend eine Konsoliidierung der französischen Schuld mit 2 Prozent unrichtig seien, da die britische Schuld 3,5 Prozent Zinsen trage. Es werde mit Befriedigung ausgenommen, daß Frankreich an die Regelung der Schuld denke. Die Vereinigten Staaten würden ihr Möglichstes tun, um die Ausgabe Frankreichs zu erleichtern. Ae deutsch-französischen Mufswnen. Poinkares Antwort. Verhandlungen prinzipiell zugestanden. Paris, 17. Dezember. (Havas.) In der dem denffchen Geschäftsträger von H o«s ch übermittelten Antwort der französischen Regierung, die heute mittags in Berlin eingetroffen ist. heißt es: * Da der passive Widerstand beendet erscheint, lwird Frankreich jederzeit bereit sein, mit dem offiziellen Vertreter der deutschen Regierung über jene Fragen zu sprechen, die diese zu unterbreiten wünschen wird. Immerhin behält es sich das Recht vor, mit seinen Verbündeten über die sie interessierenden Probleme sich ins Einvernehmen zu setzen. Bezüglich der Reparationsfrage betont Frankreich neuerlich, daß es nicht seine Zustimmung dazu geben wecke, daß die durch den Friedensvertrag eingesetzte Kommiffion ihrer Befugnisse entkleidet werde, noch auch daß irgend eine Regelung ins Auge gefaßt werde, die nicht streng dem Vertrage entspreche. Die Reparationskommission werde nach wie vor chre Tätigkeit mit allen ihr übertragenen Machtvollkommenheiten fortsetzen. ohne etwas von den Rechten au^ugeben, di« sie gegenüber Deutschland besitze. Der von der deutschen Regierung vovgeMagene Gedankenaustausch, dem Frankreich sich nicht weigert zuzuistimmen, kann weder zum Gegenstand noch zum Ziele haben, daß die Vorrechte der Kommission angetastet werden, noch auch eine unmittelbare oder mrtt eltbare Revision des.Friedensverträges. ' ' ‘ "r In der Rhein- und Ruhrfrage wird Frankreich seine bereits auseinandergesetzten Ansichten keineswegs ändern sowie es auch nicht darin einwilligen könnte, daß den fränkischen und belgischen Behörden, oder der interalliierten Rheinkandkommiffion ihre Befugnisse entzogen werden. Was den Modus vivendi im Rhein- und Ruhrgebiet anlangt, ist Frankreich geneigt, die Anregungen der deutschen Regierung entgegenzunehmen und sie eventuell mit seinem Gutachten den zuständ'.gen Behörden zu übermitteln. Namentlich wird es jegliche Besprechung bezüglich der Verlängerung der Geltungsdauer der mit den Industriellen abgeschlossenen Abkommen sowie hinsichtlich des Wirtschaftslebens und der Vevwaltungsfvagen annehmen. unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß Frankreichs Recht absolut gclvahrt bleibt, die W i ederanstellungderausgewiesenenBeamten erst auf Grund individueller Prüfung zuzugostehen. Schließlich stellt die Antwort fest, daß die interalliierten MilitärkontrollkomMissionen noch nicht in der Lage waren, ihre regelmäßige Tätigkeit wieder aufzunehmen und erklärt, Deutschland könne nicht behaupten, daß es den Friedensvertrag lphal durchführe, solange die genannten Kommissionien ihre Funktionen nicht wieder ausgenommen haben. Eine Polemil Deutschland». Die deutsche Demarche. Berlin, 17. Dezember. Tas^WoWche Bureau meldet: Die schriftliche Antwort, die P o i n c a r e dem denffchen Geschäftsträger in Paris in Aussicht gestellt hat, ist in Berlin noch nicht bekannt. Wenn sich jedoch entsprechend der von der Agence Havas Veröffentlichten Meldung die französische Regierung v o r b e h i e l i e, über die die Alliierten interessierenden Fragen mit diesen in Fühlung zu treten, so entspräche dies ganz der Ansicht der deutschen Regierung und dem Zwecke, den sie mit ihrer Demarche verfolgt hat, die übrigens gleichzeitig auch den Regierungen von London und Rom zur Kenntnis gebracht worden ist. Nach Auffassung der deuffchen Regierung kann die eigentliche Lösung des ganzen Komplexes der schwebenden Fragen nur einheitlich und unter Teilnahme aller interessierten Mächte gefunden werden. Es muß jedoch neben dem Geüaukenaustausch über die endgültige Lösung der Reparations- und der Ruhrsrage eine vorläufige Regelu'Ng der Verhältnisse in den besetzten Gebieten erfolgen. Die in der Havasmeldung in dieser Hinsicht erhobenen Einwände sind nicht ohneweiters der stündlich. Sollten sie tatsächlich in der französischen Antwort in dieser Form erhoben werden, so müßte daraus geantwortet werden, daß die Besetzungsbehörden im Ruhrgebiet keine selbständigen Organe, sondern ausschließlich Exekutivorgane ihrer Regierungen sind. Auch hinsichtlich der R h e i n la n d s k o mmission ist zu beachten, daß ihre Verfügungen lediglich auf die Weisungen der französischen und der belgischen Regierung und nicht auf die selbständige Initiative der Rheinlandskommiffion zurückzuführen sind. Dementsprechend hat der französische Ministerpräsident nach der Havasmeldung sich auch bereit erklärt, ü-ber einen Modus vivendi, auf dessen Herstellung es der deutschen Regierung im Iw teresse der besetzten Gebiete zunächst ankommt, mit offiziellen Vertretern der deutschen Regierung zu verhandeln. Obwohl es sich bei diesen Verhandlungen nur um di'e Herstellung eines bis zur endgültigen Regelung geltenden Provisoriums handeln könnte, würde die deutsche Regierung darin einen wesentlichen Fortschritt in der Entwicklung der gegenwärtigen Situation sehen. Was die Haltung Deutschlands in Sachen der M r l itärkontrolle betrifft, so ist der in der Havasmeldung enthaltene Vorwurf nicht gerechtfertigt. Deutschland hat sich gegen die Kontrolle als solche niemals gewehrt, obwohl tatsächlich ein materieller Anlaß für ihre Fortsetzung nicht besteht. Es muß jedoch mit Rücksicht auf die stimmungsmäßigen Ergebnisse der R u h r b e f e tz u n g vor einer Aufnahme der Kontrolle zurzeit e i nd r i n g l i ch st gewarnt werden. Berliner Kommentare. Berlin, 17. Dezernber. Ueber die Aufnahme der franzö» fischen Antwort in den politischen Kreisen Deutschlands schreibt die „Zeit", der Schritt des deuffchen Vertreters in Paris werde in der verschiedensten Weise beurteilt. Die Auffassung schwank zwischen Optimismus und tiefster Niedergeschlagenheit. Um abzuschätzen, welche Aussichten der Versuch der deutschen Regierung habe, mit Frankreich Unterhandlungen über die allgemeine Reparationsfrage, über das Rheinland und das Rubraebiet zu eröffnen, müsse man berücksichtigen, was tatsächlich hinter der Antwort des französischen Ministerpräsidenten stecke. Da sei zunächst das Problem der militärischen Kontrolle, das Poincare bei dieser Gelegenheit, ohne daß irgend ein Borwand dazu vorhanden war, wieder aufgeworfen hat. Was Frankreich damit bezwecke, könne man vielleicht am besten aus einem Artikel de^ Pariser „Journal" ersehen, in dem es heißt, ,-daß Poincare die Frage der militärischen Kontrolle aufgeworfen hat, beweise, daß die Mächte Frankreich und Belgien immer das Recht haben wollten, die Besprechungen zu unterbrechen, wenn sie glaubten, daß die ganze Debatte eine geährliche Wendung nehme". Die Militärkontrolle solle also als Drohung stets im Hintergründe der Verhandlung stehen, um Deutschland zu zwingen, zu allen B?din>uma?n Pomcares Ja und Amen zu sagen. Die Frage, welche Fassung richtig sei, der Bericht der Agence Havas oder die Darstellung Dr. Stvesemanns auf dem gestrigen Presse-Tee, gehe durchaus an der wirklichen Taff'ache vorbei, daß Frankreich sich durch die Diskussion dieses Themas eine Erweiterung der Verhandlungsbasis schaffen wolle. In ähnlichem Sinne erhebt die „Germani a" die Warnung, daß man sich auf deutscher Seit« hüten möge, sich in den französischen Schlingen zu verfangen, und zunächst mit allem Nachdruck auf eine brauchbare Lösung der Hauptfragen hinarbeiten solle, während die französische Regierung gerade in der lebten Zeit gefährliche Nebensvagen in den Vordergrund stelle. Hoffnungsvoller urteitt die „Vossische Zeitung", man brauche sich über den Ausgang der Verhandlungen, die nirch die deutsche Demarche angebahnt werden können, gewiß nicht in einen rosenroten Optimismus zu verlieren» aber schon die Tatsache, daß die Möglichkeit solcher Verhandlungen ht greifbare Nähe gerückt erscheine, sei ein Fortschritt in den deutsch-französischen Beziehungen, der zum Jahresschlüsse den politischen Horizont doch etwas lichter erscheinen laffe. Besetzung der deutschen BotschafterpoAen i« Pari» und London. Berlin, 17. Dezember. Wie mehrere Blätter mitteilen, sollen die Bolschasterposten in Paris und London neu besetzt werden. Für den Posten in Paris sei der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Maltzahn in Aussicht genommen. Der Londoner Posten soll mit dem ehemaligen Reichskommissär für 'die besetzten Gebiete, Fürsten Hatzfeld, beseht werden. An zuständiger Stelle wird mitgeteilt, daß eine Kandidatur v. Maltzahns für Paris sehr unwahrscheinlich sei, da durch seine Abberufung die Kontinuität in der Leitung des Austvärtigen Amtes gefährdet erscheinen könnte. Es wird auch erwähnt, daß er als Schöpfer des Vertrages von Rapallo Frankreich nicht besonders genehm wäre. Bezüglich des Lonnrer Boischafterpostens gilt es als ziemlich sicher, daß der bisherige Botschafter Schamer abberufen werden solle, aber die Kombination des Fürsten Hatzfeld scheine keineswegs sicher,