Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1736 (15.12.1923)
- Date
- 1923-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EiHzelmnmnerSIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, H„Taborstr. 1*3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik! monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,!. Bei., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Gestern monatl. K 28.000 Tachecho-Sl owak e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar 50. Polen: Mon, ost.K 22.000. Deutsch!.: Mon. ost.K 28000. P ran kr.. Belgien: Monatl.Frcs. 10 mr Nachx«hlunsr«ii beJ Preiterhohuniren Vorbehalten Wiener orgenjeilung t*schQCho-&iOW&ft«i» tschech. K 1.— Italien: Monatl. 12 Lire Rumänien Mon. ISO Lei Bulgarien Mon.75 Lewa Schweiz und das übrigr Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administrator Wien, II., Taborstrasse 1 —5 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-283 Tel- Adr.:„Mor$fenzeltung*1 Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.692 tm Sir. 1736 _ _ Wien. Samstag. 15. Leremder 1923 5. Zahrgam Heute die ersten Bes-rechungen m Paris über die Reparattms-, Mein- und Ruhrfmge. Staat «ud Gesellschaft. —y. SB i i tt, 16. Dezember. Der österreichische Bundeskanzler hat vorgestern in der österreichischen politischen Gesellschaft einen Bortrag gehalten, in welchem er das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft zu erläutern versuchte. Wenn eine führende Persönlichkeit sich von der politischen Arbeit so weit emanzipiert, daß sie sich über die Dinge stellt, so eröffnet sie sicherlich interessante Perspektiven in ihre Gedankenwelt und macht sich zum Beweismittel für die Binsenwahrheit, daß alles politische und soziale Leben letzten Endes doch nur auf dem Kompromiß beruht. Der Staat, sagt Theodor Herzl, ist die erträgliche Unzufriedenheit aller. Als er dies schrieb, verstand man unter Staat etwas anderes als heute. Es sind ja nur ivenige Jahre seither vergangen. Aber die schweren Ereignisse, die dazwischen liegen, haben das politische Denken vom tiefsten Grund aus revolutioniert. Der Generation, die den Krieg erlabt hat, ist der Begriff des Staates in einen: furchtbaren Sinn lebendig geworden. Er war die waffenstarrende Gewalt, die den einzelnen aus seinem Berus reißen, ihn zum Mörder und zugleich zum Opfer abvichten durste, die bis ins Unpersönliche verzerrte Negation der Person, ihres Rechtes und Wertes. Als dann die Unzufriedenheit unerträglich wurde, wandte sie sich gegen dieses menschenftessende Götzenbild. Und siehe da, es erwies sich als hohl, als'Ton und Moder. Der Staat ist heute nichts mehr als ein technischer Behelf, dessen sich die Gesellschaft zur Regelung ihres Zusammenlebens bedient. Die Gesellschaft, das ist die Gemeinschaft aller, die durch irgendwelche natürliche oder historische Bedingungen, freiwillig oder — wie tm Falle Oesterreich — durch übermächtigen Zwang, in Staatsgrenzen eingehegt sind. Der Staat hat im Auftrag der Gesellschaft Straßen zu bauen, Briese zu befördern, den Verkehr zu ordnen, die Jugenderziehung, die Rechtspflege, die öffentliche Sicherheit und Wohlfahrt zu organisieren. Er ist die Lokomotive, die den Zug führt, und mit Kohle oder elektrischer Energie gespeist wird, aber nicht der .'Herr des Zuges. Die Gesellschaft steht über dem Staat. Herr Dr. Seipel stellt sie ihm als koordiniert gegenüber. Er sieht den Staat im Lichte der hoffentlich gründlich überwundenen Machttheorie und er meint, daß beide, Staat und Gesellschaft, aneinander Interesse haben müssen, wobei er jedoch wieder die Gesellschaft nicht als einheitliche Gemeinschaft ausfaßt, sondern eine bürgerliche und eine proletarische Unterabteilung unterscheidet. Er stellt sich somit auf den Boden der Klassentheorie, was ja an sich berechtigt ist, bei einem Manne seiner Orientierung aber doch wunder nehmen nmß. Die bürgerliche Gesellschaft nun, sagt der Bundeskanzler, gibt dem Staate nicht, Inas er und was somit sie selbst braucht. Wenn der Staat seinen kulturellen oder sozialpolitischen Ausgaben aus Budgetgründen nicht entsprechen kann, dann soll „die Gesellschaft", eine einzelne Person oder eine Vereinigung einspringen und dem Finauzminister den notwendigen Betrag zur Verfügung stellen. Das ist der Gipfelpunkt des Gemeingefühls, den die Gesellschaft, wenn man darunter mit Herrn Dr. Seipel das reiche Bürgertum versteht, leider nicht erreicht und gar nicht erreichen will. Es ist nur ein Teil dieser Gesellschaft, der dieses „Sich-einfi'chlen in die Gesamtheit" — tvie das Goethe nennt — übt, und dieser Teil, nämlich der jüdische Teil der Gesellschaft, wird dafür mit Schimpf und Schande belegt. Wenn Herr Dr. Seipel in seinem Amtszimmer die Ereignisse der letzten Zeit überdenkt, dann wird ihm auffallen müssen, wie hoch der jüdische Anteil an der charitativen und sozialen Füvsorgeavbeit ist, wie aus jüdischem Mitempfinden reiche Mittel den Wohlsahrtsinsbituten der Hochschulen zufließen, au* 'denen die jüdischen Hörer und Lehrer Vertrieben werden. Er wich feststellen müssen, daß er als der oberste verantwortliche Leiter der Republik niemals vergeblich an das Gemeinschaftsgefühl des jüdischen Teiles der Gesellschaft appelliert hat, ja daß sogar die gesamte Sanierungsaktion auf jüdischer Grundlage entstanden ist und ohne die internationale Vorarbeit der Juden gar nicht denkbar gewesen wäre. Die soziale Denkungsart, die jüdische, hat Oesterreich aus den Wirbeln der Umsturzzeit zur Sanierung geführt^ sie hat den österreichischen Handel und seine Verbindungen nach allen Richtungen der Windrose aufrecht erhalten und ausgebaut und sie ist dafür in einen Gegensatz zum bodenständigen christlich-deutschen VoK gestellt worden. Diesen Teil der Gesellschaft, der aus Haß gegen die Unerbittlichkeit der historischen Entwicklung bis zur Sabotage des Staategeht, der die soziale Paris, 14. Dezember. (HavaS.) Der deutsche Geschäftsträger v. H o e s ch hat beim Ministerpräsidenten Poincare um eine Audienz an ge sucht. Er wird morgen dom MinisterPräsidenLen empfangen werden. Me die Blätter melden, hat der Reichskanzler Dr. Marx durch Vermittlung des norwegischen Gesandten in Paris den Vorschlag eines direkten Meinungsanstansches zwischen Deutschland und Frankreich gemacht, die sich auf den gesamten Fragenkomplex des Rhein- und Ruhrgebietes beziehen. Der deutsche Geschäftsträger ist von der Reichsregierung beauftragt worden, am Quai d'Orsay auf die Tatsache hinzuweisen, daß der Passive Widerstand in den besetzten Gebieten auch nach französischer Auffassung vollkommen aufgehört habe. Die deutsche Regierung betrachte. riunmchr^die Möglichkeit zur schnellsten Ausnahme von Verhandlungen für gegeben; Vor dem Beginn der eigentlichen Verhandlungen wird P o i n r a r e, der übrigens noch heute in der Kamm e r Erklärungen über die französische Außenpolitik abgegeben wird, mit den Alliierten, zunächst mit England, Fühlung nehmen. Pariser Auffassung. Paris, 14. Dezember. Die gesamte Morgenpresse bespricht des angekündrgten Besuch des deutschen Geschäftsträgers bei Poincare, durch den mit Frankreich Verhandlungen über alle das Rheinland und Ruhrgebret betreffenden Fragen eingeleitet werden sollen. „Petit Pari sie n" schreibt, wenn das deutsche Kabinett einen aufrichtigen Meinungsaustausch über die Probleme, die zwischen Deutschland und Frankreich schweben, wünsche, dann könne man schon im Voraus sagen, daß eine solche Initiative in Paris aufmerksam geprüft werde. Freilassung politischer Gefangener im Ruhrgebiei. Essen, 14. Dezember. (Del. der „Wiener Morgenzeitmig".) Nach MitteZungen der französischen und belgischen Kommandanten ist in kurzer Zeit die Freilass u >n g einer größeren Anzahl politischer G esa nge n e r zu erwarten. Ae Relchrmikifter verrichten auf die Jieuft- MfwandeutWdiguug. Berlin, 14. Dezember. Sämtliche Neichsminister haben beischlossen, angesichts der Notlage des Reiches für die Wintcrurouate überhaupt aus jede D ienstaufwandentschädigung zu verzichte n. 54ftlindkge Arbeitszeit für dis Beamten. Berlin, 14. Dezember. Das Rejchskabinett hat in seiner heutigen Sitzung die Arbeitszeit der Beamten mit m i ndestens 84 Stunden pro Woche festgesetzt. Sir neuen Stenern. Berlin, 13. Dezember. lieber die dritte Steuern o t ve r o r d n u n g, die in den nächsten Wochen erlassen werden soll, beiten die Blätter mit, daß sie die Erfassung der Inftationsgewimie zum Gegenstand haben werde. Es fei eine starke steuerliche Heranziehung des Hausbe- Politik und die Demokratie, den Frieden und den Abbau des Kriegsgeistes als Emanationen jüdischen Geistes verwirft und die Pflichten des Besitzes ablehrrt, weil sie keinen Orden und.keinen Titel tragen, der den Staat städtischen Hausbesitz gelegt werden solle. Bovaussetzuntz dazu sei, daß im Laufe des kommenden Jahres die Mieten wieder aus ihre Borkriegshöhe gebracht werden. Diese Sterrer, -deren Ertrag unter Zugrundelegung der Vorkriegsbeträge zwei bis drei Milliarden Goldmark ausmachen würde, soll den Ländern überlassen bleiben, die sie wahrscheinlich ganz oder teilweise den Gemeinden zur Ver' fügung stellen werden. Mehrarbeit im deutschen Bergbau. Paris, 14. Dezember. (Wolfs.) Die Arbeitgeberttift Arbeit,nchmevve.rbände im schlesischen, sächsischen und Ibbenbüver Steinkohlenbergbau haben ein Ueberarbe its-Abkommen getroffen, nach welchem die Bergarbeiter unter Tage und die bei der Kohlenförderung tätigen Arbeiter über Tage eine Stund« Mehrarbeit leisten. Auch in den anderen Zweigen der Großindustrie wird die Frage der Mehrarbeit durch weitere V^rhaMungen geregelt werden. Ftalieu reklamiert seine« Anteil au» dem KohlenSbereinkomme». Essen, 14. Dezember. (Del. der ,Mion>er Morgen-- zertung".) Zwei italienische Ingenieure sind, von ihrer Regierung mit Vollmachten ausgestattet, gestern in Düsseldorf angeEommen. Sie verlangen die Teilnähme Italiens an dem kürzlich von Frankreich und Belgien mit den deutschen Grubenbesitzern abgeschlossenen Vertrag. Die französische und die belgische Regierung haben das Ersuchen >der Italiener günstig ausgenommen. Wahrschsinl-ich wird die der Micum zustchende Kchlenmeuge van 18 Ms 23 Prozent erhöht, wovon fünf Prozent Italien zur Verfügung gestellt werden. RumSuien protestiert gegen die Zustellung der MarationrleMugen. Drohung mit Repressalien. Bukarest, 14. Dezembe.r. (Tel. der „Wiener Morgew zeitmng".) Noch einer Information der „Lupta" hat Außenminister Duca in Berlin einen energischen Protest wegen der neuerlichen Einstellungen der Reparativ nsl ei stunge.n durch Deutschland an Rumän'.eN"erboben. Die rumänische Regierung ließ in Berlin erklären. Rumänien werde sich ans dem Vermögen der in Rumänien lebenden deutschen Staatsbürger schadlos halten, falls Deutschland seinen Verpflichtungen nicht Nachkomme.. Wie das genannte Blatt weiter erfährt, handelt es sich um die Absendung deutscher Waren im Werte von vier Millionen Goldmark. Kabinettskrise in Sachsm. Dresden, 14. Dezember. (Wolfs.) In der heutigen Sitzung des Landtages wurde von der demokratisch en Fraktion ein Mißtrauensantrag gegen das Kabinett Fellisch eingebracht. Ministerpräsident Fe l lisch erklärte daraus, daß er sein Amt in die Hände des Landtages zurücklege. Das Kabinett werde bis zur Neubil-vuug der Negierung weiter amtieren. Die rhriuische kmWsnsbauk. Die Verhandlungen zur Gründung einer rheinisch e n Emissionsbank zwischen der deutschen Ba n k e ng r u p p e und den Vertretern der s r a \u zösisch-belgischen Gruppen haben zu einem U e dereinkv m m e n geführt. wieder in der Uniform des Feldgendarmen sehen will, treffen die Beschwerden des Bundeskanzlers im vollsten Ausmaß. s i tz e s und der Obltgationsjchukdu'er vorgesehen. Ferner sei eine Mielzinssteuer geplant, die aus den gesamten 3 5220