Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1735 (14.12.1923)
- Date
- 1923-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ElnzelnnimnerKIOOQ Wien: Zum Abholen in der Expedition, II, ,Taborstr.l-3, oder in einer V erseht eisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I.Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar50. Polen: Mon. ost.K 22.000. Deutschi.: Mon. osbK 28000. F rank r., Belgien: Monatl.Frcs. 10 DM' Nachzahlungen "VW hei PreiaerhShuDgee vorbah alten Nk. 1735 Wiener orgenjkilung Men. Freitag. 14. Jezembrr 1923 lfcnicneadiowaktl! Ischech. K 1.- Italien: Monatl. 12 Lire, Rumänien Mon. 130 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, H.,Tahorstrassel—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.- Adr.:„Morgenzeitung*‘ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Fahrgang Der Wes zum General- » —y. Wien, 14. Dezember. ein Hilferuf Deutschlands an die Alliierten und die Neutralen. Ein Regen von Notsignalen kommt aus Deutschland. Die Regierung läßt durch die Presse die Bevölkerung darauf vordereilen, daß sie einen feierlichen Appell an die Mächte richten wolle, in welchem sie die Lage des Reiches darzulegen entschlossen sei, das ohne Hilfe durch Kredit seine Krise nicht überste-hen könne. Der Reichskanzler hat in einer Ansprache an die Vertreter der auswärtigen Zeitungen den gleichen Gedanken entwickelt, zugleich aber erklärt, daß die Regierung alles tun wolle, was sie ans eigenem gegen die Not des Reiches unternehmen könne. Er hat in dieser Rede die Wurzeln des Elends bloßgelegt, das er als politisches Problem erkennt. Deutschland hat den Krieg verloren, muß sich an diesen Gedanken gewöhnen und die Folgen tragen. Das ist ins Politische übersetzt eine völlige Umstellung der in Deutschland bisher unangefochtenen Mentalität. Praktisch genommen müßte dies zu einer gründlichen Abkehr von der Psychose der Dolchstoßsabeln sichren. Was freilich ein schier unüberwindliches Hindernis dafür darstellt, im Innern die Rechtsreaktion schrankenlos walten zu lassen, wie dies heute geschieht. Die Hurrapatvioten müssen sehr bescheiden wecken und sich damit absiuden, daß sich das Rad der Geschichte nun einmal nicht so ohne werteres zurückstellen läßt, ohne zumindest mit der Explosion zu drohen. Unter den Mitteln, die die Regierung ergreifen will, fällt vor allem der Eingriff in die Substanz des Volksvermögrns auf, 'der mit Hilfe des Ermächtrgungs- ‘ gesetzes unternommen werden soll. Das Reich steht vor der Erschöpfung des von den Rentenbank zur Verfügung gestellten Kredites und kann feine Ausgaben nur dann decken, wenn es schleunigst zu Geldsteuern kommen kann. Die Notenpresse ist slillgelegt und dieser Umstand, der sonst begrüßenswert wäre, ist für die deutsche Regierung ein Grund schwerster Sorge, da sie wirkliche Einnahmen kaum besitzt, aus denen sie die Beamtengehälter bezahlen könnte. Die Beamten sind schwierig geworden und Rindigen Demonstrationen, ja sogar Streik und passiven Widerstand an, was die Regierung zu einer unwirschen Drohung mit Zwangsabbau veranlaßt. Stockprügel sind aber kein Bernhigungsmittel für einen knurrenden Magen und da scheint nun, als ob die maßgebenden Kreise an einen tiefen Griff in die Tasche denken. In welche Taschen, wird einstweilen noch nicht gesagt. Aber die Erfahrung lehrt, daß es für gewöhnlich nicht die Besitzenden sind, die solche Notwendigkeiten zu bezahlen haben. 'Sie besitzen außer ihrem Geld noch politische Macht und halten ihre Schlüssel fest. Sie hängen am Golde mW drängen nach dem Golde und es kommt ihnen — siehe Stinnes — nicht darauf an, ob dieses Geld aus dem vom Reich verwalteten Schatz der Gesamtheit stammt. Wenn nur der Quell recht ergiebig sprudelt und wenn nur sie es sind, die sich von den Vermögensabgaben drücken können. Dagegen haben sie sich gesichert. Sie regieren. Damit das Volk nicht ihren Praktiken^ seine unerwünschte Aufmerksamkeit zuwende und üe für Krieg, Hunger und Pestilenz zur Verantwortung ziehe, haben sie sich für ihr erwnchertes Geld eine bewaffnete Garde gekauft, die mit überlautem Hepp Hepp, mit Judenmißhandlungen, mit Plünderungen und Morddrohungen die Kritik von der rechten Spur abzulenken hat und sich ihrer Ausgabe, wie man weiß, mit viel Erfolg unterzieht. Das Hakenkreuz ist das Symbol dieses politischen Betruges und. es ist noch sehr die Frage, ob die deutsche Reichsregierung die moralische und materielle Kraft besitzt, auch diese Kreise zu dem Verzicht. auf die st bequeme Vorstellung von dein Dolchstoß und von der jüdischen Schuld am Krieg zu bewegen. Deutschland will den Völkerbund aurufen. Es gibt niemanden, der diesem Appell nicht aus vollstem Herzen Erfolg wünschen würde,. weil das Gelingen ein sehr weiter Schritt aus der Bahn zur Versühnung der Völker wäre. Dieser Hilferuf aber wäre vielleicht politisch weit besser gestützt, wenn Deutschland Mitglied des Völkerbundes geworden Wäre und sich nicht von seinen Chauvinisten, wieder im Sold der Stinnes und Konsorten, in einen wütenden Abscheu gegen diese „jüdische Institution" hätte hineintreiben lassen. Der Völkerbund ist sicher mangelhaft konstruiert, aber er ist ein Anfang, die Arche auf dem Ararat über einem Meer von Blut. Er hat in dem Fall der jüdischen Heimstätte in Krez Israel «nd im Falle Oesterreich sich, als moralische Autorität Katastrophale Finanzlage. Berlin, 13. Dezember. (Spezlaldienst der „Wiener Morgenzeitung".) Die Morgenblätter beschäftigen sich weiterhin in längeren Artikeln mit derkatastrophalen Finanzlage des Reiches, der bereits ergangenen Notverordnung über die Vorauszahlungen der am 1. Jänner 1924 fälligen ersten Rate der Rhein-Ruhrabgabe neben den Vorauszahlungen auf -re Einkommen- und die Umsatz st euer sowie mit den beiden angekündigten Notverordnungen, bei denen mit Eingriffen in die Substanz des Volksvermögens zu rechnen sei. Diese Maßnahmen sollen dem Reiche über die nächsten schlimmsten Schwierigkeiten hrnweghelfen. An eine wirkliche Ordnung der Reichsfinanzen ohne Auslands Hilfen sei nicht zu denken. Es sei ein Schritt der deutschen Regierung in der Frage der Ausländsanleihe geplant, und zwar soll cs sich, wie die Blätter melden, um einen feierlichen Appell an die am Versailler Vertrag beteiligten Mächte handeln, worin die trostlose finanzielle Lage des Reiches dargelegt wird. Im übrigen solle die Politik des Kabinetts Marx in den auswärtigen Angelegenheiten keinen grundsätzlichen Unterschied zu der Politik der vorausgegangenen Regierung ausweisen. , , , . \ Die neue Regierung werde alles daransetzen, um die Reparätionsfrage einer endgültigen Lösung zuznführen und mit den Regierungen der Entente am Verhandlungstisch zusammenzukommen, wo Deutschland alS gleichberechtigte Macht seinen Platz finden solle. Der Weg Sesterreichs. B e r l i n, 12. Dezember. (Spezialdienst der „Wiener Morgenzeitung".) Der Pressedienst der Zentrumspartei sagt in einem Artikel, „Der Ernst der deutschen Finanzlage", durch das Abstoppen der Notenpresse seien die Reichsfinanzen in eine geradezu furchtbare Lage gekommen. Das Reich versuche, seine Bedürfnisse Dadurch etwas zu befriedigen, daß es noch im Monat Dezember auf Goldwert ausgewertete Steuern einbringen wolle, wodurch aber das Reich aus dem gegenwärtigen Finanzelennicht herausgebracht werden könne. Es blebe rüchs "brig, als sich um Hilfe von außen her zu bemühen. Die ReichSregierung werde sich darüber klar werden müssen, in welcher Form sie offiziell die Hilfe des Auslandes anrusen solle. Nach den Erfahrungen, die bisher mit solchen Anträgen beim Völkerbund oder bei der Botschafterkonferenz gemacht wurde, bestehe nicht viel Neigung, diesen Weg zu beschreiten. So sei es erklärlich, daß eine starke Strömung für einen Appell an den Völkerbund sich geltend, mache, also für, den gleichen Weg, de» Oesterreich gegangen ist. Eine solche Nutzere Hilfe würde allerdings nicht ohne sehr erhebliche Einschränkung der deutschen Souveränität gerade ans ff nanziellem Gebiet erhältlich sein« Reichskanzler Marx: „Lentfchland ist am Cnde seiner Leistungsfähigkeit". zu ltnt'Crfjort sind' und auf die Hälfte und noch weniger zu Berlin, 12. Dezember. (Spezialdtenst der „Wiener Morgen,zeitnng".) Der Reichskanzler empfing heute die B e r t r e t e r d e r auswärtigen Presse. In einer Ansprache gab er der Hoffnung Ausdruck, daß er, wenn auch die Amts tage eines deutschen Reichskanzlers zurzeit außerordentlich kurz bemessen seien, mit den Vertretern der auswärtigen Presse in reger Verbindung zu bleiben hoffe. > lieber das Verhältnis der Nationen untereinander, besonders in Europa, habe sich durch den Weltkrieg ein vielfach undurchdringlicher Vorhang uiedergeseukt, der sich nur allmählich wieder zu heben beginne. Tie ausländischen Pressevertreter hätten Gelegenheit, zu sehe n. w i e u nmöglich die Lage des deutschen Volkes geworden und wie sie zurzeit die denkbar schlechteste sei. Ich gebe zu, daß bis in die letzten Tage hinein es immer noch Leute gab, die den ganzen Ernst unserer Lage nicht erkannt haben. Ich habe schon als Abgeordne-tcr wiederholt darauf hingewiesen, daß das deutsche Volk damit rechneu muß, daß es den Weltkrieg verloren hat und daß es verpflichtet ist, die Folgen zu tragen. Leider haben weite Kreise des Volkes nicht den notwendigen Ernst an den Tag gelegt, sonst wäre die Opsevfreudigkeit der Deutschen stärker betätigt worden. Wir sind am Ende unserer Leistungsfähigkeit. Die Negierung ist bereit, alle Kräfte der Nation anzuispannen, um zunächst unser Leben zu fristen und dann auch . den übernommenen Verpflichtungen an das Ausland nachzukommen. Wir worden unser Budget in Ord- 'nung zu bringen versuchen, die Einnahmen erhöhen und die Ausgaben beschneiden. Wir haben an die Opsevfreudigkeit der Beamten und Angestellten weitgehende Anforderungen gestellt. Morgen sollen große Demonstrationen der Beamten stattfinden. Selbst die d e u t s ch e n R i ch t e r, bei denen es als ein Ehrenpuukt galt/nie in Lohnbewegungen einzutreten, wollen jetzt diese Tradition hintansetzen, um knndzutnn, daß es nicht mehr möglich sei, auszuko m m e ii, und die Reichsregiernng ist so grausam, in AnsXlssung an den Goldwert Gehälter ststzusitzen, die geraderückgehen. -ivas einzelne Beamtenkategoneu vor dem Kriege bezogen haben. Aus diesem Gebiete wollen wirfortsahren und kraft des Ermächtigungsgesetzes durch Verordnung in die einzelnen Rechtsgebiele eingreifen. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Nation ist durch S t e u e nt aus das äußerste angespannt. Wir werden auch versuchen, Anleihen aus dem Auslande zn erhalten, denn wir, die wir als Abgeordnete schon solange im öffentlichen Leben stehen, sind von. der Ueberizengung durchdrungen, daß wir mit Steuern und durch Beschränkung der Ausgaben allein unsere Lage nicht regeln können. Die Lösung des Problems liegt in der Lösung der Reparationsfrage. Wir stehen tatsächlich in der Hand der alliierten 2. aalen Wenn wir auch alles davansetzen wollten, so sind wir doch zn schwach geworden, unsere Verpflichtungen zu erfüllen. Mein persönliches Ziel und mein Ideal, das ich seit langen Jahren verfolge, ist, e i n e G e m e i n s ch a s t der V ö l k e r herbeizusühren, wie sie ' dem Ideale echter Menschenliebe entspricht. Ich will den Völke.rbund haben, aber int schönsten Sinne dieses Wortes, diesen Begriff, den ich im letzten Jahre des Krieges mit aller Wärme meines rheinischen Herzens ausgenommen habe. Von diesem Ideale, sind wir noch weit entfernt, aber das Ziel jedes Mannes des öffentlichen Lebens sollte der Völkerbund sein, wie er mir als ein wirklicher Hort des Rechtes nnd des Friedens erscheint, wo alle gleichberechtigt sind. Das ist das Strebett, nach drin ich auch meine Negierung einzurichten gedenke. Als Jurist brauche ich nicht e.vst zu sagen, baß ich mich von Recht und Gerechtigkeit werde leiten lassen. Wir Rheinländer sind vielleicht wegen unserer liebenswürdigen Treuherzigkeit in der Wclj beliebter als andere deutsche Staatsangehörige. Ich sehe aus ciiv 25jährige politische Tätigkeit zurück. Ich mache keinen Anspruch darauf, ein Diplomat zn sein, aber an dem Gedanken des Rechtesnnd de.r Gerechtigkeit will ich festhalten, solange mich Gott au dieser Stelle läßt. erwiesen und er wird, weint er angernfen ivird, auch die putsche Frage prüfen mim-n. Freilich wird dies, wie der Reichskanzler in trüben Gedanken anssprach, nicht ohne erhebliche Einschränkungen der deutschen Souveränität auf finanziellem Gebiet — uitft a&ä ifr heute idiurSüb mit dem Politischen — abgehen. Deutschland ist.auf dein österreichischen Weg und der führt znm Generalkoinmiffär. Zögert Deutschland noch lange, so gerät cs aus den russischen Weg.