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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-30 · Heft 1722 (30.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1722 (30.11.1923)
Date
1923-11-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ElBzeTmnmnerKIOOQ Wien! Zum Abholen in der Expedition, II.,Tabor 8tr. 1-3, oder meiner Verschleisstelle § Trafik) monatl. K 28.000 trassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I.Bez., Wollzeile 11. Mit Poatveraand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tachecho-Slowakei: Mon, K 17. lusroslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. 08t.K 22.000. Deutsch!.: Mon. ost.K 28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 WM' N aeh cat) 1 u n gen *MI iei PreiaerliShunjren Vorbehalten M 1722 / k ♦ Men, Freitag, 30. November 1923 Tscheche-SlowaK«! i lichtch, K 1.» Italien: Monatl. 10 Lire R u m a n i e n Mon. 90 Lei Bulgarien Mon. 75 Lewa, S c fi w e i z und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, n„Tabon'trasgel*'--9 Telephone: 44-0-38.43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-283 Tel- Adr.: „Morgenzeitnng*1 Wien Oesterr eichischeaPostspar^ kassen- Konto Nr. 150.693 5. Mrmng Kein Kompromiß! —V. Wien, 30. November. An der Wiener Universität nistet sich also ein Nadanrecht ein. Gestern mußte die Airstalt wieder geschlossen werden, weil eine Anzahl Bodenkulturhörer, Jünglinge vom flachen Land, den Auftrag erfüllten, sich und das deutsche Volk für beleidigt und gefährdet zu erklären und dem Schmerzgefühl durch Prügeleien und Krawalle Ausdruck verliehen. Diesen Ausdruck bekamen natürlich in erster Linie und ausnahmslos die jüdischen Studenten zu verspüren, denen übrigens ein vor dem Eintrittstor angebrachtes Plakat in weithin sichtbarer Schrift eine Warnung zuteil hatte werden lassen. Da aber diese jüdischen Studenten unbedingt studieren wollen, so mußten sie von der organisierten Sturmabteilung im Zeichen des Hakenkreuzes mit Stock und Knüttel von ihrer Absicht abgebracht werden. Unten aus der Straße stand die Wache und sah zu. Das ist das typische Bild dieser österreichischen Republik von heute, die bekanntlich in der Sanierung sich befindet und, wie man gelegentlich aus Pariser Blättern erfahren kann, allen, anderen Staaten ein Vorbild ruhiger, geordneter Entwicklung bietet. Wer hier lebt, weiß ja ein anderes Lied davon zu singen. Er könnte sagen und dies sogar beweisen, daß die Konsolidierung Oesterreichs, die von der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung auf das lebhafteste gewünscht wird, von einer kleinen, aber brutalen, an preußischem und magyarischem Reglement geschulten MiMrheit verhindert wird, die sich verschiedener Mittel bedient, auf verschiedenen Gebieten operiert, aber jedesmal ihr Ziel fest vor Augen hat. Es ist dies eine vom Ausland dirigiertepolitische Gruppe, deren Programm die stete Beunruhiguna der Oeffentlichkeit und die PxovoziemW eamer Störungen ist. Gerade jetzt kann mau diese z wieder in schönster Blüte sehen, und man kann zugleich beobachten, wie die österreichische Regierung ihr Amt auffaßt, dieselbe Regierung, die in Genf alles, was gut und schön ist, unterschrieben hat, um nur einen Vertrauensvorschuß vom Ausland zu erhalten. Die Regierung ist ein Ausschuß der Koalition. Sie besteht aus Ehvfftlichsozialen und Großdeuffchen. Da sie nun schwierige Situationen sieht, entscheidet sie sich für das Zuwarten. Die Elektroindustrie droht an dem Zwiespalt zwischen Arbeitern und Scharfmachern zum Stillstand zu kommen, dre Regierung wartet ab, bis ein Ultimatum auf dem Tisch liegt und die Situation biZ zum Generalstreik angespannt ist. An , den Hochschulen herrscht der schäbigste Terrorismus, geschürt von: durchgefal'lenen WahlkarÄ>idaten und von stltterneidischen Professoren, Die Regierung, beherrscht von Frank, tut nicht den Mund auf, und sieht dem Gehudel seelenru'hig zu. Hat diese Regierung, die gar so; stolz auf ihre moralische Autorität ist und sich von Hinz und Kunz ihre Errungenschaften der Ordnung bestätigen läßt, gar kein Verständnis dafür, daß dieser Staat seine Würde zu verlieren hat? Weshalb zum Teufel unterstützt sie nicht den Rektor, der mit dem Unwesen austänmen will und durch die Untätigkeit der für den Staat verantwortlichen Stellen in die Gefahr der Lächerlichkeit gerät! Welchen Grund gibt es, der Polizei den Auftrag nicht zu erteilen, die Buden der Sturmtrupps auszuheben und an den Hochschulen Ordnung zu schaffen? Will die Regierung wirklich den Schutz der Lehr- und Lernfreiheit den Arbeiterwehren übergeben? Welcher Skandal wäre es doch, wenn die hiezu nicht berufenen Mannschaften des republikanischen Schutzbundes die Hochschule unter ihre Protektion nähmen! Es heißt, daß die studentischen Hakenkrmzler durch ihre Prügeleien gegen die Verzögerung ihrer Forderung nach Einführung der Beschräntungsziffer für Juden protestieren wollen. Es soll eine Situation geschaffen werden, die den Numerus clausus als einzigen Ausweg erscheinen ließe. Davon kann unter gar -keinen Umständen die Rede sein. - Die Hochschule wird aus öffentlichen Mitteln erhalten, die -Professoren aus Steuergeldern besoldet (zwar schlecht, wie sich dies-für den Kulturstaat ziemt, aber das haben die--jüdischen Studenten nicht verschuldet)^ und die Lehrbehelfe von der gesamten Bevölkerung bezahlt. Die- Achen muffen das ihre in sehr hoch bemessenem Ausmaß, zur Erhaltung des Staates und seiner Institutionen, leisten. Sie haben Pflichten. Also hat dev Staat die Pflicht, ihre Söhne vor Belästigungen zu schützen. In'seinem ureigensten Interesse. Es. gibt kein Kompromiß mit dem Faustrecht. An Kabinett der Mitte. Set ZentrumMrer Marx mit der Bildung der Regierung beauftragt. — Aussicht-volle Verhandlungen. — Wahrscheinlich indirekte Mitarbeit der Sozialdemokraten. Berlin, 29. November. (Eigenbericht der „Wiener Morgengeitung".) Nach dem Scheitern der Mission S t e g e r w a l d s hat Reichspräsident E b e r t den ganzen Vormittag über mit den verschiedensten Fraktionsführern über die innenpolitische Situation konferiert. Viel bemerkt wurden die Beratungen, die Eberl mit den sozialdemokratischen Führern wiederholt hatte, und'die, wie man sagt, sich darauf bezogen, die Haltung der Sozialdemokraten zu den verschiedensten Kabinettskombinationen zu klare». In de» Mittagsstunden wurde sodann der Zentrumsführer Marx zum Reichspräsidenten berufen, der ihm die Kabine tt-sbildung übertrug. Nach einer genauen Durchsprechung der gesamten Situation hat Marx den Auftrag äugenowmen. Er erschien gleich darauf nm Parlament, wo er sofort die Verhandlungen zur Fertigstellung seines Kabinetts aufuahm. Er hofft, bis morgen mittags dem Reichspräsidenten die fertige Kabinettsliste vorlegen zu können. Rach seinen bisherige» Verhandlungen nimmt man an, daß Marx sein Kabinett ans Mtgliievern-pv^AMttelParteien rBÄätr- Ärd, wobei Dr?Mr'e^M'anpl'M minister, Dr. Brauns als ÄkheitSm inist er und H o e f l e r als P o st mi n i st e r genannt werde». Bei der Bildung -er Regierung spielt die Stellungnahme der Sozialdemokraten eine große Rolle, doch scheint es, daß diese aus Grund der mit Ebert gehabten Rücksprache sich UM so wenig« zu einer Opposition gegen Marx entschließen werden, als es gerade Marx und der von ihm geleitete Zentrnmsflügel war, der sich der deutschvölkischen Förderung nach Auflösung der großen Koalition in Preußen wi der setzte und so den Fortbestand der preußischen Regierung ermöglicht hat. Biel beachtet wird daher -le heutige Stellungnahme des „Vorwärts" zur Regierungskrise. Das sozialdemokratische Organ schreibt: Nachdem -er Versuch S t e g e r w a l d s, eine Regierung mit Unterstützung der Rechten zu bilden, gescheitert ist, bleibt, wenn das Reich nicht der Anarchie überlassen werden soll, nur die Bildung einer Regierung Übrig, die von der Sozialdemokratie unterstützt oder geduldet wird. Ob sie au dieser Regierung direkt beteiligt sein soll oder nicht, ist aber eine Frag« zweiter Ordrmng. Brot eine 8i0hm! Berlin, 29. November. Der Preis für einen Laib Roggenbrot beträgt ab 1. Dezember 840 Millarden und für Weißes Brot eine Billion. Steigerung der Arbeitslosigkeit. Berlin, 29. November. Gegenwärtig beträgt di« Zahl der Arbeitslosen, iw unbesetzten D eutschland 1.260.000 gegenüber 943.000 am 4. November d. I., die Zahl der unterstützten Kurzarbeiter 1,772.000 gegenüber 1,703.000. Die Zahl der Arbeitslosen im b e s e tz t e n G b i e t wird weiterhin auf wehr als zwei Million h>tt geschätzt. Wert au» der Sattiergewerkschast ausseschlossen Berlin, 29. November. Der Vorstand des Sattler- und Tapeziererverbandes hat.den Reichspräsidenten Ebert, wie früher schon einmal aus der Organisation au S ges chbo ssen, und.zwar auf-Grund-einer-Satznngsbestimmung, nach der der; Ausschluß eines Mitgliedes erfolgen kann, wenn es sich Hand- Innigen zuschulden kommen,, läßt, die den Interessen «des Verbandes entgegenwirken. Der „Vorwärts", der den Beschluß kurzsichtig und kleinlich nennt, meint, es handle sich weniger um ein« gewerkschaftliche als mit ein p o li tisch c-, Ma jj*, nah M e, die praktisch bel-anglos sei, um jo mehr aber eine ' Kränkung darstelle Diese Erklärung hat den designierte» Reichskanzler Marx zu Verhandlungen mit den Sozialdemokraten Wegen einer wohlwollenden Neutralität gegenüber der neuen Regierung veranlaßt. Wie verlautet, haben diese ihre endgültige Entscheidung von der Zusammensetzung der Regierung abhängig gemacht. Sie wollen jut die'«nt Zwecke morgen mittags zu einer Fraktionssitzung zusammentrrten. Im allgemeinen wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß man die Kombination Marx als geglückt ausehen darf. Damit wäre dann die Regierungskrise nach fünftägiger Dauer endlich beseitigt. Berlin, 29. November. Dr. Marx plant, wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, sowohl nach rechts wie nach links Anschluß ZU finden. Vorläufig hört man, daß er an den Abgeordneten Dr. Schiele wegen Uebernahme des ReichsernäbrungsmLnisterinms herangetreten isL Die ' deutschnationale Fraktion Ivich M J&e$«6^ getteiöt ist, dqza WMKsiWüWD gefrei ’ fdlC Mähe" mit Dr. Kardorff besetzt wiffen wollen. Im Fälle einer Weigerung Kardorffs soll der Demokrat Doktor Koch für das Innenministerium in Betracht kommen. Zum Staatssekretär der Reichsbank ist von Marx Doktor H amm, der frühcre bayrische Handesminister, ausersehen. Diese Wahl soll dazu dienen, die Aussöhnung des Reiches mit Bayern zu beschleunigen. Fortbestand der großen Koalition in Preuße« Berlin, 29. November. Die Bemühungen der Deutschnationalen in Preußen, die Bildung eines bürgerlichen Blocks herbeizuführen, sind gescheitert. Nachdem bereits gestern die Demokraten sich für die Beibehaltung der großen Koalition in Preußen ausgesprochen hatten, hat heute die Zentrumsfraktion des preußischen Landtages den Beschluß gefaßt, es sei ein sachlicher Grund nicht gegeben, in der preußischen Regierung jetzt eine Aenderung eintreten zu lasieu. Die Fraktion der deutschen Dolkspartei hat einen ähnlichen Standpunkt eingenommen. Damit ist die Vorbedingung der Deutschnationalen zu chrer Beteiligung an der ReichSregiermrg abgelehnt. Beratungen der Batfchastrrkonferenr. Paris, 29. Novem^ber. (Tel. d. „Wiener Movgenzeitu.ng*.) Die Botischafterkonfereuz befchästigte sich - heute mit vorn Zwischenfall in Leipzig, bei dem ein belgischer und ein französischer-Adjutant der Konttollkomrniffion durch Angehörige der -Reichswehr belästigt wurden. Ein -Beschluß wurde nicht gefaßt. Die Beratungen werden morgen fortgesetzt werden. Poimare wünscht ein endMtiges Abkommen mit kngland. weil er durch die spanisch-italienische Freundschaft den Mittel» '' ' meerbcsitzstand gefährdet sieht. London, 29. November. (Tel. d. „Wiener Morgen, zeitnng".) Der diplomatische Korespondent der ,/Daily Mail" schreibt, daß Poincare die ALsicht ha'be, mit England ein neues endgültiges Abkowmen zu treffen. Er habe nochmals erklärt,-daß Frankreich-'sich bei seiner Mion gegen Deutschland' n i ch-t von seinem 'Bern ichtungSw >i l-le», fpndevn Müglich van dem Wunsche hcke feiten lassen, seine Si che r he i t' g a ra n t'i art zu scheu. Wenn es gelingen sollte, ein E-i n v e r ne h m e >n mit England zustande' zu bringen, dann sei die-freie Durchfahrt aller Schiffedurch das PKttelmeer und durch'-das Rote Meer gesichert, und Englmrd werde gegen deutsche!ÜuftLngri-sise geschützt sein. Ein Abkommen Kvischen Fmn-kreich, -das sich im -Besitze, der Nordküste AsrWs, der Levante und Syriens befinde, und England, das Hepr über Gibraltar, Masta und Zypern ist, würde der Entente volle Herricbast über das Mttetmeer gestabten-

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