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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-28 · Heft 1720 (28.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1720 (28.11.1923)
Date
1923-11-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sie Krise.in der MetsAmduAie. — Ultimatum der Ansestellten und Arbeiter bis Freitag. — Sie Regierung vermittelt noch immer nicht. Im Laufe des gestrigen Tages ist in dem Lohnkampf zwischen den Metallinduftriellen und den Arbeitern sowie den Jndustrieangestellten eine leichte Annäherung zu verzeichnen, doch darf d'e Lage trotzdem noch nicht o P t i m i st i f^ch beurteilt werden, da der entscheidende Tag der Freitag ist. Die Situation ist noch immer als außerordentlich kritisch zu bezeichnen, und wenn die Industriellen das an sie gerichtete Ultimatum der Arbeiter ablshnen sollten, so ist der Ausbruch des Streiks unvermeidlich. Es bestcht überdies die Gefahr, daß der Streik nicht bloß auf die Metallindustrie beschränkt bleibt, sondern sich zu einem Generalstreik auswäckst, von welchem unter Umständen der g a n z e Bundesstaat erfaßt werden kann. Die Vertreter der Industrieangestellten und der Metallarbe'ter haben gestern an den Fnduftriellenvorband Briefe gerichtet, die eine wesentliche Reduktion der Forderungen beinhalten. Die Jndustr'eangestellten schlagen den Industriellen eine generelleEr Höhung der Bezüge um durchschnittlich 16 Prozent vor. Dies bedeutet ziffernmäßig ein Zuoest 8 ndnis. Der Jndustriellenverband seinerseits erklärt, daß er auf die individuellen Erhöhungen keinen Einfluß nehmen würde. Trotzdem bedeutet das Beharren auf einer generellen Erhöhung der Bezüge einrschwer Wiegende' Differenz in den be'den Standpunkten. Die Unternehmer wollen von einer solchen Erhöhung der Bezüge überhaupt nichts wissen, sondern die Bezüge ausschließlich nach dem Leistungsprinzip erhöhen. Die Vertrauensmänner der Metallarbeiter hielten gestern nachmittags im Favoritener Arbeiterbeim eme Versammlung ab. an der auch Vertreter der Angestellten teilnahmen. Mit überwiegender Mehrheit wurde eine Resolution mit den reduzierten Forderungen der Arbeiterschaft angenommen. D'e Arbeiter fordern eine Erhöhung der Löhne um fünf Prozent. Dreier Beschluß würde dem Jndustriellenverband mitaeteilt und bis Freitag befristet. Dieses Ultimatum enthält folgende Forderungen: Mindeftstundenlöhne von 70, 80 und 00 Kronen, der bis jetzt in Kraft gwesene Multiplikator wird von 4 5 auf 50 erhöht. Zu diesen Stundenlöhnen tr'tt noch eine Zulage von 2500 Kronen, die nicht mehr an eine Altersgrenze gebunden ist. Das Lohnkomitee des Industriellenverbandes hielt gestern abends eine Sitzung ab, in der es sich mit dem Brief der Angestellten be'atzte und Vorschläge für die heutige Vollversammlung des Fndustriellenverbandes ausarbeitete. In der heutigen Sitzung wird der Arbeitgeberverband entscheidende Stellung zu den Forderungen der Angestellten und der Arbeiter nehmen. In den Streik werden vorläufig die Wiener Industriebetriebe, die lebenswichtigen mit einbegriffen, einbezogen. wenn eine Vor'chärkunq eintreten sollte, dann greift er auch auf die Bundesländer über. Auch die Jndustrieangestellten haben ein bis Freitag befristetes Ultimatum gestellt. Falls diese Forderungen nicht erfüllt werden, bricht am 1. Dezember der Streik aus. Bon der Streikparole nicht ausgenommen sind diesmal die lebenswichtigen Betriebe. Vorläufig soll der Streik nur auf die Wiener Betriebe ausgedehnt werden. Wie wir erfahren, ist die Regierung nicht abgeneigt, in den Streit zwischen den Industriellen und den Arbe'tern sowie der Angestellten vermittelnd einzugreisen, um einen Generalstreik zu verhindern. Bisher bot sich angeblich keine Gelegenheit für d'e Regierung, da keine der beiden Streitparteien sich an sie wegen einer Verm'ttlvng wendete. Wir haben bereits gestern auf das merkwürdige Verhalten der Regie-ung hmgewiesen und finden durch diese Nachricht unsere Meinung nur bestätigt. Die Regierung, in?be'ondere Herr Bunbesminister Sornitz, hatte die Psl'cht gehabt, schon bei Beginn des Streites, auch ohne dast eine der beiden Parteien ihn auskrLckl'ch darum ersuchte, vermittelnd einzugreifen, und vielleicht wäre es seiner Interventen gelungen, den groben Lohnkampf im Eiitstehungsstadium zu beenden. Nun ist die Situation so zugespitzt, daß unter Umständen auch das Eingreifen der Regierung nichts mehr Hellen kann. Man Hai ruhig zugesehen, wie die Gegensätze bis auf die äußerste Spitze getrieben wurden, b's zu einem Punkt, wo es fast kein Einlenken mehr gibt. Man kann der Regierung den Vorwurf nicht ersparen, daß sie diesen noch lauge nicht sanierten Staat durch ihre scklappe Haltung in die allerschwerste sor'ale und wirtschaftliche Krise gestürzt bat. Sie verhält sich in dieser Frage wie in allen anderen Angelegenheiten, die eine ottene Stellungnahnie verlangen, zögernd und abwartend. Man bat dies eben erst an der Universität gesehen. Es besteht das Prinzip, alle schwereren Entschlüsse von sich abzuwälzen. Dadurch entliehen so gefährliche Sitnationen wie jetzt in der Industrie, und wenn der Stadt Men, ihren Betrieben und Haushaltungen am Samstag der elektrische Strom entzogen wird, so geht das dann drohende Unheil einzig und allein zu Lasten dieser Negierung und ihrer Koalition. Ar. SesöeS sagt feine Intervention z». Die Abgeordneten Domes und Wieden Hofer erschienen gestern abends nach Beendigung der Konferenz der Obmänner der Betriebsräte der Wiener Metallindustrie beim Bundeskanzler und übrrbrachten ihm die bei dieser Konferenz gefaßten Beschlüsse. In Anbetracht des Ernstes, den der Lohnkonflikt zwischen dem Wiener Industriellenverband einerseits, den Organisationen der Metallarbeiter und Industrieangestellten andererseits angenommen bat. sicherte d er B u n d e8 ka n zle r z u, daß er in Verbindung mit d e n r e s s o rtmäßiaeu Ministern sich unverzüglich an die beiden streitenden Varte'ren wenden werde, um auf einen A u§- e f eirh binrnwirken. Diktatur oder Demokratie. —y. Wien, 28. November. Der ehemalige Reichsschatzminister Dr. Albert hat dm Reichspräsidenten Ebert gestern mittags den Auftrag zur Kabinettsbildung zurückgegeben. Zugleich mit ihm ist auch die Kombination Jarres abgetan. Die bürgerlichen Parteien halten ununterbrochen Konferenzen ab, ein? Vereinbarung über die Regierungsbildung konnte bisher jedoch nicht erzielt werden. Gegenwärtig steht der Name des Zentrumsabgeordneten Stegerwaid in Diskussion, der sich den Deutschnati-onalen nähert. Doch käme eine Betrauung dieses Mannes nur dann in Betracht, wenn die Deutschnationalen. in die Arbeitsgemeinschaft eintreten. Dies würde voraussetzen, daß sie gewisse außenpolitische Verpflichtungen übernehmen, so vor allem ihoe Haltung zum Versaille.r Vertrag ändern. Bisher ist diese Partei nicht dafiir zu haben gewesen, den Friedensvertrag als eine für die Politik Deutschlands bestimmende Tatsache anzuerkennen und damit auch die dort ausgesprochene Schuld' Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges zu akzeptieren. Aus ihrer Ablehnung des Vertrages leitete sie ihre ganze politische Einstellung ab, in der sie bis zur offenen Ankündigung des Revanchekrieges gelangte. Das war freilich nur zu propagandistischen Zwecken gepredigt worden. Die Partei ist nicht gar so kriegerisch, weil ihr vor den stärkeren Bataillonen Poincares graut. Sie ist es nach innen. Aus diesem Gebiet ist sie vollständig gegenrevolutionär. monarchistisch, antidemokratisch und besorgt natürlich die parlamentarische Rückendeckung für die Hitlerschen Judenmovdideen. . In den letzten Tagen haben nun die Deutschnationa^n bemerkenswerte Anzeichen einer realpolitischen Anffgssu.ng. des Verhältnisses zu Frankreich erkennen lassen. . Sie Haben durch den Abgeordneten Hergt erklären lassen, daß sie sich' mit dem Versailler Vertrag absinden würden. Ob sie sich dieser Anwandlung von Vernunft im Hinblick auf die Ministerfauteuils Hingaben, mag dahingestellt bleiben. Wahrscheinlicher ist. daß sie den Echec cskomptierten. den ihr Herr und Meister Stinncs bei den Verhandlungen über die Kohlenliesernngen erlitten hat. Wenn dieser Patewpatrini so demütigende Bedingungen aus sich nehmen muß so können sich auch die Hergt und Westarp aus den Baden der Tatsachen stellen und vor dem Sieger, der das Pfand in der Hand hält ihren Kotau machen. Außer dieser Verpflichtung hätten jedech die Deutschnationalen noch zwei andere Bedingungen zu unterschre'ben, an deren Textierung Zentrum und Demokraten noch arbeiten. Die eine fordert die Anerkennung der Weimarer Verfassung als das Grundgesetz der deutschen Republik, die zweite verlangt eine auf die Erbaltuna des Rhein- und Ruhrgebietes gerichtete Politik. Das sind Forderungen, die miteinander in direkter Verbindung stehen. Nur das offene, aber auch werktätige Bekenntnis zur republikanischen Staatsform vermag heute d'e Einheitlichkeit des Politiken Willens in Deutschland berzustellen, und nur diese Einheitlichkeit, die nur aus dem Boden der Deniokratie möglich ist. kann zu einer Erfassung der außenpolitischen Möglichkeiten führen, die sich heute, wenngleich sehr schwach, in Amerika zu öffnen scheinen. Die Vereinigten Staaten wollen Vertrauen zu Deutschland fassen. Dies wäre unmöglich, wenn der innere Krieg fortdanert und wenn er soaar durch die rechtsreakiionäve Diktatur, den Herzenswunsch Er Chauvinisten, Antisemiten und Wucherer, zur Hellen Flamme cm* gefacht wird. Die Weimarer Verfassung war bisher der ergiebigste Schmutzgutzll für die Mordpropaaanda die von den Deutsch nationalen und von der von Stinnes gekauften Presse betrieben wurde. Die Annahme dieser Bedingung der Arbeitsgemeinschaft wäre demnach eine öffentlich begangene Lüge. Kommen die Deutschnationalen ans diesem Wege in die Regierung und zur Macht, dann wird die Stellung Deutschlands sich sicherlich nicht bessern. Das Wort Wirths am Sarge Rathenans: „Der Feind steht rechts!" ist in seiner Wahrheit gerade in frr lebten Zeit bewiesen )vorden. Aber es wäre nicht das letzte Mal, daß die Hoffnung auf die Macht moralische Bedenken in den Hintergrund rückt. _ ' ■ . Kein mtße«varla»entsrM5 Kabinett! Versuche zur Bildung eines Bürgerblocks. Berlin, 27. November. Die bisher völlig unklare Situation hinsichllich der Regierungsbildung ist setzt insoferne geklärt, als es festst eh!, daß ein an ß e n p a rl a m e n t a r isches Kabinett derzeit keine Aus sich len Hai. Oer houtiae Tag war gänzlich von den Bemühungen der bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der Deinokraieu ausgefüllt, einen Biirgerblock zu bilden, der wenigstens mit der wohlwollenden Neutralität der Demokraten rechnen kann. Der Anstoß zu dieser Wendung ist, wie verlautet, von der bayrischen Volkspartei .ausgcgangen. ’ ■ Hierüber bringt ein Abenblatl die Meldung, daß der Vorsitzende der bayrischen Bolkspartci Domkapitular Leicht für den Reichskanzlerposten genannt werde, damit ans diese Weise die b ay r isch e F r age am schnellsten und gründlichsten gelöst werde. . _ Nach Anschauung des „Lokalanzeiger" liegt gegenwärtig der Schwerpunkt der Beratungen beim Zentrum. Tie „Germania" berichtet, daß das Zeurru-m eurer Zusammenarbeit mit den Deun'chvölkiicheu nur daun zn- ■■■■iiiiiiiii mm» in 'timmen könnte, wenn diese die Bereitwilligkeit aussprechen, eine allgemeine Politik rm Rahmen des Stresemannschen Programms weüerzimihren und ein klares Bekenntnis zur Republik ablegen. MMt vrr aMmkmiisch-MWen Konqrefles gegen die antisemitischen Exzesse in Deutschland. New-Rork, 26. November. (Tel. der „Wiener MorgenHeitnng".) Dr S. W i s e hat im Aufträge des Bureaus des jüdisch-amerikanischen Kongresses bei der amerikanischen Regierung gegen die a n t i j ü d i s ch e n Exzesse i n Deutschland Protest eingelegt. Das amerikanische Staatsdepartement hat dem Kongreßbureau sein Mitgefühl über die traurige Lage der Juden in Preußen und Bayern übermittelt

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