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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-27 · Heft 1719 (27.11.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1719 (27.11.1923)
Date
1923-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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November 1923 5. ftnfirgattß Die Wiener UuiverfitSt. —y. W i c n, 27. November. Heute soll die Wiener Universität wieder geöffnet werden. Regierung und akademische Behörden geben sich der Hoffnung bin, daß der Lehrbetrieb nunmehr wenigstens für eine gewisse Spanne Zeit vor stürmischen Unterbrechungen sicher sei und daß somit Raum für Berhand- > langen gewonnen werden könne. Es ist noch abzuwarten, ob sich diese Hoffnungen erfüllen werden und ob nicht die Politisierung des Hochschulwesens allen Versuchen spottet, einen halbwegs erträglichen Zustand zu schaffen. In den Beratungen, die der akademische Senat Sonntag gepflogen bat, mußte naturgemäß diese Befürchtung zum Ausdruck kommen. Eine Kundmachung, die gestern publiziert wurde, unternimmt es, die Streiffrage auf das volitische Gebiet zu verweisen, das sie nie hätte Verlusten sollen, und erklärt einzig und allein das österreichische Unterrichtsministerium als Teil der Regierung für zuständig, ein neues Studentenrecht in einer Rahmenverordnung abzustecken. Dieses Recht, das die Teilnahme der Gesamtheit der akademischen Bürger am Ausbau der Hochschnlorganisation regeln soll, ist, wie man billigerweise zugeben muß, ein Bedürfnis geworden. In einer Republik, in der das Gedeihen des Staates der freudigen und gewissenhaften Mitarbeit aller Bürger anvertraut ist. kann das Hochschulwesen nicht für die Dauer auf den Glauben an die Allweisheit der Obrigkeit angewiesen bleiben. Die Jugend, die au den Universitäten für die Berufe zur geistigen und kulturellen Führung der Bevölkerung vorbereitet wird, soll dort auch verantwortliches Verwalten lernen. Sie soll ihr Recht erhalten. Aber in dem Worte Recht ist zugleich ausge-sprochen, daß es sich nur um gleiches Recht und um gleiche Pflicht handeln kann. An der Stätte der Lehre dürfte es, sollte man glauben, keine andere Anschauung geben. Aber die Erfahrungen aus fast einem vollen Halbjahrhundert beweisen, daß dem nicht so ist und daß die national-chaiwinistische Politik ununterbrochen daran arbeitet, sich die Hochschulen anzneignen, und daß es ihr gelungen ist, einen Teil der Jugend mit ihren kultnr- und gesellschaftsfei üblichen Ideen zu erfüllen, die dann eben mit dem Ungestüm der Jugend in die Tat mngesetzt werden sollen. Auf diese Weise ist das Hochschulwesen immer wieder in veinliche Di^kiffsion gez-gen worden und es konnte nicht ausöb'ihen, daß sich die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit in immer steigendem Grade auf diese Seite des deutschest:rreicmschen Kulturlebens richtete. In den Zeiten der Monarchie konnte die nar dualistisch orientierte Studentenschaj. 'hr überschüssiges 2 emsnrament gegen alle nicht deutschen, ja auch gegen die wcht nationalistisch gerichteten Verbund' entladen. Es gab fast Jahr für Jahr antislaw s.che, antijüdische und antikatholische Krawalle. Seit dem Sturz der Monarchie sind nur mehr die Juden als Minorität zurückgeblieben, und gl gen sie gebt eine Provagandg, die aber nicht mehr, wie früher, ibre Wurzeln aus dem Hochschulbetrieb. sondern aus dem Giftsumpf der Rachevolitik der Nachkriegszeit zieht und darum eine sehr ernste Gefahr für die österreichische Republik geworden ist. Die Vorgänge an den Hochschulen sind ein Teil des großen, gegen das g'jmnre Jud'mnm entbrannten Kampfes. Sie kommen ans der gle'chen Fabrik, in der die Giftstoffe zur Verhetzung der Menschheit und zur Verhinderung einer Heilung der Kriegswunden erzeugt werden, und es ist kein Zufall, daß die Führer der cmtijüdischen Fehde zugleich auch die Schieber in der neuen Kriegshetze gegen Frieden. Freiheit und soziale Entwicklung sind. Diese Identität zeigt sich auch in den Hochschulexzesien, und sie ist es, die dem nüchternen Urteil der ausländischen Beobachter am meisten auffällt. Die New-Sjorker politische Revue „The Nation", die sich in ihrer jetzt in Europa aufliegenden Ausgabe vom 14. d. mit der Numerus clausus-Fvage beschäftigt, weist sehr energisch auf den Zusammenhang zwischen diesem ordinären Antisemitismus und der nationalistischen Reaktion hin und leitet daraus die Aufforderung an die amerikanisch« Oeffentlichkeit ab. diese Hochschulen, di« Brutstätten des schlimmsten Chauvinismus, nicht noch durch Geldmittel zu stärken. Es ist gut, daß das Publi-. knm aller Staaten in so offenherziger ' und rückhaltloser Weise über das Wesen der akademischen Brunnenvergiftung unterrichtet wird und daß es erfährt, wie die Ding« hier eigentlich stehen: Auf der einen Seite der als der vermeintliche oder wirkliche Träger der demokratischen und sozialen Friedensidee verfolgte jüdische Wissenschaftler, auf der anderen Seite der waffmklirrende, zu Rache und Unterdrückung erzogene Völkische, der Landsknecht der Reaktion und des Hasses. , Noch kein Kabinett in Deutschland. Merks Bemühungen. — Re Mritett Mmmuniftea verlegen ihre Leitung ins Amland. Berlin, 26. November. (Tel. der „Wiener Morgen» zeitnng".) Die Bemühungen Dr. Alberts um die Bildung eines Reichskabinetts haken b's letzt noch zu keinem Ergebnis geführt. In Regierungskrei'en hofft man. daß Dr. Altert bis Dienstag abends das Ministerium zustande gebracht haben wird. Wie die Blätter wissen wollen, soll das Ministerium des A e u ß e r n nicht endgültig besetzt, sondern nur kommissarisch verwaltet werden. Der Reickswehrkommandant General Seeckt bat das Reichswehrmmisterium übernommen, was Wohl bei ibm nur eine Formalität bedeutet, da er ohnehin die vollziehende Gewalt ausübt. Ferner soll der Plan bestehen, die wir^cbastlicken M'nstterien znsammenznlegen und in der Hand eines Rerchsministers zu vereinigen. Sollte dieses Kabinett vom Reichstag kein' Vertrauensvotum erhalten, dann wird das Parlament aufgelöst und ein Direktorium der Rechten bestellt werden. Für diesen Fall ist jedoch «leickzeitiq auch mit dem Rücktritt des Reichspräsidenten E b e r t zu rechnen. Die Schwierigkeiten der Kabinettsbildung werden noch dadurch verschärft, daß die Entente volle Sicherheit kür tfi*e Kontrolloffiziere fordert und für den FM van Angriffen auf diese mit der militärischen Besetzung von München und Berlin droht. .‘>C , Üeber Me Haltung der Fraktionen zu einem Gefchäktskabinett Albert verlautet noch nichts endgültiges. Im allgemeinen geht die Stimmung dahin, sich vorläufig einem Kabinett Albert aegeniiber abwartend zu verhalten. Wie die Blätter melden, hat die Zentrale der kommunistischen Partei beschlossen, die Partei trotz des Verbotes wciterbeüehen zu la^en. Alle bisberaen Funktionäre der Partei sind von ihren Posten enthoben. An d'e Stelle der Zentrale tritt ein Direktorium (Barteie^"^'^. das die Leitung der Partei übernimmt und seinen Sitz ins Ausland verlegt. Berlin. 26. November. (Tel. der „Wi-ner Morgenzeitung".) Die innerpolitl'che Lcme ist auch weiterhin überaus verworren. Am treffenden kennzeichnet die gegenwärtige Stimmung, das im Reichstag umlausende Gerücht, das Kabinett Albert werde lediglich d-„ Uebergang zu einem neuen Kabinett Siresemann bilden. Im übrigen wird emem Kabinett Albert recht kur^e Lebensdauer zugemessen, wenn es nicht zu einer Auflösung des Reichstages schreiten würde. Berlin» 26. November. Die Neubildung der R egier u n g stoßt anscheinend mnner mehr auf u n v o r h e rge sehe ne Schwierigkeiten. Die Kandidatur Dakar Alberts hat im allgemeinen eine außerordentliche kühle, wem nicht ablehnende Presse gefunden, und auch die Parteien stehen neuen Bemühungen um di« KabinettsbWung mit größter Zurückhaltung gegenüber. Das Zentrum hat den Wiedereintritt seiner Minister im bisherigen Kabinett, Doktor Brtuns sowie Dr. Höflers, von der ausdrücklichen Zustimmung d:r Fraktion abhängig gemacht, lieber Dr. Beßker verlaudot, daß er sich aus gesundheitlichen Rücksichten sträubt, das Reichswehrnlinisterium weiterhin zu leiten. . ' Die deutsche Volksvartei macht dam Reichspräsidenten den Bovwurf, daß er bisher nicht die logische Krmffquenz aus dem Sturz Streiemanns gezogen und di« Deutschnationalen sowie die Sozialdemokraten zur Kabinettsbildung aufgeisordert habe, „damit sie für den Kanzlersturz di'«mae parlament-arische Verantwortung übernehme, die die Tai allein rechtfertigt". Außerdem tvird der Reichsprästdent von ihr befragt, warum er dem Kanzl'r Dr. Dtresemann die V-ollmacht zur Auflösung des Reichstages verweigert babe. während er sie dom neuen Kanzler kandidaten in Aussicht stellt, ohne daß sich die parlamentarische Konstellation geändert Hab'. Weniger ablehnend . gegenüber Dr. Albert verhält sich die Sozialdemokratie, die scheinbar durch das Versprechen Alberts, den militärischen Ausnahmszustand in -einen zivilen zu verwandeln, gewonnen wurde.- Ein Beweis für -die -ziemlich allgemein angenommene Aussichtslosigkeit der Kandidatur Dr. Alberts ist'die soeben in die Oefsentlichkeit gedrungene Kombination mit dem Zentrumsfüihver Senatspräsidenten Dr. Marx alls Kanzler und Dr. Stresemann als seinen Außenminister. Ae Reichswehr f»"*t Waffen I# Mische» Häusern. Be sin. 26. November. (Tel. der „Wiener Morgen» zeitung"Z Die R e i rh s w eh r hat, wie der „Welt am Mon-- tag" aus C^emnib oemeldet wird, bei einer Anzahl hervorragender jüdischer Personen in Sachsen' Hausdurchsuchungen voraenommen. In der Nacht zum Sonntag wurde die Lesehalle in Chemnitz nach Waffen durchsucht. Gestern vormittags wurde auch ani dem jüdischen Fried- Hofe nach Waffen geforscht, doch wurde nur eine Leiche und deren Totenwache gesunden. RrnerMr Wmrara?n BrrNn. Berlin, 26. November. lWolsi.) Infolge der stets steigenden Lebensmittelpreise ist es auch heute an vielen Stellen Berlins zu Ansammlungen mrd teiltveise auch zu Plündernn» gen gekommen. Auch ein Sckmhwarengckckgft wurde beraubt. Mehrere Täter konnten festaenommen werden. 8um MAaNm Gebuttrta« Wchmamr. —F W i c if. 27. November. Chaim Weizmann wird heute fünfzig Jahr« alt. Die gewaltige Zahl, seiner Freunde und Verehrer wird heute kaum Gelegenheit haben, ihm ihre Wünsche darzubringen, denn Weizmann befindet sich auf hoher See. auf der Reise, nach Amerika, wo er sich rnscbickt, di« schon früher begvnn-enne Kampagne für das valästinensische Aufbauwerk fortzusetzen und den Weckruf an das jüdische Volk in immer weitere Kreise zu tragen. Unendlich groß ist die Schar jener, welche heute Weizmanns in aufrichtigsten Wünschen gedenken. Sie umfaßt' nicht nur die ungezählten Tausende von Zionisten in allen Ländern der bewohnten Erde, ihnen gesellen sich auch immer weitere Kreise jener Inden, welche innerlich zur Sache des jüdischen Palästina stehen, ohne ausdrücklich auf das zionistische' Programm eingefchworen zu sein, zu. Es ist nicht der Präsident der zwnistischen Weltorganisation, welchem heute diese Wün'che gelten, es ist darüber hinaus die repräsentative Persönlichkeit eines neuen verjüngten Judentums, der Mann, dessen Name mit dem eivigen Werk jüdischer Wiederaufrichtung unauflöslich verwoben und schon bei Lebzeiten seines Trägers gewissermaßen ein Stück jüdischer Geschichte geworden ist. Es mag manchen Juden, auch manchen Zionisten geben, der mit Weizmanns Politik nicht restlos einverstanden ist und in manchen Hinsichten sich zu , ihm ün Gegensatz befindet; aber es gibt wohl keinen, der lifff** — Um. äu(u»uMw»& tu UänütMi ' ihm den reichen Zoll der Verehrung zu verweigern, den ihm le'u Wirken für die jüdische Sache errungen hat. Mit Weizmann ist eine neuartige Figur an die Spitze der Zionistischen Weltorganisation getreten. Er besitzt nicht die blendenden Führereigenschaften Theodor Herzls, dessen menschliche Gesamterscheinung ibn zum Fahnenträger des neuerwachien Jubenitelzes prädestinierte, aber er ist der Volliude, welcher, östliches Jndenrnm mit den Errungenschaften westlicher Wissenschaft und Zivilisat'on in seiner Persönlichkeit harmonisch verknüpfen-, gew'isiermaßen als das Vorbild jener jüd'isch-menschbeitlichen Synthese erscheint, die seiner Auffasiung von der zionistischen Aufgabe stets vorgeschwebt hat. Man kann sich nicht vovstellen, daß Chain: Weiznmnn, der Volljnde, jemals, durch äußerliche und innere Erlebnisse veranlaßt, zur zionistischen Sache grstoßen wäre. Ihn: ist Zionismus das Zentrum seines jüdischen Seins, und charakteristisch für ihn bleibt, daß er frübzeit'g die kultnrschöpferische Seite des jüdischen Relraissancewerkes betont und propagiert bat. Diese Ansfassung hat er schon als junger Dozent der Clwmie an der Genfer Hochschule vertreten und'sie war es, Pie ihn in Opposition zu Herzls rein Politischen Zionismus brachte. Charakteristisch für Weizmann ist es, daß er einer der ersten gewesen ist, welche die hebräische Universität in Jerusalem gefordert haben, und gerade diese Propaganda brachte ihn als Proseffor an der Universität Manchester in Berührung mit einflußreichen jüdischen Persönlichkeiten Englands. . Weizmanns Wirksamkeit während des Krieges ist all» aemeüi bekannt und die atübtai Eriwae der zionistisches

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